Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Die Champs

 


Das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr hin. Ich hatte die Nase voll. Ich war nicht versetzt worden in die 12. Klasse, eine ganz und gar unnötige Geschichte, wegen einer 6 in Philosophie, einer 5 im Leistungskurs Bio sowie einer 5 in irgendeinem beknackten Nebenfach, Sozialkunde glaub ich.

Am Ende der Sommerferien versemmelte ich die Nachprüfung, wobei es gereicht hätte, in Bio auf 4 minus zu kommen, doch Vogel-Uli, der hagere Bio-Pauker, konnte mich auf den Tod nicht ausstehen und liess mich durchrasseln, mit der Bemerkung, “Glumm, Ihre ausgeprägte Ahnungslosigkeit erstaunt.“

In der neuen Klasse kam ich nicht zurecht. Mir fehlten die bekannten Gesichter, die mich von der Sexta an begleitet hatten, die neue Klasse konnte mit mir nichts anfangen, die Lehrer hassten mich für meine die Atmosphäre verpestende Passivität (Vogel-Uli), kurzum, nichts ging mehr, und ich nicht mehr hin.

Morgens stand ich auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, und machte mich auf die Socken. Die Zeit vertrödelte ich zum grössten Teil in der Stadt. Ich strich durch die Plattenabteilungen der Kaufhäuser, saß in den nahen Malteser Gründen. Ab zehn, halb elf war ich im Stonns, einer zweistöckigen winzigen Hardcorekneipe, gleich neben dem Tchibo.

Ab und zu trank ich Bier, doch meist hockte ich einfach am Tresen und guckte zur Glastür hinaus. Ich wartete, dass Bekannte und Freunde kamen, ich wartete, dass James, der Wirt, gute Musik auflegte, ich wartete auf den dicken Hellmann, der mit seinem Hintern kaum auf den Hocker passte. Eigentlich wartete ich darauf, dass es endlich Mittag wurde, Schulschluss, und ich nach Hause konnte, ohne dass es auffiel, woher ich kam.

Wenn ich ein bißchen zu kiffen hatte, verdrückte ich mich ins Grüne. Einmal saß ich auf der großen Wiese, die Bauer Pott gehörte und Potts Wiese hiess. Von Potts Wiese aus hat man einen grandiosen Panoramablick über die Wupperberge, bis rüber nach Wuppertal-Cronenberg und Remscheid.

Ein warmer Wind strich durchs hohe Gras, Pferde schnaubten in der Nähe. Oder Kühe. Ich fühlte mich blass in der Sonne und seltsam frei. Ich holte ein Schulheft heraus und begann zu schreiben.

“Ringsum entblößen sich

die Käfige..”

schrieb ich, so begann das Gedicht. Das war der Tag, an dem ich beschloss, Dichter zu werden. Meine Eltern wussten nichts davon, dass ich nicht mehr zur Schule ging. Dass ich schon seit Monaten nicht mehr dagewesen war. Ich war volljährig, ich hatte meine Entschuldigungen eine Zeitlang selbst geschrieben bevor ich auch das gelassen hatte. Als der graue Brief vom Gymnasium kam, fielen meine Eltern aus allen Wolken, schlugen hart auf.

Warum hast du nie etwas gesagt? Warum bist du so ein Heimlichtuer geworden? Nimmst du Drogen? Was soll werden?

Vielleicht ein Dichter, sagte ich. Ein Schreiber. SCHREIBEN? rief Vater. Er war nicht mal böse, es war nur, er hatte mich nicht verstanden. Vielleicht auch nicht, sagte ich. Vielleicht auch Trinker. Ich brauche erst mal Ferien. Ich fahre weg. Nach Portugal. An die Algarve. Wo es schön warm ist. Hier ist auch warm, sagte Mutter. Ja, aber nicht schön warm. Du redest Unfug, sagte Mutter.

Karlos fährt mit, sagte ich.

Karlos war schon lange aus der Schule raus und schlief bis mittags. Ich kannte eine Menge Leute, die gern lange im Bett blieben, die keine Lust hatten aufzustehen, richtige Langschläfer waren das, doch was mein alter Kumpel Karlos früher in Grund und Boden geratzt hat, das war allerhand, das war legendär, das endete selten vor zwei, halb drei am Nachmittag. Niemand schaffte es je die Nacht so breit zu schlafen und in die Länge zu ziehen wie mein alter Kumpel Karlos. Er machte Bubble Gum aus der Nacht, er verbog die Zeit, wie es ihm in den Kram passte, er machte einen Riesenschlenker um den helllichten Tag, er baute ein Wurmloch an, um noch ein Extra-Stündchen rauszuholen, er rauchte beim Schlafen, er war der erste deutsche Schläfer.

Ein zäher Hund.

Die Eltern wohnten in diesem efeubewachsenen Haus gegenüber der Evangelischen Stadtkirche, an deren Glockenturm dieses Bibelwort in Messing prankte:

O LAND
LAND
LAND
HÖRE DES
HERRN WORT

Meist war es sein Mütterchen, das mir die Haustür öffnete, wenn ich Karlos am Nachmittag abholen wollte, eine rundliche kleine Person, die im Hochsommer gern unterm Sonnenschirm durch die Parkanlagen der Stadt flanierte, und noch bevor ich hallo sagen konnte, flüsterte sie mit leicht vorwurfsvoller Stimme, und immer ein wenig neckisch, so als trüge sie Nonnentracht ohne was drunter,

“psst..! Karlos schläft noch.”

"Gut", sagte ich, "ich geh mal gucken."

Vermutlich wäre es ihr lieber gewesen, ich hätte ein Stündchen im Garten gesessen, eine Zitronenlimonade getrunken und duldsam darauf gewartet, dass Karlos von ganz allein wach geworden wäre, doch ich steppte schon die knarrende Treppe hoch bis unters Dach, wo Karlos eine von zwei winzigen Kammern bewohnte.

Schräge Wände, nikotingetränkte Jalousie, der Boden mit Playboyheften und leeren Zigarettenschachteln übersät. Karlos hatte diesen Tick. Wenn er eine Packung Zigaretten aufmachte, entfernte er das Zellophan, entnahm mit gekonntem Griff sämtliche Kippen und stopfte sie falschrum in die Schachtel zurück, mit dem Filter nach unten. Es machte keinen Sinn, es sah scheiße aus, aber er konnte es nicht lassen. Hätte er im Suff jemanden erschlagen und die Kippen am Tatort verloren, sie hätten ihn unmissverständlich verraten. Diesen Tick gab es rauf bis nach Pjöngjang nur ein einziges Mal.

Es war brandgefährlich.

"Sauf nicht so viel, damit du im Suff niemanden erschlägst", riet ich ihm, doch Karlos war ein sturer Bursche, der gern mal ausschlief und dauernd Ärger mit seinem Vater hatte.

Einmal hörte ich, wie eine seiner Standpauken mit einem gurgelnden “..verreck doch!” endete. Karlos war spät in der Nacht heim gekommen und hatte im besoffenen Schädel das Klo nicht gefunden, worauf er kurzerhand den Speicher zum Pissoir erklärte. Das brachte das Fass, sozusagen, zum Überlaufen.

Auf den letzten Treppenstufen hörte ich sie schon, Kinskis kratzig-verruchte Stimme, stets auf dem Weg ins Bordell, um etwas Zunge zu ergaunern: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, Karlos' erklärte Lieblingsscheibe. Eine Sprechplatte, die er noch im Schlaf inhalierte.

Lange vor unserer Zeit war Klaus Kinski mit Rezitationsabenden durch die Republik gezogen. Er hatte große Hallen gefüllt mit Texten von Rimbaud und Francois Villon, es war Kinskis beste Zeit gewesen. Er war großartig. Er wimmerte, er flehte, er bellte, er mordete. Er klang wie ein Irrer, der zugeschaltet aus dem späten Mittelalter zu seinen Fans sprach, live aus stinkigen Pariser Spelunken, wo er als gebrochene Bestie um Liebe bettelte, um Verzeihung und Absolution.

Karlos war ein bedingungsloser Verehrer von Klaus Kinski, und da wir damals viel Zeit miteinander verbrachten, durchlitt auch ich Villons Erdbeermund viele Dutzend Male, auch ich konnte das verkratzte Album beinah auswendig mitbrüllen, mitmorden, mitbetteln, bis die Scheibe eines Tages materialmüde von uns ging und auseinanderbrach.

Oben angekommen, stieß ich die Zimmertür auf. Karlos lag im Bett, sein Gesicht verschwand unter der Daunendecke. Nur die Nasenspitze lugte hervor, rot und cholerisch, ein gewaltiges Teil, mit dem man nach Würmern graben konnte. Mehr war nicht zu sehen von Karlos.

In der engen Dachkammer stank es wie im Hundezwinger, kalt und organisch. Und: Die Hunde hatten Schnaps gesoffen. Mir blieb die Luft weg. Ich atmete vorsichtig durch den Mund. Das war nicht der Vorhof der Hölle, das war Rimbauds Hölle, und da lag der Höllenhund in seinem weichen Kerker, und er schnarchte wie ein Lastesel.

"Ist Karlos schon wach?" hörte ich seine Mutter von unten herauf rufen, durchs Spalier der Treppengeländer. "Er soll runterkommen, Essen ist fertig!"

Dann zu mir: "Willst du einen Happen mitessen?"

"Nee, danke!"

Damals war es schwer in Mode, Reclam-Heftchen mit sich zu führen, mit Texten von Dickinson, Poe oder Beckett. Unser Freund Schnaat etwa bevorzugte Arthur Rimbauds Kracher Eine Zeit in der Hölle, und zwar die zweisprachige Ausgabe Deutsch/Französisch, aus der man sich abends am Tresen gegenseitig vorlesen konnte.

Einst, wenn ich mich recht erinnere,
war mein Leben ein üppiges Fest,
da öffneten sich alle Herzen,
da flossen alle Weine..

Was für herrliche Worte, besonders wenn man selbst erst neunzehn ist und die Vorstellung, auf sein Leben zurückzublicken, noch sentimentale Verzückung auslöst, weil das Alter noch weit, weit weg ist, in einer anderen Dimension, wo man noch nicht gehörnt ist vom schmutzigsten aller Nebenbuhler, dem Verfall.

Auch wenn es auf Kinskis Erdbeermund geradezu zarte und klare Passagen gab, wie in der Kindheit, wenn man den Schorf vorsichtig von der Wunde knibbelt und darunter schimmert schon der Glanz einer rosa Haut durch, oft deprimierte mich die Stimmung auf der Platte, und ich war froh, wenn wir uns in die Malteser Gründe aufmachten, um zwischen verbeulten Trinkern zu sitzen und zu trinken. Eine Palette Karlsquell war die übliche Einheit, 24 Dosen Bier, die billigste Marke.

Wir lernten eine Menge schräger Figuren kennen, wie den zwei Meter großen Hennes. Ein herzensguter Penner um die Fünfzig, der eine braune Busfahrerhose trug, an dem sich die schönsten Pissflecke der Welt abbildeten und der noch das letzte Stückchen Fleischwurst mit dir teilte. Wenn er voll war, und er war dauernd voll – gefangen im Korntext, ha haa – begann Hennes Lieder aus der Heimat zu schmettern und zu schunkeln. Er stammte von der Mosel, war auf Weinfesten groß geworden. Das mit dem Schunkeln wurde schnell zum Problem, weil er alle Mann mit sich riss. Mehr als einmal purzelten wir wild durcheinander, Weinflaschen stürzten zu Boden und zerschellten, es gab Tränen.

Sein Pennplatz war irgendwo hinter Wermelskirchen, kilometerweit entfernt. Oft schaffte er es abends nicht bis zum Unterschlupf, weil kein Bus mehr fuhr und sich niemand erbarmte, ein besoffenes Riesenbaby mitzunehmen, das lallend am Strassenrand stand. Dann fiel er einfach um und schlief ein, egal wo.

Auch wenn Hennes die Pranken und das Kreuz eines Preisboxers hatte, er war lammfromm. Sobald er von seiner Kindheit erzählte, flennte er wie ein Bengel, der etwas angestellt hatte.

"Sagt meiner Mutter, ich hab Scheiße gebaut", heulte er auf.

Ich konnte nicht genug davon bekommen, ihn anzusehen. Er hatte große treue Hundeaugen und mochte es, die Leute in seine gewaltigen John Wayne-Arme zu schliessen und an sich zu drücken.

Wisst ihr, warum Männer lauter Unfug machen? krächzte er besoffen. Warum soviel Unglück und Leid in der Welt ist? Weil alle Männer Weltmeister sein wollen! Keiner will Vize sein!

Geschlossen prosteten wir dem Champ zu.

3.12.15 15:45


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung