Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Kleine Insektenkunde

Nishi fing im Turmhotel an, Sprößling der japanischen Kolonie in Düsseldorf. Sie hatte gerade die Lehre zur Hotelfachfrau abgeschlossen und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen Hotellerie.
"Und dann fängst du im Turmhotel an?"
"Ja warum denn nicht ist doch phantastisch hier oben die Aussicht nette Kollegen du arbeitest doch auch hier so als Sprungbrett ist doch okay.."
Ihre Redegeschwindigkeit war phänomenal. Wenn sie einen Satz begann, sammelte sich vor Erregung Wasser in ihrem Mund, hatte sie ihn beendet, war Blitzeis daraus geworden.

Sie hatte bereits seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch ihr Wagen war in der Werkstatt und der nächste Bus nach Düsseldorf fuhr erst um dreiundzwanzig Uhr, also kauerte Nishi in meinem geliebten Chefsessel und futterte einen Salat mit Joghurt-Dressing, während ich darauf wartete, dass sie sich vom Acker machte. Ständig schlug ihre Gabel gegen die Schneidezähne: Dongg, dongg, dongg. De doba dob dang ding ding. Auch wenn Nishi eine kleine Person war, ihre Zähne waren groß wie Reklametafeln. Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher. Hörte die das denn nicht?! Dob Dang Ding? Wie in einer prolligen Porzellanmanufaktur? Warum setzte sie sich nicht an die Haltestelle am Graf-Wilhelm-Platz und wartete dort auf den Bus? Aber meine stillen Einwände kümmerten sie nicht, sie spachtelte den Krachsalat mit asiatischem Gleichmut zu Ende. Immer schön gegen die Plakatwand.

Drei Wochen später. Nishi fing mich oben am Aufzug ab. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals.
"Endlich die Ablösung ich werd noch verrückt hier sind so eklige Insekten endlich bist du da wie winzige Ziegen hoppeln die hier rum.."
"Was für winzige Ziegen?"
"Die springen hier übern Flur! zwei eklige braune Viecher schon den ganzen Nachmittag hab ich versucht die Pümachers zu erreichen aber da geht niemand ran bin ich froh dass du hier bist so was ekliges Gott ist mein Zeuge.."

Das Kündigungsschreiben hatte die quirlige kleine Japanerin bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich, es den Pümachers am folgenden Morgen auszuhändigen.
"Hier kann ich nicht weiterarbeiten beim besten Willen nicht ich hab es versucht Gott ist mein Zeuge den Kammerjäger müsste man holen den Kammerjäger.."

Die Redegeschwindigkeit hatte sich in der Aufregung noch verdoppelt, erreichte locker die Frequenz, mit der Kolibris ihre Flügel schlagen, wenn sie eine Abkürzung nehmen.
"Und wo.. sind die Viecher?"
Sie führte mich den Flur runter. Gegenüber der Wäschekammer machte sie halt.
"Hier hab ich sie zuletzt gesehen hier sind sie herumgehüpft ich weiß das klingt verrückt aber wenn du sie gesehen hättest mit ihren fiesen Hörnern fast so als hätten sie sich einen Spaß gemacht.."
Langsam wurde mir auch mulmig.
"Setz dich doch erstmal hin", sagte ich, "beruhige dich.."
"Nein ich muss hier raus!" schrie sie.
Ihr Vater kam, um sie abzuholen.
"Machs gut", rief ich noch, doch sie drehte sich nicht einmal um, als sie in den Aufzug stieg.

Ich setzte die gesamte Etage unter Flutlicht und inspizierte Empfang, Frühstücksraum, Wäschekammer und die Zimmer, die nicht vermietet waren. Vielleicht hatten Geschäftsleute aus Afrika oder Mexiko irgendwelche Insekten eingeschleppt. In klimatisierten Gepäckräumen flogen sie behaglich um die Welt und kletterten im Turmhotel erfrischt aus dem Koffer, läßt sich hier eine neue Kolonie gründen? Theoretisch. Andererseits schien Nishi reichlich überspannt. Wer wusste schon, was sie wirklich gesehen hatte. Ich mein, sie war Japanerin. Schoben sich beim Sumo nicht fette Schaben durch den Ring und wurden dafür gefeiert?

Ich untersuchte jede Spalte, fand aber kein Insekt, weder ein gewöhnliches noch ein ungewöhnliches. Ich begann den Frühstücksraum einzudecken und bereitete das Buffet vor. Ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, ohne Telefon, ohne Mini-Bar, und setzte einen weiteren Weckruf auf die Liste.

"Sechs Uhr vierzig, nech", diktierte der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt, als er aus der Kneipe kam. Er schob seine blaue Mütze über den Kopf und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das im Herbst wieder auf dem Plan stand.
"Da marschieren wir in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen ein Lied nach dem anderen, deutsches Liedgut. Das ist es doch, was uns Deutsche stark macht. Wenn jedes andere Volk schlapp macht, singen wir immer noch ein Lied."
Der Jäger aus Kurpfalz brummend wankte er aufs Zimmer.

Gegen halb vier baute ich im Büro mein Nachtlager auf, wie üblich. Ich holte Sitzkissen vom Empfang sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, hatte ich Ruhe bis halb sechs, dann klingelte der Bäckerbursche und die Nacht war zu Ende.

Kaum hatte ich mich hingelegt, sprang etwas über den Boden, nah an meinem Kopf vorüber. Ruckzuck war ich wieder auf den Beinen und stürzte zum Lichtschalter: Festbeleuchtung. Erst war nichts zu sehen. Bis ich genauer hinguckte. Unterm Schreibtisch hockte etwas, im Schatten. Ich näherte mich vorsichtig. Es sah aus wie zusammengeknülltes Staniolpapier, nur braun und mit Härchen. Es zitterte. Es war widerlich. Aber - eine Ziege in mini war das nicht gerade. Das war was anderes. War das Turmhotel plötzlich voller Geschöpfe, für die Gott keine plausible Erklärung hatte?

Und dann gings los. Der braune Ballen Staniolpapier spurtete geradeaus über den Teppichboden, entknitterte sich, nahm Gestalt an, sprang im Zickzack herum wie eine Gebirgsziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar, die winzigen Hörner zu erkennen, von denen Nishi gesprochen hatte. Ich konnte es nicht fassen: "WAS IST DAS ZUM TEUFEL??"
Ich griff mir eine Illustrierte vom Schreibtisch, ein hochglänzendes Feinschmecker-Magazin, rollte sie zusammen und eröffnete die Jagd, doch das Vieh war wendig und flink, geradezu reißend schnell auf spindeldürren Beinchen. Es tauchte unter, war wieder da, sprang hässlich durch die Bude und jedes Mal kam ich zu spät. Ein Dutzend Mal schlug ich ins Leere, es knallte und peitschte, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper.

Ich kam mir vor wie im Horrorfilm, aus dem die kleine gruselige Trickfigur geflüchtet war und nun auf eigene Faust den Set unsicher machte. Maske, Kameramänner, Tonleute - alle waren stiften gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte. Braunes Haar kräuselte sich am Hintern, wie Brüsseler Spitze. Also dahinten, beim fiesen Insekt, verdammt!

Ich schloss die Bürotür, damit es nicht entwischen konnte. Das Vieh hatte eine Auszeit genommen, hockte wieder unterm Schreibtisch und zitterte. Das dicke gelbe Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Die drei Großstädte. Großstädte?! Mahaa! Egal. Ich nahm es in beide Hände. Ich hielt es fest. Dann wartete ich. Ich stand im Sessel, der Feldherr, in bester Position, und wartete. Scheißvieh, dachte ich, gleich werden tausend Seiten auf dich niedersausen. Wir sehen uns im Ring!

Ich kannte kein Erbarmen. Als es endlich sein Versteck verließ und frech wie Dreck über den Teppich hüpfte, war es fünf Uhr und fünf Minuten und ich ließ das Telefonbuch fallen, BAPFFF!, aus zwei Metern Höhe. Der Zeitpunkt war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, während das Buch noch in der Luft war. Hätte ich zu spät losgelassen, wäre es entwischt. Es war aber nicht entwischt. Es lag begraben unter einigen hunderttausend Telefonnummern. Ich holte einen Hammer aus Pümachers Werkzeugkiste und schlug aufs Telefonbuch ein, ich setzte mich mit meinem ganzen Gewicht darauf. Diese widerliche Choreografie gehörte zerquetscht. Als ich das Buch anhob, warf ich einen lässigen Blick auf den Leichnam.
"Ja, jetzt bist du zerknirscht!" höhnte ich.

Punkt Sieben liefen der Chef und die Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen das tote Insekt.
"Und eins muss noch auf Achse sein."
"Wo??"
"Ja, wo weiß ich auch nicht."
Herr Pümacher hielt das Kündigungsschreiben von Nishi in der Hand. Er war ganz verdattert.
"Das da ist doch keine winzige tote Ziege, das ist doch.. Kokolores!"
Auch ich bekam zunehmend Schwierigkeiten, in dem Brei ein Ex-Insekt auszumachen.
"Das ist ein ein Knäuel Staub", beharrte Pümacher und holte seine Lesebrille. "Margot, guck du mal! Das ist doch.. nur Snickers-Papier!"

Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, zur Hochbegabtenschule. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Insektenbrei.
"Und hier ist noch eins unterwegs?" glänzte er.
"Laut Nishi ja", sagte ich. "Hier, das hat sogar winzige Hörner gehabt."
"Das waren die Fühler", meinte er.
Frau Pümacher wurde übel und stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer.
"Als es lebte hatte es spindeldürre Beinchen", sagte ich, "bestimmt zehn Stück."
"Dann ist es kein Insekt", sagte der Sohn. "Insekten haben sechs Beine."

Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte.
"Stellt euch vor, das waren Männchen und Weibchen und die haben hier auf dem Flur Eipakete vergraben, die demnächst schlüpfen.."
Ich sah mich schon das Licht im Büro anknipsen und drei Dutzend Bodenziegen flüchteten unter Geraschel in ihre Schlupfwinkel, als ich den Aufschrei hörte. Er kam vom Klo, wo Frau Pümacher zum Kotzen hingegegangen war.
"HIERHER, MANFRED!! SCHNELL!! HERR GLUMM!"

Ihr Sohn und ihr Mann waren gleichzeitig vor Ort, doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz ihres Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen Gäste-WC. Drei Leute starrten auf den gefliesten Boden, ich in die Kloschüssel. Dann musste ich kotzen.
14.12.09 15:16


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