Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Bär

"Mehr" geht schnell, ins "Weniger" muss man reinwachsen.

*
"Nun mach schon, Miesdraufsein schmeckt sexy", flüstert sie, weil ich schlechte Laune hab an diesem kalten Wintertag, sie aber trotzdem küssen will.


*
Ende der 80er Jahre streifte ein einsamer Junge durch die Strassen der Stadt. Er trug einen alten Teddybär im Arm, und er konnte rasendschnell rückwärts zählen, von 400 bis 0, ohne je ins Stottern zu geraten oder die Zahlen durcheinander zu werfen.

Er war ein verdammtes Genie. Vielleicht ein Autist. Er lebte in einer Aussenwohngruppe, aus der er jeden Tag ausbüxte. Am Abend traf ich ihn beim Amerikaner. Er saß am Fenster und fütterte seinen Stoffbär mit einer knallheißen Apfeltasche. Das war interessant. Ich meine, der Junge interessierte mich sowieso, aber dass der Bär in seinem Arm sogar essen konnte, überraschte nun doch.

"Darf ich mich setzen?"
"Na.. ja..", antwortete er scheu.
Das Tablett vor ihm war leer, bis auf die Verpackung, in der Apfeltaschen im Schnellrestaurant verkauft werden.

Natürlich war die Frage saublöde, aber ich musste sie stellen, es war schliesslich genau das, was die Leute wissen wollten, und ich war nichts anderes als die Leute.
Ich fragte:
"Sag mal, der Teddy.. wieso schleppst du den immer mit dir herum?"
"Ach, wissen Sie, das ist ein Wunder Gottes", antwortete er prompt, aber leise und ohne mich anzugucken. "Nur leider ist auf Gott kein Verlass. Aber der Bär.. ist regulär."

Ich führte damals ein kleines schwarzes Diktiergerät mit mir herum, ein Sanyo-Micro-Notizbuch. Ich drückte Record und legte es auf den Tisch, mit dem eingebauten Mikrofon in seine Richtung.

"Sind Sie vom Radio?" staunte der Junge, der um die zwanzig war, aber jünger wirkte, und bevor ich verneinen konnte, fuhr er fort: "Dann senden Sie mal", er war blass im Gesicht und hob die Stimme, "der liebe Gott..", er schaute sich um, ".. hätte jeden Tag ne Ohrfeige verdient. Aber es weiß ja niemand, wo er sich aufhält. Der ist nirgends gemeldet. Meldepflicht kennt der nicht. Wissen Sie, was ich vermute? Er läuft seit zweitausend Jahren über die Erde, mit falschem Pass und.."
Hatschii!!
Das kam vom Bär. Ein Niesreiz.
"Sie müssen entschuldigen, kommt vom Zimt.."

Er knabberte vorsichtig an der Apfeltasche, unsicher, ob die Apfelmusfüllung vielleicht noch zu heiss war für die kleine rote Stoffzunge.
Reporterfrage:
"Warum möchtest du dem lieben Gott eine Ohrfeige verpassen...?"
Der Junge fixierte mich mit starren schwarzen Knopfaugen.
"Natürlich hätten die Menschen die Ohrfeigen verdient, stimmt. Aber bei der Überbevölkerung würde man aus den Ohrfeigen nicht mehr rauskommen. Also muss der liebe Gott herhalten. Und eins möchte ich Ihren Hörern noch verraten.."

Er nahm das Bärchen bei den Füßen und stopfte es in eine ausgebeulte Alditüte.
"Bärchen ist jetzt satt, Bärchen muss schlafen."
Er stand auf und reichte mir die Hand.
"War nett mit Ihnen zu plaudern. Demnächst spielen wir zehn Sätze ohne Luftholen. Auf Wiedersehen."
Was denn..?
Moment!!
Ich steckte das Diktiergerät in die Tasche und folgte ihm nach draussen, doch er war weg. Nur auf dem Asphalt war noch sein Schatten zu sehen, obwohl die Sonne längst untergegangen war.
2.12.10 16:37


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung