Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Blueshunde

2. Juli 1987

Sonnenaufgang: 5 Uhr 10. Todestag: Hemingway. Namenstag: Wiltrud.

Als um acht die Ablösung kam, war ich ausnahmsweise mal nicht k.o. vom Nachtdienst. Und das, obwohl ich am Vorabend durch einen Telefonanruf erfahren hatte, dass Pepe tot war, in der Woche zuvor gestorben, in München. An einer Überdosis.

"Schönen Vormittagsschlaf", wünschte mir Frau Wessel, die gerne ohne Unterbechung redete, damit niemand auf die Idee kam, sie hätte nichts zu sagen.

"Nö", sagte ich, "ich geh erstmal schwimmen."

"Oh, was ein agiler Mensch", sagte Frau Wessel, da war ich schon um die Ecke. Ich war ja noch gar nicht fertig. Ich musste erst das Gepäck abfertigen für eine 40köpfige amerikanische Reisegruppe und das Honorar einsacken, dann nahm ich den Obus Richtung Strandbad.

Am Pfaffenberg stieg ich aus und schlug mich bergab durch den Busch, die enge, am Sack zwickende Badehose druntergezogen. Ich war selbst erstaunt, dass Pepes Tod mich irgendwie nicht erreichte. Ich freute mich einfach auf den ersten Freibadtag dieses Sommers und sah mich schon relaxed auf der Decke liegen, ein Bier trinken und zwischendurch ins Wasser fallen.

Stattdessen - war der Eingang verrammelt.

Am Tor hing ein Schild.

 

 Öffnungszeiten in der Woche:
11-20 Uhr

 

Schon auf dem Waldpfad hatte ich mich über die ungewohnte Stille gewundert. Normalerweise wurde das Kindergeschrei um so lauter, je näher man dem Freibad kam, doch davon war nichts zu hören gewesen. Kein Gekreische, kein Geplansche, nichts. Was tun? Zwei Stunden am Eingang rumlungern, bis der Laden aufmachte?! Etwa den ganzen Weg zurücklatschen, berghoch, für nichts?

Ich stand am Gitter, ließ mich vom Anblick des Schwimmbeckens einlullen, vom teenagerblauen Schimmer des Wassers und dem Flug der Libellen, die über die Wasseroberfläche rotierten und Loopings zeigten, ein zackiges Zirkusgeschwader.

Wollte Pepe mir vielleicht etwas mitteilen? Warum konnte ich nicht weinen? Was war los? Wer hätte je unsere jungenhafte leichtsinnige Suche nach Liebe besser ausdrücken können als Pepe. Sein Wille zum pausenlosen Gutdraufsein hatte ihn gekillt. Dann sah ich ihn. Ein Mann im Trainingsanzug. Er marschierte auf der hinteren Liegewiese auf und ab, in den Händen diesen überdimensionierten Frittenpieker.

Ich rüttelte am Gitter. “Halloo!? Hee!”

Er reagierte nicht.

“HALLOOO!!”

“Ja..?”

“SAGEN SIE, KÖNNTEN SIE MICH REINLASSEN?”

“Ist zu!”

“WAAS?!”

“IST NOCH ZU! WIR MACHEN ERST UM ELF AUF!”

“JA , WEISS ICH, ICH HAB DAS SCHILD GELESEN.. ABER ICH BIN EXTRA ZU FUSS RUNTERGEKOMMEN..”

Er stierte zu mir rüber, unentschlossen.

“ZU FUSS, ICH BIN EXTRA ZU FUSS..!“

“SCHON GUT, SCHON GUT. ICH KOMME JA SCHON..”

Er ließ sich Zeit. Er trottete den langen Weg an den Umkleidekabinen vorüber, in die der Mitsubishi Boy in den frühen Siebzigern seine legendären Löcher gebohrt hatte, in perfekter Muschihöhe, in mühsamer Kleinarbeit, mit dem Handbohrer. Ich wartete.

Der Bademeister rief etwas in meine Richtung. Ich verstand ihn nicht. WAAS!? Ich solle zu einer anderen Toreinfahrt kommen, rief er. In Ordnung. Klar. Anderes Tor.

Das Gitter schob sich automatisch ein Stück auf, schon stand er vor mir, der Bademeister - mit einer Töle, die er stramm und kurz an der Leine hielt. Wo zum Teufel hatte er die so schnell her..? Ein Boxer-Mix. Ein Mordsvieh. Hektor. Unter Garantie Hektor. Solche Hunde kennen keinen anderen Namen.

“Was gibt’s?”

“Können Sie mich reinlassen?”

“Wir machen erst um elf auf.”

“Schon, ja.. aber ich komme direkt vom Nachtdienst..! Ich bin vom Pfaffenberg zu Fuß runter.. den ganzen Weg extra durch den Wald. Ich dachte, ihr macht um neun auf.. Können wir nicht eine Ausnahme machen?”

Die Töle hechelte mich an. Wuppertaler SV las ich auf dem blau-roten Trainingsanzug des Bademeisters. Ein abgewetztes Teil, so aus der Nähe. Ich sagte nichts mehr. Ab jetzt war jedes Wort zu viel. In kniffligen Momenten sollte man seinem Gegenüber stets das Gefühl geben, er habe das Heft in der Hand, und schön die Klappe halten.

“Na gut, aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt.”

“Okay! Kein Problem. Ich will mich nur was auf die Wiese legen..!”

Ich drückte ihm das Eintrittsgeld in die Hand, und hinter mir schnurrte das Tor zu. Drin war ich. Ganz allein, mutterseelenallein, im Schellberger Strandbad, Donnerstag, 2. Juli 1987, neun Uhr in der Früh. Welch eine Stille. Nur das Plätschern der Brunnen im Kinderbecken war zu hören, das Knistern der Stromleitungen, die sich übers ganze Gelände schwangen, von Strommast zu Strommast, wie aufgeweichte Linien im Notenheft.

Das Gras, noch feucht von der Nacht. Völlig übermüdet breitete ich das weiße Handtuch aus und schlief auf der Stelle ein. Ein windiger Schlaf. Der Himmel bedeckte sich, ich spürte es im Traum. Unter den Strommasten sammelten sich die ersten Stechmücken und machten sich ausflugfertig für elf Uhr, für die erste Blut-Tombola des Tages.

Einmal wurde ich jäh wach und glaubte den Bademeister schimpfen zu hören, “ja, gottverdammich! Wieso springt der nicht an?!” Kurz darauf startete ein Wagen und entfernte sich knatternd den steilen Schellberg hinauf. Vielleicht fuhr der Bademeister Würstchen kaufen, dachte ich. Für den Kiosk.

Für um elf.

Es dauerte keine Minute und ein paar prüfende Blicke, ob der Kerl auch wirklich nirgendwo zu sehen war, schon war ich unten am Beckenrand und sprang kopfüber ins Wasser. Keep it on the cool side..! Ich machte einige Tauchgänge, schnappte nach Luft, kämpfte mit Libellen, hörte Gebell.. Gebell? Hektor!! Es dauerte keine Minute, und ich lag wieder auf meinem Handtuch in Hanglage, und schlief weiter, ominöse Träume träumend.

“He – woher kenn ich dich noch mal?!”

Die Frage erreichte mich gedämpft, wie durch einen Holzperlenvorhang. Ich schob die Augen auf und blinzelte. Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt und Bierplauze stand direkt über mir, ein Bier in der Hand. Geh mir aus der Wolke, knurrte ich in Gedanken. Du dicker Flegel.

“Ich kenn dich doch irgendwoher”, wiederholte er. “Woher kenn ich dich noch mal?”

Hatte der noch was anderes auf Lager? Ich stütze mich mit dem Ellbogen auf und guckte mir den Knaben an. Auf seiner Schläfe wuchs eine Warze, darauf ein Büschel Haar – er sah aus wie der Hexer.

“Vielleicht kennst du mich aus dem Mumms”, murmelte ich. “Die meisten Leute kennen mich aus dem Mumms..”

"Und wie heißt du?"

"Glumm."

"Glumm? Aus dem Mumms.. ist nicht dumm!"

Er lachte und setzte sich zu mir auf die Wiese. Ein bisschen zaghaft, weil ich ihn nicht eingeladen hatte, sich hinzusetzen, ein bisschen unentschieden. Aber einen abweisenden Eindruck machte ich auch nicht. Im Gegenteil. Er gefiel mir. Trotz seines immensen Bauches bewegte er sich erstaunlich flink. Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Es war Malzbier.

"Und du? Wer bist du?" fragte ich.

“Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde?”

“Schon mal gehört, ja.. glaub schon.”

“Das ist meine Band.”

Den Namen kannte ich von diversen Plakaten. Rolf der Wolf und die Blueshunde. Guter Name. Mal kein englischer Scheiß.

“Dann bist du Rolf..?” vermutete ich.

“Rolf, der Wolf, genau. Sänger und Songschreiber. Willst du auch nen Schluck? Is Malzbier.”

“Nee danke. Lass mal.”

Dann erzählte er. Ohne Umschweife. Von Lymphdrüsenkrebs. Von der Chemotherapie. Von der Psychose. Vom Blues.

“Manchmal höre ich meine eigene Stimme im Radio", sagte er und die Selbstgedrehte zitterte in seiner Hand. "Dann denk ich, hey – seit wann liest du Nachrichten im Radio, alter Mann?! Dann ruf ich bei nem Kumpel an, er soll WDR anmachen, ob er das auch hört. Er sagt natürlich, Quatsch, ist doch nicht deine Stimme, das bist du nicht, Bruder, aber er kann sagen, was er will, in solchen Phasen glaube ich keinem, nur meinen eigenen Ohren.”

Er nahm einen Schluck aus der Pulle.

“Wenn es ganz schlimm kommt, denke ich, ich bin Jesus und könnte das Fernsehprogramm manipulieren. Ich meine, weltweit. Ich könnte mich überall reinmixen, wo ich auch will.”

“Hm, komisch. Das hat mir schon mal einer erzählt”, sagte ich.

Aber davon wollte er nichts hören. Das war nicht von Interesse. Er forderte den Sololauf. Da ging es nur um ihn, um Rolf, den Wolf, den Blueshund, nicht um irgendein Jesus-Gelumpe.

“Und manchmal springen alle Ampeln auf grün, wenn ich auf dem Moped unterwegs bin, ich kann herfahren, wo ich will. Überall grün.”

“Oh, wie praktisch”, warf ich ein.

"Ja, überall grün."

Je mehr Rolf erzählte, desto kurzatmiger wurde er. Seine Nikotinfinger glänzten im Sonnenlicht. Er duftete nach frisch gepresstem Angstschweiß. In seiner nervös nestelnden Art erinnerte er mich an die verrückten Debütanten in alten Top of the Pops-Ausgaben, die immer einen Tick zu aufgeregt waren fürs Scheinwerferlicht. Sie meinten es gut, sie hatten einen ersten Hit im Gepäck, und doch hätten sie beinah alles vermasselt. Sie waren zu aufgeregt.

Auf dem Höhepunkt einer Psychose sprang Rolf, der Wolf, splitternackt über die Autobahn – da nahmen sie ihn fest und steckten ihn ins Irrenhaus, wegen fortgesetzten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

“Ich war fünfzehn Mal im Irrenhaus. Ich sag immer Irrenhaus. Hier.”

Er zeigte mir seinen Handrücken, auf dem drei Buchstaben eintätowiert waren: L.K.H. Darunter lauter kleine blaue Pünktchen. Er zählte sie ab, damit ich auch sehen konnte, dass es stimmte. Fünfzehn Stück. Ich glaubte ihm auch so. Niemand liess sich so viele knastblaue Punkte stechen, wenn er nur zwei Mal im Landeskrankenhaus gewesen war. Logisch.

“Jetzt werde ich ambulant behandelt, das ist besser. Alle vierzehn Tage krieg ich jetzt eine Depotspritze, gegen die Jesus-Euphorie. Die ist am schlimmsten. Da dreh ich immer am dollsten ab.”

Er blickte mich triefäugig an.

“Wusstest du, warum Jesus so früh sterben musste, mit Siebenundzwanzig? Er hätte es nicht länger auf der Erde ausgehalten, bei all dem Ärger hier, und wenn doch, hätte er gefressen und gefressen und wäre fett geworden und die Leute hätten ihn ausgelacht und im Stich gelassen. Kein Jünger wäre einem Fleischklops gefolgt.”

“Jesus ist mit Siebenundzwanzig gestorben?”

“Jesus war der erste, der mit 27 starb.”

"Hm. War der nicht 30 oder so?"

"Ja, das behaupten viele. Mal war Jesus 30, mal 33, mal 35. Fest steht, er ist 27 nach Christus gestorben."

Weil Rolf so kurzatmig war, erkundigte ich mich, wie er das mit dem Singen hinkriegte live auf der Bühne. Ob er da auch schon mal außer Atem war.

“Nee, beim Singen hab ich nie ein Problem, live bin ich grundsätzlich voll. Der Bassist auch, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der trinkt nicht, der ist link. Der will nach jedem Konzert bar ausbezahlt werden.”

“Die linke Sau”, stimmte ich zu.

“Die Psychose liegt in der Familie”, fuhr Rolf fort. “Bei uns haben alle einen an der Klatsche.”

Dann war das Malzbier alle, und die Mittagssonne putzte die letzte Wolke von der Platte. Pepe war nur 24 geworden. Es wurde unerträglich heiß. Der Schweiß floss durch Rolfs Gesicht wie nach einer spontanen Wurzelbehandlung - ohne Betäubung.

“Aber mit dem Krebs ist gut. Ist besser geworden. Ist Stillstand.”

Elf Uhr dreißig. Das Freibad füllte sich. Stechmücken rieben sich den Rüssel im Erkundungsflug, Rolf, der Wolf, seinen Bauch.

“Ich glaub, ich geh gleich mal ins Wasser, was gegen die Wampe tun”, sagte er und klopfte aufs Fett. Stattdessen blieb er einfach im Gras hocken, in seiner speckigen Jeans, und rauchte.

“Mann, ich schwitze wie eine Sau. Weißt du, woher das kommt? Vom Saufen. Ich sauf zuviel. Das ist das Dilemma in meinem Kopf. Die letzten zwei Wochen war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war so ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen aus dem SPAR?”

“Moment.. Die weißen Dosen, wo nur BIER draufsteht..?”

“Genau die. Achtundsiebzig Pfennig die Büchse. Von morgens bis abends, eine nach der anderen, bis ich Hyänen gesehen hab am hellichten Tag. Ha ha! Die Kur hat mich ruiniert.”

Er rauchte Schwarzer Krauser ohne groß Pausen einzulegen. Kaum war eine Kippe ausgedrückt, drehte er die nächste.

“Hast du vielleicht mal ne Aktive?”

“Nee, ich rauch auch Tabak”, sagte ich.

“Ach so, stimmt, da liegt er ja. Schade. So zwischendurch mal, ne Aktive.. zur Abwechslung. Ich bin ja nicht mehr so viel unter Leuten, seit ich wieder mit ner Frau zusammen bin, wir gehen kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zu Hause. Maria hab ich beim Psychosozialen Dienst kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst wieder eingestellt wird.”

“Wie..? Umsonst?”

“Sie kriegt keinen Pfennig. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen.”

“Und das nennt sich sozialer Verein.”

“Psychosozialer Dienst”, verbesserte mich Rolf. “Ist aber egal. Ist eh alles der gleiche Schweineverein in Deutschland, egal, wo du hinguckst. Die machen uns fertig. Die wollen uns nicht mehr sehen, so Typen wie uns. Beim Psychosozialen Dienst haben sie schon heimlich Bolzenschussgeräte installiert, unten im Keller.”

Er rotzte ins Gras und beobachtete mich. Dann lachte er auf.

“So, ich dreh mal weiter meine Runde, mal sehen, wen ich noch treffe. Wenn du Lust hast, wir spielen Freitagabend im Art Nouveau. Acht Uhr. Komm vorbei. Die Blueshunde sind ne geile Live-Band.”

Am späten Nachmittag, ich brach gerade meine Zelte ab, hörte ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.

“Alle Kinder, die sich mit Müllaufsammeln eine Mark verdienen wollen, am Kassenhäuschen melden.”

Es bildete sich eine ziemliche Schlange beim Bademeister. Er verteilte riesige Müllpieker und Handgreifer an die Kinder. Am Ausgang drehte ich mich noch mal um und sah zufällig Rolf, den Wolf, wie er mit einem Bier am Beckenrand saß, die käsige Haut knallrot verbrannt, als säße er im Fegefeuer. Mittendrin. In der Endlosschleife. Ich winkte zu ihm rüber, doch er sah mich nicht.

 

*

Zu Ehren von Rolf der Wolf Lenzen, der um die Jahrtausendwende unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, haben die alten Blueshunde rund um Andreas Hansen im Jahr 2016 eine großartige CD vorgelegt, HAUSVERBOT IM LKH.

Anspieltipp:

Sehnsucht

"Meine Nächte sind so kalt, und ich werd langsam alt" (Rolf der Wolf)

1.7.16 16:09


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