Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Die Stille nach dem Abschmieren

Im Sommer 1975 reisten wir mit dem Haus der Jugend nach Chalon-sur-Saône, Partnerstadt in Burgund. Wir waren dreißig Jugendliche plus Betreuer und dem Fahrer des Reisebusses. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Karlos,  Pepe, Franky, ein paar Mädels, die meist unter sich blieben, und der kleine Wiegand.

Er war der jüngste von uns allen, gerade vierzehn geworden und Messdiener in seiner Gemeinde. In Frankreich hatte er das erste Mal Sex, wie er später erzählte. Mit der süßen Lucienne. Da wollte er kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is logisch, Volker.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Am dritten Abend waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen. Es hatte tagsüber geregnet, jetzt, bei Sonnenuntergang, war der Himmel trocken, eine heitere Stimmung griff um sich.

Es war wie ein Sommerfest auf dem Land.

Wir saßen unter bunten Lampions an einer langen Tafel in einem Baumhof, umgeben von hohen Hecken, Fackeln brannten. Irgendeine Spezialität der Region wurde aufgefahren, und ausnahmsweise gab es sogar etwas Tafelwein für uns Halbwüchsige. (Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.)

Wir hörten ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine, die den Tisch zum Schweigen brachte. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Es folgte ein langes, ein unendliches langes Wegrutschen der Maschine auf Asphalt. Dann gab es einen dumpfen Aufschlag, danach war Stille. Eine lange Stille.

Die Verlängerung von Stille.

Allen war sofort bewusst, es ist etwas Schlimmes passiert. Es war diese trockene Dringlichkeit, das Schlingern und Rutschen der Maschine, der Aufprall, und diese schlimme Stille.

Stille.

Stille.

Dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße habe ich heute noch im Ohr, ein Sound, der so gar nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte. Und diese abartige Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und über einem drehen sich die Reifen in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh und man hat Angst, man hätte sich etwas gebrochen.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich hatte Angst. Außerdem ging es zu schnell für mich. Ich war überfordert mit der Plötzlichkeit.

Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich brennende Fackeln, die im Garten verteilt waren, und eilten vom Grundstück. Auch unser Gruppenleiter ging nachsehen, was los war, und als er zurückkam, hieß es, alle bleiben, wo sie sind, keiner verlässt den Garten, macht die Musik aus!

Die Musik war schon aus.

Noch bevor die Ambulanz und die Gendarmerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult. Es war genau diese Aufregung, die einige von uns nutzten, um sich unbemerkt durch die Hecke zu zwängen, auf die Landstraße.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, "irgendwas Grünes", der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, erzählte er später, „ich dachte, der erstickt doch!“

„Nicht den Helm anfassen!“ schrie eine Betreuerin, und Franzosen drängten Mitsubishi ab.

Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert. Sie stammten von umliegenden Höfen.

„MAMAAA..!!“
4.10.17 08:21
 



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