Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Blue Curacao

Sag mal, was treibt eigentlich dein alter Kumpel Karlos so, hat jemand gefragt.
Mein Kumpel Karlos, The Kripogesicht, das so talentierte kleine Jahrhundertsätze von sich gegeben hat, wie: "Die Leute, die man am längsten kennt, kommen einem am spätesten nah..", der Karlos.

Er ist so alt wie ich, weiterhin, wohnt Fußweg keine zwei Minuten entfernt auf der anderen Seite des Parks, an der Korkenzieher-Trasse, er ist verheiratet mit Sandy, die er zur gleichen Zeit kennenlernte wie ich die Gräfin, er hat hübsche blonde Zwillinge in die Welt gesetzt, die in die zweite Klasse gehen.

"Zweite Klasse!? Haha, sehr witzig. Wir sind in der dritten!"

Als sie noch klein waren, so richtig klein, riefen die Mädchen immer: PAPA! DER MANN MIT DEM PUDEL IST DA, wenn ich mit Frau Moll über die Korkenzieher-Trasse promenierte, dem Fuß- und Radweg, der sich durch die halbe Stadt schlängelt, vorbei an Hinterhöfen und in der Botanik scharrenden Hühnern.

DER MANN MIT DEM PUDEL, so hatte ich eine an Karlos gerichtete Botschaft unterzeichnet, da wurden die Kinder hellhörig, Papa, wer ist das, wer ist der Mann mit dem Pudel, "na, der Glumm", antwortete Karlos und zeigte ihnen alte Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Haus der Jugend, wo wir uns gegenseitig in die Luft warfen, da waren wir fünfzehn und übermütig und wollten spätestens mit achtzehn nach Katmandu reisen, und Louisa und Eva-Marie lachten sich schief.

"HABT IHR ZWEI FRÜHER VIELLEICHT ASOZIAL AUSGESEHEN!"
"Wieso?"
"NA, DIE HAARE! DIE HAAAARE!!"

(Na sicher, Karlos ist immer noch mein bester Freund, aber anders als früher, schweigsamer: Es gibt nichts mehr zu erzählen. Wir haben uns alles gegeben. Es sei denn, Karlos behielte Recht, dann nicht. Dann naht noch was.)

Seit März bin ich nicht mehr im Institut am Alten Bahnhof aktiv, der Jahresvertrag wurde kein drittes Mal verlängert, doch bis dahin hab ich die Zwillinge beinah täglich gesehen, wenn ich von der Arbeit kam, der Trasse entlang. Sie fuhren Einrad, sie foppten Jungs aus der Parallelklasse, löffelten Eis. Farbiges Wassereis im Plastikbecher.

Eva-Marie ein blaues, tief wie das Meer.
"Blue Curacao?" frag ich.
"Quatsch. Heidelbeer."
"Heidelmeer?"
"BEER! HEIDELBEER!"
"Wie, ihr trinkt englisches Bier? In eurem Alter!?"

Eva-Marie (8) stöhnt. Sie hat aufgeworfene Lippen wie die Bardot mit fünfundzwanzig. Ihre Zwillingsschwester Louisa dagegen hat feuerrotes Eis im Becher.

Es sind zweieiige Zwillinge.

"Lecker Feuerwehrjoghurt?" frag ich.
"Feuerwehrjoghurt, ha ha..! Sehr witzig. Das ist Kirsch-Cracker-Eis", sagt Louisa und stippt den kleinen Plastiklöffel so wuchtig ins gefrorene Eis, dass die Bröckchen umhersausen wie winzige Asteroiden.

"Früher wurde so was von arbeitslosen Feuerwehrmännern serviert", sag ich, "in der schlechten Zeit. Wenn die nichts zu tun hatten. Wenn nichts zu löschen da war, wenn kein Haus brannte, kein Schuppen, keine Hexe, nichts, gar nichts. Dann haben die Feuerwehrmänner roten Joghurt mit Eis gemixt und verkauft. Oder Molke. Feuerwehrmolke. Auch lecker."
"Klar", meint Eva-Marie. Sie ähnelt ihrer Mutter Sandy, während Louisa mehr nach dem Vater kommt. "Feuerwehrmolke, ha ha. Ha."

Das letzte Ha fügt sie betont ganz hinten an: ein altmodischer Anhänger, aus dem ein lahmes Pferd glotzt, bevor es zusammenbricht, aus dem Hänger fällt und von zehn nachfolgenden Lastkraftwagen überrollt wird, so ein Ha.

"Ja, Feuerwehrmolke, ganz genau! Was dagegen?" sag ich, gehörig angefressen. "Früher, wenn die Feuerwehrmänner vom Einsatz kamen.."
"Ich denk, die hatten nichts zu tun, deine Feuerwehrmänner, die waren arbeitslos.."
"Ja, WENN die was zu tun hatten und einer hatte beim Einsatz zuviel Feuer eingeatmet, dann haben seine Kollegen das Feuer aus ihm rausgemolken und als.."
".. Molke verkauft, schon klar", setzt Eva-Marie fort und pustet lässig eine Locke aus ihrer Stirn. "Feuerwehrmolke.."

"Hallo, Frau Moll", grüßt Louisa meinen Hund. "Frau Moll darf kein Eis haben, oder?"
"Besser nicht", sag ich. "Da ist zuviel Zucker drin. Davon dreht die durch."
"Was passiert denn dann?"
"Na ja, sie rennt hin und her wie ein Dollie und kriegt keine Ruhe."
"Wie der Gian-Luca", sagt Eva-Marie ungerührt, und Louisa stimmt zu.
"Der Gian-Luca verträgt auch keinen Zucker. Davon kriegt der Ausschlag, das ganze Gesicht wird rot, er kriegt überall so Quaddeln. Der ist hyperaktiv, der Gian-Luca. Der darf keinen Zucker, nur Süßstoff."
"Hyperaktiv?" sag ich. "Kann der nicht still sitzen?"
"Ja, richtig."

Sie tauschen einen Zwillingsblick, der alles andere aussperrt. Wenn sie so gucken, sind sie allein auf dem Planet. Dann sind Milliarden anderer Menschen weggehext.
"Wir sind ja in einer integrativen Klasse. Also, wir sind normal. Aber Jungs wie Gian-Luca nicht."

Was die Mädchen heutzutage für Wörter kennen. Integrativ, hyperaktiv. Aber kennen sie auch Wörter wie Ikonoklasten, Kaffern, Süßwasserpiraten? Käptn Haddock-Wörter? Und Herzinfarkt-Sätze mit 10-Meter-Zigarette am Anfang und am Ende? Hm?

Ehrlich gesagt, die Zwillinge wissen nie so genau, was sie von mir halten sollen, ich weiß es ja selbst nicht genau. Manchmal kichern sie genau wie ich schon blöd, wenn sie mich von weitem sehen, andererseits hab ich die beiden mal auf einem Sommerfest am Alten Bahnhof getroffen. Da waren sie zunächst ganz stolz, dass sie jemanden kannten, der da arbeitet, doch dann stellten sie tausend Fragen und ich, genervt vom Trubel und dem monoton schleifenden Kettenkarussell, konnte keine einzige beantworten, wollte nicht.

Doch, eine Frage schon, nämlich, wo genau ich im Institut arbeitete, "unten in der Bibliothek", "In der Bibliothek, du?? Was bist du denn für ein Streber!?"

Ansonsten aber: Was das für ein Institut sei, wieviel Geld ich verdiene, wer denn mein Chef sei, meine Sekretärin, was ist ein Institut - keine Antwort. Nicht mal, wo der mobile Toilettenwagen zu finden war, konnte ich ihnen sagen.

Das hat sie so nachhaltig empört, dass sie noch Monate später, wenn ich ihnen auf der Trasse begegnete und und sie mich fragten, wohin ich so eilig unterwegs sei und ich antwortete "na, zur Arbeit, wohin sonst", sie nur doof grinsten, "na, klar.. zur Arbeit, wo du keine Ahnung hast von nichts, ha, du taube Nuss, wie?"

Genau.

Also, genau deshalb wurde mein Jahresvertrag kein weiteres Mal verlängert. Ist nur so ne Vermutung, jetzt, wo wir darüber reden: wird mir einiges klar.


**

"Lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind. Lass uns lieber in die Gartensiedlung gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich."

Die neue Single auf The Glumm: Ecke Kasinostraße, Part I & II
3.6.09 17:31


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