Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Junkies sind Petzliesen II

Ich hatte genau fünfzig Mark auf der Tasche, als ich die Sparkasse verließ Richtung Mühlenplatz, wo in wenigen Minuten der Bus nach Elberfeld abfahren sollte. Verpasste ich den, konnte ich mir das Codein-Rezept übers Wochenende abschminken, Punkt zwölf machte die Praxis dicht.

Aber wenn ich es auch noch so eilig hatte, ein kleiner Umweg über die Platte musste drin sein. Unter den Junkies, die auf der Treppe am Kaufhof lümmelten und sich einen Spaß daraus machten, mit falschen Hundertmarkscheinen zu wedeln, einem Reklame-Gag aus der Zeitung, suchte ich nach Schröder. Und da saß er auch schon. Auf Arbeit. Mittendrin. Wie es sich gehörte. Ich ging auf ihn zu. Er nickte.

"Du willst was schnappen?"

"Schon. Ja. Aber.. ich hab nur vierzig. Geht auch für vierzig?"

"Nee, geht nich. Ich hab nur Fuffies. Abgepackt."

"Kein kleiner Bubble dabei, für vierzig?"

"Echt nich, nee. Ist der Tarif. Fuffzig. Nix zu machen."

Nix zu machen, nix zu machen, natürlich war da was zu machen. Noch konnte ich die Aktion nämlich abblasen. Noch konnte ich Schröder sitzen lassen an seinem versifften kleinen Arbeitsplatz mit Tarifbindung und einfach in den Bus steigen nach Elberfeld und mein Codein-Rezept abholen, in der Apotheke einlösen und wieder nach Hause fahren, das alles konnte ich sehr wohl machen. Ich war nicht abhängig von Schröder und seinem krankmachenden Gift.

"Wie ist die Schore? Gut?" stieß ich hervor.

Schröder glotzte dämlich. "Na ja, normale Bimbo-Schore eben. Ist gut. Klar. Ist die gute Schore."

Was sollte der Mann auch darauf antworten? Dass seine Schore Dreck sei? Dass man sie besser nicht kaufte? So ein Schwachsinn. Ich hatte längst verloren. Nicht an diesem Tag, sondern am Tag zuvor, und am Tag vor dem Tag zuvor, als ich ebenfalls auf dem Platz erschienen war und einen Bubble geschnappt hatte, wenn auch bei einem anderen Dealer. Ich war fast jeden Tag vor Ort gewesen, eine Woche lang. Ich war auf dem besten Wege ein ganz normaler Heroinsüchtiger zu werden. Ein grauer, mies gelaunter Mensch, in dem sich böse Aggressionen aufluden, wenn er seinen Stoff nicht bekam. Man möchte hemmungslos in anderen Gesichtern rumgrapschen. Sich so richtig mit den Fingern verirren, einen Tumult auslösen, den eigenen Schädel in die Luft sprengen.

Suchtdruck nennen Psychologen diesen Zustand. Doch was wissen die von Sucht. Psychologen sind Pappnasen, die einem ein Motto verpassen, damit man gut durch den Karneval kommt. Sie sind die Ausputzer der Gesellschaft, die Maskenbildner. Nicht mal der Begriff Suchtdruck stimmt. Ein Süchtiger leidet unter Entzugsdruck: Man will den verdammten Entzug weghaben, das ist etwas anderes als Suchtdruck. Es führt lediglich zum gleichen Ergebnis.

"Was jetzt?" fragte Schröder genervt. „Fuffie oder nicht?“

Ich mochte den Kerl nicht, den dünnhäutigen Alt-Junkie, der mit beleidigter Miene auf den Treppenstufen vorm Kaufhof hockte und seine Bubbles vertickte, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen und zum Dealen genötigt. Als hätte die Welt irgendwann beschlossen, ihn für den Rest seiner Tage auf der Treppe zu platzieren, um minderwertiges Material zu verticken, die Leute in Zeitlupe umzubringen mit gepanschtem Stoff.

Ich erinnerte mich an einen Tag in den frühen Achtzigern, als ich mit Pulver noch nichts am Hut hatte und bei meinem alten Freund Fleschkönigs unterm Aquarium übernachtete, und da hatte auch Schröder gepennt, in dieser Nacht, auf der anderen Seite des Aquariums. Am nächsten Morgen konnte ich zusehen, wie er sich anzog, zwischen lauter bunten Fischen, als er einen fürchterlichen Hustenanfall erlitt. Ich dachte, der kratzt ab. Eine bedauernswerte Gestalt. Wo er mir seither auch begegnete, ich sah ihn zwischen Fischen.

Hustend.

Um uns herum strömten Passanten zu den Bushaltestellen, kaum jemand hatte einen Blick für die Platte vorm Kaufhof. Trotzdem war ich nervös. Ich hasste es in aller Öffentlichkeit meinen Stoff zu beziehen, doch Toni, mein italienischer Stammdealer, war nicht zu erreichen, seit Tagen.

"Sollen wir nicht lieber woanders hin?"

"Quatsch. Ist ruhig heute“, sagte Schröder. “Keine Bullen. Kein Problem."

Schröder hielt sich den ganzen Tag hier auf, das war sein Revier, hier kannte er sich aus. Ich verließ mich auf sein Gespür. Ich setzte mich zu ihm, wofür mir ein bräsiger Pillenkopf bereitwillig Platz einräumte. Der Deal ging blitzschnell über den Handteller. Bubble gegen Geldschein, ein Transfer, der mich auf der Stelle blank machte. Nicht mal Tabak konnte ich mir jetzt noch leisten, von den Apothekengebühren fürs Codein ganz zu schweigen. Aber wirklich beunruhigend war etwas anderes: die Schore. Sie wirkte auf den ersten Blick so dunkelbraun, als hätte Schröder die wenigen Prozent Heroin, die in dem Pulver enthalten waren, auch noch mit Kakaopulver gestreckt.

Ich hastete zum Bahnsteig rüber, an dem die Linie 64 gerade vorfuhr.

Obwohl die Fahrt nach Elberfeld sich mit der Aktion eigentlich erledigt hatte, stieg ich ein, ich wollte so schnell wie möglich weg vom Mühlenplatz. Angeblich wurden die Treppen vorm Kaufhof observiert, wurden Fotos geschossen vom gegenüberliegenden Pressehaus aus. Im Bus verzog ich mich nach hinten, in die letzte Bank. Studenten der Uni Wuppertal stiegen zu, Rentnerinnen, Schüler. Einer hatte ein Clever & Smart-Album in Arbeit, zog aber ein Gesicht, als handelte es sich um eine Novelle des späten Günter Grass.

Ich war so scharf auf die Schore, am liebsten hätte ich das Zellophansäckchen auf der Stelle aufgebissen und mir ein Näschen genehmigt, aber ich musste mich gedulden. Erstens waren zu viele Leute im Bus, zweitens war die Strecke nach Wuppertal zu kurvig, als dass man sich auf die Schnelle was wegsniefen konnte. Einige Monate zuvor hatte ich während einer Busfahrt leichtfertigerweise versucht, eine Nase vom Notizbuch zu ziehen, prompt war mir das Pulver in der erstbesten Kurve zu Boden gerauscht, worauf ich wie ein Wahnsinniger über den Boden gekrochen war und so ziemlich alles in die Nase zog, was Ähnlichkeit mit braunem Stoff gehabt hatte. Zum Glück war der Bus so gut wie leer gewesen, wer weiß, ob ich diese Fahrt sonst ohne Einweisung überstanden hätte.

Na schön. Dann eben kein Näschen während der Fahrt. Was blieb mir übrig, ich musste mich in Geduld üben. Doch schon allein einen Bubble in der Tasche zu haben, beruhigte die Nerven ungemein. Ich entspannte mich. Sah mich ein bisschen um im Bus. Da war die Handarbeitslehrerin mit dem strikt fettig nach hinten gekämmten Haar und den schwarzen Lederhandschuhen trotz der sommerlichen Wärme, vor ihr zwei Freundinnen aus Schwarzafrika, mit Ballonmützen, französisch parlierend. Eine Dame ging durch den Bus, sie hatte ein sehr süßliches Parfüm aufgetragen, zog den Duft hinter sich her wie eine Leine, an der eine Tüte Englische Drops hing.

Neben mir nahm ein Mann Platz, der von der Arbeit kam. Halbtagsjob auf dem Lager, früh gealtert, Stoffbeutel geschultert, nächste Haltestelle Kohlfurth. Da, wo einmal Löckchen gewesen waren, schritt die Glatze mit Riesensätzen voran. Zu diesem Mann hatte schon lange niemand mehr gesagt, oh, hast du schönes Haar. Vielleicht hatte er es auch noch nie gehört, in seinem ganzen Leben nicht. Arme Socke. Er schaute mich kurz an, genau in dem Moment, wo ich Socke dachte. Dann blickte er wieder nach unten, wo seine Schuhe waren. In der Bank vor uns saßen zwei ältere Damen, die sich unterhielten, ohne eine Pause einzulegen. Im Moment ging es um das heftige Gewitter, das in der Nacht niedergegangen war, nach drei Wochen geradezu alttestamentarischer Hitze, und in der Stadt jede Menge TV-Apparate lahmgelegt hatte.

"Mein Mann stand auf und war nur noch am ausstöpseln, Frau Schnippering. Die beiden Fernseher, die Mikrowelle, seine Heimorgel, ein Gerät nach dem anderen, dabei hatten wir schon seit einer Stunde gar keinen Strom mehr..! Lass doch, Jochem, hab ich gesagt. Ist doch gar kein Strom mehr da! Ist doch schon ausgefallen"

“Und?“ fragte die Sitznachbarin. „Hat er aufgehört?“

„Nein, natürlich nicht, Frau Schnippering. Wenn der Strom gleich wiederkommt und ein Blitz schlägt ein, haben wir alles vom Netz genommen, dann kann uns nichts mehr passieren, hat er gesagt.“

„Ach, der Jochen..!“ kicherte die Sitznachbarin.

Als der Bus in Cronenberg die erste Haltestelle in Wuppertal erreichte und sich bis auf den letzten Sitzplatz füllte, stieg ich entnervt aus. Das T-Shirt klitschnass, so heiß war ich mittlerweile auf die Schore. Was ich jetzt brauchte, war eine Telefonzelle. Ich klapperte zwei, drei Nebenstraßen ab, ohne Erfolg, erst in der Nähe eines Altenstifts fand ich ein abgelegenes Exemplar. Ich fragte mich, wann ich das letzte Mal so viel Umstände wegen eines einzigen Bubbles gemacht hatte, und mir fielen auf Anhieb zwei ähnliche Begebenheiten ein, allein in den letzten Monaten.

Das Telefonhäuschen stand unter einer Reihe hoher schattiger Bäume. Vorsichtig öffnete ich den eingeschweißten Bubble – sofort verbreitete sich Schröders üble Chemie in dem engen stickigen Raum, selbst der gebrochene gelbliche Blick des Leberkranken war zu spüren. Ich streute das Material übers Telefonbuch Wuppertal-Solingen-Remscheid, das aufgeschlagen vor mir lag, unter R, Rieder bis Rönchen, schrotete es mit der Krankenkassen-Card, bis es noch feiner wurde, pulveriger. Teilte schließlich alles in zwei Lines auf, jede etwa fingerlang. Schnell den Fahrausweis zum Röhrchen gerollt, kurz nochmal umdrehen, ob jemand kam, und dann: die erste Line. Pfah...! Es brannte so höllisch in der Nase, das Schäufelchen Chemie, dass ich würgen musste und das Kotzen so eben noch unterdrücken konnte.

Gerade als ich die zweite Straße in Angriff nehmen wollte, näherte sich eine kleine dunkelhaarige Frau in Shorts. Als sie mich entdeckte, verlangsamte sie ihren Schritt und blieb gut zwei Meter vor der Zelle stehen. Mist. Mist. Mist...! Die schien tatsächlich telefonieren zu wollen. Ich drehte ihr den Rücken zu, beugte mich übers Telefonbuch und zog den Rest des Gifts entschlossen durch die Nase, weg damit.

Ich stieß die Tür auf.

Wedelte wie doof mit der Bank-Card, die irgendwie die Telefonkarte darstellen sollte, und fragte scheinheilig, "Brauchen Sie lange?", so als würde ich ihr gnädigerweise den Vortritt lassen wollen, bevor ich telefonierte. Die Frau glaubte mir kein Wort. Grummelte was auf Italienisch, musterte mich unsicher.

"Okay", sagte ich und hielt ihr die Türe auf, wobei etwas von dem braunen schmutzigen Pulver aus meiner Nase rieselte. Die kleine Frau betrat das Telefonhäuschen und ich machte, dass ich wegkam. Als ich mich noch einmal umdrehte, vielleicht dreißig Meter entfernt, stand sie immer noch da und blickte mir nach. Es sah aus, als spielte sie mit dem Gedanken, die Bullen zu rufen.

"Komische Mann hier in Zelle! Schnüffelt in Buch!"

"SCHNÜFFELT IN BUCH??! WIR SIND SOFORT DA! HALTEN SIE DEN MANN FEST!!"

"Komische Mann aber scho weg..! Scho 30 Meter! Allo? Allo..!"

Ausgerechnet in der Nachbarstadt Wuppertal hatte der Bayer-Konzern zu Anfang des 20. Jahrhunderts Heroin entwickelt, ein Wundermittel gegen Husten. Fast hundert Jahre und viele Millionen Heroinsüchtige später gurkte ich nun einmal die Woche an den Ort des Ursprungs der weltweiten Seuche, um mir in einer Arztpraxis das Substitutionsmittel Codein verschreiben zu lassen, warum? Weil auch ich von dem Wuppertaler Wundermittel süchtig geworden war. Krönung des Ganzen: auch Codein, mein damaliges Substitut, ist ursprünglich ein Hustenmittel. Dabei hatte ich gar keinen Husten. Bis Mitte der Neunzigerjahre jedenfalls, als ich plötzlich immer schlechter Luft bekam. Der Lungenarzt diagnostizierte Asthma. Vom Blechrauchen, wie ich mir sicher war, dem Heroinrauchen von Alufolie. Also ließ ich das Rauchen von Blech sein und stieg aufs Schnupfen von Heroin um. Und da war ich nun.

1996.

Und ruinierte mir die Nasenschleimhäute.

Ich lief durch Cronenberg und wartete immer noch auf die Wirkung der Telefonzellen-Nase, mir brach der Schweiß aus. Falls Schröder Dreck vertickt haben sollte, dessen Wirkstoffgehalt gen Null tendierte, saß ich in der Patsche. Dann hätte ich ein zweites Mal Schore auftreiben müssen, halbwegs richtige Schore, halbwegs echtes Material, und das ohne einen Pfennig Geld in der Tasche.

Als die Linie 64 auf dem Rückweg schon Richtung SG-Innenstadt rumpelte, hatte auch der letzte Krümel Gift meine Nase verlassen und sickerte die Kehle runter. Ich räusperte mich, ein lautes kratziges Räuspern, das sich, warum auch immer, bis in die vorderen Sitzreihen fortsetzte, eine La-Ola-Welle der Bronchien - plötzlich räusperte sich der halbe Bus.

Schröder, du verfluchter Drecksack! Du mieser kleine Abzieher!

Statt Heroin kursierte vermutlich irgendein khakifarbener bitterer Strychninverschnitt in meiner Blutbahn! Wie konnte ich so naiv sein und etwas kaufen von einem abgewrackten Altjunkie, von dem es in der Szene hieß, er schieße Heroin nur im Cocktail mit Rohypnol und wanke wie ein Geistesgestörter durch die Nacht. Mehrfach hatte ihn eine Streife aufgegriffen und gleich ins LKH verfrachtet, erzählte man sich auf der Platte. Und die Platte hatte immer Recht. Was immer sie einem erzählte.

Zornig auf mich selbst sprang ich am Rathaus aus dem Bus, mit einem solch harten Satz, dass es mir beinah den Fuß verdrehte, als ich auf dem Asphalt aufsetzte. Sofort spielte ich die Möglichkeiten durch, wie ich Schröder auf dem Platz entgegentreten würde, um meine Ansprüche durchzusetzen.

"Eh, du Blender! War in dem Bubble vorhin auch Heroin drin?" hörte ich meine Worte, wobei ich die Rückforderung der Kohle im Geiste mit einer gewaltigen Kopfnuss unterfütterte, Ca-dongg, dass es nur so schepperte. Und wirklich: Schröder hing immer noch vorm Kaufhof herum, bei den Bimbos. Das waren die größten Abzieher. Bimbos beschissen die Leute nicht nur, wo sie konnten, gemeiner noch: sie waren clean, sie brauchten das Heroin nicht zum Leben, im Gegensatz zu den einheimischen Dealern, die durch die Bank selber süchtig waren und keine Möglichkeit sahen, anders zu Geld zu kommen.

Als ich auf Schröder zutrat, drehte er das Gesicht zur Seite. Eine Geste, die ich zunächst als Ausdruck seines schlechten Gewissens interpretierte, bis ich die beiden Gestalten links und rechts von Schröder ausmachte, die ihn merkwürdig in die Mangel nahmen. Normal gekleidete Gestalten waren das, keine Bimbos und Polacken, keine Junkies – nein, das waren Zivilbullen. Ohne einen weiteren Blick zu riskieren, schlenderte ich am Treppenaufgang vorbei, die Fußgängerzone runter, ab durch die Mitte, raus aus der Innenstadt. Na großartig. Das war‘s dann mit meiner Umtauschaktion. Kein Dealer auf der ganzen Welt würde am nächsten Tag einen Nachschlag raustun. Versuchte man es dennoch, kamen Argumente wie, "was sagst du, die Schore war schlecht? Kann gar nicht sein. Da bist du aber der einzige, der das sagt, der sich beschwert. Alle anderen waren zufrieden.."

Bla bla Kopfnuss waren die.

Im Schaufenster eines Modegeschäfts, das von einem großen Spiegel dominiert wurde, machte ich den ultimativen Pupillentest. Manchmal ist man ja breit und merkt es nicht. Soll vorkommen. Stattdessen bekam ich einen Mordsschreck, als ich mein Spiegelbild betrachtete: Die Pupillen, die mich anglotzten, waren groß wie Bratpfannen, das Ganze in einer aschfahl gehetzten Fratze. Ich musste schleunigst was unternehmen, um die Pupillen auf Stecknadelkopfgröße schrumpfen zu lassen, ohne einen verdammten Pfennig Geld auf der Tasche.

Da half nur zaubern.


"ZUGRIFF!"

Das war Kennie. Er hockte auf der Terrasse des neuen italienischen Eiscafés und winkte feixend mit der Zeitung. Mit dem Stellenmarkt.

"Wie sieht’s aus, Meister?" rief er.

"Schlecht", sagte ich und reichte ihm die Hand. “Kennie, hallo.“ Obwohl: vielleicht ließ sich da was reißen. Wenn Kennie gut drauf war, lief er gern in Spendierhosen rum. Machte auf dicken Max. Mit modisch dicken Eiern. Er war der einzige Junkie, den ich je sonntags in der langen Schlange beim Methadon-Doc mit der FAZ in der Hand gesehen hab, in aller Seelentruhe den Kulturteil studierend. (Aber das war Jahre später.)

"Wo kann man denn was klarmachen?" fragte er. "Ne Ahnung?"

"Eventuell, ja. Aber ich bin nicht flüssig."

"Macht nichts. Bin heute spendabel. Big Spender, ha ha! Du checkst, ich drück was ab.“

"Hast du ne Telefonkarte?" fragte ich.

"Klar, Mann. Hier."

Kennie war ein Sonderfall. Er war geschlagene zehn Jahre lang clean gewesen, von 1984 bis 1994. Dann hatte er einen Telefonanruf gekriegt, und ehe er sich versah, saß er im Cabrio nach Dortmund, zur alten Stammdealerin. (Was das für ein Anruf war, darüber ließ er uns alle im Unklaren, bis zu seinem Tod im Jahr 2007, nur wenige Wochen vor dem Tod von Ringo.) Unterwegs nach Dortmund baute er einen kapitalen Auffahrunfall und fuhr mit dem Taxi weiter, den Wagen ließ er der Einfachheit halber zurück. Beim Aussteigen in einem Dortmunder Arbeiterviertel knickte er am Bordstein mit dem Fuß um, Achillessehnenabris. Scheißegal. Nach zehn Jahren Abstinenz war nur noch ein Ziel in seinem Kopf: einen Schuss setzen, einen Mordsschuss, einen Heroinknaller, wie ihn sich die Welt noch nicht gesetzt hatte, auch wenn diese Aktion alles aufs Spiel setzte, was er in den letzten zehn Jahren erreicht hatte.

Der Witz in Kennies Fall, sagen wir, ein weiterer Witz in einem an Witz nicht armen Drogenzeitalter: in der Zeit, als er clean gewesen war, arbeitete der gelernte Sozialarbeiter lange Zeit in einer Drogenklinik, wo er fest als Therapeut angestellt und bei den Patienten wegen seiner praktischen Erfahrung überaus gefragt war.

"Gut dotierter Job war das, und krisenfest!"

Kennie quasselte gern. Mal träumte er von der Eröffnung eines kombinierten Brauhauses/Cafés auf Westerland („Oder wo auch immer, jedenfalls keine stinknormale Kneipe, damit kann man heutzutage nix mehr reißen“), mal von dem Aufbau einer Art Unternehmungsberatung, die sich auf die optimale Nutzung vorhandener Räumlichkeiten spezialisiert hatte.

"Was glaubst du, wie viel Konzerne gar nicht wissen, dass sie zwanzig, dreißig Zimmer Leerstand haben!" war er mal wieder kaum zu halten in seiner Begeisterung, was man in diesem Leben noch so alles anstellen könnte, außer Heroin zu sich zu nehmen.

"Kennie, pass auf, ich probier’s mal bei meiner Connection", fiel ich ihm entnervt ins Wort und stiefelte zur nächsten Telefonzelle, auch wenn mir diese verdammte Stiefelei zur nächsten Telefonzelle langsam auf die Nüsse ging. Wieso legte ich mir kein Mobiltelefon zu, wie andere auch. Um diese Uhrzeit gab es zwei Möglichkeiten, wo man, außer auf der Platte, was checken konnte: bei der Unke oder bei Toni. Ich wählte die Nummer der Unke. Die Unke saß für ihr Leben gern auf der Couch und verkaufte mit ebenso stämmigen wie nackigen Schenkeln ("Puuh, ist heiß heute, oder?") Schore und Koks. Da sie beides auch selbst zu sich nahm, in rauen Mengen, war ihre Nase in der Regel verstopft; sie schnoberte wie ein marodes Industriepferd.

Ihr Anrufbeantworter sprang an.

"Frau Doktor macht gerade Hausbesuche. In dringenden Fällen sprechen Sie ihre Mitteilung auf Band. Frau Doktor meldet sich dann zurück. Gute Besserung."

Ich stöhnte. Machte die Unke erstmal ihre Runde, war sie frühestens um Mitternacht wieder daheim. Und manchmal kam sie gar nicht nach Hause, das konnte auch passieren. Gut. Andere Connection. Toni. Der war nicht nur teurer als die Unke, der war noch auf der Arbeit. Er jobbt als Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, auch in seiner Freizeit, erst recht beim Verchecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung zu sein. Wem fiel schon ein Handwerker auf, der einem Mann die Hand gab, wenn man sich beiläufig auf der Straße traf. Dass dabei Heroin-Bubbles gegen Drogengeld getauscht wurde, na, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte nun wirklich niemand ahnen!

Es war gleich drei Uhr. Toni hatte in einer Stunde Feierabend, erst dann konnte ich ihn anrufen. Bis dahin hieß es, zurück ins Café und dem verdammten Geplapper von Kennie lauschen. Seinen horrenden Leberwerten. Dem verfluchten Alkohol. Den vielen Jägermeistern.

"Es ist schon so weit, dass ich trotz Methadon einen Affen schiebe, wenn ich mal einen Tag keinen Jägermeister saufe."

Er plapperte und plapperte, er plapperte gegen den Stillstand an wie die ganze Welt gegen den Stillstand anplapperte, dabei wartete er nur darauf, dass es endlich vier Uhr wurde und Toni, der Italiener, von der Arbeit kam, so wie die ganze weite Welt nur darauf wartete, dass Toni endlich von der Arbeit kam und sie glücklich machte.
"Wieso bist du eigentlich pleite?" meinte Kennie. "Ich meine, so vollständig pleite."

Was war das denn für eine Frage.

"Weil ich mir heut schon einen Fuffie geholt hab", antwortete ich leichtfüßig.

"So siehst du aber nicht aus. mit deinen großen Pupillen."

"Was ja auch Abzug."

"Ein Abzug? Wer hat dich abgezogen?"

"Schröder."

"Welcher Schröder? Doch nicht DER Schröder..!?"

"Genau der."

"Alter, wie doof muss man sein, um von dem Fertigen zu kaufen. Hast du mal in sein Gesicht geguckt? Da ist keine Kontur mehr, der sieht aus wie ein beschissener Kretin, ach was, wie ein leerer Kanister."

"Ja ja, ist ja schon gut." Ich hatte keine Lust, eine jüngste Niederlage breitzureden. "Wie viel brauchst du überhaupt?"

"Hunni", meinte Kennie.

Cool.

Fünf vor vier stand ich in der Telefonzelle. Zwar besaß Kennie ein Handy, aber das durfte ich nicht benutzen, er wollte nicht geortet werden können. Kennie war schizophren, was Bullen anbelangte. Überall sah er Schmiere, ständig fühlte er sich verfolgt. Auch Toni wechselte sein Handy alle paar Monate. Seit ein oder zwei Wochen hatte er eine neue ellenlange Nummer, die ich trotzdem schon auswendig kannte. Ich hatte sie hundertmal gewählt, er war hundertmal nicht drangegangen.

"Ja, halloo?" meldete er sich mit dieser extra-cremiger Stimme, wie er es manchmal draufhatte, wenn ihm der Schalk im Genick saß. Wenn er den Geschäftsführer gab, sonor im Blaumann.

"Wie geht‘s?" sagte ich hastig. Endlich.

"Ja. Gut", sagte er. "Willst du mich besuchen?"

Ich atmete auf. Darauf hatte ich gewartet. Auf genau diese Formulierung: Willst du mich besuchen. Das war das Zeichen, dass er was auf der Tasche hatte, dass man sich wieder sehen konnte. Ich strahlte innerlich. Ein einziger kleiner Satz, und ein heroinabhängiger Mann war glücklich. Kurzfristig, versteht sich. Ein Süchtiger lebt von Kick zu Kick, der Kick ist seine einzige Konstante.

"Genau. Das habe ich vor."

"In Ordnung. Wie lang willst du bleiben?"

Es war ein lächerliches Spiel, aber Toni zog es gnadenlos durch. Wer mit Toni ins Geschäft kommen wollte, musste mitspielen.

Wenn "Willst du mich besuchen?" der Code für "Alles Okeh" war, ich hab was zu verkaufen, dann ging es bei der Frage "wie lange willst du bleiben" darum, wie viel man kaufen wollte. Sagte ich etwa "zehn Minuten", bestellte ich einen Hunderter. Fünf Minuten entsprachen fünfzig Mark usw. Die Achillesferse des codierten Frage-Antwort-Spiels war die Bekanntgabe des Übergabetreffpunkts, denn der variierte ständig und nicht jeder Ort hatte seinen Code, andere dagegen waren klar festgelegt.

Sagte Tonio etwa „Wir treffen uns dahinter“, so bedeutete es HINTER DER GROSSEN SHELLTANKSTELLE, in deren Nähe er wohnte. Und sagte Toni „wir treffen uns in der Stadt“ bedeutete es den Parkplatz hinterm Rathaus. An diesem Tag gab es ein ziemliches Durcheinander. Toni, in der Stadt unterwegs, drückte sich beim Telefonieren so lange vor der Bekanntgabe des Übergabepunktes herum, wie es ging.

"Äh, wo bist du? Zu Hause?" wiederholte ich.

"Nee, in der Stadt. Ecke Kasinostrasse Oststrasse."

"Äh", sagte ich überrascht, "gegenüber vom Friedhof?"
"Genau. Halbe Stunde."

Hm. Das zum Thema codierte Bestellungen.

"Halbe Stunde", sagte ich, und Kennie atmete auf. Wir überbrückten die Wartezeit mit zwei Pils und einer kleinen Marihuana-Lolle, was Kennie nervös machte, warum auch immer. Dann war es soweit, und er steckte mir den Hunni zu.

"Ich muss noch ein, zwei Besorgungen machen. Treffen wir uns wieder hier im Café?"

"Klar", sagte ich und zog los.

Ecke Kasino/Oststrasse ließ ich mich auf den Stufen vor dem italienischen Frisör nieder. Und wartete. Und wartete. Kein Toni weit und breit. Wo blieb der scheiß Itakker. Als ich schon aufstehen und gehen wollte, um nach einer verdammten Telefonzelle zu suchen, kam er mir keuchend auf dem Rad entgegen.

„Na endlich. Ich dachte schon, du lässt mich hängen.“

„Quatsch. Hab ich dich jemals draufgesetzt?“

„Ja“, sagte ich.

„Ach so. Okay. Stimmt. Das war was anderes. Das war ..“
„Schon gut, schon gut…“

Wir tauschten Stoff gegen Geld. Ich warf einen Blick auf die Ware.

"Oh nee, Scheiße. Nicht schon wieder so ein dunkles Zeug, Toni!" brauste ich auf. Zwei Abzüge an einem Tag verkraftete das stärkste Suchtherz nicht.

"Quatsch, die Schore ist nicht dunkel. Nur die Folie drumrum ist dunkel, ich hatte keine andere, aber die Schore da drin ist die helle, wie immer."

Na okay. Wollten wir das mal glauben. Was blieb mir auch anderes übrig. Die helle war gut. Damit konnte man arbeiten.

Am Randes des Friedhofs verzog ich mich aufs Männerklo. Machte mir ein gutes Näschen, knotete den Bubble zu. Knotete ihn wieder auf, streute mir noch ein Näschen, knotete den Bubble zu. Überlegte, ob ich mir auf die Schnelle noch ein drittes Näschen genehmigen sollte, fand das aber übertrieben, obwohl.. nur rasch den Bubble aufknoten, nur ein kleines bisschen noch, ein Näschen nur.. Als Kennie mir auf der Kasinostrasse entgegenkam, (er hatte keine Ruhe mehr gehabt im Café auf mich zu warten), hatte er eingekauft. Er war im Blumen- und im Fischladen gewesen. Er trug einen Strauß Rosen in Packpapier (bestimmt für seine Mutter), in der anderen Hand eine Schillerlocke in dünnem Fischeinwickelpapier (bestimmt für sich).

„Na, endlich!“ meckerte er. „Wurde auf Zeit.“

"Kennie“, sagte ich. „Willst du nach Hause? Machst es dir gemütlich, wie?"

Geistesgegenwärtig suchte er nach Spott.

"Sicher. Den Fisch in die Blumen stecken und auf die Heizung stellen, halbe Stunde voll aufdrehen, fertig ist der Budenzauber."

"Feine Sache auch", sagte ich und steckte ihm den Bubble zu, den Rest vom Hunni.

Der nächste Mittag. Bevor ich nach Elberfeld aufbrach, hing ich eher unhungrig im McDonalds herum und knabberte an einem Cheeseburger, als die Türe aufschnappte, und wer kam da rein? Fleschkönigs.

"Ist nicht wahr! Der alte Flesch!"

"Herr Graf."


Wir fielen uns in die Arme.

"Ich dachte, du wärst tot", meinte ich.

"Nee, noch lebe ich, Alter.“

Und wie er lebte. Wie immer nämlich. Die BILD-Zeitung so leger unter den Arm geklemmt wie ein Banker die FAZ, das rot gelockte Haar schulterlang, Schneidezähne im Eimer, Sonnenbrille X-Large.

"Na ja, die Leber ist was angeschlagen, das schon, aber sonst.. Ich bin noch auf dem Schirm." Er züngelte nach dem Cheeseburger in meiner Hand. "Seit wann frisst du denn diese Ami-Pappe, Alter?"

Wir hatten uns Jahre nicht gesehen. Damals war Fleschkönigs verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wie vom Paralleluniversum verschluckt. Keiner wusste etwas Genaues, nicht mal sein schweigsamer Kumpel, mit dem er ständig rumgehangen hatte. Gerüchte machten die Runde. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Spezial-Klinik in New England dem Tode entgegen, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Nordspanien verhaftet worden.

"Wo hast du denn nun gesteckt, all die Jahre?"

"Erst in Rotterdam", sagte Flesch. "Drei Jahre in nem Zigeunerlager, unter Messerwerfern und Feuerschluckern. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und so einen großen Puffi-Hund, hör mal." Bis ihn der internationale Haftbefehl doch noch ereilte, und Flesch die letzten achtzehn Monate in Wuppertal absitzen musste. "Im Knast hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, verstehst du."

Er machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, und nahm die Sonnenbrille ab.

"Ich hab keine Lust mehr, so zu tun, als hätte ich noch ein zweites Leben in petto, das ich beizeiten aus der Tasche ziehen kann."

"Und sonst? Was macht das Gift?" fragte ich.

Flesch kam näher. Seine Pupillen waren harte, kleine Diamanten.

"Na, du kennst das ja. Wenn sich eine Gelegenheit bietet.. ich mein, wer sagt schon gern nein.." Er wurde leiser. "Ich will hier nicht den Lauten machen, aber einen letzten Bubble kann ich noch abdrücken, hab ich gestern in Hannover klargemacht, auf der Platte."

"Auf der Platte in Hannover?"

"Hab eine Woche Messebau gemacht. Hannover ist die Härte, Alter. Hannover hat ne härtere Platte als Berlin oder Rotterdam. Da schleichen am Bahnhof Hunderte Fertige um dich herum und alle wollen für dich was klarmachen, die abgerissensten Vögel, total krank. Ich steh da also mit meinem Hunni wie der König von Hannover und weiß nicht, wem ich trauen soll. Urplötzlich umkreisen mich fünf, sechs Leute, schirmen mich regelrecht ab, und ein kleiner Bimbo kommt an und zählt mir elf Bubbles in die Hand. Eins, zwei, drei, vier.. ein Handel unter ehrlichen Kaufleuten, elf Bubbles fürn Hunni, richtig korrekt fette Teile. Ich sofort ins Hotel, die Türe zu und einen Bubble nach dem anderen weggeraucht."

"Der König von Hannover", flachste ich.

"Der König von Hannover mit elf Bubbles! Wie gesagt, einen Bubble kann ich dir abdrücken, eins a Material", meinte Flesch.

Das rötliche Lockenhaar, das einst sein Gesicht so engelsgleich einrahmte, es war immer noch da. Nur grober. Verfressener. Manche Haare sitzen auf dem Kopf, als wollte es ihren Besitzer bei lebendigem Leib auffressen. Wie ein Tier sitzt das Haar auf dem Kopf, das Hunger hat.
Wir einigten sich auf einen Zwanni.

"Ist wirklich eins a, das Stöffchen, da knallst du mit dem Schädel auf den Tisch, versprochen. Hör mal, im Moment wohne ich noch bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse, aber demnächst mache ich ne Wagenburg auf. Wie in Rotterdam. In Rotterdam hab ich Blut geleckt. Ich such nur noch ein paar Leute, die mitmachen, die auch einen Wohnwagen haben oder so. Grundstück hab ich an der Hand, ein verlassener Schrottplatz. Was meinst du? Kein Interesse? Kennst du jemanden, der Lust auf ne Wagenburg hätte? Kannst mich ja mal besuchen kommen. Mit deiner Frau."

"Wo? Auf dem Schrottplatz?"

"Nee, bei den Hühnern auf der Niedersachsenstrasse. Bin da noch ne Weile gemeldet."

Die Praxis lag in der Fußgängerzone von Elberfeld. Da ich mein Kommen telefonisch angekündigt hatte, ging ich davon aus, dass das Codein-Rezept bereits ausgestellt war und ich es nur abholen musste. Die Bruckner, eine agile Sprechstundenkraft, die stets mehrere Dinge gleichzeitig erledigte, telefonierte gerade und stöberte währenddessen in einer gewaltigen Patientenkartei. Das Wartezimmer war proppenvoll, Junkies aus Wuppertal und dem gesamten Bergischen Land gaben sich die Klinke in die Hand.
Als die Bruckner den Hörer auflegte, schob ich wie üblich den Fünfer Rezeptgebühr über den Tresen. Sie gab meine Daten in den Rechner ein, schaute auf den Computerbildschirm.

"Tja, mein Freund und Kupferstecher, heute ist nochmal ne UK fällig."

"Schon wieder? Ich hab doch erst letzte Woche.."

"Tja, wir müssen vier UK’s pro Quartal machen. So steht’s geschrieben. Dazu sind wir verpflichtet, mein Freund."

Den Kupferstecher ließ sie bereits weg. Sie roch den Braten. Verflucht. Das hatte noch gefehlt. Von der Schore, die Flesch mir abgedrückt hatte, war ich breit wie lange nicht, meine Pupillen Stecknadelköpfe. Die Bruckner reichte mir einen Plastikbecher. Für die Urin-Kontrolle. "Oder möchten Sie gleich zum Doktor rein?"

"Nee", beeilte ich mich, "nee, schon in Ordnung."

Vielleicht traf ich ja auf dem Männerklo jemanden, der saubere Pisse abdrücken konnte. Ich stand mit dem leeren Plastikbecher in der Hand vorm Waschbecken und wartete auf irgendeinen cleanen Kameraden, doch es war wie verhagelt. Entweder hatten die Leute ebenfalls Beikonsum gehabt oder aber ich erntete erst gar keine Antwort. Nach zehn Minuten gab ich auf, pinkelte in den Becher, und stellte ihn, nur spärlich gefüllt, "mehr geht nicht", im Labor ab.

"Ist das Rezept schon fertig?" versuchte ich es.

"Na, Moment, mein Freund", rief die Bruckner, die meine Frage vorn an der Rezeption mitbekommen hatte. "Erstmal schön das Ergebnis abwarten."

Ich nahm im Warteraum Platz. Pech auf ganzer Linie. Schließlich konnte man Glück haben und das Rezept wurde schon ausgehändigt, bevor das Screening durch war und das positive Ergebnis feststand. Positiv getestet auf Morphine, Amphetamine, Benzos, Kokain. Dann hieß es, schnell um die Ecke in die Apotheke und das BTM-Rezept einlösen, bevor eine Arzthelferin in der Apo anrief, um das Rezept zu stornieren. Dann war Sense mit Take Home, dann hieß es mindestens zwei Monate lang jeden Tag in der Praxis in Elberfeld antanzen und Codein abschlucken, statt den Vorrat für eine Woche mitnehmen zu dürfen.

Als ich so dahockte, zwischen all den anderen Fertigen, schraubte der Doc plötzlich den Kopf aus dem Chefzimmer, und zufällig traf mich sein Habichtblick. Er fixierte mich regelrecht. Auch wenn der Vorgang nur eine Sekunde dauerte, ich sah Hass aufblitzen in seinen Augen. Es dauerte keine zwei Minuten, da winkte der Doc mich ins Chefzimmer. Und kam gleich zur Sache.

"Was haben Sie denn für Pupillen?"

Diese verfluchten hellgrünen Augen. Da blieb nichts verborgen.

"EIGENTLICH MÜSSTE ICH KNALLHART SEIN GEGENÜBER PATIENTEN WIE SIE EINER SIND! SIE WOLLEN GAR NICHT ENTZIEHEN, SIE WOLLEN AUCH OHNE HEROIN GUT DRAUF SEIN!"

Was redete der Mann? Wieso ohne Heroin? Zeigte das Test-Ergebnis etwa nicht die Einnahme eines Morphins an? Der Doc schien zu glauben, ich hätte zu viel vom Codein intus und von daher so winzige Pupillen..

"Ich äh hab heut Morgen.. ich bin..", setzte ich konfus an, doch der Doc schien einen schlechten Tag zu haben: demonstrativ zerriss er das neue Rezept (wo hatte er das denn her, so plötzlich?) in zwei Teile.

"UND JETZT RAUS MIT IHNEN!"

"Doktor, ich geb ja zu, ich hab heute.. die vergangenen Tage zu viel genommen, ich hab Stress.. mit meiner Freundin, und damit ich keinen.. Beikonsum.."

Während ich irgendetwas faselte, fasste ich den Entschluss, hier so lange sitzen zu bleiben, bis ich ein neues Rezept in den Händen hielt, und sollte es auch das letzte sein, was ich in dieser Praxis jemals ausgehändigt bekommen sollte. Der Arzt tippte unwirsch auf der Tastatur herum.

"WIE OFT KOMMEN SIE? EINMAL DIE WOCHE?!"

"Ja, alle sieben Tage."


"NA, DAS IST JA WOHL EINMAL DIE WOCHE ODER NICHT!?!"

Das könnte ihn besänftigen, dachte ich. Schließlich war ich genau im Rhythmus. Ich war keinen Tag zu früh in der Praxis. Viele Junkies kamen einen Tag vor ihrem Regulären Turnus-Tag, weil sie zu viel genommen hatten und ihnen ein Tag fehlte. Das brachte den Doc regelmäßig auf die Palme. Der Doc schien einen Gang zurückzuschalten. Er seufzte.

"Wissen Sie eigentlich, dass Sie Codein zutiefst unterschätzen? Ein Codein-Entzug ist härter als ein Heroin-Entzug."

Ja, das war mir nicht neu. Das war Dauerthema in der Szene. Noch schlimmer sollte der Entzug von Methadon sein, eine monatelange Qual. Dennoch lauschte ich den Worten des Doktors, als hörte ich alles zum ersten Mal. Ich machte ein liebes Gesicht.

"Ein schwerer Codein-Entzug dauert mindestens sechs Wochen, und geht vor allem nach vier Tagen erst richtig los. Jedenfalls wenn man mit dem Saft so maßlos umgeht wie Sie."

Er wollte wissen, wie viel ich heute genommen hatte.

"Zehn Milliliter", tischte ich ihm auf. Das wäre zwei mehr gewesen als die verordnete Tagesdosis.

"So, zehn also. Und wie kommen Sie dann mit den Töpfen eine Woche lang aus, wenn Sie das Zeug saufen wie Wasser?"

"Das hab ich ja nur heute gemacht.. und gestern."

Dann kam ich drauf: das Ergebnis war ihm noch gar reingereicht worden. Anders konnte ich mir seine Worte nicht erklären. Er hatte meine winzigen Pupillen zufällig im Warteraum gesehen und glaubte aus unerfindlichen Gründen, der Grund dafür sei zu viel Codein gewesen. Für einen kurzen Moment erschauderte ich bei der Vorstellung, dass die Bruckner jetzt zur Türe reinkam, das Ergebnis in den Händen: Positiv auf Heroin getestet. Dann wäre ich erledigt gewesen.

".. das war das letzte Mal, Doktor, versprochen!" hörte ich mich betteln.

Der Doc winkte genervt ab.

"Ich kenn euch Vögel doch. Wenn euch das Wasser bis zum Halse steht, erzählt ihr einem das Blaue vom Himmel. Was wir machen ist folgendes: Ich seh Sie in vierzehn Tagen hier wieder. Fangen sie mit acht Milliliter an und dosieren sich jeden Tag ein bisschen runter bis Sie wieder auf fünf sind. Sie werden sehen, das funktioniert. Wenn nicht, müssen Sie sich Nachschub auf dem Schwarzmarkt besorgen, oder wo auch immer, ist mir egal.."

Er begleitete mich zur Tür und rief der Bruckner zu, sie sollte ein neues Rezept für mich ausstellen. Im Warteraum waren alle Blicke auf mich gerichtet. Ich wiederum guckte an der Rezeption vorbei, zum Labor. Da stand mein voller Becher, immer noch auf dem Tablett. Er war noch nicht mal getestet worden. Man hatte ihn schlicht vergessen.

"Noch mal Glück gehabt, wie", meinte die Bruckner, während der Drucker ratterte und mein neues Rezept schrieb.

Ich fühlte mich clean wie lange nicht.
20.7.17 17:20
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung