Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Keiser-Eck 88

Keiser-Eck, Wuppertal-Vohwinkel, 1988. Die Eingangstür ist schwer und knarzt wie ein alter Tresor.
"Charlotte, zartes Wesen!" wird die Wirtin von einem Gnom im Rollkragenpullover begrüßt, der mit mir die Kneipe betritt und gleich hinterm Tresen verschwindet, wo er Kornflaschen ins Gefrierfach räumt.

Ein älterer Herr spaziert durch die Kneipe wie durch die Fußgängerzone. Er bleibt vor mir stehen und blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, das ich gerade aus der Jacke fische.
"Schularbeiten, ja..?"

Nach dem ersten Bier werd ich hungrig. Ich hol mir beim Metzger um die Ecke ein Baguette mit kaltem Bratenfleisch.

"Und dann mach ich das, was ich schon immer tun wollte!" ruft eine junge Frau auf der Strasse. Sie steigt wütend in ihr Auto ein und wirft die Türe zu.
"Da reden wir heut Abend noch mal drüber", erwidert ihr Mann und bleibt im Hauseingang zurück. Als er spürt, dass ich ihn angucke, guckt er schnell weg.

Zurück ins Keiser-Eck. Paar Mann am Tresen, einer hinten am Tisch. Ein Neuer kommt rein, kriegt von Charlotte, dem zarten Wesen, gleich sein Bierchen hingestellt.
"Von Köln kommt ne dicke Wand auf Wuppertal zu. Hab ich eben im Fernsehen gesehen, hab ich extra drauf geachtet. Morgen, Alfred."
"Morgen."
Die Tür knarzt.
"Der Günter! Ist das hier ein Betrieb heute."
"Das fängt an zu hageln draußen! Morgen."
"Morgen, Günter."
"Bist ja gar nicht am husten!" wundert sich die Wirtin.
"Doch, ich hab schon gehustet. Alfred! Morgen."
"Morgen."
"Ist Asthma", wirft Günter ein.
"Nee, ist anhänglich", entgegnet Alfred.
Alle lachen auf.
"Wie ein Popel."

Die erste Runde Feigling wird geordert. Die Wirtin greift nach hinten ins Regal, wo eine ganze Batterie aufgebaut ist.
"Fünf Wodka-Feige, ist richtig, Jungs?"
Sie stellt die kleinen Fläschchen auf dem Tresen ab.
"Musst du richtig kloppen, das Teil", sagt Alfred.
Das lässt die Wirtin so nicht gelten.
"Das kann man auch schütteln, das muss nich immer so einen Krach machen."
"Doch, musst du kloppen! Damit das richtig durcheinander wirbelt!"
Günter stiert auf den Tresen.
"Wieviel Volt hat das überhaupt?"
"Zwanzig", meint Alfred. "Oder fünfundzwanzig. Weiß ich nich. Musst du richtig kloppen. Prost!"
"Prost, Alfred."
"Prost."
"Prost!"

Die Tür schwingt auf.
"Morgen, Herr Sparkassendirektor!" grüsst Günter. Die fünfundzwanzig Prozent bringen seine Bäckchen zum Glühen.
Der Neuankömmling hat gestern Fußball geguckt.
"Aber nur eine Halbzeit. Dann haben wir Besuch gekriegt. Da war Feierabend mit Fußball. Verdammte Bagage." Er hängt seinen Mantel auf und streift mich mit einem Seitenblick. "Ist ganz schön am hageln draußen."
"Das ist die Wand, die kommt nach Wuppertal aus Köln!" ruft Günter. Er hat es die ganze Zeit gewusst.
"Tu mir ein Bierchen, Charlottchen", meint der Sparkassendirektor. "Und einen Kurzen."
"Ne Runde?" fragt Alfred listig.
"Ne Runde, pft. Bin ich Rockefeller?!"
"Na sicher! Sparkassendirektor, oder nich?!"

"Guck mal, hier! Die Henkel-Werke haben ihren Gewinn um fünfzehn Prozent gesteigert!" meint der Mann in der Ecke. Er liest Zeitung. "Und warum? Die Deutschen kaufen mehr Waschmittel denn je."
"Für Persil haben die Deutschen immer Geld", murmelt die Wirtin und zapft die nächste Lage Bier.
"Genau!" ruft Alfred. "Wisst ihr auch warum? Der Deutsche wäscht das Wasser erst, bevor er damit Wäsche wäscht. Sonst wird das nich richtig sauber."

Auch Günter, der sich mit seinem Nachbarn unterhält, mehr auf der privaten Schiene, wird laut.
"ICH BIN TOT UM ZWANZIG NACH SIEBEN!"
Dann versinkt er wieder ins Gespräch.

Der Leser legt den Wirtschaftsteil der Zeitung weg.
"Und sonst, Charlotte?"
"Ja, gut", sagt die Wirtin.
Sie zapft, sie spült, sie hat immer was zu tun, während die Männer nur dasitzen und quasseln und auf den nächsten Kurzen warten.
"Sag mal, dein Mann kommt ja gar nich mehr zurück", meint der Direktor.
"Nee, dem war eben nich gut."
"Müssen wir ihm ein Ölfläschchen besorgen", schlägt Alfred vor. "Die letzte Ölung?"
"Oder ne Schere", meint der Leser, der immere noch hinten am Tisch sitzt, aber nicht mehr liest.
"Wie, ne Schere?"
"Na ja, ne Schere. Für hinten."
Ratloses Schweigen. Damit kann niemand etwas anfangen.

"Mein Mann ist Einkaufen", sagt die Wirtin.
"Ach sooo!"
"Haben die Geschäfte denn schon auf?"
"Ja, sicher! Ist halb zwölf durch!"
"Ou!!"

Alle zwei Minuten hört man die Schwebebahn vorüberrumpeln. Vohwinkel ist Endstation. Hier hört Wuppertal auf, hier fängt Solingen an. Das Sibirien Deutschlands.

Der Sparkassendirektor kommt vom Klo.
"Mann, hab ich Luft im Darm - wie ne Treppe. Hör mal, Lottchen, hast du neue Toilettensteine? Müffeln so nach Waldmeister."
"So, noch ein Bierchen, dann nach Hause, noch was tun", meint Alfred. "Was machen die Hühneraugen, Charlottchen?"
"Die wachsen und gedeihen", antwortet statt der Wirtin der Sparkassendirektor.
"Das kommt vom vielen Rumstehen", meint Charlotte.
"Ach, Pflaster drauf und fertig!" schreit Günter.

Alfred dreht sich zu mir um.
"Ich hab noch nie Hühneraugen gehabt. Du?"
Ich schreibe die ganze Zeit mit. Er guckt auf mein Notizbuch, kümmert sich aber nicht weiter darum.
"Gute Schuhe sind das A und O. Am besten Leder. Ist doch egal, wie die aussehen. Was nützt mir ne schöne Jacke, und ich fühl mich nicht wohl drin. Woll?"

Weil ich plötzlich im Mittelpunkt stehe, werd ich nervös und der Kugelschreiber springt mir aus der Hand, voll über den Tresen.
Wie beim Stabhochsprung.
"Huch!" ruft von ganz rechts der ältere Herr, der wieder durch die Kneipe spaziert wie durch die Fußgängerzone, sonst aber im Hintergrund bleibt.
"Hat noch zwei Wurf, der junge Mann!" schreit Günter.

Die Wirtin bückt sich nach dem Kuli und reicht ihn mir.
"Danke", sag ich und nicke zum Kölsch hin. "Eins nehm ich noch."

"Mein Enkel ist zweieinhalb", meint der Sparkassendirektor. "Dem hab ich gestern einen Osterhasen geschenkt. Da war nix mehr mit Fußball."
"Wieso, ist doch noch gar kein Ostern", murmelt Alfred.
Der Direktor winkt ab. "Hm, oh."
Der Leser hat die Zeitung wieder in der Hand, liest aber nicht. Er hält sie nur fest.
"Das ganze Leben lang haben sie mir gesagt, dagegen kann man nix machen, das ist so, damit müssen Sie sich abfinden, und jetzt krieg ich hinten son Röhrchen, son Stäbchen reingepflanzt, so implantiert, damit ich beweglich bleib. Irgendwas muss man ja machen, woll?"
"Ja, warum nicht", meint der Gnom, der plötzlich hinterm Tresen auftaucht, wie ein Springteufel, und wieder abtaucht.

Alfred schnappt sich die Wirtin.
"Unser Hund, der kann futtern was er will. Der kann fressen wie ein Schwein, der wird nicht dick."
Charlotte zündet sich eine Zigarette an.
"Würde ich auch gern sagen können."
"Ja, aber weißt du auch warum, Lottchen? Weil der soviel kläfft. Der kläfft sich die Kalorien wieder raus! Ist doch so. Der ist clever. Erst fressen, dann kläffen."

Nachdem Alfred sich verabschiedet hat, wendet sich Günter mir zu. Und wird schnell intim.
"Ich hab einen Neffen, hör mal, der ist am kiffen. Der fährt immer nach Holland. Da kauft der Hasch und verkauft das hier in Vohwinkel für fünf Mark ein Joint. Ist das nicht gefährlich? Sag mal. Ist doch gefährlich, oder?!"
"Geht so", sag ich unglücklich. Meine Kugelschreibermine ist leer.


*
Weiteres auf The Glumm
1.3.10 17:34


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