Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Mitsubishi Boy

Natürlich hatte der Mitsubishi Boy ein Schoss raus. Aber es war ein Schoss, das man gerne hervorzieht, um sich die vielen kleinen Dinge darin anzuschauen.

"Wenn ich erst mal dreißig bin, fang ich an zu überlegen, wie ich vierzig werde", sagte er, "wenn ich vierzig bin, fang ich an zu überlegen, wie ich fünfzig werde. Und so weiter. Das muss reichen fürs erste."
So kam er durchs Leben.

Wir hatten etwas gemeinsam - unsere großkotzige arrogante Klappe, als wir jung waren. Die Gräfin träumt gelegentlich noch davon, wie ich war, als sie mich kennenlernte vor gut zwanzig Jahren.

"In meinen Träumen liegst du mit entblößtem Oberkörper im Gras, hast ein blondes Liebchen im Arm und pöbelst die Leute an. Machst auf dicke Hose, wie du so warst früher, aber es war nur ein Spiel, es war unwichtig. Es war, als hättest du das mit links gemacht."

Der Mitsubishi Boy war ähnlich. Nach einer durchzechten Nacht bin ich mal bei ihm aufgewacht. Wir waren beide noch blau und machten uns zu Fuß auf in die Stadt.

Unterwegs, an der Hof-Einfahrt einer stadtbekannten großen Stahlfirma, blieb der Mitsubishi Boy stehen und drückte die Klingel.
"Ja bitte?" meldete sich eine freundliche weibliche Stimme über die Gegensprechanlage.
"Firma Wackastein hier. Ich steh hier mit dem Zwanzigtonner. Wo muss ich denn hin?"
Ganz trocken, sehr überzeugend.
"Wer? Bitte?"
"Firma Wackastein! Mädchen, ich blockier hier die Strasse, verdammt! Wo soll ich den ganzen Kram abladen? Ich hab hier äh vierzig Paletten vernickelten Chrom.. drauf. Das muss runter. Zack zack."
"Moment bitte.. Da muss ich mal.."
Getuschel. Ich machte mir fast in die Hose. Das schöne Bier vom Vortag.
Der Mitsubishi Boy war die Ruhe selbst.
"Ich muss wieder auf meinen Bock, Mädchen. Ich komm jetzt rein.."
"Ja-- dann.. fahren Sie ähh schon mal zur Rampe C.. Unser Herr Benning kommt.."
"Nee, nee, ich lad jetzt alles ab, hier vor der Einfahrt, ich hab keine Zeit mehr", meinte der Mitsubishi Boy und wir marschierten weiter. Richtung Mumms. Frühschoppen. Paar Kölschbier, schon waren wir wieder hinüber.

UNTERKANDIDELTE LEUTE stand auf seinem T-Shirt, zerknautscht hing es über seinen Gürtel.
"Eh Glumm! Hast du früher im Sand gebuddelt?"
Er kam oft mit so komischen Sachen rüber. Man wusste eigentlich nie, worauf er hinaus wollte. Gelegentlich verpuffte sein Motiv auch unterwegs. Dann war ihm selbst nicht mehr klar, was er eigentlich wollte.

"Als Knirps mein ich.. hast du da im Sand gebuddelt?"
"Na klar", sagte ich. "Das mach ich heute noch, wenn ich im Urlaub bin, am Strand. Buddeln."
"Dachte ich mir! Aber.. buddelst du nach unten? Oder versuchst du dich wieder rauszubuddeln, in Richtung Sonne? Nach oben raus?"

Spott hatte sich im Laufe der Jahre in seine Mundwinkel eingefräst. Ein hübscher Knabe, eigentlich, der Mitsubishi Boy. Kein Wunder, dass die Viertelstunde, die ich in meinem Leben stockschwul war, ihm gehörten. 1977, auf der Klassenfahrt nach Nürnberg. Ich wollte ihm einen blasen, oben auf dem Etagenbett, aber er zierte sich. Chance vertan. Blödmann.

"Du meinst, ob ich einen Tunnel grabe", sagte ich und überlegte einen Moment. "Na klar, du Arsch. Wenn du nur nach unten buddelst, kommst du einfach nicht raus."
Er klatschte mich ab.
"Siehste! Das wollt ich hören."

Der Mitsubishi Boy fuhr - natürlich - Coupe. Die Ray Ban auf der Nase, Ry Cooder im Kassettendeck, dann die Kupplung kommen lassen bis auch der letzte Passant es bolzen hörte im Getriebe, das brachte niemand so ungerührt wie der Mitsubishi Boy.

Eine Überlandfahrt mit ihm von Solingen nach Düsseldorf und zurück glich einem Ritt auf dem Baraccudaschwarm. Mitte der 80er fuhr er seinen 79er Colt Celeste, jägergrün, zu Schrott. Er verreckte ihm auf der Autobahn, mit einem Kolbenfresser. Er hatte vergessen, Öl nachzufüllen, sieben Jahre lang. Dummerweise lag zu diesem Zeitpunkt ein Kilogramm Haschisch im Handschuhfach und der Ort des Geschehens (noch dummererweise) wenige Kilometer hinter dem deutsch-holländischen Grenzübergang Emmerich; ein Jahr ohne Bewährung.

Zwei Drittel musste der Mitsubishi Boy absitzen. Acht Monate, die er mit dem Studium philosophischer Texte verbrachte, von Charles Bukowski (Nicht mit sechzig, Honey) über 'Die Straße der Ölsardinen' von John Steinbeck bis John Fante. Er landete nie wieder im Knast.

Nun ist der Mitsubishi Boy bald fünfzig, zwei Jahre nur noch, und so fängt er an zu überlegen, wie man in Wirklichkeit fünfzig wird, besser noch einundfünfzig, ein Mitsubishi Man. Er lebt in der Pfalz, fährt ein Rad mit Bananensattel, er hat einen Bauch und immer noch Damenbesuch, so kolportiert man.



Zu Beginn der 90er Jahre, ich war bei ihm zu Hause und wir wollten gerade seine Bude an der Drosselstrasse verlassen, fiel ihm ein, dass er kein Geld dabei hatte.
"Das ist in meiner anderen Hose", sagte er.
Er hatte zwei Hosen, eine für zu Hause und eine zum Ausgehen. Wie die meisten von uns trug er keine Brieftasche, das Geld saß lockerer in der Hosentasche. Keine Brieftasche der Welt konnte Münzen so zum Klimpern bringen wie die Hosentasche in Korrespondenz mit den Oberschenkelmuskeln, den strengen Notenlinien.

Er zog die Hose für zu Hause aus und die andere Hose an. Die mit dem Geld drin. Zum Ausgehen die.
"Ein Mann braucht zwei Hosen", sagte der Mitsubishi Boy, "und in einer muss Geld drin sein."
Dann zogen wir los, zwei Herren mit Kleingeld, um die Ecke wartete das Hahneköpperfest. Wir klimperten wie die Höllenhunde.
23.9.14 13:15


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