Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ein blo(g)ckierter Mann

"Man kann vor alles und jedem flüchten in der Welt, aber nicht vor sich selbst. Man muss damit klarkommen, wie man ist", sagt die Gräfin.

Manchmal tut es einfach gut, gewisse Dinge zu hören.

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Der Großteil der Kraft eines Grizzlybären liegt in seinen Vorderpfoten - der Schreibhand. Und: Zum Markieren seines Reviers, etwa wenn die lokale Bärin jückig ist, pinkelt er sich auf die Füße und stampft ausgiebig durchs Gelände, so lange bis jeder andere Bär Bescheid weiß, wem dieses Landgut gehört.

Dinge, die ich im Nachtprogramm von Phoenix gelernt habe, sind mir die liebsten, vielleicht war es auch im Rahmen eines nächtlichen Doku-Marathons auf n-tv, kann auch sein. Man kommt schon mal durcheinander, wenn man schlecht schläft, man weiß oft gar nicht, wo man die Nacht im Einzelnen verbracht hat, auf welchem Sender, wenn man am Morgen - ja, was: aufwacht??! Aufwachen, wenn man gar nicht geschlafen hat? Das ist fast so übel wie weiterschlafen, ohne je wieder aufzuwachen.

*

Belgisches Frittenwetter, sagt sie.

Regenschauern, so extrem, Talsperren laufen über. Dazu hohe Luftfeuchtigkeit. Sie meint, ich solle mal im Internet nachschauen, wahlweise auf Videotext, wie lange sie noch Kopfschmerzen hat.

"Verdammter Vollmond! Nicht mal den Mittagstisch aufräumen kann man, ohne dass man mit dem Schädel gegen die Küchenlampe rumst!"

Kein Wunder, dass sie Kopfschmerzen hat.

Draußen nieselt es.

*

"Jeder Mensch, der richtig zu Schotter kommt, verändert sich, dagegen kann man nichts machen. Selbst wir würden uns verändern, mit ein paar plötzlichen Millionen im Rücken. Man fliegt ein bisschen, wenn man reich ist, und man hat keine große Lust mehr aufs gewöhnliche Fußvolk."

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"Mit einem umtriebigen Geist wie meinem gibt es nichts Schöneres, als am frühen Nachmittag im Bett zu liegen und dem Universum zu lauschen. Das ist die totale Entspannung. Weißt du, was die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies ist? Unser Nicht-Entspannen-können in der Welt."

- Die Gräfin -

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Anfang Juni hatte ich die schlimmste Verstopfung meines Lebens. Ein Gefühl, als würde nur noch eine Umwälzpumpe helfen können, meinen Darm in Bewegung zu bringen.

"HOLT EINE DECKE, DER BULLE KALBT!!"

Ich habe mich noch nie so blockiert gefühlt über einen so langen Zeitraum.

Darmtechnisch gesehen jetzt.

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Ich kenne keinen, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du, sagt sie.

"Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in die Finger beißt", sagt sie.

Stimmt ja auch! Alles könnte in großen Schmerzen enden!

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Gut kacken ist wie das Auslaufen eines Schiffes aus dem Heimathafen, auf den Landungsbrücken stehen die Menschen, werfen Hüte in die Luft und jubeln.

Verstopfung ist ein vergammelter alter Kohlehafen.

*

"Verdacht auf Ileus", schrieb der Doktor auf den Einweisungsschein fürs Klinikum. "Damit gehen wir auf Nummer Sicher. Warten Sie noch ein oder zwei Tage und machen ein paar Einläufe, aber wenn es Samstagmorgen immer noch nicht geklappt hat, gehen Sie besser ins Krankenhaus."

"Ileus ist Darmverschluss, schätze ich?" sagte ich.

"Ja."

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Ein blockierter Mann.
Ein blogierter Mann.
Ein blo(g)ckierter Mann.
Ein blo(g)kierter Mann.

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„Das sind bloß Botenstoffe, das sind bloß Hormone, das ist alles bloß Chemie“, sagt sie

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Ich wurde 1960 geboren, dem Jahr, in dem Armin Hary in Rom die 100 Meter in 10,0 Sekunden lief, in dem John F. Kennedy in den USA Präsident wurde, trotz schlimmster Rückenschmerzen, und in dem der Rock'n Roll seine erste große Krise durchlebte.

Als die Gräfin zwei Jahre später geboren wurde, im September 1962, hatte Marylin Monroe einen Monat zuvor Selbstmord verübt.

"Dabei ist ihre schillernde Seele über den großen Teich gekrochen, geradewegs in mich hinein", glaubt sie. "Mit all den Depressionen."

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Freitagmittag besorgen wir uns in der Apotheke ein Prager Klistier, ein großes Arzneimonster mit Pumpe, groß genug, um einem Waldelefanten aus der Not zu helfen. Insgesamt verpasst mir die Gräfin innerhalb weniger Stunden vier kolossale Klistiere. Der große Durchbruch kommt aber erst am nächsten Tag. Da rappelt es im Karton. Ene mene miste.

Die Verdauung kommt so fluffig, ich hab mir im Nachhinein noch mehrfach in die Hosen gemacht. Breischiss, sag ich nur. Wer aber einmal so richtig Verstopfung gehabt hat, der begrüßt jeden durchfallähnlichen Abgang wie eine weltweit geliebte Persönlichkeit.

Seitdem habe ich Odysseus hinter mir, wie die Mutter der Gräfin zu sagen pflegt, wenn sie aus einer Nummer heil rausgekommen ist.

*

Ich hatte zuvor fünf, sechs Tage nicht geschissen, aber das war nicht der Auslöser für meine plötzliche Panik. Ein paar Tage nicht aufs Klo können, mein Gott, da habe ich schon schlimmere Verstopfungen erlebt, als ich noch Heroin schnupfte. Was es aber so knifflig machte: Ich hatte schon in den Wochen zuvor stets das Gefühl gehabt, mich nicht komplett zu entleeren, und zuletzt nur noch Böhnchen gekackt.

Freitagfrüh latsche ich zu Fuß los, ich will zum Doc. Mir geht's nicht gut.

"Ich hab ein Geschmack im Maul wie ein korrupter Tscheche", sag ich zur Gräfin.

"Ich kann dich doch fahren", meint sie, aber ich winke ab. Ich brauche Bewegung. Vielleicht kann ich den Darm noch offenlatschen. Außerdem bin ich mittlerweile nicht nur blockiert, was den Darm betrifft, auch die Psyche nimmt Schäden. Ich mag nicht Autofahren. Schon die Vorstellung, in einem Auto zu sitzen, macht mich zum Wrack.

Große Panik No. 54. Glumm stirbt, er kackt seit Wochen schlecht. Ich seh mich schon mit Darmverschluss auf der Gastro liegen, ich werde operiert, ich hole mir Krankenhauskeime en bloc, ich verblute auf dem OP-Tisch, es ist ein Elend. Andere Leute sagen sich vielleicht, was soll's, ich hab Verstopfung, mach' ich mir ne Packung Abführmittel auf und gut ist, das ist bei mir nicht drin. Ich sterbe jedes Mal, wenn mein Körper in seiner Funktion gestört ist. Ich schaffe es Freitagfrüh kaum in die Stadt, so kraftlos bin ich, so sehr nervt das Getöse um mich herum.

Vor der Kapelle des Friedhofs Kasinostraße hupt jemand, der Vater der Gräfin sitzt im parkenden Wagen und winkt mich heran. Ich sterbe, würde ich am liebsten sagen, doch er kommt 80jährig selbst grade vom Arzt, ich sehe das Pflaster in der Armbeuge.

Angst ist das Gegenteil von Vertrauen.

Der Vater der Gräfin meint später, er hätte mich noch nie so blass und müde gesehen wie an diesem Morgen.

*

Als ich im Bus nach Gräfrath fahre, zur Praxis meines Hausarztes, bin ich so fixiert auf mein Leiden, auf meine verdammte Verstopfung, dass ich die automatische Banddurchsage missverstehe. Statt "Nächste Station Central" höre ich "nächste Station rektal."

*

"Weißt du, in welchem Zeitalter wir leben?" fragt sie später beim Abendbrot. "In dem, wo die Reichen den Himmel gekauft haben und das Kamel durchs Nadelöhr spaziert."

*

Der Doktor gab mir noch etwas mit auf den Weg, den Tipp, zum Frühstück Weißbrot links liegen zu lassen und lieber Müsli zu essen. Das beherzige ich seither, obwohl die Gräfin schon seit Jahren neben mir sitzt und Basismüsli ohne Rosinen frühstückt, was ich stets mit einem blasierten "lass mich mit den Jod SL-Körnchen in Ruhe" von mir wies. Jetzt steht jeden Morgen ein Schüsselchen Getreideflocken vor mir, in Hafermilch getränkt, und es schmeckt großartig und ich scheiße wie ein junger Prinzgemahl.
27.7.17 18:29
 



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