Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Fünf Kilo Obst (Kleiner Pausenbreak)



Der Sommertag war so heiß, meine Füße steckten unterm Schreibtisch in einem Eimer Wasser. Das machte es halbwegs erträglich. Drüüt! Das war die Türschelle, drüüüt! Der Hund kläffte, ein Mal nur. Es war zu heiß zum Kläffen. Ich guckte aus dem Fenster. Da stand ein großer roter Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte niemand, der einen großen roten Taunus fuhr. Aber die Leute wechselten ja dauernd ihren Autos, schon allein um mich zu irritieren.

Ich verließ den Schreibtisch und pitschte auf nassen Füßen zur Haustüre, und öffnete. Ein hagerer Mann im Kittel stand auf der Matte. Seine Nase war merkwürdig, wie ein nachlässig aufgerollter Damenstrumpf.
Er trug einen Bastkorb.
"Morgen. Könnt ihr Äpfel gebrauchen?"
"Äpfel? Nee."
"Dankeschön."
Er klingelte eine Etage über uns.
"Da oben ist niemand um diese Zeit", sagte ich.
Also klingelte er ganz oben, unterm Dach.
"Und hier?"
"Da wohnt Lester. Der Hase."
"Ein Hase?"
"Hase ist sein Spitzname. Eigentlich heißt er Lester", sagte ich. "Der hat Urlaub, glaub ich. Kann sein, dass er zuhause ist. Weiß nicht."

Lester war ein Einzelgänger. Er hatte eine mächtige Naturkrause, als wären seine Schränke voller Frank Zappa Platten. Ich kannte niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte. Seine Waschmaschine lief jeden Mittwochabend von sieben bis acht. Vielleicht war er auch einsam. Keine Ahnung. Woher sollte ich das wissen. Wir wohnten nur im selben Haus. Wie sollte ich da wissen, ob jemand allein war oder schon einsam.

"WAS?!" brüllte Lester von oben durch den Flur.
"Och. Der hat tatsächlich Urlaub", sagte ich.
"Guten Morgen, junger Mann!" rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer. "Sagen Sie, könnt ihr Äpfel gebrauchen?"
"WER IST DA?!"
"ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! KÖNNT IHR..!?"
Im Obergeschoß fiel die Türe krachend ins Schloss. Lester machte nicht viel Worte. Er war dünn. Sein Gang war sehr nobel: als wäre er sein eigener Butler.
"Tja", sagte ich.
Der Obstverläufer guckte mich kurz an. Verlegen. Eigentlich, sagte dieses Gesicht, eigentlich könnte ich jetzt Feierabend machen.
Oder mich weghängen.
"Trotzdem vielen Dank, junger Mann."

Ich ging wieder an den Schreibtisch, zu meinem Eimer. Ich versuchte eine Geschichte zu Ende zu bringen, in der es darum ging, dass leichter Schweißgeruch zur richtigen Zeit eine Frau ganz schön zum Vibrieren bringen kann, da schoss mir "warum eigentlich nicht?" durch den Kopf. Warum eigentlich nicht ein paar Äpfel kaufen, an der Haustüre, und am Abend die Gräfin damit überraschen?

Ich drehte mich zum Fenster. Der hagere Obstverkäufer mit dem nachlässig aufgerollten Damenstrümpfchen im Gesicht kam grade aus dem Haus gegenüber, fröhlich pfeifend schritt er voran. Da hatte er wohl einen guten Deal hingelegt, der Boskoplümmel.

Ich ging nach draußen. Ich nahm den Hund mit. Barfuß zu zweit dem Obstverkäufer hinterher. Es war kochend heiß auf der Straße.
"Hallo..!" rief ich.
Er blieb stehen.
"Ich nehme doch ein paar Äpfel", sagte ich ."Sind die auch lecker?"
Kleine Pusteln auf dem Asphalt, ich tänzelte von einer Fußsohle auf die andere. Der Hund blieb auf der Wiese.
"Wieviel brauchen Sie, junger Mann?"
"Hm.. so drei, vier Stück vielleicht.."
"Drei oder vier? Das geht nicht. Äpfel hab ich nur abgepackt. Ist ganz frische Ware."

Er schwitzte auf der Stirn. Ich sah ein Ypsilon. Ich hatte noch nie ein geschwitztes Ypsilon auf der Stirn eines reisenden Obstverkäufers gesehen. Leute gibt es.
Keine schöne Sache.
"Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?"
"Tut mir leid. Hier ist alles abgepackt."
Er zeigte in den Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen.
"Also.. wie soll ich..? Da müsste ich ja alles auseinander reißen. Das geht nicht."

Ich hüpfte in den Vorgarten, zum Hund. Da war es nicht so heiß. Gras kochte nicht.
"Und was ist die kleinste.. na, Einheit?"
"Fünf Kilo. Acht Euro."
Fünf Kilogramm! Mannomann!
"Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel! So viel Äpfel will ich doch gar nicht!"
"Nein, dreißig", entgegnete er ölig. "Maximal dreißig. Normale Größe, süß, saftig. Berlepsch. Eine seltene Sorte, fast ausgestorben."

Aber ich hörte nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es romantisch werden können. Ein paar wilde Äpfel an der Haustüre, vielleicht noch einen verwunschenen Kamm dabei, am Abend die Gräfin.. aber fünf Kilo?! Was sollten wir mit 5 Kilo Obst?

Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Wasser, der Hund schnorchelte.
Sein Schweißgeruch törnte mich an.


*
Mein US-Herz.
7.5.09 15:37


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