Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Verdammt! Ich bin besessen und ich sitz viel

Wenn wir gelegentlich gemeinsam das Haus verlassen, erkundigt sie sich, ob ich alles dabei habe. Den Haustürschlüssel, Geld, Obst?

Obst?

Obst.

Damit meint sie mein Notizbuch, eine Losung, ein Codewort, aus den 80ern herübergerettet, als mein Vater, der Handwerksmeister, mich noch mit Notizbüchern versorgte, Aufmaßbüchern, Werbegeschenken vom Großhändler. Besonders die Notizbücher von Maschinen Brüne, Remscheid, hatten es der Gräfin angetan, die fand sie am besten in meiner Hand. Sie waren knallorange. Wie Rechtecke sahen sie aus, aus sonnengereiften saftigen Apfelsinen gestanzt.

"Hast du dein Obst eingesteckt?"

Für mich ist so ein Notizbuch eher wie ein Spray für den Asthmatiker, der penibel darauf achtet, nicht ohne seinen Turbo-Haler aus dem Haus zu gehen. Für den Notfall. Es könnte ja immer mal sein, dass man unterwegs etwas aufschnappt, was kräftiges, schräges. Dass man etwas großes schwarzes einatmet. Ich gebe es zu: jawohl, ich bin scharf auf Aufgeschnapptes. Ich inhaliere euch. Ihr da draußen. Alle wie ihr da seid.

Aber ich überrasche auch schon mal Gedanken in meinem eigenen Kopf. Wie Diebe in der Nacht steigen sie über den Balkon ein, und wenn ich sie auf frischer Tat stelle, werden sie einzeln und per Handschlag begrüßt: "He! Du da! Noch'n Kompagnon dabei? Steht jemand Schmiere da draußen?! Ihr könnt alle reinkommen! Kein Thema!" Es kann schließlich nie genug Gesindel eindringen in den Schädel. Ich liebe den kriminellen Hintergrund, die Kokainpropaganda, Verbrechervisagen. Überhaupt! Wäre es nicht das Größte: So schreiben, als wäre es verboten. Als würde man sich ständig glücklich übergeben. Das wäre das Allergrößte. Sich bekotzen mit Buchstaben. Total vergnügt, total verboten.

Über die Jahre hat sich ne Menge angesammelt bei mir. Dutzende Notizbücher türmen sich im Regal und auf dem Schreibtisch, liegen kreuz und quer verteilt auf der grünen Jugendstil-Kommode. Manchmal steh ich davor und greife einfach rein, nur so zum Spaß, wie in eine Lostrommel, mal sehen, was Käptn Zufall zu Tage fördert.

Blaues Notizbuch, Juni 2008. Schon relativ schrumpeliges Obst. Ich schlage es in der Mitte auf. Was haben wir denn da schrumpeliges..

"Schade, dass man im Sitzen nicht gehen kann", lese ich laut vor, "ich wäre nur unterwegs."

"Na, der Spruch ist von dir", tippt die Gräfin. Sie steht im Flur und macht sich parat zum Weggehen, mit dem Hund. "Ein typischer Glumm."

"Mh", murmle ich nur, und lese eine Zeile drunter: "Das Geheule von heute ist das Gelächter von morgen."

"Jaa, das ist schön", schwärmt die Gräfin. "Von wem? Doch nicht von dir, oder?"

"Na, von wem wohl", sag ich. In Klammern steht das S. Ihr Zeichen. "Von dir natürlich."

"Wow! Bin ich toll!" Sie knöpft ihren Admiralsmantel zu und legt den Schal um. "So. Hab ich alles?"


*

Mystische Pop-Songs, die einem als Jugendlicher in Fleisch und Blut übergegangen sind und die man lange Jahre nicht gehört hat, aber wie aus dem Nichts sind sie wieder da und fluten die Erinnerung: im Autoradio, bei Freunden, im Fernsehen.

Hier, 3 Beispiele.

1.

"Do it again" von den Beach Boys.

Besonders der Anfang, die ersten vorwärts drängenden Takte bis der Beach-Boys-typische Gesang einsetzt. Es ist, als würde man früh am Morgen eine lichte Werkshalle betreten und mit einem lässigen Knopfdruck schmeißt der Chef die marschierendste aller marschierenden Maschinen an und die ganze Belegschaft marschiert im Takt einer Sonnenmaschine, "It's all american.."

2.

"Blackpatch" von Laura Nyro.

Das von Piano und Bläsersätzen getragene Stück war zu Beginn der 70er die letzte Nummer auf einem Sampler, mit dem sich ein New Yorker Label in Europa vorstellte. Ich hab die LP damals per Zufall auf einem Wühltisch gefunden, bei Karstadt oder Montanus. Als ich das Lied hörte, durchzog mich damals schon die Melancholie einer Zeit, die niemals aufhört: Die Sehnsucht nach dem einen funkelnden Moment, der alles andere in den Schatten stellt.

Es ist die einzige Nummer überhaupt, die ich von Laura Nyro kenne. Und als ich sie jetzt in einem Spielfilm hörte, im Hintergrund, fühlte ich mich kurz zurückversetzt in mein altes Kinderzimmer, und nebenan ist Mutter in der Küche und hört Radio Luxemburg, die Großen Acht.

Es ist Samstagnachmittag.


3.

"Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung" von James Last.

War auf irgendeiner dämlichen LP meiner Eltern drauf, aber ich liebe die Nummer bis heute. Als noch niemand von Easy Listening sprach, schaffte James Last ein Stück Musik, das perfekt das Deutschland der frühen 70er Jahre abbildete. Der Wunsch, sich der Welt freundlich zu präsentieren, mit der Ahnung, dass spätestens am Abend wieder alles vorbei sein wird, wie immer.


*

"Nur wer sich mal hinsetzt, kann auch wieder aufstehen."
(Die Gräfin, Verfechterin von der Pause zur rechten Zeit).


*

Früher hab ich Leute an der Bar getroffen, die hatten Spendierhosen an, heute treffe ich Leute in der Praxis, die tragen Sprechstundenhosen. Welch ein Niedergag. Niedergang.

*

Was der Orthopäde meinte..: ein "leichter" Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel. Und was ist mit dem stechenden Schmerz im linken Bein?

"Da ist ein Nerv eingeklemmt. Aber das geht von alleine weg."

Ja, super. Geht von allein weg. Wie damals in der 7a, als mich eine Weile alle nur noch Pickelfresse riefen und ich darauf wartete, dass die fiesen stacheligen Früchte in meinem Gesicht endlich von allein runterfallen oder aufplatzen.

VON ALLEIN!

Wie konnte das überhaupt geschehen, der Vorfall in den Bandscheiben, ich hab keine Ahnung, vom vielen Sitzen vermutlich, klar vom Sitzen, woher denn sonst: Ich bin besessen und ich sitz viel, ich bin ein Bildschirmarbeiter, die sitzen nun mal viel, die sind besessen, das ist so.

*

Aufs Kreuz gelegt hatte ich mich aber bei uns im Hinterhof, wo es so feucht und dunkel ist, dass sich kleine Inseln aus Moos gebildet haben, auf dem asphaltierten Weg.

Seifiger glitschiger Untergrund, nasses Tee-Wetter am Abend - ZIMMP! - rutsch ich mit den Schlappen weg! (Ich wollte ja nur auf einen Sprung zum Bolzplatz, hinter dem Frau Moll eines ihrer diversen Klos unterhält, in dem dichten Gebüsch, in dem die Niete begraben liegt, unser erster Hund. So fügt sich eins zum anderen. Zwei tote Hunde.)

Auf Schlappen. Ich rutschte auf dem seifigen Untergrund aus und knallte wie ein Brett nach hinten weg, landete auf den Rücken, so ansatzlos und schnell, dass ich den Sturz kaum auffangen konnte, titschte noch mit dem Hinterkopf auf, wie ein Flummi, tapp-tapp. Zwei Mal.
Ganz trocken.

Flapp.
Falapppp.

(Mit welcher Lässigkeit dagegen Tiere fallen. Die versuchen gar nicht erst sich abzufangen, die fallen einfach. Sie LASSEN fallen.)

Ich blieb einen Moment liegen, versuchte zu realisieren, was passiert war. Bewegte ein paar Sachen, ob die gelähmt waren, Körpersachen. Ob da Blut kam, aus dem Hinterkopf, voll am sickern womöglich. Da war aber nichts. Da tat auch nichts weh. Ich war nur abgegangen wie eine niedersausende Bahnschranke.

Ich stand auf und ging weiter, aufmerksam, auf Schlappen, über grüne moosige Inselchen, zum Gartentor, wo der Hund auf mich wartete, der währenddessen schnuppern gewesen war und nichts mitbekommen hatte und jetzt darauf wartete, dass ich endlich das Törchen öffnete und er weiterlatschen konnte.

Ich hätte gelähmt sein können, oder tot, mit weniger Glück. Ohne jegliches Glück. Im Schicksalsmoos. Und was zählt da schon, dass ich das hier morgen lese und denke, was ein Müll, wo ist die Löschfunktion, weg damit, vielleicht auch nicht.


*
"Schreib deinen Roman und hör endlich mit dem scheiß Bloggen auf. Wie oft soll ich das noch sagen? Das hindert dich nur noch."

"Aufhören?? Mit dem Bloggen?? Was denn! Jetzt schon!?"

*

Interview mit Glumm bei Zeilensturm Driesen:

"Pleite sein und ich feiern demnächst Gnadenhochzeit"
3.5.17 13:50
 



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