Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Für ein bisschen Kif


Hinterm Busbahnhof im entlegenen Stadtteil Aufderhöhe stand ein runtergekommenes großes altes Fachwerkhaus, das der Stadt gehörte und von der Aktion Wohnungsnot besetzt war. Damit das auch jeder wusste, wehten Banner und Bettlaken aus jedem Fenster: Dieses Haus ist besetzt! Jetzt wusste jeder Bescheid.

Nun gibt es bekanntlich Tage, die sind klar und zackig wie ein Song der Who, und es gibt Tage, da geht einem das Dope aus. An irgendeinem Grund befand ich mich an diesem Nachmittag in Kategorie 2 und lief in der City Paffrath in die Arme, der auf dem Weg nach Australien war. Da der Abflug auf sich warten ließ, sein Appartement aber schon aufgelöst war, wohnte er vorübergehend im besetzten Haus.

“Meinst du, von den Jungs hat einer was Brösel?”

“Na garantiert”, meinte Paffrath, “die haben doch sonst nichts zu tun.”

Das stimmte so natürlich nicht. Die meisten Besetzer waren politisch engagiert, doch im Laufe der Zeit kamen immer mehr Typen dazu, die einfach klamm waren und keine Bleibe hatten.

Wir setzten uns in den Bus und rumpelten Richtung Aufderhöhe. Unterwegs zeigte mir Paffrath stolz sein Visum. Permitted to remain in Australia until 31. Jul 88. Paffrath zählte zu den umtriebigen Typen, die ständig was am Start hatten, die sich permanent mit fliegenden Fahnen durchs Leben bewegten, und immer ging etwas schief - was ihn nicht daran hinderte, weiter zu machen und den nächsten Sturmlauf in Angriff zu nehmen.

Ich erinnere mich an eine Situation, als wir unter mehreren Leuten in der Kneipe standen und Benzini gerade davon schwärmte, wie er als junger Bursche in den Gassen von Pamplona mit den Stieren gelaufen war. Das wollte Paffrath, stinkevoll, spontan nachspielen. Die Zeigefinger an den Schläfen ahmte er zwei Hörner nach, scharrte mit den Hufen und stürzte von einem Podest runter Richtung Tresen. Darauf vertrauend, dass wir ihn schon auffangen würden, schnaubte er auf uns zu, doch wie auf Kommando spritzten wir alle auseinander und bildete eine Gasse, an deren Ende Paffrath gegen die Theke knallte, mit dem Schädel voran.

"Olé!"

Paffrath hatte einen suchenden Gang, wie jemand, der nie genau wusste, wohin die Reise ging. Er drehte sich quasi jeden Morgen von neuem in den Tag hinein, wie ein türkischer Öl-Ringer in den Gegner. Aber er war unverwüstlich.

Sein vorübergehender Unterschlupf im besetzten Haus war von geradezu biblischer Kargheit. Als Bett diente ein Holzverschlag, auf dem ein paar versiffte Wolldecken lagen. Daneben stapelte sich ein Haufen Dielenbohlen, der wohl mal dazu gedacht war, als Boden ausgelegt zu werden, im Laufe der Zeit aber mürbe geworden war und nun vor sich hingammelte.

Höhepunkt der Bruchbude: ein aufgespannter Regenschirm, der von der Zimmerdecke hing und nur noch aus bröselnden, längst vergangenen Regenfällen zu bestehen schien. Der Gestank streunender Katzen dominierte das Haus, ein Gestank wie Arschritze ganz unten, mit Katzenstreu abgelöscht.

“In der Hütte hier kann man eigentlich nur aufwachen, die Nase zuhalten und zusehen, dass man so schnell wie möglich Leine zieht”, meinte Paffrath und verschwand auf dem Dachboden, um sich nach Dope zu erkundigen. Er blieb nicht lange weg. “Du musst noch einen Moment warten, aber es lohnt sich”, versprach er.

“Na schön. Ich geh solang was essen”, sagte ich.

Die Pommesbude lag gleich um die Ecke, links die Strasse runter. Currywurst, doppelte holländische Pommes. Hinter mir saßen zwei Anstreicher. "Am Wochenende muss ich zu Hause streichen", meinte der jüngere der beiden, "die ganze Bude marineblau. Wie ein verdammtes Aquarium."

Dann zurück zum Haus. Es regnete leicht. Paffrath stand unten an der Tür und wartete auf mich.

“Die Jungs sind unterwegs. Die haben das Zeug im Wald verbuddelt. Komm, wir gehen so lang nach oben, am Dachboden ist ein Proberaum. Können wir uns die Zeit vertreiben.”

Wir stiegen das schmale Treppenhaus hoch. Im Dachgeschoss waren die Wände mit Silberpapier, Bitumenfolie und Eierkartons gedämmt. Ein paar Freaks versuchten Musik zu machen. Der Eingeborene an der Stromgitarre faselte was von 7/8-Takt, Blues in a und Rumba, spielte aber immer den gleichen Stiefel, der nicht vom Fleck kam. Weil der Bassist im Wald unterwegs war, Brösel ausgraben, wechselten sich zwei Jungs an dem Gerät ab. Und mitten im Raum, auf einem Schemel, fläzte sich mit gekrümmten Rücken ein sorgsam verfilzter Hippie, der sich bar jeglichen Talents an einem Saxofon versuchte.

“Spielt was Orientalisches!” forderte er die anderen immer wieder auf. Doch es klang auch so schon wie Kairo die Autobahn rauf und runter, und dauernd lief irgendwer vors Auto und wimmerte. Nur Paffrath hielt an den Congas halbwegs den Takt.

Ein kleiner Junge in schmuddeliger Montur kam aus der Imbissbude und packte ein triefendes halbes Hähnchen aus. Er rupfte das weiße Fleisch aus dem Geflügel und stopfte es sich in den Mund. Ich saß zwischen wummernden Verstärkern und kam mir vor wie im Tierfilm. Ich wartete sehnsüchtig auf das Piece, damit ich mich vom Acker machen konnte. Und die ganze Zeit fanden die Jungs beim Musikmachen nicht ein einziges Mal zueinander. Es war keine Kakophonie, es war Milzbrand.

“Ich kann nur Chaos”, meinte das Wrack am Saxofon, als es gerade an der Reihe war, sich am Bass zu versuchen. Ich war bis unter die Hutschnur bedient, Paffrath aber ließ sich seine gute Laune nicht vermiesen. Noch 48 Stunden bis Brisbane. Im Schneidersitz bearbeitete er die Congas mit einer Vehemenz, es war eine Freude, ihm zuzusehen.

Irgendwann wurde ich erlöst, und der Brösel aus dem Wald hielt Einzug. Ich kaufte einen Hunni und machte, dass ich in den nächsten Bus kam, Richtung Innenstadt. Die Flucht hatte schon etwas militärisches an sich, sagen wir: flotten Charakter. Was man eben an manchen Tagen so auf sich nahm, für ein bißchen Kif.

5.5.15 08:58


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