Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Klimaerwärmung und schönes Wetter

Mittags sitz ich bei Kamps am Grünewald, wo der Formatbäcker ein Cafe betreibt, einem großen Discounter-Markt vorgeschaltet. Schön laut ist es hier, voll mit einfachen dicken Leuten und Lautsprecherdurchsagen: „Frau Glas bitte, die 45! Frau Glas bitte!“

(Uschi, denk ich. Die 45. Nun mach schon.)

„Die 45 bitte!“

Gegenüber, am mobilen Wurststand einer alteingesessenen Metzgerei, lassen sich gut geräucherte Mettwürstchen mopsen, der Stand ist nach hinten hin offen, Nachschub wartet in übereinander gestapelten Kisten und Körben, in die man locker reingreifen kann, ohne dass es dem Personal auffällt. Im Prinzip jedenfalls. Habe ich mir beim Reinkommen ein bergisches Mettwürstchen genehmigt, aber das war kein Diebstahl, das war spontanes sportliches Verhalten.

Am Tisch rechts von mir sitzen zwei schnatternde Weibchen und ein ketterauchendes Männchen, es säuft Wasser. Es pafft ducal und trägt eine Hose mit verbeulten Nadelstreifen und eine Wampe geformt aus Franchise-Speisen, halbwegs in Form gehalten von einem lila Sweatshirt mit Papagei drauf:

Santa Lucia.

Das rauchende Vögelchen (es ignoriert das Rauchverbot und ascht auf die Untertasse) scheint einem Schmerz verfallen, einem tiefen Schmerz, so tief, ich muss schon weggucken. Und wieder hin. Ein Schmerz wie O-Ton. Und noch mal hingeguckt, ins Schmerzgesicht. Es sagt keinen Ton. Sitzt nur da, und pafft ducal, das Gesicht verzerrt.

„Rente ist noch nicht drauf“, höre ich eine der beiden älteren Damen, die mit ihm am Tisch sitzen, „sonst hätt ich mir heute was leckeres gegönnt, Ilse, glaub mir das. Was leckeres. Nicht hier Bohnengemüse..“

„So? Was denn sonst?“

„Na, hier, den Speck-Topf. Den Topf da.“

„Wenn du das so gerne magst, Christel, warum hast du dann nichts gesagt? Hätt ich dir doch ausgelegt, die paar Cent, hör mal.“

„Ach, ist doch lächerlich, Ilse. Immer nur über die Runden kommen und am Fünfundzwanzigsten fehlt ein Euro siebzig für den Speck-Topf.“

„Sechsundzwanzigster, Ilse. Sechsundzwanzigster.“

„Ja und? Aber Bohnengemüse ist auch in Ordnung. Wenn du Hunger hast, Christel, ich mein, so richtig Hunger..“

„Schon. Aber bisschen Geschmack muss dran sein.“

„Ja, das natürlich, klar, bisschen Geschmack muss dran sein. Sonst ist alles nichts. Kannst du direkt zuhause bleiben.“

„Apropos. Sollen wir nächste Woche ins neue Cafe, oben am Rondell?“

„Am Rondell oben? Wo meinst du? Wo denn?“

„Oben am Bismarckplatz.“

„..ach, am Rondell! Da oben!“

„Das Cafe, das dem Nicoll gehört. Mit den drei Kindern und dem Mann.“

„Die Nicoll? Die hat doch kein Mann, hör mal.“

„Doch, sicher. Drei Kinder hat Nicoll und einen Mann, und früher ein Pferd. Jetzt nicht mehr. Die ist ja so spack geworden, die Nicoll, seit die nicht mehr reitet. Die hatte früher keinen Hintern in der Hose.“

„Ach was, spack. Die ist im siebten Monat. Deswegen.“

„Och! Die ist schon wieder schwanger?? Und dann macht die das Cafe auf oben am Rondell?!“

Zwischendurch lasse ich den Blick schweifen. Unter Leuten sein macht am meisten Laune, wenn man selten unter Leuten ist. Man hat automatisch den Blick des Auswärtigen. Man macht sich Gedanken. So ein hübscher Junge, denke ich, und irgendwann wird er Filialleiter. Der Bauch wird dick, er kriegt ne Glatze - was eine Verschwendung. Ich seh es schon vor mir. Ist das alles ein Elend.

Filialleiter!

„Guck mal, wer da kommt.. Tach, Paula.“

„Tach, ihr zwei. Ist das nicht ein herrlich Wetterchen draußen?“

„Doch. Haben wir auch verdient.“

„Obwohl, normal ist das nicht, fünfunddreißig Grad die ganze Zeit.“

„Nee, ist nicht normal. Nee.“

„Klimaerwärmung. Aber schönes Wetter.“

„Schönes Wetter“, fährt das Schmerzgesicht jäh dazwischen, mit einer Bass-Stimme, so tief, als würde bei Kamps Pumpernickel aufgebacken. Hundert Prozent Schwarztbrot, und eine Packung ducal. Niemand am Tisch reagiert auf ihn. Es ist so, als habe er gar nichts gesagt.

„Habt ihr schon wieder keine Lust zu kochen?“ erkundigt sich Paula, und blinzelt.

„Mittwochs nie. Aber Rente war noch nicht drauf, also gab es nur Bohnengemüse.“

„Och, kein Stück Fleisch dabei?“

„Ja, ohne Pommfritt auch.“

„Macht doch ne Gemeinschaftskasse auf. Ihr seid doch so oder so jeden Mittwoch hier, oder, Christel?“

„Vielleicht gehen wir nächsten Mittwoch hoch zum Rondell, ins neue Cafe vom Nicoll. Die haben früh am Morgen schon auf, bis spät in die Nacht, oben am Rondell.“

„Am Rondell?“

„Ja, das neue Cafe. Vom Nicoll.“

„Vom dicken Nicoll? Mit den drei Blagen die?“

„Die ist nicht dick. Die ist im siebten Monat.“

„Ist das wahr? Nee, ne? Schon wieder ein Balg?!“

Als ich aufstehe und mein Tablett in die Hand nehme, lese ich an der Lottobude die Schlagzeile:

DER SAHARA SOMMER IST DA.

„Frau Glas, bitte die 45! Frau Glas bitte!“

Ich stelle das Tablett in den Wagen. Mann, ist das heiß hier.
1.7.17 08:42
 



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