Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Lasagne

 

 

In der Nordstadt gab es einen Italiener, der berühmt war für seine Lasagne. Sie wurde im Steingut-Topf serviert und ähnelte einer mit Gold überbackenen brodelnden Brieftasche.

Das deutsch-italienische Betreiber-Ehepaar ergänzte sich prächtig. Er war Neapolitaner und stand in der Küche, sie war eine stämmige Solingerin, Typ Matrone, und schmiss Theke und Tische.

Die Einrichtung war auf angenehme Art piefig, erinnerte an das Deutschland der Sechzigerjahre, als die Gerichte noch Mehlpüfferchen, Dunkle Grundsuppe und Apfelbettelmann hießen und wo es nichts schöneres gab, als vom Sommerurlaub am Gardasee einen Chianti mitzubringen, in der bauchigen 2-Liter-Bast-Flasche.

Genau in diesem kleinen Restaurant unterlief mir der Fauxpas aller Fauxpasen: Ich liess fast die halbe Lasagne zurückgehen. Es war mir peinlich, ich war pikiert von mir selbst, ich versank vor Scham im Gestühl, aber was sollte ich machen: Es ging einfach nichts mehr rein. Ich war bölksatt.

Wir waren am Nachmittag bereits zum Kaffeetrinken eingeladen gewesen, mein Bauch war bis obenhin voller Pflaumenkuchen.

“Na, wer schwächelt denn da?!” stutzte Inhaberin Rosy zunächst überrascht, als sie mein Steingut-Grab abräumen wollte und darin den halben Leichnam fand.

“Ja also..”, setzte ich entschuldigend an, meinen Ranzen reibend, kam aber nicht weit. Rosy erstarrte. Erst jetzt schien ihr die ganz Tragweite bewußt zu werden, der Frevel. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

„Es hat.. nicht geschmeckt?“

Ihre Feststellung, notdürftig als Frage getarnt, kam unverbindlich und leise, aber von einem drohendem Unterton getrieben.

“Ich bin schuld, Rosy“, sprang die Gräfin mir bei. „Ich hab den Mann heut Nachmittag schon mit aufgetauten Pflaumenkuchen abgefüllt.”

“Mit aufgetautem.. PFLAUMENKUCHEN!?”

Der ganze Laden, eben noch in prächtiger Stimmung, war augenblicklich still. Vor Schreck ließ jemand seine Gabel fallen. Sie schlug hart auf dem Porzellan auf, doch niemand schaute hin. Alle Augen waren auf unseren Tisch gerichtet.

“Ihr fresst KUCHEN, bevor ihr zu uns kommt und CALAMARES bestellt…??!“

“Lasagne”, wandte ich leise ein.

Sie zog das Steingut unter mir fort, als handelte es sich um eine Besuchserlaubnis, auf die ich jahrelang hingearbeitet hatte. Das bis auf den letzten Krümel abgearbeitete Geschirr der Gräfin blieb unbeachtet auf dem Tisch stehen, und Rosy verschwand in der Küche. Wir warteten über eine Stunde auf die Rechnung. Niemand traute sich etwas zu bestellen. Eisiges Schweigen auf ganzer Linie. Es tut mir leid, nickte ich in die Gaststube hinein. Es war sinnlos. Ich hatte die Lasagne nicht aufgekriegt. Ich war ein Desperado. Ein Verfemter.

Total abgewrackt.

6.6.16 06:35


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung