Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Leeds United

Wer den größten Teil seines Lebens in derselben verpimpelten Stadt verbracht hat, der kann hergehen, wo er will, jede Ecke hält irgendeine verpimpelte Erinnerung parat.

In der Nordstadt, auf dem Weg zum "Schwarzen Meer", das ein gutes Lammfleischkebap zusammenhaut, komme ich an der Karateschule vorbei, unter der mein alter Kumpel Benzini in den frühen Achtzigern gehaust hat. Benzini, der Kater Karlo der Nordstadt. Die stoppelige dunkle Gangstervisage.

Natürlich hieß Benzini nicht Benzini. Benzini war einer der Irren aus "Einer flog übers Kuckucksnest". In dem Hollywoodfilm stand er meist dumm auf dem Anstaltsflur herum und jammerte "ich bin müde." Das hatte es Louis so angetan, dass er Benzini noch im dicksten Kneipen-Trubel imitierte. Plötzlich scherte er aus, gähnte "ICH BIN MÜDE, ICH BIN SOO MÜDE" und legte sich schlafen, im Stehen. Außerdem pinselte er BENZINI auf seinen Briefkasten, bis jedermann glaubte, selbst der Postbote, dass sein Name Benzini war.

"In mir fließt uraltes Zigeunerblut", prahlte Benzini, wenn er um seine Vorfahren ging, väterlicherseits, aus der ungarischen Puszta. "Überall Trickdiebe und Bänkelsänger."

Wer Benzinis Vater kannte, der seine Tage an den Tresen der Nordstadt verlebt hatte, der musste zugeben, diese Ahnentheorie, die hatte etwas. Da konnte etwas dran sein. Der Vater, klein und drahtig, schwarzes öliges Haar und Klunkern an allen Fingern, ging keiner geregelten Arbeit nach, nicht mal einer ungeregelten, war aber immer flüssig. Was uns ungeheuer imponierte, damals.

Auch Benzini war klein, aber muskulöser. Das Kinn, kantig wie eine Autogarage, die Schultern Turnbarren, die Beine kurz und krumm. Ich meine, ich hab ja selbst Obeine vom vielen Dribbeln, ("du hast ein Obein und du hast ein O-Obein, das linke, das ist ein bißchen schlimmer als das andere. Ich hab ständig Angst, dass du es unterwegs verlierst, wenn du der Straße entlang gehst. Das eiert so, das linke Bein, dein O-Obein", meint die Gräfin), doch Benzinis Obeine waren keine Obeine, das waren Säbel. Im Nahkampf, nachts vor der Wirtschaft, hieß es für jeden Kontrahenten schnell "Gute Nacht Marie!", und kein Bett.

*

"Ich bin ein Pechvogel", vertraute Benzini mir einmal an, kurz bevor er Karriere machte im Überseehandel mit amerikanischen Straßenkreuzern, "darum muss ich besonders clever sein."
Ich stimmte ihm zu.
"Ne dreiste Aktion starten und es nicht vermasseln, das isses, mehr kann man vom Leben nicht erwarten."
"Hm."

Benzini hatte dauernd Stress mit den Bullen. Mit fünfzehn fing es an, im Haus der Jugend, Dorper Strasse, als er die Abbratzen ins Leben rief. Mit ihren Parka sahen die Abbratzen aus wie Mods, und sie hatten geschickte ölverschmierte Griffel, mit denen sie noch jedes Zündapp- und Herkules-Mofa und Mokick hochjazzen konnten.

Die zuständigen Richter am Amtsgericht wollten es einfach nicht glauben.
"Angeklagter, Sie haben die Autobahnzufahrt Langenfeld mit 130 Stundenkilometern genommen.. Mit 130! AUF DEM MO-FA!! LAN-GEN-FELD!!"
"Jawohl, Herr Amtsrat."
"Und sagen Sie nicht ständig Herr Amtsrat!!" Der Richter hatte die Unterlagen vor sich liegen, eine ordentliche Mappe, und mit jeder neu aufgeschlagenen Seite wurde er aufgebrachter.
"Und Ihre Freunde rufen Sie, wenn ich das hier richtig entziffere, Benzin?!"
"Nee, nicht Benzin. Benzini. Mit i, der Herr."
Er kassierte seine erste Jugendstrafe, zwei Wochen Dauerarrest in der JVA Wuppertal.

*

1982 schwappte das Pulver über die Stadt. Die nächste große Welle. Heroin, Kokain, Amphetamine, das ganze Arsenal. Es hatte auch zuvor schon harte Drogen in den Strassen gegeben, doch daran waren wir kaum beteiligt gewesen. Jetzt war unsere Generation überall, wir waren ein ganzer Haufen. Die um 1960 herum Geborenen, die 61er und 62er, 63, 64. Die Babyboomer.

Babyboomer Benzini, Zigeuner und Geschäftsmann, stieg in den Rauschgifthandel ein. Natürlich musste es gleich im mittleren Kilobereich sein, darunter tat er es nicht. Mehr als einmal flüchtete er in höchster Not über die Hinterdächer der Karateschule, die Jungs vom Rauschgiftdezernat auf den Fersen. Davon war Benzini jedenfalls überzeugt. Es hatte geschellt, drei Mal kurz, wie Bullen eben so schellen, wenn sie einen auf dem Kieker haben. Und dann war es nur die Nachbarin gewesen, sie wollte Benzini den Zucker zurückbringen, den er ihr geliehen hatte, für den Nusskuchen.

Als die Bullen dann wirklich kamen, traten sie einfach die Wohnungstür ein und standen in der Küche, wo Benzini und Pepe gerade vierzig Gramm und ein paar Zerquetschte auf eine Küchenwaage hievten. Zwölf Monate ohne Bewährung. (Pepe neun.)

Nachdem Benzini draußen war, ging der Verkauf munter weiter, mit mehr Umsicht. Hatte er mir ein Jahr zuvor noch eine launige Linie Arbeiterkoks gestreut, halben Meter lang,"IS LOS, DU PISSRINNE, NE NASE ATTA?!", hieß es nun "psst!"
"Nicht so laut!"
"Putz dir die Nase, Kind!"
Benzini hatte eine echte Bullenparanoia entwickelt.

*

Keine Ahnung, wer auf Leeds gekommen war, wahrscheinlich hatten wir uns in einen Rausch gequatscht und wusste nun nicht mehr, wie wir aus der Sache herauskommen sollten, ohne das Gesicht zu verlieren, jedenfalls saßen wir zu dritt in Benzinis weissem NSU Prinz und machten uns auf in Richtung Le Havre, wo wir übersetzen wollten, per Hoovercraftboot auf die Insel.
"Hier sind meine letzten drei Pfund von der Klassenreise", zeigte Karlos die Londoner Lappen mit der Königin.

Am Abend zuvor hatten wir in der "Pinte" an der Schützenstrasse schwer gesoffen. Benzini war aus Heidelberg zurück, wo er ein halbes Jahr auf der US-Airbase als ziviler KFZ-Mechaniker gejobbt hatte. Die Army hatte gut gezahlt, und es gab jeden Monat zusätzlich einige Gallonen Dry Gin aus dem Military-Shop.

Leeds!
Los jetzt!
Vaffanculo!

Wir hatten alles Geld zusammengekratzt, ein paar Hunderter, genug für Sprit und drei, vier Tage Gasgeben in England. Leeds United spielte am Samstag gegen Wolverhampton.
"Wo ist überhaupt Leeds", fragte Karlos.
"Links", antwortete Benzini, "auf der Karte."
"Ich halte zu den Wanderers, glaub ich", sagte ich.
"Dann würde ich aber im Hotel bleiben", meinte Benzini, "und die Fresse halten."
"Welches Hotel?"
"Na, im Auto, verdammt."

Benzini fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, ein bockiges Kind. Und immer, als ging es um die Weltmeisterschaft.
In Höhe Frankfurter Damm, wir waren noch nicht aus der Stadt heraus, fiel mir ein, dass ich keinen Ausweis dabei hatte. Wir kehrten um. Zuhause holte ich den Pass aus dem Kinderzimmer und lief meiner Mutter über den Weg. Sie hatte vom Fenster aus den weissen Prinz gesehen.
"Bist du wieder mit dem Zigeuner zusammen?"
"Ja, und mit Karlos", fügte ich schnell hinzu. Der wurde von meinen Eltern akzeptiert, während Benzini eine ständige Gefahrenquelle darstellte.
"Wo wollt ihr denn hin?"
"Leeds."
"Leeds?!"
"Neuwied."
"Neuwied!?"
"Ja, da wohnen Bekannte."
"Vom wem?"
"Benzini. Karlos."
"Ja, was denn jetzt? Ist da eine Zigeunersiedlung? Fallt mir bloß nicht unter die Räuber, Junge."

Schnell noch einen Abstecher in die Nordstadt, Benzini hatte beschlossen, andere Schuhe anzuziehen.
"Die Galoschen hier fliegen mir auf der Autobahn auseinander."
In der Parkbucht vor der Karateschule war ein Platz frei, Benzini stieß in die Lücke. Seine Mutter stand vor der Haustüre und winkte heftig. Als hätte sie uns erwartet.
"Ist denn mit der los?"
Benzini stieg aus. Wir sahen vom Auto aus, wie sie auf ihn einredete. Sie zog ihn vorm Bürgersteig fort, schloss ihn in ihre Arme. Merkwürdig sah das aus. Wir hatten noch nie gesehen, dass Benzini in den Arm genommen wurde, außer von uns, beim Saufen.
"Scheiße, was passiert da", meinte Karlos.
Es dauerte. Mutter und Sohn verschanzten sich in der Hofeinfahrt zur Karateschule.

*

Bevor er nach Heidelberg gegangen war, hatte Benzini in einem großen Getränkemarkt gearbeitet. Die Mittagspause von eins bis drei verbrachte er zuhause mit Pilleneinschmeißen und Bongs rauchen.
"Sonst geh ich kaputt, Alter, bei dem scheiß Limo-Job."

Eine Zeitlang stand ich Punkt eins bei ihm auf der Matte. Seine Bude war mehr oder weniger zur Baustelle geworden, nachdem Rauschgiftpolizisten ihm einen dritten Besuch abgestattet hatten. Wütend darüber, dass sie nichts finden konnten, hatten sie kurzerhand Kleinholz aus dem Mobiliar gemacht. Noch Monate nach der Hausdurchsuchung konnte es passieren, dass Fetzen zerschnittener Bettwäsche durch die Luft wirbelten, wenn man sich zu flott bewegte.

Die Wohnungstür war mittlerweile stahlverstärkt und mit Ketten und Schlössern versehen, auch eine Alarmanlage hatte Benzini installiert, merkwürdige Leuchtdioden funkelten im dunklen Flur. Es sah aus wie im Puff. Ständig konnten Bullen einfliegen. Es nervte. Es machte hibbelig. Zudem vertrug ich die Bongraucherei nicht besonders. Der Flash war zu deftig für meine Nerven, nur in der richtigen Dosierung kam ich klar damit. Sagen wir, halbwegs. Halbwegs klar, halbwegs richtige Dosierung. Es war ein Vabanquespiel.

Geredet wurde kaum. Benzini hockte auf der Couch, bröselte Rauch-Mischungen und spielte die Sammlung aus England importierter Punk-Scheiben rauf und runter; die ganze Bude war mit SHAM 69-Plakaten gepflastert.
"Soll ich nochn Blubber klarmachen? Ich mach nochn Blubber klar."

Kurz vor drei sprang er auf, "scheiße, ich muss los!", rutschte aufs Moped und endlich! ich war an der Luft. Befreit vom Eingesperrtsein in Benzinis Bude, dem drohenden Sondereinsatzkommando entkommen, entfaltete das Haschisch seine euphorisierende Wirkung. Jetzt feierten meine Hirnzellen ihre Opern, während ich gelenkigen Schrittes heimschlenderte. Ich schlug Umwege ein, weil es so schön orgelte und pfiff und textstrudelte in mir, ich wünschte, ich wäre verdrahtet gewesen, angeschlossen an ein automatisches Aufzeichnungsgerät, ich müsste mich heute nicht so abstrampeln für ein paar Sätze wie im Rausch.

*

Benzini kam zurück, klopfte an die Beifahrertür.
"Wir können nicht nach Leeds."
Er wartete kurz.
"Mein Vater ist tot."
Wir guckten uns an.
Herzinfarkt, er war keine fünfzig Jahre alt.
"Mein Alter hat zuviel gesoffen und zuviel gequalmt", krächzte Benzini später am Abend, stockbesoffen, eine Kippe im Hals.

Es war der letzte Abend im Stonns, einer Spelunke in der Innenstadt, winzig klein, aber zweistöckig. Von einem auf den anderen Tag machte der Laden dicht, weil der Pachtvertrag nicht verlängert worden war. Wir waren konsterniert. Wo jetzt die Abende vertrinken? Und was war mit dem fetten Hellmann und seinem Gewohnheitsrecht?
"Der arme Hellmann", sagte ich.

Er hatte einen Stammplatz am Tresen gehabt, gleich links, wenn man reinkam. Wenn er sich auf seinen Hocker gepflanzt hatte, einen Humpen Bier in Arbeit und mit James, dem Wirt, schwadronierte, "mein Ruf ist schlecht, James, aber ich bin gut", versperrte sein fetter Hintern den engen Gang. Wer durch wollte, musste sich vorüberzwängen und riskierte dabei einen Blick in die Hölle: Hellmanns Arschritze.

Einer behaarten Murmelbahn gleich verlor sie sich im Hosenboden einer enormen Bluejeans, da war kein Ende abzusehen. Der lange Schlitz war wie eine Einladung, etwas darin abzustellen, eine kleine Stange Kölschbier etwa, im Vorbeigehen: das Glas stand bombenfest.
Der arme Hellmann.

Zwei Tage stromerten Karlos, Benzini und ich bis spät in die Nacht durch die Nordstadt, futterten frisch gerupfte Kohlrabi aus Vorgärten, brachen Lauben auf, um ein trockenes Plätzchen zum Feiern zu haben, dann hatten wir die Nase voll. Wir landeten in der "Pinte" auf der Schützenstrasse.

*

Die "Pinte" war das Domizil der SHARkS, einer der letzten Rocker-Gangs im Bergischen Land. Rocker mit einer Einschränkung: kaum ein SHARk war alt genug war für den Motorradführerschein, es gab nur ein paar lumpige Fünfzigkubikmaschinen.

Was macht eine Rocker-Gang ohne Karren? Saufen und sich kloppen. Pünktlich zum Wochenende gab es wüste Schlägereien. Entweder die Jungs prügelten sich untereinander oder man hielt zusammen und vertrimmte die verhassten Hippies aus dem nahegelegenen "Keller", der aus dem "Jazzkeller" hervorgegangen war.
"Freaks aufmischen!" hieß es Samstagabends. Es war wie in den frühen 60ern am Strand von Brighton, wo sich Mods und Rocker die Schädel blutig gehauen hatten, einfach so, aus Langeweile und Übermut.

Bei den Schlägereien taten wir uns nicht sonderlich hervor, wir waren ja selber Hippies im Herzen, Karlos und ich. Benzini hingegen seh ich noch vor mir, auf seinen Säbelbeinen im "Keller", wie er, bewaffnet mit einem abgebrochenen Stuhlbein, auf ein paar arme Langhaarige zuwankt, "VAFFANCULO!"

Die Bullen waren jedes Wochenende in der "Pinte". Die Wache auf der Goerdelerstrasse war nicht weit, sie rückten mit Schäferhunden und Mannschaftswagen an. Wenn sie uns eingesammelt hatten, saßen wir dichtgedrängt auf den Bänken und grölten auf dem Weg zur Wache, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter:
"FAHR MIT IM GRÜN-WEIS-SEN
BUL-LEN-BUS,
WIR HA-BEN SEHR VIEL PLATZ,
WIR NEH-MEN JE-DEN MIT".

Die "Pinte" hatte gerade neueröffnet unter der Leitung von Hassan, einem aufgeweckten Türken und seiner blonden deutschen Braut, die den Bierverkauf ankurbelte, eine blutjunge Schlampe. Präsident der SHARkS, die in Kutten mit LONDON CALLING- und BALLROOM BLITZ-Aufnähern rumliefen, war der kleine Sonny, ein ruhiges cleveres Kerlchen, das seine Jungs im Griff hatte. Sonnys Wort war Gesetz.

Karlos, Benzini und ich hatten innerhalb der "Pinte" einen Sonderstatus. Weder Rocker noch Freaks oder Punks, waren wir einfach wir drei. Das hatten wir besonders unserem ersten Auftritt zu verdanken. Zu dritt am Tresen, von zwanzig SHARKs umzingelt, die sich gegenseitig schubsten, um besser sehen zu können. Ich hatte gegen Benzini eine Wette verloren und nun galt es, meinen Wetteinsatz einzulösen: der kleine Finger der linken Hand.

Hassan hatte zunächst gezögert, ein Brotmesser aus der Küche herauszurücken, doch irgendein Messer hätten wir schon klar gemacht, es waren genug im Umlauf, also reichte er, wie gefordert, ein Brotmesser über den Tresen, so behielt er wenigstens den Überblick. Auch Präsident Sonny gab sich die Ehre. Er und Karlos kannten sich von Kindesbeinen an, was unsere Aufnahme in den Rocker-Kreis ungemein erleichterte.

Benzini machte sich an meinem kleinen Finger zu schaffen. Video killed the Radio Star hatte jemand gedrückt auf der Musikbox. Die Gesichter der SHARKs, wie aufsteigende Ballons um uns herum, Gejohle. Benzini säbelte, mit mäßigem Druck, ich zog gepeinigt einen Flunsch. Bis Karlos plötzlich den Hermann machte. Er sprang dazwischen, ruderte mit den Armen: "HASSAN, EIN BUTTERFLYMESSER! KANN MAN JA NICHT MITANSEHEN HIER!" Damit nahm er den Burschen die Sicht, während ich ein zuvor aufgebissenes Tütchen Ketchup aus der Jacke holte und über den Finger schmierte.

Als Karlos den Blick wieder freigab, war der Tresen voller Blut und ich schrie auf.
"Aufhören!" rief auch Hassan, der den Gimmick mitgekriegt hatte, aber das war ihm alle Mal lieber, als den Krankenwagen rufen zu müssen. "Aufhören! Es reicht!"
Auch die SHARKs waren bedient. "Eh!" stieß einer den teuflisch grinsenden Benzini an, "du schneidest dem ja den Arm ab!" Scheinbar widerwillig ließ er die Solinger Klinge sinken, und ich verschwand mit Hassans sexy Braut in die Küche, wo sie mir einen Verband anlegte, damit es echt aussah.
Von diesem Abend an waren wir Respektpersonen in der "Pinte".

Ich erinnere mich, dass Pepe uns einmal in die "Pinte" besuchte, und wie er nur mit dem Kopf schüttelte, er konnte es nicht begreifen.
"Mann, wo seid ihr denn hier gelandet..?!"

Die Wurlitzer-Musikbox wurde regelmäßig neu bestückt. Hier hörte ich zum ersten Mal das wunderbare "Pop Muzik" von M. Eine einzige Single blieb als Dauerbrenner drin und durfte niemals ausgetauscht werden: "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley.

"Heartbreak Hotel" war die Hymne der SHARks. Hatte jemand "Heartbreak Hotel" gedrückt und die ersten Takte setzten ein, WELL SINCE MY BABY LEFT ME, dann kam, garantiert, Götze angewatzt aus irgendeiner Ecke, rutschte auf Knien zur Mitte und griff zu einer der ersten Luftgitarren der späten Rock'n Roll-Historie. Es sah aus wie ein Metzgermesser, das er unter seiner Weste hervorzog und mit dem er im Takt zu Heartbreak Hotel alles kurz und klein drosch, und obwohl er nur den Luftmetzger gab, man tat gut daran, den Ausgang im Auge zu behalten. Götze war unberechenbar, Götze, der wahre Punk, nixentätowiert und halbe Zeit im Knast, eine ehrliche versoffene Haut, die spätestens nach Mitternacht sämtliche Knochen über der Wurlitzer-Box ausstreckte und einen Stiefel Gin-Osaft ganz alleine auskotzte.

(In den späten Neunzigern hab ich Götze zufällig in Wuppertal getroffen. Er stand auf der Platte und hatte sich kaum verändert. Als ich vorbeiging, grüßte er schön.)
1.10.09 15:17


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