Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ich telefoniere ja nur

Als vor Jahren die ersten Freisprecheinrichtungen aufkamen, hatte ich davon zunächst nichts mitbekommen. Ich wunderte mich nur, warum mir zunehmend Leute begegneten, die augenscheinlich Selbstgespräche führten, ja, die dauerhaft und lustvoll monologisierten, ohne sich dafür auch nur im geringsten zu schämen. Im Gegenteil, sie schienen sogar stolz darauf zu sein, im Gehen mit sich selbst zu quatschen. Eine neue Angewohnheit, die Mut machte. Wenn es immer mehr Menschen nichts ausmachte, ungewöhnlich aufzutreten in aller Öffentlichkeit, war das ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Als mir nach und nach der Hintergrund klar wurde, war ich enttäuscht. Mal wieder hatte sich die Menschheit nicht geändert, es war nur ein neuer technischer Kniff hinzugekommen.

Es dauerte seine Zeit, bis ich erkannte, dass solche Freisprecheinrichtungen auch für einen Nicht-User wie mich gewisse Vorteile boten. Plötzlich war es nicht mehr nötig, schnell wegzublicken, wenn man beim Singen von Liedern von einem anderen Planeten ertappt wurde am helllichten Tag in der Innenstadt.

Ich telefonierte ja nur.

*

"Wie die alle damit rumlaufen den ganzen Tag und aufs Display starren, als könnten sie ohne nicht mehr leben... Wenn die ihr Smartphone ausstellen, fallen die um. Überall Strippen im Ohr, als würden sie künstlich ernährt. Das ist pathologisch, die Handysucht."

- Die Gräfin -

*

Ach wo, das ist überhaupt kein Telefon, was die Leute da in ihrer Hand halten! Das ist ein Handspiegel! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen Whatsapp-Nachrichten ab!

*

Ich hab gestern Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, "Das Lied der Sperlinge" aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm.

Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigerjahren gab. Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino, also die feminine Version, Albina. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden Haar und dem flatternden Maxi-Rock. Was 1 Bild. Das lange blonde Haar wie ein Seidenvorhang im Wind, den Rücken gerade durchgedrückt, stolz auf die Matte.

*

Was auch immer in meinem Leben geschehen war, es trat mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock war, war ich Herr Langsamstift an den Buchstaben.

"Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften", sagte sie.

Eben.

*

Worte wie Modul und Cluster gingen mir auf den Sack, Worte, denen der Duft des Fortschritts anhaftete und die doch nichts bedeuteten, nicht wirklich jedenfalls, Worte, wie in den deutschen Nullkorridor gedrückt.

*

"Die meisten Menschen haben doch eine.... eine.. na, wie heißt das noch.. was bis jetzt geschah.. äh?"

"Hm..? Vergangenheit?"

"Genau. Vergangenheit."

*

Samstagabend, es ist schon dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Es hat sein Handy an, und das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein höfliches UFO.
20.9.17 18:06
 



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