Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Zahnarzt-Story No. 1

zahn

Die ganze Woche plagte mich der Backenzahn. Er hatte sich entzündet. Er war kaputt. Es war das totale Desaster. Jeden Abend nahm ich mir vor, am nächsten Morgen zum Zahnarzt zu gehen, jeden Morgen wartete ich lieber ab, ob sich die Sache vielleicht doch von alleine regelte.

Es gab nur eine Sache, die schlimmer war als ein Besuch beim Zahnarzt: Schulschwimmen! Aber das war lange her - zum Glück. Hätte jetzt noch Schwimmen auf dem Stundenplan gestanden, ich wär schnurstracks von der nächsten Eisenbahnbrücke gesprungen.

Ich war ständig auf der Hut. Ich hatte fast mehr Schiss davor, dass der Schmerz losgehen könnte, als vor dem Schmerzgefühl selbst. Wenn ich Glück hatte, gab die Ruine zwei, drei Stunden Ruhe, dann aber, von einer Sekunde auf die andere, gings von vorn los und mich durchfuhr ein Abgrund an Pein, als sickerten ein Bündel Reisszwecken und Drahtstifte durch mein Zahnfleisch. Ich zuckte bis in die Zehspitzen, der Schweiss brach mir aus, ich sprang auf.

"Jetzt isses soweit", taumelte ich verzweifelt durch die Wohnung, "jetzt isses soweit!"

Ein Aufschrei, den die Gräfin in diesen Tagen fatalerweise schon so oft gehört hatte, es fiel ihr schwer, ihn noch ernst zu nehmen.

"Dann geh endlich zum Zahnarzt, wenn es so schlimm ist!" schimpfte sie. "Mach überhaupt mal ir-gend-et-was ausser jammern!"

Ich futterte Filmtabletten und 30er-Packungen Retard-Kapseln gegen Zahnweh, sie schob mir ein Zäpfchen in der Größe eines Mini-U-Bootes in den Hintern, "das ist das letzte, worum ich dich jemals bitten werde!", aber es brachte alles nichts, nein, das machte keinen Sinn, nicht bei einer Entzündung.

So neigte sich meine Freiwoche dem Ende zu, und Freitagvormittag, nach dem Frühstück, "jetzt isses soweit! jetzt isses soweit!", war es soweit. Die Tabletten waren alle. Als obendrein das erste Bündel Reisszwecken zu rutschen begann, reichte es mir. Ich griff entschlossen zum Telefon und rief beim Todfeind an, Praxis Doktor Kettenbach.

"Ich brauche einen Termin", jammerte ich.

"Moment, ich schaue nach, wann was frei ist", hörte ich die Sprechstundenhilfe. Ihre Stimme hatte diesen kerngesunden Touch, der einem auf der Stelle sechzig blütenweiße Schneidezähne suggerierte. "Nächste Woche Donnerstag kann ich Ihnen anbieten."

"Nächste Woche..?! Gute Frau, ich bin ein Notfall!"

"Ein Notfall, soso.. gut. Wie war der Name?"

"Glumm."

Stöhnen am Apparat. "Also, Herr Glumm, schön, kommen Sie vorbei, in Gottes Namen.. Aber bringen Sie viel Zeit mit."

Halb eins. Der Warteraum war leer. Wieso zum Henker war der Warteraum leer?! Ich sollte doch Zeit mitbringen! Was war hier los?! Das ganze war ein abgekartertes Spiel! Von langer Hand in Szene gesetzt! SCHWEINEBANDE! Und tatsächlich: Kaum hatte ich mich niedergelassen und nach einem goldenen Revolverblatt vom Zeitungstisch gegrabscht, lotste mich der Lautsprecher in Raum 2. Ich landete in Raum 3. Eine Schwester holte mich da raus.

"Hier lang, junger Mann", lächelte sie und zeigte Zähne.

Doktor Kettenbach, Da war er. Er wischte über die Gänge wie ein weißer Kittel-Herr. Ich mochte ihn nicht, er mochte mich nicht. Um einen extrem widerspenstigen Zahn ziehen zu können, hatte er mir im Jahr zuvor vier! Betäubungsspritzen verpassen müssen, bis ich endlich Ruhe gab und er seiner Arbeit nachgehen konnte. Das teilte ich ihm und seiner weiblichen Stuhl-Assistenz in Raum 3 sicherheitshalber noch einmal mit, "könnte ja sein, dass davon nichts im Patientenblatt vermerkt ist.."

"Na, nun lassen Sie mich mal machen, junger Mann. Ich kenne mich schon ein bisschen in der Materie aus, das müssen Sie mir schon zugestehen. Und mit einer Spritze muss ich ja schliesslich anfangen. Eine nach der anderen, eine nach der anderen.."

Er mochte es, mich auflaufen zu lassen, mich nicht ganz Ernst zu nehmen, genau das also, was ich unheimlich gut ab konnte - doch wusste er wirklich, was er da redete? Zwischen den Spritzen, es wurden am Ende insgesamt fünf, wechselte er ständig ins benachbarte Behandlungszimmer, um mit einer ihm bekannten Patientin zu scherzen, während ich mit taub werdender Backe die Hinrichtung erwartete.

"Ojemine, ojemine, der ist hin, der ist hin..", hatte der Doktor nur gemurmelt, als er das Röntgenfoto der Ruine betrachtet hatte. "Tja, ich würde sagen, Totalschaden, junger Mann."

Am liebsten hätte er TOTALSCHADEN in blutroter Keilschrift auf ein weißes Banner projeziert und in mein Blickfeld gehängt. Dann, nach der vierten Spritze, verlor er allmählich die Nerven. Der Backenzahn war immer noch nicht vollends betäubt, im Gegenteil, es reichte schon die leiseste Berührung mit der Greifzange und ich stand schreiend im Stuhl.

"Sie scheinen mir ein wenig übersensibel, junger Mann", meinte er schroff.

"Sag ich doch!"

Die fünfte Spritze setzte er schliesslich mitten ins Zentrum des erkrankten Nervs.

"Das ist jetzt die letzte Möglichkeit.. Es kann natürlich auch sein, dass die Entzündung bereits so weit fortgeschritten ist, dass keine Anästhesie mehr greift. Das kann in diesem fortgeschrittenen Stadium natürlich sein. Dann.. dann wirds schwer.."

Wie beruhigend. Wieder setzte Kettenbach die Zange an, doch als er diese eine Stelle des Backenzahns antippte, leicht, ganz leicht nur, röhrte es aus der Tiefe und Dunkelheit meiner Eingeweide, "moaargggh!!!"

"Fertig, aus! Nein, das hat kein Zweck mit Ihnen! Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!" Kettenbach wurde hektisch, knipste das OP-Licht aus und stand auf. Ein geschlagener, ein gedemütigter Mann. Ein ex-Zahnarzt. "Sofort in die Lukas-Klinik mit dem Mann! Sollen die doch entscheiden, was die mit dem machen! Dafür übernehme ich keinerlei Verantwortung mehr! Das ist hier noch nie.. passiert!"

Die Sprechstundenhilfe, die am Stuhl assistiert hatte, verschwand zur Rezeption, mit geschätzten siebzig Stundenkilometern, sie watzte regelrecht den Gang entlang, mit hektisch geröteten ALARM-Backen. Den Tränen nahe blieb ich im Behandlungszimmer stehen, während Kettenbach mir den Rücken zudrehte und einen Bericht für die Lukas-Klinik abfasste, mit dicht behaarten Unterarmen.

"Vielleicht machen die in der Lukas-Klinik eine Schnellanästhesie, keine Ahnung, sollen die entscheiden."

"Kommt das öfter vor?" erkundigte ich mich vorsichtig.

"Öfters?" Er fuhr herum. "Das ist mir noch nie passiert, in dreiundzwanzig Jahren nicht, seit ich selbständig bin, junger Mann!"

Kettenbach sah den Schock in meinen Augen, und milderte seine Stimme.

"Am besten wär natürlich, Sie saufen ne Flasche Whisky und ich hau Ihnen kurz was auf die Fresse un dann raus mit der Ruine, so wie früher im Wilden Westen.. Wegen so nem scheiss Zahn. Aber das kann man ja nur unter Freunden machen."

Ich hätte gern mitgelacht, und suchte den Ausgang.

"Da gehts raus, junger Mann."

Plötzlich waren alle so zuvorkommend, der Doktor und die umherschleichenden Assistentinnen, wie liebes Vieh. Nichts wie raus hier.

Ich nahm ein Taxi nach Ohligs, zur Lukas-Klinik. Der Fahre war Grieche.

"Was ist das? Direkteinweisung?" fragte er mit knappem Blick auf den Umschlag in meiner Hand.

Ich nickte. "Fünf Spritzen hab ich gekriegt. Hat alles nichts genutzt. Ist voll entzündet der Zahn."

Es war, als hätte ein Automat aus mir gesprochen, einer dieser Märchenwald-Automaten, wo man einen Groschen einwirft und eine scheppernde Märchenwald-Stimme erzählt von Zahnärzten und ihren dreckigen Machenschaften im Kariescountry. Vor lauter Beruhigungsspritzen spürte ich kaum noch meinen Mund oder die Zunge.

"Kenn ich, kenn ich.." Der Fahrer winkte ab, ganz der Profi. "Hab ich auch gehabt, so eine schlimme Entzündung. Damit haben die in der Lukas keine Probleme. Das sind Vollprofis, da bist du nur ganz kurz weg und wenn du wieder zu dir kommst, bist du praktisch schon wieder zu Hause und alles ist okay."

Während der Fahrt über die Stadtautobahn hörten wir Lokalradio. Die beiden Täter, die am Wochenende einen jüdischen Friedhof in Wuppertal aufgebrochen und geschändet hatten, waren gefasst worden. Einer war zwölf, der andere dreizehn Jahre alt.

"Das sind ja noch Blagen", schimpfte der Grieche. "Zwölf! Pah! Da hatte ich ja nicht mal Haare am Sack!"

Ich nickte.

"Was die brauchen, ist ne richtige Tracht Prügel", fuhr er fort. "Richtig was auf die Fresse, so wie wir früher. Was wir alles angestellt haben."

Jetzt hatte ich keine Lust mehr zu nicken.

Lukas-Klinik. Auf dem Weg zur Kiefer-Chirugie begegneten mir zwei Schwestern, die es eilig hatten und ein Krankenbett über den Flur schoben. Dem Patienten standen kreuz und quer iregendwelche langen Drähte im Gesicht, in der Nase steckte ein blutverschmierter Schlauch.

"Ich arme Sau", wimmerte ich.

"Machen Sie mal die Tür zu, junger Mann." Die Frau an der Anmeldung sprach zu mir mit der Anteilnahme einer Parkuhr. "Eigentlich ist ja nur bis zwölf Bereitschaftsdienst..", sie schaute zur Wanduhr, ".. aber ich werd mal sehen, was sich machen lässt. Nehmen Sie solange im Wartezimmer Platz. Aber nicht türmen, junger Mann, das kann etwas dauern."

Ich suchte ein Münztelefon und rief zuhause an. Die Gräfin hatte meinen Anruf schon erwartet. Befürchtet. Mit meiner exorbitant dicken Backe klang ich verbeult und kläglich.

"Ich bin in der Lukas-Klinik.. Ja.. Genau.. Nee. Die müssen mich nochmal betäuben.."

Erst bekam die Gräfin einen Schreck, dann fand sie die ganze Situation plötzlich komisch und musste kichern, und ich legte beleidigt auf.

Kaum hatte ich wieder im Warteraum Platz genommen, wurde ich über Lautsprecher in Raum 2 gerufen. Vorsichtshalber suchte ich Raum 3. Der diensthabende Zahnarzt war mir gleich sympathisch. Er war ungefähr in meinem Alter und hatte das Gesicht voller Sommersprossen. Ein ganzes Tablett voll, wie Likörchen. Zur Vertiefung der Anästhesie reichte er mir eine dicke Pille und im Anschluß zwei weitere Betäubungsspritzen. Na, das war doch schon mal was.

Beiläufig sprach er vom wichtigen ph-Wert im Gewebe und anderes Zeugs, dass ich nicht die Bohne kapierte, ich nickte bloß immerzu und dachte, du bist ein Profi, nicht wahr? Sag, dass du ein Profi bist!

Sag es!

"Ich dachte, ich krieg eine Schnellnarkose", formulierte ich dann doch einen Einwand.

"Nee, nee, das machen wir hier in der Lukas nicht mehr. Ist zuviel Aufwand für einen einzigen Zahn. Da schliesst sich womöglich noch ne Stunde im Aufwachraum an und solche Geschichten, nee, machen wir nicht mehr."

Es ging gleich zur Sache. Fast in Überrumplungs-Taktik. Im Gegensatz zum verpimpelten Kettenbach trug der Profi-Zahnarzt weder Mundschutz noch Einmalhandschuhe. Ein Profi durch und durch. Es konnte natürlich auch sein, dass er schon mit HIV und Gilb infiziert war. Aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Also für ihn.

Während er das Brecheisen ansetzte, hielt die assistierende Schwester meinen Kopf fest. Sie nahm ihn zwischen ihre Hände, ich war in ihrem Schraubstock.

"Sie müssen jetzt mal eine halbe Minute lang tapfer sein. Sehr sehr tapfer..", sagte sie.

Oh Scheiße! Wie klang das denn? Worte vom Schafott. Ich klammerte mich an der Armlehne fest. Ich arbeitete mit den Beinen. Ich schrie durch meinen Kopf.

"Toll, wie Sie mitarbeiten. Gaanz toll machen Sie das.."

Ich war sechs Jahre alt, und am Ende.

Und dann war der Zahn draussen. Mit einem einzigen, schmerzbekloppten Ruck.

"Wunderbar! Geschafft!" hörte ich von weit her Jubelchöre. "Der war schon ganz infiziert, der Zahn. Hier.. schauen Sie mal."

Ich schaute woanders hin und sackte zurück in den Stuhl. Alles war voller Blut. Der Stuhl, der Boden, ich. Die Schwester lächelte zufrieden und stopfte mir ohne Ende Watte in die Wunde, so viel, als rollte sie einen ganzen Wintermantel aus.

Zurück nahm ich die Regionalbahn. Ich hatte kein Geld mehr fürs Taxi. Für die Bahn auch nicht. Ich fuhr schwarz. Mir war alles egal. Die Leute im Abteil starrten mich an, weil das Tampon immer noch in meinem Mund steckte und hervor quoll wie eine blutige kleine Zigarre. Ich sah zerstört aus, keine Frage, aber ich war die Ruhe selbst. Es war geschafft. Die Sau von Backenzahn war exekutiert. Ich schwebte heim. Ich war überglücklich.

3.8.15 15:29


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