Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Krupp war ein Sonderfall

 

 

Krupp ist einer von den Leuten, von denen ich keine Ahnung hab, was aus ihnen geworden ist. Zu Beginn der Achtzigerjahre wurde er ohne erkennbare Liaison Vater von Zwillingen und zog nach Wuppertal, danach hab ich nie wieder von ihm gehört.

Krupp war ein Sonderfall. Eine kaum bekannte Stoffwechselgeschichte sorgte dafür, dass ihm schon im Kindesalter sämtliches Haar ausging. Zum Schluss hatte er nicht mal mehr Augenbrauen oder Wimpern, er war eine große fröhliche Nacktschnecke geworden, und seine Haut wirkte wie frisch gekalkt.

“Ich bin unheimlich weiß und ich komm aus dem Beton”, dröhnte er gern und tat ein bisschen unheimlich. Er hatte winzige waidwunde Äuglein, die er hinter einer Nickelbrille mit starken Gläsern versteckte. "Ich krieg sonst euer ganzes scheiß Haar in die Augen!"

Weil eine Therapie gegen Autoimmunerkrankungen nicht in Sicht war, hoffte Krupp auf eine Spontanheilung und futterte Unmengen Zink, auf Anraten eines Wiener Wunderheilers, von dem er in der Zeitung gelesen und den er kontaktiert hatte. Was heißt kontaktiert. Sie telefonierten beinah täglich, und das eine ganze Weile lang. Krupp, das Unikum, Krupp, der Sonderfall, der Wahnsinnige, aber nur für Außenstehende. Unter seinen Freunden und Bekannten fiel er nicht weiter auf, man kannte es ja nicht anders.

Das alte Nacktschneckerl.

Sein Lieblingswort war fundamental. Eine Zeitlang war alles fundamental für Krupp, die ganze Welt war fundamental, und Haschisch war das Fundament von allem. Als wir begannen mit X112 zu hantieren, Schlankheitstropfen, die einen umhauten, wenn man genug davon intus hatte, war Krupp der experimentierfreudigste. Er klapperte auf seinem Sportrad die bekannten Orte ab, wo die Szene sich aufhielt - Bolzplätze, Tischtennisplatten, der Park hinterm Haus der Jugend - und ließ seine schlanke Pulle kreisen, wie sie bald überall gepriesen wurde. Der Inhalt: ein Mix aus Cola, Fanta und X112 Tropfen. Wer versehentlich zu tief in die Pulle blickte, wurde tags drauf mit einer fundamentalen Riesenmenge Stuhlgang bestraft. Beteiligte WCs sahen oft schlimmer aus als Klos auf weißrussischen Autobahnen.

Krupp trug ein unauffälliges dunkelblondes Toupet, sein "Mützchen", das aber schnell den Halt verlor und ihm quer über den Schädel driftete, wenn er betrunken war und den wilden Ich bin unheimlich weiß und ich komm aus dem Beton-Max markierte. Dann saß das Haarteil mal hier und mal da und sah aus wie verrutschter Pfannkuchen, der sich nicht entscheiden konnte, wo der Teller stand, oder es pappte ihm am Hinterkopf wie eine überlange Gardine.

Krupps wohnte bei der Oma, bei der er auch aufgewachsen war. Keiner wusste, was mit seinen Eltern geschehen war, das sind nicht die Sachen, über die man sich unterhält, wenn man neunzehn ist. Das Haus stand abgelegen am Rande der Felder, weit hinter der Hofschaft Theegarten. Wer ihn besuchen wollte, brauchte ein Auto oder musste einen langen Spaziergang auf sich nehmen. Eine Busverbindung gab es nicht.

Er wohnte wirklich weit außerhalb.

Einmal besuchte ich ihn zu Hause, es war frühmorgens und er noch betrunken vom Vorabend. In eine Wolldecke gehüllt kam er wie ein römischer Imperator die Treppe herunterstolziert, die Tunika und den weißen Pimmel schwingend, "ave, mein Freund, ave!" Ein Bild, das ich mit ins Grab nehme, damit ich noch was zu lachen habe, wenn die Würmer kommen, mit ihrer Werkbank.

Ein anderes Mal besuchte ich Krupp an einem Sonntagmorgen. Ich hatte einen solchen Riesenkater, bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, dass meine Nervenmöbel durch die Schädeldecke stießen. Nicht mal frische Luft brachte Linderung. Unterwegs, auf den Feldern, musste ich plötzlich scheißen. Aufhalten ging nicht mehr, also liess ich den Arschbacken ihren Lauf und setzte einen mordsmäßigen Pernod-Schiss in die Büsche. Es stank zum Himmel. Dafür war die Form in Ordnung: ein schönes Hufeisen. Ich putzte mir den Hintern mit Laub ab, was gut funktionierte, es war schließlich Herbst und jede Menge Klopapier lag in der Gegend rum.

Vorbei an abgeernteten Maisfeldern zum Haus von Krupps Oma. Krupp hatte seine eigene Türklingel. Ich schellte Sturm, doch nichts rührte sich. Irgendwann wechselte ich zur Klingel der Oma. Einmal kurz angetippt, schon stand sie da, im Morgenrock. Eine verschrobene knochige Oma, die gut kochen konnte und fromme Lieder sang. Manche nannten sie Oma Psalm.

“Morgen”, sagte ich. “Ich wollte hoch zum.. Krupp. Wir sind verabredet.”

“Ja, der Gute schläft noch. Kommen Sie nur herein, junger Mann. “

Es war ein bisschen, als hätte ich Karlos besucht, der ebenfalls unterm Dach wohnte, doch Karlos hatte Haare am Sack. Außerdem wohnte er woanders und seine Mutter ging gern unterm Parapluie spazieren. Blödsinn alles. Richtig war, dass mich Krupps Oma an das alte Weib erinnerte, das im Märchen vom kleinen Muck jeden Tag um die gleiche Zeit die Katzen aus der Nachbarschaft zusammentrommelt: “Herbei, herbei, fertig ist der Katzenbrei..!” Eine hutzelige Alte, vergessen von der Welt, aber gebraucht von den Katzen.

“Gehen Sie nur die Treppe hoch, und wecken Sie den Guten auf.. nur zu.”

Ich ging hoch, klopfte an der Tür. Keine Reaktion. Bevor ich die Klinke herunterdrückte, wartete ich einen Moment, man wusste nie, ob Rollo einen ansprang, in welcher Verfassung er war, Krupps aggressiver hochneurotischer Kater. Ich hatte mächtig Bammel vor dem Monster, das niemals schnurrte. Es konnte durchaus passieren, dass man oben bei Krupp saß und nichtsahnend einen Bong rauchte, (begleitet vom Rieseln der riesigen Nordmanntanne, die im Garten stand und friedlich durch die geöffnete Dachluke ins Zimmer nadelte), als Rollo einen unvermittelt ansprang, von der gegenüberliegenden Sesselkante aus. Einfach so. Aus einer Laune heraus. Frontalangriff. Ohne erkennbares Motiv, ohne Fauchen. Und wer es dann nicht schaffte, schnell genug abzutauchen, hatte enorme Schwierigkeiten im Gesicht. Rollo war die bekloppteste Katze, die ich je kennengelernt hab.

Ich drückte langsam die Türklinke herunter. Das Zimmer war dunkel. Ich bemerkte eine rasche Bewegung im Bett, und hörte ein Stöhnen. Das war nicht Rollo, das war Krupp.

Ich machte Licht.

“He..!?” Krupp schraubte seinen Schädel aus der Bettwäsche, kahl und hellhäutig, ein großes rohes Insekt. "Wer..? Bist du.. ach, doof..??”

Nicht nur das Toupet fehlte. Auch die Brille war nicht da, wo sie hingehörte. Eine Art Nickelbrille mit sturmtruppstarken Gläsern, ohne die er aufgeschmissen war. Seine Augen waren die eines Albinos. Ständig gerötet, wie dauerbekifft. Und wie er nun dalag in seinem Sonntags-Bettchen, glatzköpfig, nach Schnaps müffelnd, tat er mir ein bisschen leid. Ich sah zu, wie er die Hand unter die Decke schob und die Brille hervorfischte. Als sie auf seiner Nase saß, fasste er sich an den Kopf.

“Scheißdreck..”, fluchte er.

Wieder langte er unter die Decke. Er hob sie fluchend an, und da lag sie, die blonde Echthaar-Perücke. Das Mützchen. Er setzte es auf und stierte mich verquollen an. Seine linke Backe hing schief runter, vom langen Pennen, wie Quasimodo. Irgendwo im Haus schien jemand zu singen. Es kam von weit unten, aus dem Keller.

“Mann, siehst du beschissen aus”, sagte ich.

“Fundamental”, antwortete Krupp und rieb seine geröteten Granulataugen. “Shit!”

Ich blieb eine halbe Stunde. Und dann noch eine volle.



1.4.15 11:09


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