Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Es brennt

Unsere 3-Zimmer-Wohnung ist eine Art Dauercamping. Immerzu müssen wir improvisieren, weil irgendetwas nicht so funktioniert, wie es das sollte.

Der Bruder vom dicken Hansen, der lange in Havanna gelebt hat, besucht uns immer dann, wenn ihn das Heimweh nach Kuba packt.

Und als kürzlich der älteste der drei Rockettas auf einen Sprung vorbeikam, staunte er beim Anblick unserer alten Wandfliesen im Badezimmer, "Jessas! So was hab ich das letzte Mal 1980 in Moskau gesehen!"

Und er war noch nie in Moskau.

Oder die zwanzig Jahre alte Jalousie vor meinem Fenster. Sie schließt nicht mehr richtig. Wenn ab Mittag die Sonne hoch am Himmel steht, muss ich schon ein Schatten spendendes Geschirrtuch zwischen die Lamellen klemmen, um auf meinem Schreibtisch noch lesen zu können, was mein Mittelfinger so alles in die Tasten hackt.

(Wobei das Tuch alle zwanzig Minuten ein Stück weiter durch die verstaubte Jalousie wandert, von ganz links nach ganz rechts, bis sie endlich untergegangen ist, die Glut, hinter den Dächern des Kannenhof.)

Das Dauercamping hat weniger mit fehlenden finanziellen Mitteln zu tun, als mit einer gewissen Hingabe zur Improvisation und dem Wunsch, die Dinge so zu belassen, wie man sie vorfindet, nicht einzugreifen.
Was manchmal fatal enden kann. Sagen wir, fast.
Fast fatal.

Donnerstagabend. Gegen halb sechs komm ich aus dem Institut und sitz gemütlich auf dem Klo, als die Gräfin, die in meinem Zimmer das Abendbrot vorbereitet, aufgeregt nach mir ruft.

Erst bin ich nicht sonderlich beunruhigt, sie ruft meinen Namen öfter mal. Etwa wenn sie das Gefühl hat, die Welt drehe sich JETZT GERADE einen winzigen Moment zu schnell, DAS solle ich mir schleunigst mal angucken, am Fenster. Das Drehmoment. "Wie das flitzt!"

Doch schon der zweite Ruf, "MACH SCHNELL!" ist Panik pur.
Es geht anscheinend um Sekunden.

Ich zieh die Hose hoch, öffne die Badezimmertür und noch bevor ich einen Schritt in mein Zimmer mache, haben wir den Salat: Das rote Puschelzeugs, das mal ein Grabgesteck war und aus dem die Gräfin vor Jahren einen provisorischen Lampenschirm gefertigt hat, steht lichterloh in Flammen, über dem Abendbrottisch!

"MACH DOCH WAS!" ruft sie.

Ich steh im Flur, "Ach, du Scheiße..!" und hab keine Ahnung, was zu tun ist. Es lodert fast bis zur Decke hinauf, und unter den Puscheln verborgen die Energiesparbirne. Die ist zwar nicht an, doch Elektrizität ist Elektrizität, oder?!

"TU DOCH WAS! HOL WAS!"
"WAS DENN, VERDAMMT? WAS?!!"

Ich mein, hinter jeder richtig getroffenen Entscheidung, etwas zu tun oder zu unterlassen, lauern bekanntlich sechzig falsche Entscheidungen, die nur darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Die nur darauf brennen, sozusagen.
Und bevor ich was falsches tue, tue ich gar nichts und guck mir das Feuerchen an.

Die Gräfin scheint ähnlich zu denken. Zwei strammen Existentialisten gleich stehen wir um das brennende Bouquet aus roter Holzwolle herum, es knistert, es knuspert, "das stinkt nach Heu!" ruft sie, auch ich fühl mich an ein Kartoffelfeuer im Oktober erinnert.

"WIE IST DAS ÜBERHAUPT PASSIERT?"
"IST DOCH EGAL! MIT NER KERZE! ICH HAB NE KERZE ANGEMACHT UND NICHT AUFGEPASST!! HOL EIN HANDTUCH!"
"EIN HANDTUCH??"
"JA! EIN HANDTUCH!"

Währenddessen läuft sie um den Tisch herum, um die Funken von der Butter zu pusten, PFFF! PFFF! PFFF!!, und ich renne in die Küche.
Ist ja nicht weit.
Durch die Diele, dann links.
Und steh ratlos vor den Abtrockentüchern, die nebeneinander aufgereiht vor mir hängen.

"WAS FÜR EIN HANDTUCH?! EIN DICKES HANDTUCH? ODER REICHT EIN ABTROCKENTUCH?"
Fast bin ich empört von mir selbst. Dass ich so planlos bin. Kein Feuerwehrmann.
"IST DOCH EGAL! MACH HIN! SCHEISSE!"

Wer noch nie ein Feuer erlebt hat: es sind ja keine wirklichen Gedanken, die einem dabei durch den Kopf wirbeln, es sind eher beleuchtete Werbetafeln, die nacheinander im Hirn aufblenden, wie bei einer Autobahnfahrt in der Nacht.

Wasser übers Feuer kippen? Da ist elektrisches Licht drunter! Decke drüber werfen, um die Flammen zu ersticken, wie ich mir das ausgemalt hatte, sollte ich jemals einen Wohnungsbrand bekämpfen müssen?? Na klar, aber wie zum Teufel soll man eine Decke über einen brennenden Lampenschirm werfen? Die hängt in der Luft, die Lampe!

Und die ganze Zeit lodern die Puscheln. Flocken und tanzen über dem Abendbrottisch, landen als verrußte Fetzen in der offenen Butterdose, auf den Bio-Tomaten, in Vierteln geschnitten, in der Zuckerdose, dem kleinen Milchpöttchen und der Remoulade.

(Sie schmiert ihr Brot neuerdings mit würziger Remoulade statt mit Butter. Überhaupt, Gewürze. Sie ist überzeugt davon, Gott habe einen ganz besonders guten Tag gehabt, damals, als er die Gewürze erfand.
"Heute erfinde ich mal was, was ich noch nie erfunden hab! Was ganz besonderes..!"
Und das erste Gewürz, so die Gräfin?
Ta, Ta!
"Kümmel!")

Und plötzlich - ist der Spuk zu Ende. Das war's. Das umgebaute rote Grabgesteck, das immerhin vier Jahre jeder Kerze getrotzt hat, heruntergebrannt bis auf das nackte, noch glühende Drahtgeflecht.
Selbst die ummantelten Kabelstränge, angeschmort.

Ich will den Lichtschalter anknipsen, um zu prüfen, ob die Birne noch funktioniert, doch das findet die Gräfin nicht so gut.

"KEIN LICHT! MACH NICHT AN!"
"WIESO?"
"IST DOCH ELEKTRISCH!"

Frau Moll, die sich während des Feuers davongeschlichen hat, kommt vorsichtig schnuppernd zurück und läßt sich seufzend unterm Tisch nieder. Können wir langsam mal zu Abend futtern?

Und just in den Moment, als sich so etwas wie Ruhe breitmacht, springen die beiden neu installierten Feuermelder an, ein mächtiger, hysterischer Alarm.

"Typisch", meint die Gräfin, nachdem wir die Schreihälse unter der Zimmerdecke mit dem Besenstiel still geklopft haben. "Da stolpert man sein ganzes Leben voran wie ein Kind mit schlecht sitzenden Einlegesohlen und nichts passiert. Man fällt nicht hin, alles ist in Ordnung, trotz aller Widrigkeiten. Doch kaum hängen zwei Feuermelder in der Bude, braucht man nur darauf zu warten und man fällt lichterloh aufs Maul!"

Sieht aus, als hätte sie Recht, wie immer.
5.2.09 15:00


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