Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Da knallen wir noch ein Überbein rein

Seit einem erneuten Bandscheibenvorfall schleppte ich nicht nur ein taubes Schienbein mit mir herum - was an sich nicht weiter tragisch war, nur wenn ich testweise gegen den Röhrenknochen klopfte, spürte ich: nichts - aber es erwischte mich auch alle Nase lang im Kreuz. So gesehen waren Rückenschmerzen kein Grund zur besonderen Beunruhigung, Rückenschmerzen waren zum ständigen Begleiter herangereift, zum chronischen Onkel, doch an diesem Tag strahlte der Schmerz bis tief in den Oberschenkel, und das war neu. Es fühlte sich an, als wollte sich ein zusätzlicher Knochen in die Gelenkpfanne quetschen:

Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ganglion-Style!

Ich zum Orthopäden, um den Schaft offenzulegen und den bösen Schienbeinschleim abzuschlürfen, mahahaa! ich bin aber auch zu gut drauf heute - astrein, was ich alles rede! Ich weiß, ich weiß, so was sagt heutzutage kein Mensch mehr, "astrein", bis auf ein paar Unverbesserliche - und für Euch schreibe ich, ihr Jungens und ihr Mädchen da draußen! Ihr Unverbesserlichen, ihr seid nicht allein!

Astrein!

Orthopädische Praxis, vierter Stock. Aus dem schnuckeligen kleinen Bretterverschlag früherer Jahre, wo es lecker nach italienischem Kaffee duftete, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis von drei Ärzten geworden. Bläuliche Mineralwasser-Spender bubbelten in jeder Ecke vor sich hin und markierten den Umschwung, Arzthelferinnen in allen Schattierungen und Gewichtsklassen wuselten über die Gänge. Da zwei der drei Fachärzte krank bzw. außer Haus waren, wurden vorn an der Anmeldung all die Patienten abgewimmelt, die kein Notfall waren bzw. keinen festen Termin vorzuweisen hatten.

"Ich bin ein Notfall", gab ich meine außerordentliche Versehrtheit sofort zu erkennen und versuchte es darüber hinaus mit meiner speziell auf solche Fälle zugeschnittenen Leidensmiene, einer Kombination aus beleidigtem Cherno Jobatey und Peter Sloterdijks "Mir tut der Arsch weh"-Fresse.

"Ich habe schlimme Rückenschmerzen, liebe Frau. Ich hatte vor Jahren schon mal einen Bandscheiben.."

"Moment, Moment, junger Mann, Termine und Kontrollen gehen heute vor, da helfen keine noch so schlimmen Bandscheibenvorfälle. Vielleicht kommen Sie Montagmorgen wieder, dann sind wir wieder vollzählig.."

"Ja, aber ich kann kaum noch auftreten...! Hier, sehen Sie."

Ich humpelte im Kreis, direkt vor der Rezeption. Das sah nicht gut aus. Das sah man doch. Ich war ein in der Mechanik streikendes Blechspielzeug, eine total kaputte Micky Maus. Die Arzthelferin seufzte. Eine Kollegin kam vorbei, und seufzte. Alles schaute mich seufzend an. Na gut.

Ich nahm im Warteraum Platz.

"Aber Zeit müssen Sie schon einkalkulieren."

Als müsse man das nicht sowieso. Doch ohne Strafe kommt man in diesem Leben nicht davon. Nicht nach einem solchen Zirkus-Auftritt. Manchmal dauert es seine Zeit, bis die Strafe sich sehen lässt, manchmal folgt sie auf dem Fuße. Im Anschluss an meine kleine Humpelei wurde jeder Patient, der nach mir die Praxis betrat, konsequent vor mir drangenommen, und zwar zwei Stunden lang und ohne jegliche Ausnahme: Termingesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Ellenbogenoperierte.

Erst als sich der Wartebereich, bis auf mich, komplett geleert hatte, Punkt zwölf Uhr, wurde ich in ein Behandlungszimmer geführt. Was nun nicht hieß, dass ich drankam.

Ich wartete nur woanders.

"In fünfzehn Minuten können Sie schon mal laangsam anfangen Hosen und Schuhe auszuziehen."

Ich wartete eine Weile. Dann zog ich mich langsam aus und ließ mich brav auf meinem Schemel nieder. Aber ich hatte schon zu viel gesessen. Ich verlor die Geduld. Ich stand verbotenerweise auf, ging auf und ab. Am Rechner rief ich per Mausklick meine Patienten-Daten ab. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. Vor zehn Jahren. Wie die Zeit vergeht. Nur die aktuelle nicht. Die trat auf der Stelle.

Humpel, humpel.

Mein Bein schmerzte. Der Rücken sowieso. Ich machte noch ein paar Schritte, versuchte mich zu lockern, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein prächtiger roter Ahorn-Baum, er leuchtete wie ein Hochofen, in dem all die Rücken-und Fußversehrten verbrannt wurden, denen nicht mehr zu helfen war, die man aufgegeben hatte. Ich hörte Stimmen. Die Tür schnappte auf.

"Guten Morgen! Doktor Stefan Lausch mein Name!"

Volles Haar, sehniger Typ, Mitte dreißig. Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so prall rüber, als hätte er sich im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Damit es direkt gut roch, wenn er einem beim Händeschütteln die Knochen brach.

Erster Eindruck: cleveres Bürschchen. Der schuf sich seine eigene Klientel beim Händeschütteln. Darauf muss man erstmal kommen. Ich achtete ihn hoch. Bis auf weiteres. Noch hatten wir erst angefangen.

"So. Was haben wir denn Schönes?"

Bevor ich antworten konnte, las er schon die in der Patientenmaske vermerkten Daten ab.

"Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar."

Bibliothekar. Ja, sehr hübsch. Irgendetwas hatte ich ja angeben müssen, als Beruf. Womit man seine Rosinenschnecken verdient, und das war 2007 nun mal in der Bibliothek des Design-Instituts am alten Hauptbahnhof.

"Und, wo brennt's? Akute Rückenbeschwerden...?"

Ich berichtete, welche Probleme mein Kreuz neuerdings machte. Zeigte dem Doc, wo es brannte. Das mit dem zusätzlichen Überbein in der Gelenkpfanne behielt ich für mich, Schulmediziner reagieren schon mal allergisch auf Diagnosen von Laien.

Es folgte Gymnastik. Der Doktor wollte sehen, ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte. Tat es weh, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte? Und wie war das? Tat das vielleicht weh? Nein? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es jetzt!? TUT DAS WEH!??

"Nein. Eigentlich nicht."

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen. Nicht so direkt. So gar nicht wehleidig. Ab jetzt war ich in seinen Augen ein Simulant, der nur einen gelben Schein abgreifen wollte. Jedenfalls tat er meine Vermutung, dass es sich um einen weiteren Bandscheibenvorfall handeln könnte, als unwahrscheinlich ab.

"Ich denke, es handelt sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie noch mal, was war das.. Bibliothekar...? Also eine überwiegend sitzende Tätigkeit. Hm. Schön. Na gut, na gut. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT. Brauchen Sie was gegen Schmerzen? Soll ich Sie spritzen? Ja..? Gut. Ziehen Sie die Hose runter."

So schnell hatte ich die Unterhose lange nicht mehr unten.

"Reicht?" fragte ich scheinheilig und zog die Buxe noch ein Stück weiter runter, angeblich um Platz für die schmerstillende Spritze zu schaffen, und tatsächlich: Sofort lugte die ansonsten im Hintergrund agierende Arzthelferin verstohlen zu mir rüber. Verdammtes Luder! Die soll sich bloß vorsehen und im Treppenhaus auf mich warten! Das heißt, wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen!

Luder!

Computer-Tomografie. Der Radiologe war gleich um die Ecke. Was heißt um die Ecke, was heißt Praxis - ganzes Haus, drei Etagen, vierhundert Meter entfernt. Abfertigung wie auf einem Flughafen, rüder Mammografie-Massenbetrieb.

Kasernenhofton.

"Jacke und Hose aus, Schuhe aus! Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen! Dann hinsetzen! Jemand kommt und holt Sie ab!"

Als ich halbnackt in meiner Kabine Platz nahm, musste ich plötzlich pinkeln. Ich konnte es nicht mehr aufhalten. Hose wieder an, Schuhe wieder an und durchs Wartezimmer zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen, ich schiffte die ganze Weide voll. Dann zurück über den Gang, im Langlaufschritt, damit ich mir nicht auf die offenen Schnürsenkel trat und womöglich aufs Maul flog.

In der Kabine. Schuhe aus, Hose aus, Pullover aus. Es roch schon ein bisschen nach mir. Kaum saß ich auf dem Bänkchen, wurde mir schuppig. Ich zog den Pullover wieder an, als wie von unsichtbarer Hand die Tür aufgeschoben wurde, "Herr Glumm...?", und man mich in einen großen hellen Raum führte.

Ich sah einen stabilen Untersuchungstisch vor mir, der in einen großen Ring führte, dahinter eine große weiße Maschine, deren Schlund offenstand und auf mich wartete.

"Einmal bitte hinlegen.."

Das Bedienpersonal sah aus, als wäre es an einem Mittwoch geboren worden. Seither war es mittwochs chronisch müde und wollte nur zurück ins Bett, schon am Morgen. Nun war es Mittwochmorgen, ein Mittwoch im Oktober. Das Personal war müde.

"Ist das warm hier", sagte ich, "da wird man ja müde", und zog den Pullover aus.

"Den können Sie hier ablegen, wenn sie wollen", sagte die Sprechstundenhilfe, "aber es lohnt eigentlich nicht. Können Sie in der Hand halten."

"Warum lohnt das nicht?"

"Dauert nur zwei Minuten."

"Nur zwei?"

"Ja. Zwei."

"Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt."

"Nur zwei Minuten. Kein Problem."

"Und mit dem Kopf muss ich nicht in der Röhre?"

"Nein." Sie zeigte mir die Apparatur. "Sie bleiben mit dem Kopf draußen, nur ihr Körper verschwindet da drin. Sind Sie schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich."

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, einen halben Meter, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Es war, als würde der Rest meines Körpers in einen überdimensionierten Verlobungsring verschwinden. Kam jetzt etwa die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin?! Wurde ich endlich mit der Technik vermählt!? Mit dem Somaton CT: SENSATION 16!

Um den Referenzpunkt festzulegen, wurde ich gelasert.

"Nicht in den Laserstrahl gucken!" hörte ich.

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Einer der Radiologen, ein großer Kerl, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis der CT-Untersuchung mit.

"Sie sind schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Davon habe ich nämlich auch nichts sehen können."

Aha.

Dann blickte er mir so ernst ins Gesicht, so grimmig, als hätte er soeben einen Zentner Krebs in meinem Rücken entdeckt. Extrem bösartig streuenden doppelten Arschkrebs.

"Man sieht deutlich die Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein."

"Kein Prolaps?"

"Kein Bandscheibenvorfall. Ich würde sagen, das kann noch konservativ behandelt werden."

"Konservativ?"

Er stöhnte leise und schnell. "Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben."

"Wenn ich Glück habe?"

"Ja! Wenn Sie Glück haben! Und wenn Sie mich fragen, sehen Sie aus wie ein verdammter Glückspilz!"

Er kam mir vor wie ein Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat im engen Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs war und sich dabei langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilte und die Schuld dafür seinen Patienten in den Rücken schob.

Er tippte mit dem Stift auf einen der Monitore und sabbelte was von Schichtaufnahmen und Gallert-Flüssigkeit und irgendwas mit einer dicken saftigen Apfelsine. Er zeigte mal hier hin, mal dort hin, erwähnte "unerwünschte Abnormitäten" und was weiß ich noch alles. Ich hörte kaum hin. Und das mit der Apfelsine hatte ich überhaupt nicht kapiert.

"Aber was letztlich bei Ihnen gemacht wird, entscheidet natürlich der Doktor..", er warf einen schnellen Blick auf mein Patientenblatt, ".. Lausch."

Als ich die Praxis verließ und nach Hause ging, fragte ich mich unterwegs immer noch, was er wohl mit Apfelsinen gemeint haben könnte und warum er nicht Orange gesagt hatte, so wie jedermann sonst heutzutage. Alle sagten doch Orange und nicht Apfelsine, und so gut wie niemand fand irgendetwas noch astrein. Aber ich hätte ihn ja auch einfach fragen können. Ja, so war das wohl, und ich wusste nicht richtig, warum alles so war, wie es war.

In der Ferne flötete eine alte Lokomotive.
12.7.17 11:25
 



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