Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Psilos

 

 

Das Hühnerfrikassee an der Raststätte hatte einen Schlag gehabt. Mir war so kotzübel, ich bekam kaum die Scheibe runtergekurbelt, schon landeten Geflügelbröckchen und ein schlieriger Haufen Reis auf dem Rücksitz des Wagens und im Schoß meiner großen Schwester.

Vater hatte Mühe, die Spur auf der Autobahn zu halten, weil im Wagen alles durcheinanderschrie, bei Tempo 90. Schneller fuhr Vater grundsätzlich nicht, mit dem Wohnwagen hintendran. Ein englisches Modell, überlang. Aber er fuhr auch ohne Wohnwagen selten schneller als neunzig. Er war ein vorsichtiger Vater. Und ich war ein vorsichtiger Junge, dem das Essen hochkam.

Seit diesem Tag hab ich kein Hühnerfrikassee mehr angepackt. Allein das Wort Frikassee löst eine gewisse Unruhe aus, sobald es in meiner Nähe fällt. Es killert in der Speiseröhre und ich muss sofort das Fenster aufreißen und frische Luft reinlassen, sonst sitze ich wieder hinten im Ford 20 M, auf dem Weg zum Gardasee.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Cinzano, seit Freunde von mir und ich im Frühjahr 84 die glorreiche Idee hatten, frisch gepflückte halluzinogene Pilze mit einer Flasche Vermouth runterzuspülen. Seither brauche ich an der Plirre nur zu nippen, schon wird mir schummrig im Kopf. Und das bloß, weil ich es damals partout nicht wahrhaben wollte, dass Pilze, die auf der Wiese nebenan wachsen, den gleichen Effekt auslösen können wie synthetisch hergestelltes Acid, das man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler um die Ecke.

“Die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen und ein weißes Hütchen haben, sonst taugen sie nichts”, dozierte Danny, als wir über die Pferdewiese streunten. Er trug den rechten Arm in Gips, seit ihm dieses Malheur passiert war. Er war zu Hause am Tisch eingeschlafen, „breit wie ne Natter“, den Kopf auf der Hand aufgestützt, und als er am nächsten Morgen wach wurde, pochte sein Arm wie verrückt und war gebrochen.

“Die besten Psilos findet man in dunklen Ecken, wo kein Licht hinfällt. Wo die Pferde hinscheißen.”

“Ich hab's geahnt. Wir suchen Pferdescheiße.” Karlos klimperte mit den Augen. Er liebte es mit den Augen zu spielen. Riss sie auf, kniff sie zu, ließ sie Männchen machen, doch Danny war nicht aus der Ruhe zu bringen.

“Psilos wachsen zwischen Dung, Psilos sind Mistbewohner. Deswegen törnen die so gut.“

"Weil die aus Scheiße bestehen?"

"Weil die aus Scheiße bestehen."

Danny wusste, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Dem rituellen Gift der Azteken. Von heiliger Scheiße. Und davon, dass Psilos verboten sind, "genauso wie LSD, auch wenn sie draußen auf der Wiese wachsen.”

Danny war eins neunzig lang und schmal, geradezu eine Gerte von einem Mann. Aus der Ferne wirkte er wie ein großes schlaksiges Ausrufezeichen. Und er hatte einen schlimmen Silberblick, an dem auch die altmodische Hornbrille nichts zu ändern vermochte – im Gegenteil, die Gläser machten seinen Blick noch einen Tick silbriger. Man wusste nie genau, ob Danny einen wirklich meinte, wenn er einen anblickte.

“Verboten? Wieso? Sind doch Pilze”, entgegnete Karlos. “Kann doch jeder pflücken. Ist doch öffentlich, so ne Pferdekoppel. Wer will einem denn verbieten, Pilze zu sammeln. Sag ich einfach, Herr Kommissar, ich bin Pilzsammler, treten Sie bitte nicht auf meine äh Psilos, sonst muss ich Sie dingfest machen."

Ich musste lachen, Danny rückte seine Brille zurecht.

“Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt, genau wie Koks oder Heroin.”

“Na ja klar, mit Verbieten hatte Deutschland noch nie Probleme”, gab sich Karlos geschlagen.

Danny kannte sich nicht nur mit biochemischen Prozessen aus, er war auch in Rechtsfragen bewandert. Es gab Leute, die nannten ihn nur den Prof, wie in einem Abenteuerbuch für Jungen. Ich hab ihn wenig später aus den Augen verloren, wie so viele andere auch. Vielleicht hat er tatsächlich Jura studiert, oder er ist Meteorologe geworden. “He, Langer! Wie ist die Luft da oben!?” war die Lieblingsfloskel, mit der man ihn stets zum Lachen bringen konnte. Was auch immer aus ihm geworden ist, eins stand fest: Sobald ihm eine Sache zu heiß wurde, sah man nur noch einen Wusch, und Danny-Boy war über alle Berge.

Wir hatten uns bei Karlos getroffen, in seiner düsteren Mansarde am Bismarckplatz, nun marschierten wir zu dritt Richtung Stadtwald. Es war nicht weit. Keine halbe Stunde Fußweg bis zur ominösen Pferdewiese, die angeblich nur Danny kannte. Ein Hauch von wildem Schnittlauch lag über dem Forst, und wir grüßten die Raben in den Bäumen, wie Kundschafter saßen sie da und beobachteten uns.

“Da vorn ist sie, die beste Psilo-Wiese weit und breit”, rief Danny und breitete die Arme aus, als grüßte er den Messias. Dummerweise schien sich das mit der besten Psilo-Wiese bereits herumgesprochen zu haben, denn der Eigentümer der Pferdekoppel hatte den Zaun nicht nur erhöht, sondern auch gleich mit gelben Hochspannungsschildchen und elektrischen Kontakten versehen.

Danny führte uns ein paar Meter weiter, zu einem Törchen, verdeckt von Holunderbüschen. Es war nicht abgeschlossen. Er grinste zufrieden. Siehste, sagte sein Blick, lasst das nur den Prof mal machen. Pflücken war allerdings nicht Dannys Ding. Wegen des Gipsarmes. Sagte er. Das müssten wir schon erledigen, Karlos und ich.

So einfach allerdings, wie er getönt hatte, waren die Dinger nicht zu finden. Sie machten sich rar, zudem musste man sich auf der sumpfigen Wiese in Acht nehmen, dass man nicht mit dem Fuß umknickte. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir endlich genug Zauberpilze zusammen hatten.

Zurück in Karlos schattiger Bude am Bismarckplatz kippten wir alles auf dem Küchentisch aus, samt Erde und Wurzelwerk. Das Trocknen der gut zwei Dutzend Pilze übernahm Danny selbst, trotz des störenden Gipsarmes. Mit der gesunden Hand wusch er sie in einer Plastikschüssel und breitete sie auf einem vorgewärmten Küchenhandtuch aus, so vorsichtig, als handelte es sich um Trüffel. Karlos und ich machten uns ein bisschen über ihn lustig, Danny, das Trüffelschwein, das Psilo-Schwein, "hoffentlich bricht er sich nicht den Arm beim Waschen", und schoben die nikotinschweren Fenstervorhänge zur Seite. Während der Lange zu tun hatte, genossen wir die Frühlingssonne, die sich, wenn auch schüchtern, in die Haut fummelte. Ich durchsuchte den Stapel Platten, den Karlos vor seinem Plattenspieler aufgebaut hatte und von dem die Hälfte mir gehörte, und legte ein Album von Johnny Cash auf.

"Ein bisschen Frömmeln kann nie schaden", sagte ich.

So ganz geheuer war mir die Sache nicht. In den Siebzigern hatte ich jede Menge LSD genommen, bis zu diesem fatalen Patti Smith-Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle, ein Trip, der mich fast um den Verstand gebracht hätte. Später nutzte Karlos die Horrorstory, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Die Musterungskommission erklärte ihn auf der Stelle für “untauglich” und empfahl ihm, mit fahlen Gesichtern, ein Psycho-Drama, um sich von den traumatischen Erlebnissen zu befreien.

Nach dem Erlebnis in der Philipshalle liess ich jahrelang die Finger von LSD. Erst die Psilocybin-Pilze machten mich wieder neugierig. Angeblich wirkten sie um einiges sanfter als herkömmliche Trips. 

Eine Stunde später waren die Pilze getrocknet, das Experiment konnte beginnen. Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit davongestohlen, ohne ein einziges Exemplar probiert zu haben. Doch so kannte man Danny nun mal. Ohne viel Worte machte er sich auf und davon. Außerdem war der dicke Hansen just in dem Moment aufgekreuzt, als sich der Prof verabschiedet hatte. Sie waren sich noch an der Haustür begegnet.

“Als hätte ich’s gerochen”, freute sich Hansen.

Zur Feier des Tages öffnete Karlos eine Pulle Cinzano, es war nichts anderes im Haus. Da war bloß ein kleines Problem. Weil keiner von uns Dreien je psylocibinhaltige Pilze probiert hatte, kannten wir die Dosierung nicht. Der dicke Hansen schob sich zwei fingerlange Lamellenpilze in den Mund und versuchte sie mit einem Schluck Cinzano runterzuspülen, doch man musste schon ordentlich kauen, sonst erstickte man an den Knollen. Es war grässlich. Es schmeckte, als würde man die Schnauze tief in die Erde stecken und Mutterboden fressen. Und die Idee, die Pilze mit Schaumwein runterzuwürgen, war auch nicht hilfreich. Leitungswasser hätte es vermutlich besser getan. Aber irgendwie hatten wir gehört, dass man Psylocibin unbedingt in Verbindung mit Alkohol runterspülen musste, wegen der besseren Gift-Verwertung. Ist klar.

Hansen war mit dem Auto da. Wir fuhren einfach drauflos. Wolken zogen am Himmel entlang wie Gasflämmchen an einer langen Schnur. Am Katternberg hielten wir an, unter einem blühenden Goldregen. Ben’s Billard Kingdom. Ein riesiger Billardschuppen.

“Ich muss ne Kleinigkeit essen“, meinte der dicke Hansen. Er nahm eine Prise Schnupftabak, den er tags zuvor auf dem Boden des Hauptbahnhofs gefunden hatte, in einem durchsichtigen Tütchen. Wenn es denn wirklich Schnupftabak war.

“Da gibt’s nix zu essen, Hansen. Das ist ne Spielhalle.”

“Was zum Aufbacken werden die ja wohl haben. Ne heiße Hexe kriegst du überall.“

Die dunkelbraune Masse, die nach Pfefferminz duftete, verschwand in seinem Nasenloch. Er bot uns auch eine Prise an, doch wir lehnten ab, während er das Gesicht verzog. Er stand kurz vor einer Niesattacke.

"Ihr Feiglinge", sagte er, und explodierte. "Seht ihr, ist Schnupftabak."

Im Billard-Saal fochten wir ein Turnier aus. Jeder gegen jeden, mit Rückspiel. Mitten in der Partie gegen Karlos fing es an. Ich wollte einen Stoß setzen, als sich das grüne Tuch vom Billardtisch hob. Es wölbte sich, knickte ein. Ich setzte erschrocken den Queue ab. Lauter kleine Hügel und Pyramiden standen auf der Billardplatte – das Tuch kringelte sich wie eine übergroße benutzte Serviette.

“Ehh.. zum Teufel..”, wich ich zurück. Um der schieflaufenden Optik zu entgehen, drehte ich mich um, zum dicken Hansen. Er lehnte an der Wand, brauner Sirup suppte aus seiner Nase.

“Wo.. ist Karlos hin..?” fragte ich mit einer Stimme, die ich niemals gehört hatte. Ein Fremder kauerte in meiner Kehle und stieß Steinbrocken hinab.

“Auffem Pott. Kotzen, glaub ich. Weiß nicht. Er hat nix gesagt. Aber er sah so aus, als müsste er kotzen”, meinte Hansen ungerührt.

Ich lugte vorsichtig zum Billardtisch. Wollte sehen, was es mit dem Tuch auf sich hatte. Ob es sich noch kringelte. Ob die Geschichte sich vielleicht beruhigt hatte, ob das Leben weitergehen konnte wie gehabt. Ich stand da wie ein Murmeltier, das nach langen Wintermonaten aus dem Bau gestiegen war und nun die Gegend nach verrückten grünen Billardtischen absuchte. Nach riesigen Servietten.

“Ich muss hier.. weg”, krächzte ich.

Hansen sah mich bestürzt an. Plötzlich war auch Karlos wieder da, blau im Gesicht. So blaugrün. Wir drei alle raus, zum Auto. Weg hier, weg vom Katternberg, dem Billard-Kingdom. Dreimal mindestens musste Hansen anhalten, weil einer von uns kotzen musste. Fast immer war es Karlos.

"Da kann doch gar nichts mehr zu kotzen drin sein", klopfte ihm der dicke Hansen auf die Schulter. Und musste schon wieder anhalten.

Straßen und Häuser flogen vorüber, in Beton eingenähte Pralinenmenschen, Passanten. Der dicke Hansen, immer noch hungrig und von uns dreien mit den besten Nerven ausgestattet, steuerte Börse 17 an, ein berüchtigtes Nacht-Restaurant in der Innenstadt, dessen Küche um diese Uhrzeit offiziell noch geschlossen war. Hansen musste schon sämtlichen Charme aufbieten, um ein Hüftsteak klarzumachen.

Im leeren Gastraum verteilten wir uns an drei Holztischen. Unterdessen schwappte das Psylocibin durch unsere Körper, in verschieden hohen Wellen. Ich wusste nie, woran ich war. Mal wähnte ich mich bereits im fiebrigen Vorraum einer LSD-Hölle, dann wiederum lockerte sich mein zur Fratze erstarrtes Gesicht, weichte auf und ich musste grinsen. Ich beobachtete den dicken Hansen, erstaunt, in welchem Tempo er seinen Teller Fleisch und Bratkartoffeln und Salat abarbeitete. Mir war schleierhaft, wie man in diesem Zustand einen Bissen runterkriegen konnte. Schon die Gerüche in der Spelunke machten mich krank, Gerüche von abertausend aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, die in den Vorhängen und der Kirschbaumvertäfelung steckten. Der dicke Hansen und Karlos schienen unbeeindruckt von alledem. Sie hatten anderes im Sinn. Sie beharkten sich mal wieder.

“Sex mit ner Frau wär jetzt nicht übel”, meinte der dicke Hansen und roch an seinem Finger. “Ne kurze schmutzige Nummer auf dem Klo, wo es schön stinkt. Hier..”, er hielt den Finger Karlos hin, „..nimm mal nen Sniff.“

Karlos riss die Augen auf, tat erstaunt, er spielte Tootsie.

"Na, der Herr, ich muss doch sehr bitten!"

An mir leckte schon die nächste Psylocibin-Welle. Ein Monster. Während Hansen sich wieder seinem Steak widmete, verfolgte ich das Besteck in seiner Hand, wie es sich selbständig machte und in seine Halsschlagader stieß. Ich sah das Blut über den Tisch sprudeln, hörte eine Gabel tief im Porzellan kratzen. Ein toxisches Orchester. Ich stand abrupt vom Tisch auf, ich kraulte in Richtung Tür.

Ich schob den Holzperlen-Vorhang beiseite.

Draußen. Parkplatz. Sonnenschein.

“He.. was ist denn mit dem los!?” sagte jemand.

Hundegebell von nahen Höfen.

“He! Warte..” Karlos kam nach. Allein. Ohne Hansen. Durch die Fensterscheibe sahen wir ihn am Tisch sitzen, blass, vor seinem Trog. Er blickte uns nicht mal nach. Wir kreuzten die Fußgängerzone und die vielbefahrene Goerdeler Strasse, ohne ein Wort zu wechseln, Richtung Malteser Gründe. Karlos kannte mich lange genug, um zu wissen, was los war. Gehen. Schnauze halten. Da sein.

Ostern 1978, das Patti Smith Konzert in der Philips-Halle, Flashback. Und jetzt steckte ich wieder in solch einem Debakel, getrieben von der Angst, nie mehr zur Normalität zurückkehren zu können. Für immer gefangen zu bleiben in drastischer Über-Intensität, in Bildern, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt – und das bloß, weil ich es nicht wahrhaben wollte, dass Dinge, die in der Natur wachsen, den gleichen Effekt haben können wie im Labor gebautes LSD. Wie doof kann man eigentlich sein.

Ist nicht alles, was Menschen bauen, denken, erfinden Natur, weil der Mensch selbst Natur ist. Ein von Menschenhand geschaffenes Beton- und Stahlmonster wie New York ist Natur, Plastiktüten vom Supermarkt, Kernkraft, Lourdes, Psilos, LSD – es ist alles Natur. Von uns gemacht, von der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Es ist alles ein einziges großes Naturschauspiel, ihr ollen Buckelzirpen.

Es dämmerte. Im Stadtpark hinterm Haus der Jugend roch es nach frisch gemähten Wiesen. Ein Gärtner fackelte Unkraut mit dem Bunsenbrenner ab, mit finster entschlossener Miene, sein Kollege schob Gras zu Häufchen zusammen. Wir stoppten an einer Bank, um eine Runde zu entspannen, auszuatmen, doch jäh machte das Psilocybin wieder Station.

Hitze rotzte durch mein Gesicht.

Karlos, ich konnte Dich damals nicht angucken. Deine Visage, erstarrt zum gealterten Pinocchio. Keine Ohren, nur rotes Knorpelmaterial, OBWOHL ICH GAR NICHT MEHR HINGUCKTE – NICHT HINGUCKEN KONNTE

SPRANG ICH

von der Bank auf, taumelte die Manege hoch, über die Wiese; DER FRISCH GEMÄHTE RASEN TRÄGT BUBIKOPF! lächelte jemand in mir. Hinter mir ein Lärm, als würden gusseiserene Gullydeckel in die Luft gesprengt, das war Karlos, seine Schritte auf dem Fußweg. Er kam nach. DER RASEN WURDE ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT! trieb eine Schleife durch mein Gehirn. ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT, ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT. Ich hockte mich nieder, versuchte ein Büschel Gras zu berühren, in die Hand zu nehmen, versuchte mich durch Berührung zu beruhigen, die Panik zu dämpfen, mich zu spüren, mein Ich zu spüren, doch waren DAS überhaupt Finger, die aus mir heraus in die Wiese griffen...?

Voller Angst, es nicht mehr zu schaffen.. nicht dieses Mal.. auf immer gefangen zu bleiben, geknechtet von Eindrücken, verkochte das Gras in meiner Hand zu grünen Leprafetzen – blubberten die Beine, bepackt mit Marschflugkörpern, unterwegs zur Hölle, sämtliche Tickets waren gelöst. Man winkte mich durch und die Engel kicherten: Ahh, da isser wieder, der Fertige..

Wenn das Bewusstsein nicht mehr funktioniert, wenn es nur noch ein überquellendes Postfach ist, weil die Sortierer nicht zum Dienst erscheinen, bleibt zuletzt nur Bewegung, um nicht zu krepieren, auch wenn die Dämonen im Gleichschritt mitmarschieren, niemals stehen bleiben! immer weiter

gehen

weil stehenbleiben schon mittendrin ist in jeder späteren Psychose, schon im Superwachkoms, "werd locker, Junge.. Du schaffst das", hörte ich Karlos wie durch Watte.

Ich sehnte mich nach abends im Bett liegen und der Fernseher läuft, nach ganz alltäglichen Sachen sehnte ich mich, ich sagte zu Karlos, “lass uns zu dir gehen. Lass uns baden.” Die Vorstellung, in die Wanne einzutauchen, gemeinsam mit dem Freund, als wollte ich eine Fehlgeburt rückgängig machen.

"Sicher", sagte Karlos. "Lass uns gehen."

Nein.

Wir gingen nicht zu Karlos. Wir stiegen nicht ins verheißungsvolle heiße Bad, aber wir hätten es tun können, das war die Hauptsache. Wir blieben noch etwas zusammen, eine halbe Stunde vielleicht, bis die Wirkung der Pilze ganz plötzlich abflaute und aus der Angst (und wie schnell das mit einem Mal ging!) nie dagewesene Befreiung erwuchs. Es war, als häutete ich mich, und ein zweites Mal ließ ich das frisch gemähte, noch feuchte Gras der Malteser Gründe durch die Finger rieseln, wie Samt diesmal, ich freute mich wie ein Kind, ein tränenweißes Königskind, heilfroh, dass die Pilze endlich ausatmeten, dass ich noch mal die Kurve gekriegt hatte.

Die Nacht holte Luft.

6.9.16 17:43


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