Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs

Als zehnjähriger Junge gab es eine Million Dinge, die mich begeisterten. Also ungefähr so viele wie heute. Mit einem Unterschied. Die Dinge waren neu. Es waren eine Million neuer Dinge, die mich faszinierten. Und vielleicht noch drei Jahre Zeit bis zur Pubertät, dem Ender aller Dinge und dem Beginn der kalten Jahreszeit. Aber noch nicht. Noch war ich im Spiel. Noch war ich Kind.

Mich begeisterte zum Beispiel: Auto-Quartett. Auch wenn mir nicht recht einleuchtete, was ein Wankel-Motor in einem sportlichen NSU zu suchen hatte. Flugzeug-Quartett war eine Granate, ich sage nur Messerschmitt. Schiffs-Quartett faszinierte mich wegen den abertausend Bruttoregistertonnen und den riesigen Flugzeugträgern der US-Navy, bei deren Anblick ich das Gefühl nicht loswurde, die Navy hätte einfach einen Kilometer Highway aus Kalifornien rausgeschnitten und aufs offene Meer verschifft.

Ich verschlang alle Sportbücher, die mir der Freund meiner Schwester überließ, er hatte einen großen Fundus an Büchern und war für mich wie ein großer langhaariger Bruder. Sein Wort hatte Gewicht. Seine Bücher auch. Es waren ältere, ein bisschen angegilbte Bücher, die von vergangenen deutschen Zehnkampfhelden wie Graf von Moltke handelten, aber das machte nichts, im Gegenteil. Die Vergangenheit schien stets einen Tick feierlicher und nobler zu sein als die Gegenwart, trotz der vergilbten Seiten, das gefiel mir. Selbst wenn die Gegenwart neuer war. Und von Moltke hatte fast 8000 Punkte geholt. Damals schon. Im Zehnkampf.

Am liebsten waren mir natürlich alte Fußballgeschichten, so wie der Roman ELF JUNGENS UND EIN FUSSBALL aus dem Jahr 1950. Oder das Buch der Fußball-WM 1958 in Schweden. Darin gab es Passagen, von denen ich nicht genug bekam. Ich las wieder und wieder, wie das einheimische Publikum seine Mannschaft anfeuerte, mit frenetischen He-Ja, He-Ja-Rufen.

So wie der Verfasser des Buches es beschrieb, lag ein unheilvolles Dröhnen über der Göteburger Arena, als im Halbfinale Schweden auf Deutschland traf. Immer wieder hörte ich beim Lesen, wie das heisere He-Ja, He-Ja aus fünfzigtausend Kehlen stieg, (skandinavisches Adrenalin), ich sah den Einpeitscher mit seinem Megaphon, wie er am Zaun hochkletterte und den nordischen Bienenstock anfütterte. Es herrschte ausgelassene Stimmung in meinem Schädel. Ausverkauftes Haus. Der Schwarzmarkt brummte. Deutschland ging unter gegen Schweden und schied aus.

Dann wurde ich 14 und plötzlich war alles anders.

Die Sexualität krachte in unser Leben. Anderer Leuts Genitalbereich. Der Stimmbruch. Eben noch gepiepst, röhrte jetzte die halbe Klasse. Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs.

Im Konfirmanden-Unterricht im Gemeindeheim Margaretenstraße verbrachte ich ganze Nachmittage damit, die schwarzen Haare auf dem Arm meines Banknachbarn zu studieren. Dass ich sie nicht zählte lag nur daran, dass ich ständig durcheinanderkam beim Zählen, es waren einfach zu viel Haare. Er sah aus wie ein Gorilla. Wenn er untenrum auch so einen Busch hat, dachte ich, kann ich einpacken. Dieser blöde Stelzbock.

In der Schule liessen die Leistungen nach. Wir waren die letzte reine Jungs-Klasse, wir liessen es noch mal richtig krachen. Im abgedunkelten Physik-Saal ging es jetzt darum, wer den Längsten hatte, wer den eregierten Vogel abschoss. Ich hörte was von 18, 4 Zentimeter. Das war der Topwert, den es zu schlagen galt. Ich nahm das Lineal zur Hand und setzte diesmal an der Schwanzwurzel an, ganz unten, wenn man den Sackanfang wegliess und Dinge mitrechnete, die noch gar nicht richtig zum Schwanz dazugehörten – irgendwie musste man ja an 18 Zentimeter rankommen.

Und dann verkündete Thomas Belly gut dokumentierte 19 Zentimeter. Die Zahl wurde von Bank zu Bank weitergereicht, machte kurz bei manchem Mitfavoriten halt, es wurde eine zweite Messung eingefordert.

Ausgerechnet Belly.

Er saß zwei Sitzreihen hinter mir. Ein Zwerg von einem Kerl, aber mit kochiger großer Nase und einem gewaltigen Eumel in der Hose. Selbst der Haarwuchs auf seinen Armen übertraf den des Gorillas im Gemeindezentrum. Belly setzte sich unangefochten an die Klassenspitze. Ein kleiner Mann, er lächelte viel in diesen Tagen.

Wobei erwähnt werden muss, dass längst nicht alle mitmachten. Von dreißig Klassenkameraden zeigte nicht mal ein Drittel den Steifen her. Der Rest kicherte blöd oder versuchte dem Unterricht zu folgen und die verdammte 19 aus dem Kopf zu kriegen. Spätestens zu Hause holte jeder den Zollstock raus, jede Wette.

Horst S. zählte zum Favoritenkreis, ohne dass er sich je bei der Latten-Trophy engagiert hätte. Doch schon die anatomisch sichtbaren Merkmale überzeugten. Eins fünfundneunzig groß, 100 Kilo schwer, eine Nase wie aus dem Unterholz. Horst S. stammte aus einer gläubigen Familie, er wollte Priester werden. Klar, dass er da schlecht das Monster unter der Bank hervorholen konnte, ausserdem war Prahlen nicht sein Ding. Ein bescheidener Junge. Doch was er nach dem Sportunterricht unter der Dusche herzeigte, sorgte für Aufsehen. Was, wenn dieses Gerät noch eregierte? Die Vorstellung sprengte jeden Rahmen. Wie auch immer. Frauenwelt und Schwanzvergleich durften aufatmen, wenn der Zölibat dafür sorgte, dass dieser Flugzeugträger aus dem Rennen genommen wurde.

Wir waren wie junge Fohlen, die ungestüm über die Weide sprangen und mit den ersten Erektionen aneinanderrasselten. Die ersten Erektionen mussten gefeiert werden, ob daheim unter der Bettdecke oder im abgedunkelten Unterricht. He-Ja, He-Ja-Rufe brausten über den Flur und begleiteten das Championat, Jungsmotoren jaulten auf, knatterten. Eigentlich wusste niemand, was los war und was das alles zu bedeuten hatte. Na gut, wir hatten plötzlich stramme Knüppel in der Hose und zeigten sie stolz den anderen Jungs. Aber konnte man die Dinger auch Mädchen zeigen?

Die Diskussion kam gerade erst in Gang.
21.9.17 12:36
 



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