Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Alles halb so ha ha

Großes Hallo Richtung Lohhausen-Flughafen.

"Luise, meine zwölftbeste Freundin! Wie siehts aus? Hast du dein Röckchen dabei..?"

"Zwei, Edith, zwei. Eins mit Rüschen, eins mit Schlitz. Extra für dich, Liebes!"

"Na Prösterchen! Dann kanns ja losgehn!"

Die Urlauberinnen thronten auf ihren Gepäckstücken und begossen die kommenden zehn Tage Mallorca im klimatisierten Beach Club mit hochprozentigen kleinen Schweinereien, während ich im Gang stand und am nächsten Halt raus musste. In Fahrtrichtung links, wie die Stimme von Band kommandierte, vermutlich weil man in Fahrtrichtung rechts voll in den Inter-City nach Dortmund gekracht wäre. 

Es war September, es war zu kühl für September und ich auf dem Weg zur Auftaktveranstaltung. Sechs Monate warteten darauf, mich in Geiselhaft zu nehmen, sechs Monate Maßnahme des Job-Centers, zu denen man mich verdonnert hatte, sechs Monate und nicht einen Maßnahmetag weniger. Andererseits - alles besser als zehn Tage Mallorca.

Die Maßnahme fand im stillgelegten Trakt einer alten Volksschule statt und diente der Stabilisierung der Beschäftigungssuche, wie es im Anschreiben hiess. Welch ein Titel. Hätte man das Kind beim Namen genannt, es hätte Sechs Monate raus aus der Statistik heissen müssen, und die Mitarbeiter, die solch eine Maßnahme betreuten, waren nichts als Reinigungskräfte, ordinäre Statistiksäuberer, Putzerfischchen mit Urlaubsanspruch.

Allein die Formulierung Stabilisierung der Beschäftigungssuche war mir ein Rätsel. Wie zum Henker liess sich eine Suche stabilisieren? Forcieren liess sich eine Beschäftigungssuche, sie liess sich aufgeben oder anpassen oder sonstwie gestalten, doch stabilisieren?! Wurden da dicke Bambusstäbe und Rankstützen verteilt? Oder doch lieber direkt als Dragee zur innerlichen Anwendung?

Schön, man würde sehen. Aber wenn ich im Leben etwas gelernt hatte, dann unter anderem dies: Eine Formulierung in einem offiziellen Schreiben war nicht umsonst gewählt. Es steckte etwas dahinter. In diesem Fall der unausgesprochene Vorwurf, der Verdacht, das Stigma: Langzeitarbeitslose sind nicht stabil. Sie finden keine Arbeit, weil sie nicht hart genug daran arbeiten, Arbeit zu finden. Sie geben zu schnell auf, sie sind haltlos, depressiv und labil, sie verschlampen Unterlagen und kleben in der Bewerbungsmappe das falsche Foto falschrum auf die falsche Seite,

HERRGOTT!!

NUN STABILISIEREN SIE SICH DOCH ENDLICH, SIE.. SEELCHEN, SIE!

 

Ich hatte noch etwas Zeit und entschied mich, im Schnellcafe am Hauptbahnhof einen Hauptbahnhofs-Espresso zu nehmen. War ja immer ein Risiko. Wenn man Pech hatte, konnte man einen Espresso erwischen, der nach allem, aber nicht nach Kaffee schmeckte, nicht mal nach Hauptbahnhof, trotz all der Vollautomaten. Der hier ging noch. Der war zwar nicht so schwarz, dass man gleich Gospelsänger wurde, wenn man einen Schluck nahm, aber er ging in Ordnung, der Espresso. 

Ich sah aus dem Fenster und entdeckte Pauli auf dem Bahnhofsvorplatz. Seine knorrige Visage war unübersehbar, auch wenn er selbst eher blind wie ein Maulwurf war und sich tastend durch die Welt bewegte. Meist hatte er einen Schmöker aus dem Fantasybereich im Gesicht, er las ununterbrochen. Er las im Gehen, er las im Zug, er las, wo immer er sich gerade aufhielt, das Buch so nah vor den Augen, als würde es bräunen.

Ohne was zu lesen in den Händen bin ich kein Mensch, hatte er mal gesagt, doch an diesem Morgen war er ohne Buch. Was ich sah, war Pauli ohne alles sozusagen. Er stand auf dem Bahnhofsvorplatz und beobachtete den Himmel über den Taxis. Ich zögerte einen Moment, ging dann hinaus, den heissen Pappbecher in der Hand.

"Lange nicht gesehen, Pauli", sagte ich.

Für die Uhrzeit umwehte ihn schon eine stolze Fahne, und ohne zu grüßen legte er sofort Beschwerde ein. Er habe drei Monate im offenen Vollzug abgesessen, wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe, aber niemand in der Szene, er wiederholte: NIEMAND! hätte seine Abwesenheit bemerkt.

"Ich bin schwer enttäuscht!"

Ich musste lachen und klopfte ihm auf die Schulter.

"Das wird schon wieder, Pauli. Guck mal, ich hab dich sofort erkannt - das ist doch schon mal was."

"Du redest doch nur mit dem Mob, damit du was zu schreiben hast. Nee, mein Freund, du zählst nicht mehr. Du bist out of order."

Ich kannte Pauli aus längst verschollenen Haus der Jugend-Tagen. Schon damals war er als Suffkopp verschrien. Zwischenzeitlich dem Heroin verfallen und auf Jahre in den Knast gewandert, war er nun reumütig zum Jägermeister zurückgekehrt, vielmehr zur Billigvariante Gold-Förster oder Försters Gold, es war aus meiner Perspektive schlecht zu entziffern. Was Pauli schon immer auszeichnete, das filigrane Klauen von Spirituosen, egal ob im gut sortierten Einzelhandel oder in Discountermärkten, hatte er immer noch drauf. So was verlernt man nicht, sagte er bescheiden und hakte sein Talent unter der Etüde Fingerübung ab.

"Wo ist dein Buch?" fragte ich.

"Scheisse, ich weiss nicht mehr, was ich noch lesen soll. Die Welt strotzt vor Büchern und ich finde nichts mehr, was ich nicht schon irgendwo mal gelesen hätte. Bei dir hab ich auch mal geblättert, bei nem Kumpel am Rechner. Fand ich jetzt auch nicht so berauschend. So ein Mix aus Bukowski und.. ja, keine Ahnung was. Sorry, Babe, aber so isses nun mal."

Sprachs, und tauchte unter in der Fußgängerzone. Ich blickte ihm nach und fragte mich, wie das eigentlich kam, dass unter meinen Bekannten so auffallend viele Arbeitslose, Kleinkriminelle und arbeitslose Kleinkriminelle waren, aber auch, und zwar klar in der Überzahl, ganz herkömmliche Junkies ohne Job und Perspektive. Ha ha! Sehr witzig!

Alles halb so ha ha.

Es nieselte und der Wind wurde heftiger. Bis zum Schulungsgebäude waren es zu Fuß zehn Minuten. Der alte Bau war mir bekannt, es war nicht das erste Mal, dass ein Fallmanager mich dorthin eingeladen hatte.

"Ich glaub, wir müssen da noch mal was machen mit Ihnen." (Ich glaub, Sie müssen noch mal für ein paar Monate aus der Statistik raus.) (Ich schätze, meine Vorgesetzte wird sonst unruhig.) (Ich hoffe, ich schaffs noch bis zur Rente.)

Maßnahmen des Job-Centers waren die reine Zeit-und Geldverschwendung, und alle wussten Bescheid, alle spielten mit. Jedem Beteiligten war klar, dass niemand schneller einen Job ergatterte, nur weil er an einer verschissenen Maßnahme teilnahm. Maßnahmen dienten allein dazu, die Maschinerie der Trägervereine am laufen zu halten, die sich rund um die kommunalen Arbeitsämter und deren Budget für Langzeitarbeitslose aufgebläht hatte. Da liess sich eine schöne Mark machen. Das war krisenfest.

Immerhin, es kam vor, dass Teilnahmer innerhalb weniger Tage die Fronten wechselten. Eben noch als arbeitslose Sozialarbeiter einer Maßnahme zugewiesen, wurden sie vom Trägerverein vom Fleck weg als Referent engagiert und standen nun als Ex-Arbeitslose vor Immer noch-Arbeitslosen und wussten nicht so recht, was sie nun eigentlich erzählen sollten. Warum sie plötzlich auf der anderen Seite standen und aus dem Du ein Sie werden sollte. Aber das war auch nicht weiter wichtig. Wichtig war, dass es bei der Übermittlung der Kontodaten keine asozialen Zahlendreher gab.

Aber ich will es nichts verschweigen, so eine Maßnahme hatte auch ihre guten Seiten. Man war von Leuten umgeben, die in ähnlichen Situationen steckten wie man selbst und von denen man noch was lernen konnte. Denn mal ehrlich, was ist das Leben schon groß? Man wird allein geboren, man stirbt allein, und zwischendurch trifft man ein paar Leute, die einem was beibringen - wenn man Glück hat.

Es ist ja nicht so, dass allen Erwerbslosen SOFORT der HIER, ICH! ICH! ICH!-Schaum vorm Mund steht, sobald irgendwo eine Stelle frei wird. Nicht jeder Erwerbslose, (das Wort benutzt mein Vater immer), will unbedingt und unter allen Umständen einen Job finden. Auch wenn diese Einstellung hierzulande vorwiegend Kopfschütteln hervorruft - denn schliesslich ist Arbeit sein Atem, sonst geht der Deutsche ein.  

Leute wie der Timo dagegen lebten auch ohne Arbeit nicht schlecht. Der Timo war vom Macher zum Lasser geworden. (Ich bin davon überzeugt, dass eine funktionierende Gesellschaft ein ausgewogener Mix aus Machern und Lassern sein muss.) Als Timo einen Termin im Job-Center hatte und vom Fallmanager gefragt wurde, wie er sich das denn vorstelle mit seiner beruflichen Zukunft, antwortete Timo ohne jeglichen Anflug von Ironie:

"Ich plane, demnächst mehr beim Lotto zu gewinnen."

Und das war nicht mal gelogen. Der Timo, ein hochintelligenter Bursche mit einem IQ von 130, hatte lange Jahre als Personalberater in einer renommierten Headhunter-Kanzlei gearbeitet, doch das war beinahe ein Jahrzehnt her. In der Zwischenzeit hatte er von seinen Ersparnissen gelebt, bis die restlos aufgebraucht waren, trotz eingeschränktem Konsum von so ziemlich allem, wie er sagte. Nach zehn Jahre Arbeitslosigkeit hatte er sich nun endlich arbeitslos gemeldet und bezog Hartz 4.

Timo war ein ruhiger Vertreter, der nicht viel Wert auf Gesellschaft legte. Er verbrachte seine Abende damit, bei abgestellter Türklingel klassischer Musik und Opern zu lauschen, am liebsten Puccini, am liebsten über Kopfhörer. Und wenn nicht gerade Mitarbeiter des Job-Centers in der Nähe waren, gab Timo freimütig zu, dass die Sache mit der Arbeit für ihn erledigt war. Dass ihm, unlängst fünfzig geworden, das Leben zu schade sei, um davon jede Woche sechzig Stunden abzuknapsen. Oder 38,5.

"Ich hab das hinter mir. Ich hab das lang genug gemacht. Ich brauch das alles nicht mehr. Ich will die restlichen zwanzig oder dreissig Jahre meines Lebens geniessen und nicht bloß ein Jahr Rente beziehen und dann tot umfallen."

Er hatte sich einen Hund zugelegt, einen quirligen Collie, mit dem er auf Frisbee-Wettbewerben bis hinauf nach Belgien brillierte und das Bergische Land durchwanderte, oft in tagelangen Touren. Alles besser als die Tretmühle Arbeit, sagte Timo. Alles besser als Mallorca, sagte ich.

Es regnete. Unter einem schlackegrauen Himmel sprang ich in der Fußgängerzone von Vordach zu Vordach, von Markise zu Markise, bis ich halbwegs trocken das Schulgebäude erreichte. Die Auftaktveranstaltung sollte Punkt zehn beginnen. Schnell noch eine rauchen, unter diesem speziell für Raucher gezimmerten Unterstand mit Aschenbecher, wo schon ein Haufen Leute wartete, alle mit dem gleichen Passierschein in der Hand, der sie als Teilnehmer der Maßnahme auswies.

"Hallo."

Kaum jemand grüsste, als ich mich dazustellte. Nur ein langer Stoffel mit Stirnglatze nickte freundlich. Rottner, stellte er sich vor. Wir unterhielten uns ein bißchen, dann gings los.

 

Träger der Maßnahme zur Stabilisierung der Beschäftigungssuche war eine als gemeinnützig anerkannte Fortbildungsakademie mit Sitz in Frankfurt, die in ganz Deutschland Ableger gebildet hatte und gut im Geschäft war. Pro Teilnehmer kassierte so ein Veranstalter einige Tausend Euro, je nach Dauer und Intensität der Maßnahme.

Es gab Maßnahmen, da musste man als Teilnehmer ein halbes Jahr lang Tag für Tag seine acht Stunden abreissen, und es gab Maßnahmen, da schaute man am Montag- und am Donnerstag-Vormittag kurz auf einen Maßnahme-Kaffee rein und hatte ansonsten seine Ruhe.

Ruhe, das war das Stichwort, genaur gesagt Ruhe zum Schreiben. Um ein Minimum an Ruhe zu haben, sozusagen die existentielle Portion, gab es eine amtliche Voraussetzung:

Man musste aus der Zeit fallen.

Man durfte nicht dazugehören. Nirgends. Wenn die Leute dich anguckten, musste ihnen auf Anhieb klar sein, intuitiv und unmissverständlich: Dieser Mann kriegt keine sms-Nachricht von mir. Den rufe ich nicht an. Der ist definitiv nicht eingeladen. Nirgends. Dann hatte man seine Ruhe. Das Minimum.

Das ganze hatte allerdings einen faden Beigeschmack, und ich wurde ihn nicht los. Es stellte sich nämlich die Frage, warum die Gesellschaft für einen verschnarchten Autor aufkommen sollte, der kein Buch auf die Reihe kriegte. Warum ihn mit Hartz IV durchziehen, bis er wann auch immer ein Bein auf die Erde bekommt. Und was, wenn dieses Bein niemals bis zur Erde reichte? Wenn es sich auf Dauer als Phantombein entpuppte? Blutleer, unnütz?

Tja, Freunde, das war die Sorte Fragen, die mir nicht in den Kram passte. Also weg damit.

Und weiter.

 

Was mir sofort gegen den Strich ging, war ein schildgroßer Aufkleber über der Tür, das die Maßnahmne-Teilnehmer empfing:

ARBEITSFABRIK.

Erst dachte ich noch, die hätten sich in der Aufregung irgendwie vertan, dass da schon wieder zwei Dutzend Arbeitslose anrückten und für Geld in ihrer Brieftasche sorgten, doch dann sah ich mir den Banner genauer an und entdeckte Spuren von Abnutzung, nein, der Aufkleber war nicht neu, der hing schon länger. Das war durchdacht. Arbeitsfabrik.

Vermutlich war es nicht so gemeint, doch es klang in meinen Ohren wie Nazisprache, das Wort hätte auch hoch oben über einem Konzentrationslager hängen können, zur Begrüßung der Insassen. Nach einer Weile fand ich das Wort, wenn es mich anguckte, nur noch dämlich und irgendwie doppeltgemoppelt. Arbeitsfabrik sollte wohl darauf hinweisen, dass in diesen Räumen hart gearbeitet wurde, mit klar definierten Strukturen und Hierarchien, ohne das übliche Maßnahmegesäusel und Bewerbungsgewäsch, sondern mit klipper und klarer Ansage:

Pünktlichkeit. Sauberkeit. Ordnung.

Die beiden Referenten, auch für das Austüfteln der Arbeitsfabrik verantwortlich, hatten wenig Zeit für uns Teilnehmer. Sie waren vollauf damit ausgelastet, dicke Akten anzulegen, die ständig aktualisiert werden mussten. Meist steckten sie mit der Nase in irgendwelchen Ordnern und riefen uns einzeln ins Büro, wo wir Formblätter zu unterschreiben hatten, deren Richtigkeit sie wiederum gegenzeichnen mussten.

Nur hin und wieder gelang ihnen so etwas wie ein Vermittlungserfolg, oder sie besorgten jemandem eine Praktikumsstelle. Bei den angeblich so vielfältigen Beziehungen zur heimischen Industrie keine große Nummer. 

 

Am zweiten Tag der Maßnahme waren Einzelgespräche anberaumt. Anwesend waren zwölf Langzeitarbeitslose. Nur zwölf muss man sagen, denn am ersten Tag waren wir noch dreiundzwanzig gewesen, die sich in die Anwesenheitsliste eingetragen hatten. Die Hälfte der Leute hatte sich schon verabschiedet. Ich fragte mich, wie die das hinkriegten. Hatten die alle Husten und sich krankschreiben lassen? Oder war ihnen plötzlich aufgegangen, dass sie ja doch einen Job besaßen und dass sie nur vergessen hatten, da auch anzutanzen. Aber das konnte natürlich jedem mal passieren, so ein Malheur. Logisch.

Einzelgespräche bedeuteten, dass stets ein Arbeitsloser ins Büro gerufen wurde und die anderen elf Leute herumsaßen und nichts zu tun hatten. Zwar gab es nebenan einen großen Technik-Raum, ausgestattet mit funktionstüchtigen Rechnern mit schnellem Internetanschluss, doch zumindest an diesem Tag blieben alle den Monitoren fern und lernten einander kennen.

Mohammed, genannt Momo, rechts von mir, ein stabiler Bursche mit Backenbart, hatte sich am Morgen das Kinn ausrasiert. Nun war es so schwer gerötet, Momo sah aus wie nach einer Brandrodung. Er stellte sich mit Handschlag vor.

Sein Vater war ein aus Marokko eingewanderter Metzger. Er hatte diesen Beruf auch für seinen Ältesten vorgesehen, und weil Momo ein braver Muslim war, der Vater gehorchte, begann er eine Metzgerlehre, die er aber nach ein paar Monaten schmiss.

"Ich kann keinen Hammel mehr riechen, Baba! Die machen mich lala, deine Hammel!"

Er überwarf sich mit der Familie und siedelte nach München über, jobbte bei BMW am Band, verdiente gutes Geld, war einsam, kehrte zurück und heuerte im typischsten aller Solinger Berufe an, dem Schlieper, dem Messerschleifer.

"Ich hab auch am Stein gearbeitet", mischte sich ein spätes Mädchen ein, um die fünfzig, krumme Haltung, doch Momo liess sich nicht beirren.

Wir erfuhren, dass er eine Weile vor hatte, professioneller Bodybuilder zu werden, "für die Frauen", wie er betonte. Tatsächlich hatte er Oberarme wie Straßenkreuzungen und ein strammes Kreuz. Beste Voraussetzungen für eine Karriere im Body Business, doch als ihm mehr und mehr klar wurde, dass er dafür sein ganzes bisheriges Leben über den Haufen werfen und stattdessen jede Menge Stereoide fressen müsste, entschied er sich schweren Herzens dagegen.

"Wegen den Frauen."

Ich war überrascht, was die Leute so alles für Jobs hatten, bevor sie arbeitslos geworden waren. Unter dem Dutzend Leuten befand sich ein 57jähriger ex-Chefredakteur einer Zeitung, eine Ukrainerin, die Mathematik in Kiew studiert hatte sowie ein junger Fitnesstrainer mit einem auffälligen Tattoo: Eine tintenblaue Schlange rekelte sich an seinem schlanken Hals empor. Eine Szene, die ich eher auf Porzellan vermutet hätte, auf Teegeschirr.

Der Fitnesstrainer war ein gutaussehender Bursche, aber irgendwie atemlos. Es fehlte ihm an innerer Ruhe. Er hatte zu gleichen Anteilen deutsche und serbische Vorfahren und war seit einem Jahr arbeitslos, obwohl er im Besitz hochwertiger Trainerscheine war.

"Ich hab einfach kein Glück", nölte er, und im weiten Rund nickten die Köpfe, und nickten, und nickten.

Ursprünglich kam er aus Baden-Württemberg und beschwerte sich, dass man in Solingen nur Kiffer kennenlernte. "Achtzig Prozent aller jungen Solinger kiffen." Dagegen wäre nichts einzuwenden, führte er fort, aber ich kiffe nicht, ich bin ja Fitnesstrainer. Wir fragten uns, was eigentlich die übrigen zwanzig Prozent in Solingen anstellten, die nicht kifften. "Saufen, fixen, tralala", sagte jemand, ich glaub, ich war das.

Tarik, EDV-Fachmann, war gut ausgebildet und noch keine dreissig Jahre alt. In jedem Kurs gab es mindestens einen arbeitslosen EDV-Fachmann. Es gab zu viele von ihnen. Sie standen sich gegenseitig auf dem Fuß und nahmen sich die wenigen verbliebenen 400 Euro-Jobs weg.

Tarik regte sich maßlos darüber auf, dass das Job-Center für die Hin-und Rückfahrt zur Auftaktveranstaltung kein Fahrgeld erstattete, während es ab Tag 1 der regulären Maßnahme Fahrgeld gab. Ausserdem, so Tarik, ein kleiner Mann, hatte er bei dem Betrag, den alle Teilnehmer für einen Monat im voraus erhalten sollten, eine andere Summe errechnet: statt 33, 20 Euro war er bei 35, 40 Euro angekommen.

Er stand mächtig unter Dampf und wiederholte die Zahlen, bis sie auch der letzte von uns parat hatte. Tarik war kein unsympathischer Kerl, mit einem verschmitzten Lächeln und Gespür für Komik, doch beim Geld hörte für ihn der Spaß auf.

Als wir das Fahrgeld am Nachmittag abholen sollten, ausgezahlt wurde es einige Strassen weiter in der Aussenstelle des Maßnahmeträgers, machte Tarik sich frühzeitig auf die Socken. Er flog beinahe durch die Fußgängerzone, wollte unbedingt der erste sein. Dass ihm womöglich 2 Euro 20 Cent weniger ausbezahlt würden als ihm zustand, liess ihm keine Ruhe. Er wollte Beschwerde einlegen, war sich aber unsicher, wo, ob beim Maßnahmeträger oder besser direkt beim Arbeitsamt.

"Wahrscheinlich schicken die mich sowieso von einem zum anderen und wieder zurück, bis ich nicht mehr weiss, wo mir der Kopf steht," seufzte er. "Das ist ein ganz abgekartetes Spiel!"

Wieder sah man Köpfe nicken.

Mir waren da schon Leute lieber, die sich mit einer gewissen Nonchalance durchs Leben bewegten. Typen, die man schnell mal verwechselte, weil sie auf den ersten Blick so gar nichts besonderes an sich hatten, bis man sie näher kennenlernte und feststellte, he, der war ja ganz in Ordnung, der Blödmann. Der machte einfach nur wenig Wind um sich.

Rottner war groß, ein Stoffel und ungefähr mein Alter. Er hatte eine Stirnglatze und ständig Jesus-Sandalen an den Füßen, egal ob bei Sonnenschein oder Dauerfrost. Mit den Latschen und seinem karierten Holzfäller-Thermohemd wäre er noch in den frühen 90ern anstandslos als Sozialkundelehrer durchgegangen, mit halber Stundenzahl, doch wir schrieben 2011 und Rottner war seit 11 Jahren arbeitslos.

Zuvor hatte er zwei Jahrzehnte lang Wärmespeicher auf großen Frachtschiffen ausgetauscht, für eine international tätige Firma in Cuxhaven. Nun lebte er in Solingen. Warum lebst du in Solingen? fragte ich. Warum nicht? antwortete er, und wir beliessen es dabei. So genau wollte ich es nun auch nicht wissen.

Rottner hatte einen Hund, erzählte er. Nun haben viele Arbeitslose einen Hund, sie haben ja die Zeit dafür, aber nicht alle haben einen Hund mit einer Geschichte wie Bootsmann, einem Boxer-Rüden.

"Bootsmann? Och. Wie der Hund auf Saltkrokan?"

Rottner nickte. Viele Worte machte er eigentlich nicht. Er hatte einen leichten Sprachfehler. Die Zungenspitze klopfte beim Sprechen gegen die Schneidezähne, so leicht, dass es nicht direkt als Lispeln durchging, sondern eher als kleine Marotte, das 's' zu Bett bringen zu wollen, auch am hellichten Tag, mitten im hellichten Satz.

"Der Hund von den Kleinen Strolchen hiess auch Bootsmann", meinte Rottner.

Blödsinn, entgegnete ich. Der hiess anders, doch noch eine ganze Weile war Rottner nicht davon abzubringen, dass nicht nur der Hund auf Saltkrokan, sondern auch der Hund der Kleinen Strolche Bootsmann hiess. Und natürlich sein Hund, der Boxer-Rüde, klar, der auch. Es ging insgesamt um drei Hunde, die Bootsmann hiessen oder heissen sollten.

"Der hatte so ein fettes schwarzes Klätschauge", meinte Rottner, "von den Kleinen Strolchen der."

"Ja, der hatte ein schwarzes Klätschauge, stimmt, aber der hiess nicht Bootsmann, der Hund von den Kleinen Strolchen.. der hiess anders.. Schibulsky oder so."

"Schibulsky?? Der hiess doch nicht Schiebulsky! Das war doch kein polnischer Pfannkuchen!"

"Ah Mann.. natürlich hiess die Töle bei den Kleinen Strolchen nicht Schibulsky, das weiss ich auch, das war nur SPASS! Aber der hiess nicht Bootsmann..!"

"Na schön", gab Rottner sich geschlagen, als er spürte, wie ernst es mir war. "Aber auf Saltkrokan der dicke Hund, der hiess Bootsmann."

"JA!" schrie ich. "DER SCHON!"

 

Zurück zum Boxer-Rüden. Den Rottner noch gar nicht hatte, zu dem Zeitpunkt, als er über einen Bekannten die Anfrage erhielt, ob er nicht Lust hätte, dem örtlichen Boxerhundeverein beim Renovieren zu helfen. Das alte Blockhaus auf dem Vereinsgelände hatte es nötig. Na schön - Rottner war arbeitslos und handwerklich nicht ungeschickt, er schlug ein.

Nach vierzehn Tagen harter ehrlicher Arbeit kam der Vorsitzende des Vereins auf ihn zu und fragte, ob er, Rottner, unbedingt eine Rechnung brauche oder ob man das vielleicht auch so regeln könne, unter der Hand.

"Nö", sagte Rottner. "Ich will ihr Geld nicht, ich will einen Hund."

So kam es, dass unmittelbar nach dem nächsten Wurf des hochprämierten Zucht-Weibchens Daxa von Bückeburg, "oder wie die Boxer-Tante da jetzt hiess", Rottners Telefon klingelte: er könne jetzt ins Clubhaus kommen und sich einen Welpen aussuchen. Jetzt, auf der Stelle.

Rottner ging hin und entschied sich für einen flinken kleinen Rüden, dann ging er wieder heim. Es dauerte noch einmal zwei Monate, bis der kleine Hund ihm vorbeigebracht wurde, als Bezahlung für Renovierungsarbeiten am Clubhaus des örtlichen Boxerhunde-Vereins.

"Sagen Sie, haben Sie Erfahrung mit Hunden, Herr Rottner?"

"Hunde? Wer? Ich? Nö. Nicht direkt. Aber ich weiss schon, wie er heissen soll. Ich hab schon einen Namen!"

"Ja, sicher. Das ist Carlo von Bückeburg, der II."

"Hm? Nee. Bootsmann, der Kerl heisst Bootsmann."

 

Der kleine Bootsmann ging in die Hundeschule und absolvierte die Welpengruppe, zuletzt die Rockergruppe. Allerdings ohne die Gesellschaft Rottners. Der hatte keine Lust mitzukommen, das übernahm die Frau des Vereinsvorsitzenden, zweimal die Woche, drei Monate lang, wenn auch nicht ganz freiwillig.

"Machen Sie mal", hatte Rottner zu ihr gemeint, "Sie machen das schon. Hauptsache, Sie versauen mir die Töle nicht."

Später gewann Bootsmann Preise auf Ausstellungen, er war bemerkenswert schön gewachsen, wovon Rottner wenig mitkriegte, Schönheitswettbewerbe waren nichts für ihn, das war ihm einfach zu affig mit all den Pudeln und Hektors.

Mittlerweile war Bootsmann im besten Hundealter und Rottner und er gute Freunde geworden. Wenn Rottner, wie während der Maßnahme des Job-Centers, den halben Tag aus dem Haus war, übergab er Bootsmann in die Hände seiner Nachbarin.

"Die geht mit dem Joggen in der Heide. In Ordnung hab ich zu ihr gesagt, machen Sie mal, gehen Sie ruhig Joggen mit dem Bootsmann, Hauptsache, der kommt hinterher nicht an zu mir, he, Langer, die Tante ist mit mir jeden Tag drei Stunden durchs Unterholz gehoppelt."

 

Es dauerte keine Woche und ich geriet mit dem 57jährigen Ex-Chefredakteur aneinander, der zudem eine halbe Karriere als Radiomoderator hinter sich hatte sowie eine dreiviertel Karriere als Rockmusiker. Die Betonung lag bei allen drei Karrieren auf hinter sich, aber das ist mit 57 nicht ungewöhnlich.

Früh am Morgen hatte er das Maul aufgerissen, wenn auch mit einer angenehm klingenden, sehr sonoren Alexis Korner-Blues-Stimme, was den Stuss, den er absonderte, halbwegs milderte. Er sei immerhin Chefredakteuer gewesen, maulte er zum wiederholten Male, und zu dieser Maßnahme "zwangsrekrutiert" worden. Als wären wir Anderen alle freiwillig dagewesen.

Von welcher Zeitung er kam, liess er unerwähnt, trotz meiner Nachfrage, was mir komisch vorkam. Und tatsächlich, auf die vierte Nachfrage hin rückte er schliesslich den Namen der Zeitung heraus,  "Die Brücke".

Die Brücke, ein Obdachlosenmagazin, das in den bergischen Großstädten verkauft wurde. Wir erfuhren, dass er in der Redaktion als 1-Euro-Kraft angefangen hatte, und als die Zeit vorüber war, beschäftigte man ihn weiter, immer noch bezahlt aus Töpfen des Arbeitsamts.

"Die hatten mir versprochen, ich dürfte dableiben bis zur Rente. Aber plötzlich war kein Geld mehr da", jammerte er sonor. (Der könnte ins Radio gehen, dachte ich, da wusste ich das noch nicht mit seiner halben Radiokarriere.)

Es war morgens um neun, als wir um den Tisch herum saßen. Zuvor hatte eine Krankenschwester einen 45minütigen Vortrag über Gesundheit und richtige Ernährung gehalten, so als wären Langzeitarbeislose zu doof zum Fressen. Die Krankenschwester war allerdings soweit okay. Sie arbeitete im Klinikum im Nachtdienst und verdiente sich tagsüber mit Vorträgen etwas hinzu. Sie war der Typ vorsichtige Radfahrerin Mitte vierzig, der im Verkehr nervte.

Am Ende des Vortrags hatte sie irgendetwas über Kalorienzufuhr erzählt, als der ex-Chefredakteur, der zufälligerweise neben mir saß, plötzlich begann, seine Sicht der Welt darzulegen. Es begann mit unserer von riesigen Konzernen versauten Industrienahrung (wir werden mit Abfall zugestopft) und endete bei Quantenphysik. Für sich genommen machte alles Sinn, doch er warf alles in einen Topf und rührte darin herum, bis irgendein unausgegorener Mist herauskam.

Besonders auf den Geist ging mir, dass alles, was aus Indien und China kam, toll war, und im Westen alles böse. Da platzte mir der Kragen.

"Du redest nur Scheisse", fuhr ich von der Seite an. "Von vorne bis hinten nur Müll." Zuletzt hatte er behauptet, eine positive buddhistische Grundstimmung könnte bei Rauchern sogar Lungenkrebs verhindern.

"Mein Gott, natürlich erleichtert positiv denken das Leben", sagte ich, "aber es macht den Krebs nicht weg! Das ist doch voll Kokolores."

Ich wurde aggressiv und rückte ihn mit seinem Gefasel in Sektennähe.

"Den Quark, den du zusammenquasselst und wie du das tust, das erinnert an Scientology."

Das Wort "Scientology" hatte ich hinter meinem Rücken aufgeschnappt, wo es Rottner gerade ausgesprochen hatte, der Wärmepumpenaustauscher und Besitzer von Bootsmann, der den Scheiss auch nicht mehr mitanhören konnte.

Seltsamerweise reagierte der ex-Chefredakteur weniger auf meine Kritik als auf die Heftigkeit meiner Worte, die mich selbst überrascht hatte.

"Ich wollte hier niemanden auf die Füße treten und Aggressionen auslösen", sagte er.

 

Momo, der verhinderte Bodybuilder, erzählte von der wilden Zeit, als er davon träumte, Profi zu werden und die Kraftsportbühnen der Welt zu besteigen, mit eingeölten Muskelsträngen. 

Damals plante er den Tagesablauf strikt nach der Ernährungsvorgabe. Dazu gehörte auch, den Wecker auf drei in der Nacht zu stellen, eine Portion Nudeln zu kochen und zu sich zu nehmen. Damit sollte der Körper mit den Kalorien aufgefüllt werden, die er im Schlaf gerade verbrannt hatte.

"Um den Energieabfall zu minimieren. Das war zu der Zeit, als ich gnadenlos auf Masse gemacht hab."

Um auf Masse zu machen gabe er Monat für Monat Hunderte von Euro für Pülverchen und Vitamin-Shakes aus.

"Das war schon geil, das Massemachen. Mit Anabolika baut man viel schneller Muskelmasse auf als nur mit Training. Da glaubst du jeden Morgen, du könntest die Welt aus den Angeln heben. Doch sobald du die Anabolika absetzt, fällt alles zusammen und du bist nur noch Gewürm."

Als Momo endete, war Stille. Ich fühlte mich fatal an Heroin erinnert. Nur dass Heroin keine Muskeln aufbaute, sondern Illusionen. Aber der Zusammenbruch war der gleiche.

Links neben mir saß eine hübsche Ukrainerin, die Mathematik und Statistik in Kiew studiert hatte und in ihrem blauen 80er Jahre-Kostümchen an eine alternde Stewardess erinnerte. Nach dem Ernährungs-Vortrag der Krankenschwester meldete sie sich und wollte wissen, wie man am effizientesten Bitterstoffe zu sich nehmen könne, doch die Krankenschwester konnte nicht viel weiterhelfen.

Gewisse Gemüsesorten wie Fenchel enthielten Bitterstoffe, sagte sie. Doch würden Bitterstoffe zunehmend aus unserer Nahrung herausgeschwemmt, damit es fluffiger schmecke.

Pernod, sagte ich, ist auch bitter, und links von mir die Frau kicherte. Es war die Frau mit schiefer Haltung, die behauptet hatte, auch schon am Stein gearbeitet zu haben. Eine nette Frau. Dreimal verheiratet, drei Kinder von drei Männern. Stammte ursprünglich aus Freiburg und hatte hoch im Norden in der Verwaltung eines Rüstungsbetriebs gearbeitet.

"Ich hatte die Panzerketten unter mir."

In Solingen war sie der Liebe wegen gelandet. Hatte hier das dritte Mal geheiratet und 10 Jahre lang (wieso eigentlich immer genau 10 Jahre?) in einem Familienbetrieb Messer geschliffen. Seither war ihr Rücken lädiert, vom langen Sitzen am Schleifstein.

Tatsächlich bildeten Haltungsschäden über Jahrhunderte so etwas wie das Krankheitsbild Nr. 1 unter der Solinger Arbeiterschaft, und noch heute sind orthopädische Deformationen dieser Art im Stadtbild präsent: Buckel, Höcker, Schulterkröpfe.

 

Ausser einem EDV-Spezialisten saß in jeder Maßnahme ein Zombie. Ein graues Etwas, das auf seinem verhuschten Pfad durchs Dasein gerade Station in der Langzeitarbeitslosigkeit machte. Wobei an dieser Stelle einschränkend gesagt werden muss: Langzeitarbeitslosigkeit beginnt definitionsgemäß bereits nach einem Jahr ohne steuerpflichtige Beschäftigung. Meines Erachtens ist man nach einem Jahr noch lange nicht lange arbeitslos.

In unserer Stabilisierungs-Maßnahme hiess der Zombie Eileen. Eileen war um die vierzig und hatte es an den Nerven. Das Haar gebrochen und voller Spliss, der Blick getrübt, der Mund eine Kneifzange, dazu nachlässige Kleidung - insgesamt war Eileen eine einzige Altlast. 

Einmal stapften wir nebeneinander durchs Treppenhaus. Sie war furchtbar unsicher und wog ihre Worte ab, sie wollte bloß nichts dummes, nichts falsches sagen. Da tat sie mir ein bisschen leid, und fortan mochte ich sie.

Sie zählte zur Abteilung Ich möchte keinem auf den Wecker gehen, aber ich bin so unglücklich, merkt das denn niemand? Nicht selten wusste ich bei diesen Menchen nicht, wie ich ihnen meine Sympathie deutlich machen konnte, ohne sie gleich in die Arme zu schliessen. Ein aufmunterndes kleines Lächeln hier, noch ein aufmunterndes kleines Lächeln da konnte jedenfalls auf Dauer dümmlich wirken und eher das Gegenteil bewirken.

Also beliess ich es oft bei meiner heimlichen Sympathie und ging davon aus, dass diese Mitmenschen meine Gefühle schon irgendwie mitkriegten oder zur Not eben errieten. Eine trügerische Annahme, die mich im Leben schon oft in die Bredouille gebracht hatte.

Gut, in einem Fall wie Eileen ging es nur darum, dass jemand spürte, dass ich auf seiner Seite war, doch in anderen Fällen wurde ich komplett missverstanden, nur weil ich den Mund nicht aufmachte. Weil ich davon ausgegangen war, dass Menschen meine Gedanken und kleinen Blicke schon richtig einschätzten.

So war ich automatisch davon ausgegangen, dass meine beiden Geschwister es mir nicht verübelten, dass ich kaum noch Einladungen annahm, ob zum gemeinsamen Essen, einem Spieleabend oder dem traditionellen Osterfeuer. Aus dem einfachen Grund, dass ich keinemn Alkohol mehr trank und mir jede Gesellschaft nach spätestens einer Stunde lästig wurde und ich nur noch heim wollte. Das müssen die doch wissen, dachte ich. Die kennen mich doch. Pustekuchen.

Was ich dabei nämlich unterschlug:Andere Leute, selbst Geschwister, die mit dir aufgewachsen sind, haben den Kopf und das erz vol anderer Dinge, die ich nicht mitkriege, Das mact es nötig, dass ,man sich hinstellt uns sagt, was man will und was man nicht will, was man mag oder nicht mag, was man schlachtet oder besser heile lässt, was man küsst oder fortstößt, was man sich einverleibt oder was man auskotzt.

Wer sagt, was er will, kriegt, was er braucht.

 

2.5.13 07:29


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung