Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Karina

 

Ende der Sechziger wurden die Fundamente für eine Trabantenstadt gelegt. Ein neues Viertel sollte aus dem Boden gestampft werden, lauter Hochhäuser, umgeben von einem Ring aus Eigenheimen, womit die alte Hasseldelle, eine Genossenschaftssiedlung mit Kornfeldern und weiten Wiesen zum Fußballspielen, dem Untergang geweiht war.

Der Getränkehandel musste weichen, der Kiosk der alten Frau Drexelius. Da meine Eltern kein "Klein-Chicago" um sich haben wollten, planten sie den Wegzug zur Schillerstraße, Luftlinie zwei Kilometer entfernt. Es war das Ende meiner Afri Cola Kindheit.

Noch nicht ganz.

Die zahllosen Baustellen und Rohbauten waren unser Abenteuerspielplatz. Es gab aufgeplatzte Zementsäcke, Mischmaschinen, halbe Holzleitern. Und urplötzlich dieses Bild. Urplötzlich, weil ich es nicht mitgekriegt hatte, wie Dieter Rupp sich splitternackt ausgezogen hatte und in diesen Kellerschacht geklettert war.

Plötzlich lag er da, in diesen engen Schacht gezwängt und grinste uns frech an, mit einem riesigen eregierten Glied. Wir Jungs waren hingerissen und erschrocken zugleich. Eine schneeweiße Erst-Erektion, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. (Tatsächlich wundere ich mich im Nachhinein, wie man mit neun oder zehn Jahren so ein Ding stehen haben kann. Ein Ding, auf das ich heute noch stolz wäre. Ach was, heute erst recht.)

Wer übers männliche Genital schreibt, hat die Wahl: schreibt man Pimmel, Ding oder Latte, Rohr, Schwanz, Lümmel oder Riemen, macht man auf medizinisch oder Schweinkram. Eine schwierige Entscheidung. Ausnahme: Dieter Rupp 1969, pudelnackt im Neubauschacht an der Hasseldelle, hier war die Sache sonnenklar. Was uns da im Frühlingslicht anblitzte, war nicht weniger als ein 1a-Glied, schneeweiß und von langen blauen Adern durchzogen und erstaunlich stramm für sein Alter, ohne ein einziges Haar am benachbarten Hodensack.

 

*

 

Ich verliebte mich in Karina, ein Mädchen mit langen braunen Haaren. Sie gehörte zu den neu zugezogenen Kindern, mit denen wir sonst auf Kriegsfuß standen. Im Straßenfußball waren wir hoch überlegen, es gab Kloppereien, da waren wir auch nicht schlecht.

Karina sah ich mit dem Tornister von der Schule kommen, ein zierliches blasses Mädchen, in sich versunken und stolz. Das Haus, in dem ihre Familie wohnte, war eins der ersten fertig gestellten Reihenhäuser. Nach der Schule setzte ich mich gegenüber auf die Mauer und wartete, ob sie am Fenster erschien. Es prickelte in den Beinen. Der Bauch war voller Papierflieger. Ich war verliebt, und sie wusste nichts davon. Karina war kaum älter als ich, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, zehn ist und man selber ist erst neun, dann ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Der Sommer 1969 war ein verstörender Sommer. Ich saß wie auf Zündplättchen, wenn ich vor ihrem Haus auf sie wartete. Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen Straßenschlachten und Wasserwerfer, doch davon wusste ich nichts. Für mich gab es nur dieses kleine Mädchen. Ich erzählte niemand davon. Nicht mal Karina hatte eine Ahnung, was los war in dem kleinen Jungen, den sie ab und zu auf der Mauer sitzen sah. Wenn ich zu ihrem Fenster hochblickte, wartete ich auf ein Zeichen, auf eine Bewegung hinter der Gardine. Noch heute seh ich mich dort sitzen, Stunde um Stunde, Tag um Tag, bis der Abend dämmerte und ich nach Hause musste.

Karina war ein Engel in weißen Strümpfchen und einem weißen Lackmäntelchen mit Gürtelschnalle, doch sie zeigte sich nicht. Niemals geschah etwas.

Das Reihenhaus lag ruhig da.

Einmal kam ihr Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mauer saß und seinen Gedanken nachhing. Er schloss die Haustür auf. Niemand begrüßte ihn. Nicht mal ein Hund kam angelaufen. Es gab keinen Hund. Niemand freute sich auf ihn, wenn er nach Hause kam.

Karinas Zimmer lag im ersten Stock. Manchmal bewegte sich die weiße Gardine. Schemenhaft erkannte ich ihr Gesicht. Vielleicht glaubte ich das auch nur, weil ich das Fenster so sehr ins Visier nahm.

Das Häuschen war das erste in einer Reihe von Häusern, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus Beton lehnten sie aneinander. Daneben standen Flachdachbungalows mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Baustellenstaub strich um die Häuser, Teilchen von Schutt und kleine Splitter. Mir brannten die Augen.

Daheim spielte ich die Schlager- und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky war der Soundtrack meiner ersten großen Liebe. Dich mit Anderen teilen kann ich nicht. Ich hörte die Platte so oft, bis sie verkratzt war.

Nach der Schule kletterte ich aufs Mäuerchen, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Mädchenmunition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung.

Das Haus lag ruhig da.

8.10.15 16:39


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