Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Vater gehts besser - Das Durchgangssyndrom (2)


 

9. Februar 2009


"Hast du schon gehört?" fragt Mutter, als sie Freitagabend anruft.

"Nee, was?"

"Papa kommt nicht mehr nach Hause."

"Wieso..? Wer sagt das?"

"Die Ärztin."

"Welche Ärztin?"

"Die neue, in Langenfeld."

Mutters Stimme ist gebrochen von den vielen Tränen. Einzelne Worte fallen in kleine Löcher, rappeln sich auf, stehen in der Luft. Ein Hindernislauf.

"Sie sagt, durch die Herzschwäche wäre sein Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Blut, daher die schnelle Demenz.. Er kommt nicht wieder nach Hause. Er kommt ins Pflegeheim."

Auch wenn wir diese Möglichkeit schon ins Auge gefasst haben, die eindeutige Prognose einer Ärztin, die sich mit dieser Krankheit und ihren Auswirkungen auskennt, macht sprachlos.

"Dann bleibst du ja.. allein zurück", sage ich traurig.

"Ja, was soll man machen." Mutter versucht, besonnen zu bleiben. "In der Nachbarschaft sind viele Frauen, die allein sind, da muss ich durch. Das schaff ich schon."

Keine Minute später beginnt sie zu schluchzen. Es kommt mit solcher Wucht und Vehemenz, dass auch ich nicht mehr an mich halten kann. All die Anspannung der letzten Wochen, all die ungeheuerlichen Vorgänge suchen ein Ventil.

"Moment..", kriege ich nur noch raus und lege den Telefonhörer auf den Küchentisch, während es mich schüttelt. In diesem Moment betritt die Gräfin die Küche. Sie ist mit dem Hund draußen gewesen.

"Was ist denn hier los?"

Ich zeige nur auf den Hörer, aus dem die Trauer meiner Mutter strömt. Die Gräfin weiss sofort Bescheid.

"Er weint", sage sie zu meiner Mutter, die überhaupt nicht weiss, was los ist.

Ich kann nicht mehr.


10. Februar 2009

Immerzu überschwemmen diese Bilder meinen Kopf, wie Vater meine Hand ergreift im Krankentransporter und voller Vertrauen nicht mehr los lässt, bis wir am Ziel sind. (Obwohl er davon heute vermutlich nichts mehr wissen wird.)

Womit ich nicht klarkomme: Wie kann dieser Mann, der sich noch vor zwanzig Tagen bitterlich übers kalte Winterwetter beschwerte, dieser Mann, der seiner Frau, als sie ihm am Mittagstisch ihr neues Eisen-Präparat zeigte, stattdessen anbot,

"Ich kann dir doch ein paar rostige Nägel ins Bett werfen", ein Mann, der Frau Moll leidenschaftlich mit Suppenzwieback fütterte, ein Mann, der drei Wecker um sein Bett herum gruppierte, die alle drei verschiedene Uhrzeiten anzeigten, was er mit den Worten "Das ist Demokratie" abtat, wie kann dieser Mann in so kurzer Zeit zum Pflegefall werden?? Sozusagen ohne Übergang, wenn man mal sein schon immer katastrophales Namensgedächtnis außer Acht lässt.

Beim Nachfassen, ob es nicht vielleicht doch Anzeichen gab, die schon auf eine beginnende Demenz hindeuteten, ohne dass man es ernst nahm, fällt Mutter eine Situation ein, vor einem halben Jahr ungefähr. Da trat Vater spät am Abend an ihr Bett und fragte ohne Umschweife, "wir dürfen doch keine Tiere halten, oder?"

"Was..? Nein, wieso?"

"Na, was macht denn der große Hund hinten im Wohnzimmer?"

Gestern waren meine Schwester, mein Schwager und Mutter in Langenfeld. Vater muss sich sehr gefreut haben, sie zu sehen, ist ihnen um den Hals gefallen. Aus irgendwelchen Gründen war er der Auffassung, sie seien gekommen, um ihn nach Hause zu holen. Als ihm bewusst wurde, dass sie "nur" zu Besuch gekommen waren, muss er schrecklich geweint haben. Seine ganze Emotionalität ist schwer zu fassen. Nicht, dass Vater ein kühler Mensch wäre, doch er ist vom Naturell her eher zurückhaltend.

"Was mach ich denn hier bei den Bekloppten..? Ich bin doch nicht bekloppt."

Zunehmend scheint er sich in Kriegsgefangenschaft zu befinden, in den 40er Jahren im englischen Seebad Bournemouth. Die Krankenpfleger auf der Station sind für ihn Offiziere, und die Franzosen machen einen scheiß Kaffee. Eine ältere erfahrene Krankenpflegerin meint daraufhin zu meiner Schwester, dass auch ihrer Meinung nach alles auf Demenz hindeute. Noch aber gilt Durchgangssyndrom offiziell als Diagnose.

Aus unerfindlichen Gründen fällt mir eine kleine Anekdote ein, die Vater erzählt hat. Eine Anekdote aus der schlechten Zeit. Die schlechte Zeit, das ist so eine Redewendung, die er oft benutzt. Es hat etwas gedauert, bis ich dahinter kam, was mit schlechter Zeit gemeint ist. Zum einen die Zeitspanne in den 20er Jahren, als Vater noch gar nicht geboren war und das Geld keinen Wert mehr hatte, als die Superinflation ein Brot eine Milliarde Mark kosten liess, und zum anderen die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als Deutschland in Schutt und Asche lag.

"Wenn wir sonntags mit der Straßenbahn zum Tanztee fuhren, konnte man schon im Wagen erkennen, wer alles zum Tanzen wollte. Woran? Am in Zeitungspapier eingewickelten Brikett. Ein Brikett war der Eintritt, den jeder beim Meis in Widdert entrichten musste, damit der Veranstalter den Tanzsaal überhaupt einheizen konnte."


11. Februar 2009

Nachmittags bin ich auf einen Kaffee bei meiner Mutter.

"Die ersten Tage dachte ich immer, er muss doch gleich um die Ecke kommen", erzählt sie von der Schwierigkeit, plötzlich ohne Ehemann zu leben. "Vielleicht wird er nie wieder normal werden, an den Gedanken muss ich mich erst gewöhnen."

Schwer zu ertragen, dass der Mann, den sie 1952 geheiratet hat, von einem Tag auf den anderen vor sich hin vegetiert. Dass er andauernd stürzt und sich verletzt. Dass er in den Klamotten anderer Patienten herumläuft, so wie andere Patienten in seinen Klamotten herumlaufen. Ständig wird Kleidung verwechselt. So hat mein Bruder einen Mitpatienten beobachtet, der Vaters gute Manchester-Hose trug, und ein anderer Mann lief in seinen Schuhen herum.

"Das war der Mann, der immer ein Hosenbein hoch hat", sagt mein Bruder.

"Herbert", sag ich. "Der ist in Ordnung."

Meine Mutter ist erkältet und hat schlimme Rückenschmerzen. Ich fülle Banküberweisungen aus, ziehe die alte Wanduhr in der Küche auf, drehe eine neue Glühbirne ein. Wir trinken Kaffee und reden. Frau Moll liegt still und unglücklich zu meinen Füßen, weil der Herr des Hauses nicht da ist, der sie sonst im Hausflur mit den Worten "Na, wo warst du denn so lange?" zu begrüßen pflegt und in der Küche unermüdlich mit Zwieback verwöhnt. Zwar bekommt der Hund auch von mir Zwieback, doch das ist nicht das gleiche. Der Hund ist betrübt, er gibt keinen Mucks von sich.

Ich bleibe zwei Stunden.

 

13. Februar 2009


"In diesem Stadium seiner Demenz lasse ich ihren Vater nicht nach Hause", so die Stationsärztin gestern zu meiner Schwester. Die Ärztin nimmt sich alle Zeit der Welt, um Angehörigen von Demenzkranken die Krankheit nahe zu bringen. Damit scheint das eingetreten, was wir alle befürchtet haben. In Zusammenarbeit mit der Sozialstation des LKH sollten wir uns, so ihr Ratschlag, vorsichtshalber schon mal nach einem Pflegeheim umsehen, das auf Demenzkranke spezialisiert ist. Da gehen schnell alle Geldmittel drauf, die meine Eltern über die Jahre mühsam angespart haben. Und Vater ist bislang nicht mal in einer Pflegestufe.

Nachmittags drehe ich mit dem Hund eine Runde durchs kleine Industriegebiet am Gleisdreieck. Zwischen den Betrieben sind Wiesen und grüne Brachflächen, die Frau Moll so gerne durchstöbert. Während der Hund zu tun hat, stehe ich die Arme ausgebreitet im Gras und spreche zu Gott, laut wie ein Kraftsportler, ich schäme mich nicht: KOMM ZURÜCK, PAPA! rufe ich zum Gebet. KOMM ZURÜCK.. ZU UNS. Als ich die Augen öffne, taucht die Turmspitze der Martin Luther-Kirche im Nebel ab.


14. Februar 2009


In diesen Tagen habe ich zweimal lange meinen Schwager am Telefon, weil meine Schwester nicht zuhause ist. Sie ist geflüchtet, in die Muckibude. Sie kann nicht mehr. Auch wenn wir Brüder uns einbringen, als Tochter ist sie diejenige, die von den Eltern am meisten in Anspruch genommen wird, und zwar ganz selbstverständlich.

Was ich ihr besonders hoch anrechne, und meinem Schwager ebenfalls, ist dieses kleine Ritual, das die beiden geschaffen haben. Damit Vater nicht das Gefühl hat, er würde bei den Bekloppten in Langenfeld vergessen werden, und weil der Kaffee, den die Stations-Franzosen kochen, scheußlich schmeckt, bringen sie Kaffee und Kuchen von daheim mit. Sie verziehen sich im Aufenthaltsraum in eine Ecke, wo sie unter sich sind, ein Bollwerk bilden. Es gibt guten Kaffee aus der Thermoskanne und nicht diese dünne Stationsplirre, dazu selbstgebackenen Kuchen. Wenn meinen Vater je etwas auf die Beine bringt, dann leckerer Kaffee und ein Stück Kuchen. Was für eine geniale und einfache Idee.


15. Februar 2009


"Ich hab den Eindruck, Mutti baut stark ab seit der Nachricht von letzter Woche, dass Papa wohl nicht mehr nach Hause kommt", spricht meine Schwester auf unseren Anrufbeantworter. "Wir müssen uns absprechen."

Ich rufe zurück. Sie erzählt, dass Vater regelrecht gesabbert habe beim gestrigen Besuch. Als sie die Stationsärztin darauf ansprach, meinte sie, das läge an den starken Tabletten gegen Realitätsverlust. Die hätten zwar gut angeschlagen, doch die Nebenwirkungen seien nun mal nicht ohne, der Patient könne oftmals den Speichel nicht halten.

Die Diagnose wurde erweitert und lautet nun Fortgeschrittene vaskuläre Demenz bei vorgeschädigtem Herz-Kreislauf-System. Als ich später am Rechner in Wikipedia nachschlage, glotzt mich ein Wort an, so hart, so bösartig, dass mir schummrig wird im Bauch. Ich lese, was vaskuläre Demenz in veraltetem Deutsch bedeutet: Verblödung.


17. Februar 2009


Vater wuchs unter sechs Geschwistern in einem Schieferhaus auf, das mein Urgroßvater selbst gebaut hatte. Wo viele Kinder sind, kommen noch mehr hinzu, die halbe Nachbarschaft ging ein und aus. Vater teilte sich mit seinem jüngeren Bruder eine winzige Dachkammer, eben groß genug für zwei Betten und den Kleiderschrank.

Einmal kam Großmutter abends die Treppe hoch und stellte einen unbekannten Jungen vor.

"Das ist euer Vetter Hansi aus Brilon. Der schläft jetzt hier."

"Bei uns? Aber der hat doch kein Bett."

"Das müsst ihr schon unter euch ausmachen."

Bis Hansi aus Brilon Soldat wurde und in den Weltkrieg zog, teilte sich das Trio nun zwei schmale Betten, wobei zwei Jungs stets in einem Bett schlafen mussten und der dritte ein Bett für sich allein hatte. Jede dritte Nacht war Königsnacht.

Wenn Onkel Carl zu Besuch kam, strömten Kinder aus der ganzen Nachbarschaft herbei und setzten sich mit großen Augen um ihn herum. Onkel Carl nahm das Leben nicht so ernst und konnte die wunderlichsten Geschichten erzählen, auch wenn meist unklar blieb, was Wahrheit war und was Märchenzutat. Selbst Geschichten aus dem Krieg endeten bei Onkel Carl mit einer Pointe.

Er erzählte aus dem 1. Weltkrieg, Stellungskrieg an der Somme. Onkel Carl hatte in diesem Privatquartier Schutz gesucht. Immer, wenn eine Granate einschlug, erzitterte die Erde, und alle Zivilisten und Soldaten, die im Keller flach auf dem Boden lagen, hopsten ein Stück in die Höhe, dann landeten sie wieder auf dem Bauch. Darunter war auch eine beleibte Französin, eine Hausfrau, die jedes Mal, wenn ihr massiger Körper nach der Erschütterung wieder zu Boden plumpste, einen fahren ließ. "Und was für ne Kanone!" rief Onkel Carl, und die Kinder machten sich vor Lachen noch in die Hose, wenn Onkel Carl längst bei den Erwachsenen hinten in der Küche saß, und weiter erzählte.


20. Februar 2009

Kaum haben wir die Station betreten, flattert Vater wie ein verrückter Komponist auf uns zu.

"Ich hab eure Stimmen gehört!"

An manchen Tagen blitzt Besserung auf. Dann spricht er laut und verständlich und keineswegs so leise und resigniert wie ein Mensch, dem die Zeit wegläuft. Menschen, die spüren, dass der Tod die ersten Knochen einsammelt und schon zu mahlen beginnt, werden leise. So gesehen steht es um Vater nicht mal so schlecht, an manchen Tagen. Leider hält es nicht lange an. Es ist, als reiche seine Konzentration nur für eine kurze Zeitspanne, dann fällt er wieder in sich zusammen.

Auf seine Bitte hin hat ihm mein Bruder eine Tüte Lakritze mitgebracht. Er scheint nicht so recht zu wissen, was er damit anstellen soll. Verschämt schiebt Vater die Tüte von einer Hand in die andere, packt sie in die die Tasche seines Bademantels, holt sie wieder heraus, legt sie dann weg.


22. Februar 2009

"Ich bin beim Doktor Hering und komm gleich mit einem großen Krankenwagen nach Hause!" ruft Vater aufgeregt zuhause an und knallt den Hörer auf.

Mutter weiß überhaupt nicht, was Sache ist. Doktor Hering war der Hausarzt meines Vaters, das ist lange her, der gute Mann ist längst tot.

Später stellt sich heraus, dass Vater eine Pflegerin gebeten hatte, für ihn die Nummer seiner Ehefrau zu wählen. Daraufhin reichte die Pflegerin ihm den Hörer und ließ ihn allein. Als Mutter endlich den Apparat erreichte und den Hörer abnahm, es dauert immer seine Zeit, bis sie im Wohnzimmer ist, sprach Vater schwer erregt diesen einen Satz, und legte auf.

Mutter hat innerhalb einer Woche vier Kilogramm abgenommen. Jedes Mal, wenn ich nachmittags zu Besuch komme, ich besitze mittlerweile einen Wohnungsschlüssel, sitzt sie im Esszimmer und blickt aus dem Fenster. Zur gleichen Zeit sitzt Vater in Langenfeld am Fenster der Demenzstation und blickt zum Parkplatz hinunter, ob jemand aus der Familie zu Besuch kommt.

Mutter ist tapfer. Da ist der Mann, mit dem sie so lange verheiratet ist und der höchstwahrscheinlich nicht mehr heim kommt, da ist die Wohnung, in der alles nach ihm riecht, nach seiner Anwesenheit, überall sind seine Sachen. Sie sitzt allein in den gemeinsam angeschafften Möbeln, und so wird es vermutlich bleiben, auf die alten Tage. Welch eine Aussicht mit 81 Lebensjahren.

Sie wird zusehends schwächer. Da ist diese hartnäckige Erkältung mit Reizhusten, und Rückenschmerzen.

"Die Zeit nach den beiden Hüftoperationen war schon schwierig", sagt sie unter Tränen, "da ging es mir richtig dreckig, doch das war gar nichts gegen die seelischen Schmerzen, die ich jetzt habe.."

Es sind stets die kleinen Dinge, die einem einen Stich versetzen, die das Herz absaufen lassen. Da ist die Situation, als sie sich für ein Nachmittagsschläfchen hinlegt und ich ihr zuvor die Strümpfe ausziehe. Jede Bewegung, jede Drehung kostet sie Anstrengung. Ich decke sie zu, wie ein kleines Mädchen liegt sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und einer Vogelseele. Auch die obligatorische Wärmflasche hab ich ihr parat gemacht, und den gepeinigten Rücken mit Pinimentol eingerieben.


23. Februar 2009

"Zum Schluss bleibt nur ein Fingerhut übrig von dem Kübel Leben, den man ausschütten wollte", meint die Gräfin.

So schmilzt es dahin, das Leben. Dabei hab ich immer geglaubt, ich käme früh genug aus der Nummer raus, aus der Nummer mit dem Älterwerden. Aus der Nummer mit dem Dahinschmelzen. Dem Fingerhut. Was solls. Solange das Herz radamm macht und Tageslicht in mein Gesicht fällt..

Ich steh beim Bäcker an und betrachte eine hagere alte Dame links von mir. Sie muss an die neunzig sein. Ihr Anblick erinnert mich daran, wie ich Mutter neulich in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf dem Schulterstück ihres Mantels gebildet hatte, fast so hart wie der Knauf eines Treppengeländers fühlte es sich an, bis mir endlich aufging, dass es sich um ihren gottverdammten Buckel handelte.

Die alte Dame lächelt mich an. Sie ist klein und dünn, die Kleidung ärmlich. Die Schühchen sind so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß wirken, die braunen Nylonstrümpfe leiern aus und werfen Falten. Sie stützt sich umständlich auf den Rollator und sucht in ihrem Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe ist. Je länger ich ihr wohlmeinendes Gesicht betrachte, von einer längst verflachten Dauerwelle abgerundet, desto wärmer wird mir. Einer dieser Momente, wo einem eine Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an seiner Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Wissen Sie was, Sie sind wunderbar.

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Wenn man Glück hat.

"Die Dame.. Sie wünschen?"

Die pummelige Verkäuferin hinterm Tresen hat Mühe, die Alte in der Schlange auszumachen, so klein ist sie.

"Drei Kümmelbrötchen", piepst es links von mir. Dabei lächelt die Alte so unschuldig, dass aus der Sympathiewelle eine Flut wächst, ein generationsübergreifender Nylonstrümpfen-Tsunami.


24. Februar 2009

Dummerweise hab ich es zu gut gemeint mit dem Pinimentol. Statt, wie im Beipackzettel empfohlen, einen vier Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, hatte ich Mutters ganzen Rücken großzügig eingerieben.

"Ich konnte kaum einschlafen, so kalt war mein Rücken", beschwert sie sich am Telefon. "Als hätte ich im Eisfach gelegen."

"Oha.. Hättest dir doch als Ausgleich die Wärmflasche nehmen können."

"Die Wärmflasche, ja. Die hattest du so heiß gemacht, dass ich mich fast dran verbrüht habe. Außerdem war viel zu viel Wasser drin. Erst kochend heiß, dann ruckzuck kalt."


25. Februar 2009

Heute mit meiner Schwester, ihrer Tochter Bea und Beas Freund nach Langenfeld. Als wir aus dem kleinen gelben Renault meiner Schwester klettern, sehen wir Vater oben am Fenster sitzen und so schwungvoll winken, als versuche er ein tolles Flugzeug einzuweisen.

Während Bea und ihr Freund, einem ebenso langhaarigen wie ehrgeizigen Chemie-Studenten, Vater Gesellschaft leisten, haben meine Schwester und ich einen Termin beim Sozialdienst im Kellergeschoss. Der Termin entpuppt sich als totale Nullnummer. Die korpulente Sozialarbeiterin verströmt ein Parfüm wie in einem Bonbonladen und hätte es vielleicht im frühen Mittelalter als angesehene Sirupmacherin zu Ruhm und Ehre gebracht, als Sozialarbeiterin ist sie lustlos bis inkompetent. Die wenigen Ratschläge und Adressen, die sie für uns herausfischt, haben wir uns bereits selbst aus dem Internet gezogen, vielen Dank auch, und was anderes hat sie nicht drauf.

"Warum sind wir überhaupt hier? Warum haben Sie uns überhaupt herbestellt?" fragt meine Schwester zum Abschluss des Gesprächs, und da wird die Dame rot. Aber nur ein ganz kleines bisschen.

Nach der Nullnummer schnell in den Aufenthaltsraum von Station 17, in der allerhintersten Ecke. Die Idee, mit der Kaffeetafel so etwas wie einen geschützten Raum zu schaffen, schlägt voll an. Vater wartet schon regelrecht auf dieses nachmittägliche Ritual. Heute gibt es leckeren Streuselkuchen.

Dennoch ist die ganze Situation manchmal unerträglich. Besonders, wenn wir zu viert oder fünft zu Besuch sind und uns wie der Medizinische Dienst um Vater herum gruppieren. Alle Augen auf ihn gerichtet, warten wir nur darauf, was er wohl als nächstes tun wird. Redet er wirr? Redet er klar? Kann man ihm folgen? Kann er uns folgen? Oder beginnt er zu weinen, weil er schon dreiundachtzig ist und nicht verstehen kann, warum man ihn in nachts ans Bett fesselt? (Weil er über den Flur läuft und gegen die Türen ballert.) Findet er die Packung Tempo-Taschentücher in seiner Hemdtasche, um seine Tränen zu trocknen? Oder findet er zwar ein Taschentuch, vergisst aber unterwegs, was er damit tun wollte, und reißt es, quasi als Übersprunghandlung, in lauter kleine Streifen?

"Warum sperrt man mich mit 83 noch ins Gefängnis? Ich hab doch schon einen Weltkrieg und drei Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir!"

(Woraus auch schon mal schnell zwei Weltkriege werden, je nach Verfassung.)

Er beschwert sich bitterlich über die Mitgefangenen, "die klauen wie die Raben." Sogar seine Brille habe man letzte Woche in Windeseile in ein Dutzend Kleinteile zerlegt und unter der Hand so rasch weiter verhökert, dass er den Diebstahl nicht mehr zur Anzeige bringen konnte. Tatsächlich trägt er eine fremde Brille, seine ist das jedenfalls nicht, die er auf der Nase hat. Als ich eine Pflegerin darauf anspreche, winkt sie ab.

"Die Patienten teilen alles brüderlich miteinander, da gibt es kein meins und deins. Erst kurz vor der Entlassung geht die große Sucherei los. Doch bislang hat noch jeder seine Sachen zurückbekommen. Es kommt ja nicht raus aus der Station hier. Ist ja eine geschlossene."

Herbert, ausnahmsweise das linke Hosenbein bis zum Knie hochgekrempelt, hat heute Besuch. Eine junge Frau mit einem klaren lauten Gang, der alle Entgegenkommenden anschreit: Kommt uns ja nicht in die Quere! Sie begleitet ihn auf seiner Flurwanderung. Wir halten uns an ihre Drohung. Die ganze Station hält sich daran. Herbert hat freie Bahn. Er krempelt sogar beide Hosenbeine hoch.


26. Februar 2009

Im Elternhaus meines Vaters liefen sich die beiden erstmals über den Weg, da waren sie noch Kinder.

"Wir haben uns von Anfang an gut verstanden", erzählt Mutter.

Da Geld knapp war, vermieteten meine Großeltern einige Zimmer, eins auch an Beppo Lesizza, einem italienischstämmigen Onkel meiner Mutter. Den besuchte sie öfters, und nachdem sie Vater kennengelernt hatte, noch öfters. Das war in der schlechten Zeit, wie die 30er Jahre bis heute in der Familie gehandelt werden. Als sie älter wurden, gingen sie miteinander, bis Vater 1944 noch eingezogen wurde, im Alter von 17 Jahren. Meine Mutter versprach, auf ihn zu warten, was immer auch kommen möge.

Tatsächlich lachte sie sich zwar einen Tanzpartner an, den schönen Fredi, doch sie machte ihm von Anfang an klar, dass mehr als Tanzen nicht drin war. Als mein Vater 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war der schöne Fredi von einem Tag auf den anderen Geschichte.

"So muss es sein", sag ich.


27. Februar 2009


Vormittags bei Nieselregen und Westwind zur Schillerstraße, zu Mutter. Abgemacht war halb zehn, ich schließe Punkt 9.30 Uhr die Wohnung auf. Mutter hat einen Termin beim Arzt und möchte nicht allein dorthin. Zur Abwechslung sitzt sie mal nicht im Esszimmer am Fenster und starrt verheult auf die Straße, sie sitzt im Wohnzimmer vorm Telefonapparat und ruft ein Taxi.

"Ich bin so fertig", stöhnt sie.

Wie schon tags zuvor, als Bea und ich Mutter zur Bank begleiteten, wo sie Geldgeschäfte erledigte, trägt sie eine graue Stoffhose, feste Schuhe und einen gemütlichen Winterpullover. Als ich ihr in die Daunenjacke helfe, ist da wieder diese hartnäckige Beule am Rücken, doch diesmal falle ich nur ganz kurz darauf rein.

"Der Buckel wird auch immer schlimmer", sagt sie.

Nach zwei Hüftoperationen bewegt sie sich nur unter größter Kraftanstrengung voran, Schühchen für Schühchen. Als es im Ärztehaus einige Stufen zu bewältigen gibt, bevor wir den Lift erreichen, zieht sie sich beidhändig am Handlauf des Treppengeländers hinauf. Meine Hilfe lehnt sie ab, sie will es alleine schaffen. Als wir aber vorm Aufzug stehen und auf die Ankunft warten, wendet sie sich plötzlich mir zu und umarmt mich in einer geradezu kindlichen Intimität, so tief versinkt ihr Köpfchen in meiner Brust. Es macht mich sprachlos und verlegen. Und stolz.

"Nun bist du dran", so interpretiere ich es, "ich kann nicht mehr."

Ihr Hausarzt schickt uns um die Ecke zum Radiologen, die Lunge muss abgescheckt werden, doch die ist soweit okay, bis auf die Bronchitis, die ihr seit 10 Tagen zusetzt, und ihrer latenten Herzschwäche.

In der Apotheke stellt sie sich auf die elektronische Waage. Zuerst denke ich, die Waage arbeitet nicht richtig.

"Doch", meint Mutter, "es stimmt."

Mit Kleidern 51 Kilogramm.


1. März 2009


Die Gräfin und ich benötigen für eine kleine Runde mit dem Hund geschlagene drei Stunden. Wir bleiben dauernd stehen und gucken uns was an, wie früher, als wir uns kennenlernten und Schlendern das größte war. Es ist beinah so etwas wie Muße zu spüren. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Ob es das noch gibt.

"Das war kein Gehen", schwärmt sie, "das war relativ flottes Stehen."

Ansonsten bin ich viel mit meinem Bruder unterwegs, der sich eine Woche Urlaub genommen hat. Wir sehen uns zwei Heime an. Eins ist ganz in der Nähe und hat brandneu eröffnet, wir sind begeistert, das andere mieft nach Scheiße und Harninkontinenz und Geflügelpest. Sicherheitshalber haben wir Vater in beiden Heimen vormerken lassen.

Außerdem: Noch mehr Heime anschauen und sich mit Begriffen wie Kurzzeitpflege, Tagespflege, Busch-Stiftung, erhöhter Tagesbedarf, Betreuungsantrag, Bethanien mobil vertraut machen.


8. März 2009

Was Vater angeht, ist schon seit etwa einer Woche eine überraschende Wende eingetreten. Es ist die Rede von einem Wunder, und von Glück. Glück, dass die Sisyphusarbeit, die exakte Dosis, die richtige Zusammensetzung, das richtige Medikament zu finden, welches die Gehirntätigkeit in die richtigen Bahnen lenkt, offenbar gefruchtet hat.

Im Nachhinein wird Vater sagen, dass er an die Zeit in Langenfeld keinerlei Erinnerung habe, bis zu diesem Morgen, als eine Pflegerin am Wäschewagen steht und zu ihrer Kollegin sagt, "schau mal an, der Herr Glumm, der nimmt sich seit zwei Tagen die richtige Wäsche heraus.."

Es begann mit dem Besuch meiner Schwester vor einer Woche.

"Der Papa war total klar", erzählt sie am Telefon.

"Wie, total klar? Was meinst du?"

"Na, er hat sich zuerst erkundigt, wie Gordons Operation am Ohr verlaufen ist." (Gordon ist der jüngste Sohn meines Bruders.) Da hat meine Schwester erstaunt geguckt, dass er sich das gemerkt hatte, und sie kam auch danach nicht mehr aus dem Staunen heraus. Von Verwirrung und Weinerlichkeit war nichts mehr zu spüren, er war (fast) wieder unser alter Vater.

Am Sonntag dann besuchte mein Bruder samt Anhang Vater in Langenfeld, und sie gingen bei schönem Wetter im Garten spazieren. Zwar war Vater schnell aus der Puste, aber geistig voll auf der Höhe. Er möchte nur eins: so schnell wie möglich raus aus dem Heim. Ganz egal, ob zuerst eine Weile in ein Altersheim, oder gleich nach Hause. Am liebsten gleich nach Hause, logisch.

Tatsächlich, Vater wird nächste Woche Dienstag nach Hause entlassen. Voraussetzung: ein Pflegedienst kümmert sich morgens und abends um ihn. Es kann nämlich sein, dass seine Aufmerksamkeitsspanne nicht ausreicht, um sich zum Beispiel zu rasieren etc.

Wir sind alle platt.

"Als hätte Papa Licht-Tabletten gefressen, die sein Gehirn wieder aufhellen", meint mein Bruder.

Mutter freut sich, nicht mehr alleine zu sein, wir Kinder freuen uns, unser altes Leben zurück zu kriegen. Das alte Leben, wo sich nicht alles um einen Heimplatz für Papa dreht und die Sorge, dass Mutti ihren Mittagsteller aufisst, damit sie nicht noch mehr Gewicht verliert.

Die jüngste Schwester meines Vaters hat ihn gestern besucht und war genauso baff wie alle anderen, die Vater in den vergangenen Tagen gesehen haben und wissen, wie es noch vor zwei Wochen um ihn stand, als niemand mehr einen Pfifferling auf ihn setzte.

"Wenn mein Bruder nächste Woche raus kommt und immer noch so klar ist im Kopf, dann werde ich christlich", sagt sie am Telefon. "Dann glaube ich an Gott."


10. März 2009

Da ich die letzten Tage zu tun hatte und nicht nach Langenfeld fahren konnte, bin ich vom harten Kern der Familie momentan derjenige, der Vater noch nicht erlebt hat, seit er wieder klar im Kopf ist, und so ganz glauben kann ich es immer noch nicht.

Auch die nette Stationsärztin spricht von einem Wunder.

"Es passiert zwar immer wieder, dass selbst hoffnungslose Fälle plötzlich noch die Kurve kriegen, aber bei Ihrem Vater schien die Schädigung im Gehirn bereits zu weit fortgeschritten."

Mein Bruder erzählt, dass Vater vorsichtig geworden ist auf Station. Er will sich auf die letzten Meter nichts mehr zu Schulden kommen lassen, wie er sich ausdrückt. Nichts, was seine baldige Entlassung noch gefährden könnte. Schließlich steht er noch unter Aufsicht der Klinikleitung. So hat Vater die Pflegekräfte vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass die beiden Frauenzimmer, die ihm dauernd auflauern und sich nackig machen, aus verwirrten, freien Stücken handeln und nicht etwa auf sein Betreiben hin.

"Das wissen wir doch, Herr Glumm", beruhigt ihn das Personal. Sie kennen die beiden Früchtchen nur zu gut.


15. März 2009

Als mich vor mehr als einem Monat die Tatsache quälte, dass ausgerechnet ich meinen Vater in die Psychiatrie begleitete, dass ich es war, der ihn eine Weile aus der Welt nahm, ihn wegschaffte, worauf er mir auch noch vertrauensvoll das Leben in meine Hand legte, da gab es einen bestimmten Zeitpunkt, wo mir klar wurde, dass ich nicht falsch handelte. Das war der Moment, als ich auf seine Frage, was ich denn nun machen würde, wo der Zeitvertrag im Institut abgelaufen sei, antwortete: "Na, Schreiben, was sonst", und er mich verständnislos anguckte. Fassungslos, dass sein Sohn mit so etwas profanem wie Aufschreiben das Leben bestreiten will. Da plötzlich klang in dem ganzen verstörenden Zusammenhang alles sehr richtig.

Mittags drehe ich eine Runde mit dem Hund und verbinde das spontan mit einem Besuch bei Mutter, wie so oft in den letzten Wochen. Es hat schon fast etwas von Routine. So auch der Anblick, wenn ich die Wohnung betrete und Mutter sitzt am Fenster, im Rücken die Wärmflasche gegen die Bandscheibenschmerzen, vor sich ein halb ausgetrunkenes, kalt gewordenes Glas roten Tee, und verweinte Augen. Sie kommt nicht wirklich auf die Beine.

"Es ist diese Kraftlosigkeit, die mir so zusetzt", jammert sie, und atmet schwer.

Sie hat Angst vor morgen, wenn Vater heimkehrt, nach mehr als sechs Wochen. Ob sie das alles schafft, was auf sie zukommt, ein demenzkranker Mann, dem es zwar deutlich besser geht, sensationell besser, klar, der aber, so die Stationsärztin, "Durchblutungsstörungen im Kopf hat, das ist und bleibt Tatsache."

Andererseits ist sie natürlich froh, nicht länger allein zu sein. Sie hat einfach keinen Appetit. Wenn ich mittags komme, kochen wir oft zusammen. Diesmal soll es Pfannkuchen geben, haben wir beschlossen.

Wir sitzen aber noch am Esstisch.

"Ich hab doch erst vor zwei Stunden gefrühstückt, wie soll ich da schon wieder Hunger haben."

Als ihr die Tränen hochschießen, setze ich mich zu ihr und nehme sie in den Arm. Die Tränen kullern über ihr schönes Gesicht, tropfen auf ihre Schürze. In sich selbst verloren, versunken schon beinah in einer mir fremden Welt, lässt sie den Kopf auf die Tischplatte nieder, und weint. Kein Schluchzen, es ist ein stilles verzweifeltes Weinen, während ich ihre Schultern streichle, nicht minder verzweifelt und hilflos. Plötzlich nimmt sie die Stirn vom Tisch, und blickt zu mir auf.

"Sollen wir jetzt den Pfannkuchen machen? Isst du einen mit?"

4.4.14 18:34


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