Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Große Sprünge sind kleines Fliegen

Am Tag gibt der Mensch durchschnittlich acht Stunden fürs Sterben aus, zumeist in den Nachtstunden. Oder was ist eine Bettdecke anderes als ein warmer leichter Sargdeckel?

*

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: Die 70er Jahre.

Was in Nachhinein schrill und farbig erscheint und nach mächtig klappernden Plateausohlen klingt, war in Wirklichkeit ein dunkles und fremdes Jahrzehnt.

Als ich der Gräfin einmal davon erzählte, wie mir nach Schulschluss im Bus ein alter Mann von hinten in die langen lockigen Haare gegriffen hatte, "Das hätte es bei der SS nicht gegeben!", änderte sich ihr Bild der 70er und aus Gold wurde beige. Sie war sogar ein bisschen böse auf mich, dass ich damit ihre Illusion beschädigte, die 70er Jahre wären sexy, fortschrittlich und verrückt gewesen, und nicht finster, fremd.

Jede Nacht, sobald Sperrstunde war und die Discos und Kneipen ihre Schlagläden schlossen, zogen wir Teenager durch die Straßen und hatten nichts Besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es dunkel war in der Stadt.

Es gab einen exakt definierten Punkt am Mast, den man treffen musste, damit das Natrium-Licht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß (oder wir sie zumindest vermuteten).

Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, da waren wir als Gang gefragt. Wie eine Herde grimmiger Kung Fu-Bullen sprangen wir nacheinander den Laternenmast an, ein Trommelfeuer an Tritten ging auf den Punkt nieder, HA! HU! HO!, so wie Carl Douglas in Kung Fu Fighting sang, bis es geschafft war. Endlich Dunkelheit. Endlich Nacht.

Endlich 1976.

*

Der Regen rast durch den Wald, als hätte er Räder. Niemand unterwegs, außer mir und Frau Moll. Selbst im Homosexuellengebüsch am Panoramaweg herrscht Flaute. Der Regen spült gelangweilt die Wichse aus dem Erdreich. Der Hund? Steht verdrossen im Gebüsch, wie ein nasser Tankwart, der einem Wagen hinterherglotzt, der niemals anhält.

*

Ich war schon immer ein Außenseiter, ich hab nie wirklich irgendwo dazugehört, auch wenn ich noch so sehr oben war, auf dem Olymp der Kumpel.

*

Wir sitzen beim Griechen. Es gibt gebackenen Ziegelstein, der auf der Schiefertafel im Eingangsbereich als "Heute: Gebackenes Zieglein" angepriesen wird. Schätze, da muss auf dem Weg von der Küche bis zu unserem Tisch irgendwas schief gegangen sein. Schwere zähe Knoblauchkost, und die Kartoffeln hat der Koch einfach mit reingeschmissen in den Backofen und später mit der Schürze rausgeholt. Freut sich der Hund, wenn wir nach Hause kommen.

Eine Tante der Gräfin, lange Jahre als Altenpflegerin beschäftigt, erzählt beim Essen (mal wieder) von früher, als sie den alten Knaben auf Station die Rosinen vom Hintern geschnitten hat.

"Die waren schon ganz plattgesessen!"

Während ich auflache, ruft die Schwester der Gräfin, Chef-Laborantin beim Bayer-Konzern: "Och, Mensch, Tante Sigrid! Nicht beim Essen!"

"Wieso? Ist doch nichts schlimmes."

"Ja, vielleicht für dich nicht, du hast den Beruf ja auch gelernt! Ich aber nicht! Ich bin ja nicht umsonst mit Maschinen zusammen!"

Am nächsten Morgen. Die Gräfin hat einen fiesen Geschmack im Mund, "als wär ich wieder ein Stück gestorben heut Nacht."

"Man stirbt doch jede Nacht ein Stück", wende ich ein.

"Ja, klar. Aber man muss nicht so riechen.

*

Es gibt Zeiten, da bewege ich mich draussen dunkel und unauffällig, wie ein Donnerstag.
Der Typ, den ich unterwegs treffe, ein Künstler. Sagt er. Redet so verschwurbelt, als drohe er jeden Moment in seinem Schnauzbart zu ersaufen.
Später begegne ich einer Chinesin. Sie ist so dünn, dass sie im Stehen eine Kurve macht.
Ich guck sie mir genau an.

*

"Du kannst nichts dafür, da hast du einfach Glück gehabt", meint die Gräfin, als wir nebeneinander hergehen. "Du riechst auch heute noch nach Fußball und nach Camping in Holland mit deiner Familie. Du bist durchdrungen von deinen Kinderjahren."

*

In der Nähe wohnt die Großfamilie aus Somalia. Lauter kleine Burschen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass sie einfach nicht wachsen. Und dann sieht man sie plötzlich nicht mehr. Sobald sie die 1 Meter 50 erreicht haben, sind sie weg. Es heißt, sie seien fortgezogen. Wohin? Keiner weiß es. Bis sie eines Tages zu Besuch kommen und zwei Meter lang sind. "He, Langer, wie ist die Luft da oben?!" Na ja. Aber wo waren sie zwischen 1 Meter 50 und 2 Meter? Ein afrikanisches Geheimnis, auf bergischem Boden.
30.4.17 20:07
 



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