Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Scheiße belgisch

22.00
Donnerstagabend. Ich erscheine pünktlich zum Nachtdienst. Pümacher, mein hochgewachsener braungebrannter Chef, der mit Vorliebe Puffkettchen zum gardinenweißen Blouson trägt, sitzt vor der Kasse und zählt das Geld.

"In Zimmer 40 wohnt ein Inder oder so", sagt er und seine Unterlippe hängt durch wie ein römischer Torbogen, "irgendwo von da unten am Ganges, der steht alle halbe Stunde hier an der Rezeption und will wissen, ob ein Fax für ihn eingelaufen ist. Ich mein nur, falls Sie sich wundern, wenn heut Nacht ein Inder aufkreuzt und dumm fragt."

Mit den wichtigen Dingen kommt Pümacher wie gewöhnlich erst zum Ende der Übergabe rüber, und wie gewöhnlich tut er es in einem Nebensatz.
"Ach, übrigens, Herr Klump..", er hat sich in fünf Jahren nicht merken können, wie ich richtig heiße, jetzt werde ich einen Teufel tun, ihn zu berichtigen, "der Fernseher im Büro ist kaputt."

Erst denk ich, Pümacher will mich vergackeiern. Er stammt schließlich aus dem Sauerland. Die haben einen seltsamen Humor, die Sauerländer. Da hat man nichts zu lachen. Da guckt man nur doof.
"Wie, kaputt..?" sag ich.
"Na, kaputt. Tut's nicht. Tote Kiste, und ne Buddel voll Rum. Haha!"

Einen Moment lang gerate ich ins Taumeln, denn die ganze
verheerende Härte, die aus diesem Nebensatz spricht, entfaltet sich beim Blick auf den Belegungsplan, der vom Neonlicht angestrahlt hinter der Rezeption ausliegt: Das Hotel ist komplett ausgebucht! In 42 Zimmern stehen 42 wunderbar intakt verkabelte Farbfernseher, von denen ich keinen einzigen abziehen kann, weil die Gäste alle selbst fernsehen wollen! Die haben dafür die Eurocard gezückt!

"Aber keine Panik, morgen früh ruf ich den Reparaturdienst an", höre ich den Chef flöten, "damit Sie wenigstens morgen Nacht fernsehen können, was, Herr Klump?!"


22.30
Der Chef hat sich mit 17 Mann auf des Totenmann's Kiste und ne Buddel voll Rum und einem Schwall Hauptsätze verabschiedet, von dem ich jeden einzelnen wieder vergessen hab. Jetzt hock ich frustriert hinter der Rezeption und lausche dem Regen, der im Büro gegen die Fensterscheibe pleestert. Eine Etage über mir, im zwölften Stock, fällt eine Tür ins Schloss. Vermutlich geht ein Gast eine Runde pinkeln, weil Einsatz in Manhattan gerade von Werbung unterbrochen wird. Es regnet konstant. Sonst ist es totenstill. Nicht mal ein Moped knattert durch die Stadt. Vielleicht dürfen spätabends keine Mopeds durch die Stadt knattern. Ich weiß das nicht. Ich guck normalerweise fern um diese Zeit. Ich kämpfe mit den Tränen.


23.50
Ein Nachtportier ohne Fernsehapparat, das bedeutet schlechtes Karma fürs ganze Hotel. Die Gräfin ist ohnehin der Überzeugung, ich würde mit meiner schlechten Laune die ganze Atmosphäre verpesten, weltweit, wenn ich Nachtdienst hab. "Kündige endlich deinen Job, dann geht's der ganzen Welt besser!"
In der Tat fällt es mir nicht leicht, die Contenance zu wahren. Wer hat meinen schönen Telefunken ermordet?


00.45
Ich sitze im Neonschein der Rezeption wie ein gealterter Pinocchio, das Gesicht erstarrt. Ich fühle mich wie ein letzter Lungenzug im Aschenbecher. Wie gerne würde ich mir jetzt Bindenwerbung auf Vox anschauen mit Olga Lipinsky, der Pionierin der blauen Ersatzflüssigkeit. Oder Theo Kojak, Einsatz in Manhattan, die sechzehnte Wiederholung von Folge 102 auf Kabel 1.

Als Deutscher ließe sich vor der amerikanischen Einwanderungsbehörde durchaus geltend machen, dass man aufgrund langjährigen TV-Konsums ja quasi schon US-Amerikaner sei, wenn auch ein ein durch und durch synchronisierter. Besonders die tiefe deutsche Stimme meines grössten TV-Helden Lieutenant Theo Kojak vermisse ich heut Nacht. Niemand sonst kann, den Lolli im Mundwinkel rotierend, einen Verdächtigen so lässig und sonor abkanzeln:
"NA, WER KOMMT DENN DA AUS DER JAUCHE GEKROCHEN..? SETZ DICH, DU MÜLLHAUFEN!"


02.45
NACHTPORTIER ERSCHLÄGT 42 HOTELGÄSTE IM SCHLAF UND SETZT SICH SEELENRUHIG VOR ALLE 42 FERNSEHER! NACHEINANDER!

Täter sauer: "Ich hatte nur 41 Programme drin."


03.30
Aus Langeweile beschrifte ich im Frühstücksraum sämtliche Marmeladentöpfe in Schönschrift. Blaubeere. Aprokose.
Johannisbeer-Gelee. Bei Aprikose verschreibe ich mich extra, damit ich das Schildchen noch einmal beschriften darf, diesmal richtig. Aber erst nochmal falsch.


04.10
"Have you any message for me?" erkundigt sich der Inder, der sich als pakistanischer Waldorf-Lehrer mit Segelohren entpuppt, zum dritten Mal an der Rezeption, und ich lasse ihn die Frage fünfmal wiederholen, bis er stirnrunzelnd abzieht.


04.11
Wie ein Torhüter, der wild entschlossen seinen Strafraum bewacht, bewege ich mich vorm Überwachungsmonitor hin und her. Das grobkörnige Bild zeigt abwechselnd den Hotel-Eingang, den Eingang zum Parkdeck und die Zwischentür zu den Aufzügen. Es passiert nichts, überhaupt nichts. Eigentlich passiert noch nicht mal nichts. Einmal beobachte ich zwei Nachtfalter, die hart gegen die Kamera anflattern. Was für ein Pack.


04.15
Hitze rotzt über mein Gesichtsfeld, von einem Ohr zum anderen! Das ist mein Kreislauf. Weil ich mich so furchtbar aufrege.


06.00
Noch eine Stunde, dann ist es geschafft. Dann sind neun fernsehfreie bange Nachtstunden um. Keine Ahnung, wie ich das bewältigt habe.


06.15
Zum Schluß häng ich eine Dreiviertelstunde in meinem verwaisten Fernsehsessel und glotze konsterniert in den kaputten TV-Apparat. Immerhin, das kleine rote Stand-by-Licht funktioniert. Und wie es leuchtet, in welch herrlich funkelndem Rot, das kleine unschuldige Lichtlein! Ich geh ganz nah ran an den Apparat und flüstere zärtlich, "oh moi rouge, mon television.." Ich weiß auch nicht, ich werde immer so scheiße belgisch, wenn ich sentimental bin.


*
Zum 1. April 09: 38 Osborne mit Thomas Kling
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Nase No. 1 mit Rainer Werner Fassbinder
1.4.09 15:02


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