Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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007 in: Jahreswechsel


 

Den Jahresausklang 2006 zu dritt vorm Fernseher verbummelt. Ausnahmsweise durfte der Hund mit ins Bett. Es lief Außer Atem, das Original von 1959. "Das Schlimmste im Leben ist Feigheit", hörte ich Belmondo krächzen. Er nuckelte an einer Maiscigarette, dann schlief ich ein. Es war 21 Uhr.

Meine Schwester hatte eine Mail geschickt, ob wir Lust auf Fondue hätten inklusive einem Schälchen Wasser für den Hund, in intimer Runde, doch die Mail war schon einige Tage alt, als ich sie entdeckte, und wir waren eh zu müde und geschlaucht, um das Haus zu verlassen. Wir waren vorm Fernseher besser aufgehoben. Es gab doppelt gesüßten Baldriantee und einen Tierfilm, danach den Belmondo.

Dabei hatten wir vorgehabt, es dieses Jahr Silvester richtig krachen zu lassen, wie alle anderen. Wir wollten 2007 ans Laufen bringen, wie es sich im Normalfall gehört: auf den zusammenkrachenden Trümmern des alten Jahres. Ich hatte im Discountmarkt eine extrafette Bang! Bang!-Tüte besorgt und 90 Sekunden Goldregen, aber als ich endlich wach wurde, irgendwann nach Mitternacht, war die Ballerei längst im Gange.

"Welch lustig Gewitter Silvester doch ist!" spöttelte die Gräfin, sie stand am offenen Fenster. Es pfiff und es donnerte. Ich war noch halb im Schlaf, es war kalt im Zimmer. Im Fernsehen lief ein James Bond-Film. Ich wickelte mich in die Decke ein und gesellte mich zu ihr. Der Hund kam schwanzwedelnd auf uns zu. Das war ihm stets am liebsten, wir drei als Gang, egal, was kommt.

PRAAAFFF!
SSSSIIIIIIIIIIIIIIIIIII..!!
SELLLIPPZZZZ!!!

"Kein Schwein feiert mehr ne verfickte Party, aber kaum ist Silvester, kommen sie aus allen Löchern", murrte die Gräfin.

"Warum hast du mich nicht geweckt?" fragte ich.

Ich ging mit einem Kuss auf sie zu, in meine Decke gehüllt. Ich fühlte mich wie Woodstock. Ich hatte sogar Mathews Southern Comfort im Hopf. Auf dem großen Wendeplatz vorm Haus wälzte sich ein Raketennebel über den Asphalt wie riesige graue Flusen. Die Nachbarschaft feierte mit Sekt.

"Guck mal..", sagte sie.

"Ja", sagte ich. "Super."

"Nicht da! Hier!"

Ich blickte sie an.

"Hübsch", sagte ich.

"Herpes", sagte sie.

Ach so. Das da. An der Oberlippe.

"Hab ich mir eben gefangen, bestimmt beim Knutschen mit dem Hund, und jetzt find ich die Herpes-Salbe nicht."

Während 13-Etagen-Knatter-Batterien den Himmel erleuchteten und pfijuuh! die nächste Fontäne heulend den Erdboden verliess, half ich ihr beim Suchen nach der verschollenen Salbe.

"Die hab ich wieder irgendwo verbummelt", murmelte die Gräfin, während ich das Badezimmerschränkchen auseinandernahm.

"Mannomann, ist das wieder ein Hörnchen“, stöhnte sie in den Spiegel. "Und wie das brutzelt. Geht ja gut los, das neue Jahr."

"Lass uns den Herpes doch einfach wegsprengen", schlug ich vor. "Wie in Moonraker! Wir hängen einen Böller dran, RAWITZZZ! ist das Böhnchen platt!"

"Moonraker.. Wieso Moonraker? Was war denn da?"

"Null Null Sieben!"

"NA, DAS WEISS ICH SCHON! ABER.. ach, schon gut."

Sie belauerte sich im Spiegel.

"Würde jedenfalls ne hübsche Kaskade abgeben, wenn der Herpes explodiert."

Immerhin wusste ich jetzt Bescheid, warum sie partout keinen Neujahrs-Kuss von mir wollte, da konnte ich sie in meiner Woodstock-Decke noch so sehr umgarnen und Msathews Southern Comfort summen.

"Sag mal.. einen Kuss gibts hier wohl nicht mehr!?" maulte sie keine Sekunde später. "Bin ich jetzt verpönt wegen meinem Böhnchen am Mund?"

Vonwegen. Ich kam mit einem Monster rüber, einem zeitlosen Monster von Zungenkuss.

Martinis, Girls, Guns, Kisses – alles kein Problem für 007.

Plötzlich Getrappel im Hausflur. Gus, der Altpunk aus der Wohnung über uns, schleppte sich schwer erkältet die Treppe runter, mit 99 Schuss und seinem 12jährigen Sohnemann.

"Du Scheisse", sagte ich, "es geht wieder los."

Jedes Jahr Silvester war es das gleiche: der Sohn hielt Gus auf Trab. Er konnte nicht genug kriegen von Feuerwerk.

"Los, Papa, fang schon an! Ich hol direkt schon mal Nachschub!"

"Vonwegen.."  Die Gräfin nahm ein flackerndes Teelicht vom Tisch und streckte es weit aus dem Fenster, eine kleine Mitternachtsmesse in all dem furiosen Gewimmel. Mir warf sie eine Wäscheklammer zu.

"Hier, nimm!"

"Was soll ich damit?"

"Na, Krach machen. Wie alle anderen!"

Ich liess die Wäscheklammer aufspringen. Plopp. Ich stand da, mit aufgeploppter Wäscheklammer.

Gus entdeckte uns. "Frohes Neues!" rief er heiser. Er hatte bestimmt zehn Kilo abgenommen in den letzten Tagen. Er sah aus wie ein Gespenst. Er war böse erkältet. Der Lichtschein der Raketen und die umhertanzenden Leuchtregen erhellten sein geschundenes Gesicht, all die Pistols & Madness-Furchen der wilden Siebzigerjahre: eine eisenharte Alt-Akne.

"Du hast doch auch was zu Ballern geholt", sagte die Gräfin zu mir. "Warum gehst du nicht raus und knallst auch ein bisschen?"

"Nee.. lass mal. Das bewahren wir schön auf", sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. "Pass mal auf, wenn im Sommer kein Schwein mit Feuerwerk rechnet, fallen hier die Bomben vom Himmel. Wie in Moonraker."

Erst als Gus und sein halbwüchsiger Sohn auch um ein Uhr noch Kanonenschläge in den frostigen Himmel schossen und kein Ende in Sicht war, fing es auch in unserem Bett bedrohlich an zu rumoren. Und das kam nicht vom Hund.

"Macht das dumpfbackige Geschmeiss da draussen auch mal Schluß?" moserte die Gräfin.

*

Neujahr. Wir schliefen lange, gingen erst um halb zwölf mit dem Hund vor die Tür.

"Weißt du noch letztes Jahr Silvester?" sagte ich. "Da haben wir direkt vor unserem Fenster fette Fontänen gezündet."

Es war das allererste Mal in all den Jahren gewesen, dass wir ein Feuerwerk gekauft hatten. Und das wollten wir dieses Jahr toppen. So der Plan. "Stattdessen haben wir nicht mal einen Knallfrosch geworfen", fuhr ich fort, als wir am Zedernweg einen Riesenhaufen abgebrannter Feuerwerkskörper passierten. Es sah aus wie im Krieg.

Dann die Überraschung. Das Omen. In all dem Raketenmüll, der auch zwölf Stunden später noch überraschend stark nach Schwarzpulver roch, fiel der Gräfin eine Rakete auf, festgebunden an einem Zaunpfahl - wie an einer Raketenstation:

Römische Licht-Batterie Effekthöhe 25 Meter, Brenndauer 60 sec.

"He.. die ist ja gar nicht abgefeuert. Da ist ja noch die Lunte dran, guck mal. Die haben die Rakete festgebunden und dann in der Dunkelheit vergessen zu zünden."

Und so kamen wir am Neujahrstag 2007, Punkt 12 Uhr, doch noch zu unserem Feuerwerk. NUR 1X ANZÜNDEN stand groß auf der Rakete geschrieben, und kaum gezündet machte es genau einmal POKK und eine lumpige Rauchsäule stieg auf, 15 Zentimeter hoch - das wars, fertig, aus.

"Wie? Das soll alles gewesen sein?" rief die Gräfin, die noch immer Erwartungen ans Leben hegt, und genau in diesem Moment gings los: PIUHH! PIUHH! PIUHH! pfiff es in den schneegrauen Himmel, ein 210-Schuß-Feuersturm-Pyro-Leuchtspektakel, als hätten sich Ufos am hellichten Tag unter die Wolken gemischt, vom Planeten Salsa.

Und was sagt uns das nun fürs neue Jahr?

"Konservativ bleiben, nicht mit Behörden anlegen", las die Gräfin abends das chinesische Orakel am Teebeutel des Yogi-Tees vor. "Und ein kleiner Abstauber ist immer drin."

In diesem Sinne.

12.3.15 18:02


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