Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Cool Schwung

Ich wusste nicht, dass Bilder aufhängen so eine Plackerei ist. Bei Dauerfrost und zwölf Grad minus, der Schnee kreischt durch die Straßen, geraten wir im beheizten Lichtsaal der Stadtbibliothek zunehmend ins Schwitzen.

"Dieses Leben, es ist ideal!" heißt die Ausstellung der Gräfin, vierundvierzig gerahmte Bilder und Zeichnungen, darunter auch die No. 26, Tusche/Aquarell: "RSV". Das Bild ist meinem alten Fußball-Club RSV Kohlfurth gewidmet, der sich Ende der 90er Jahre aufgelöst hat, als auf dem Platz (halb Schotter, halb Rasen) halbwilde Pferde weideten, und eigentlich ist es unverkäuflich.

Überhaupt sehe ich es nicht gern, wenn die Gräfin an Fremde ihre Bilder verkauft, deren Entstehungsprozess ich unmittelbar verfolgt habe und die ich von daher als meine eigenen betrachte. Als hätte ich selber mitgemalt. Mit anderen Worten, die Finger da weg!

"Na schön, dann klebe ich eben einen roten Punkt unters Bild", macht die Gräfin ein Zugeständnis, ausnahmsweise. Roter Punkt heißt: Verkauft.
"Gut", sage ich.

Zum Schluß klebt unter zwölf Bildern der rote Punkt, es ist bei jedem Bild ein Kampf. Ich kämpfe bis zum Umfallen. Das war schon früher so, auf dem Platz. Beim RSV. Wenn ich meine gefürchtete zweite Luft aus der Kabine mitbrachte. "Heh!" riefen die Torhüter aufgeregt, wenn ich in der letzten Spielminute in den gegnerischen Strafraum trabte, schnaubend. "Deckt den Stier mit den Locken!"
"Hängt immer noch schief", meckert die Gräfin.
"Hm?"
"Das Bild. Konzentriere dich, Mann, und träum nicht immer vom RSV."

Die Bilder hängen an Schnüren, die an dieser Laufschiene befestigt sind, oben an der Decke. Wie ein Dekorateur steh ich auf der Leiter, der ich nicht übern Weg traue. Sie macht regelmäßig einen gefährlichen Kicks übers rutschige Parkett, wenn man die dritte Stufe erklimmt. Da heißt es aufpassen. Die Sinne beieinander halten. Nicht so wie Al Bundy von vier Touchdowns in einem Spiel träumen.
"Besser so?"
"Nee."

Wir sind bei No. 22, "Basta, ich tanze!" Die Frau auf dem Bild (Tusche/Aquarell) legt eine Grätsche hin, wobei ein Bein verkürzt ist, das andere ultra-lang. Es ist mein Lieblingsbild. Die Gräfin malt permanent mein nächstes Lieblingsbild. (Sie hat zunehmend ein zärtliches Gefühl für ihre Malutensilien. Wenn ihre Pinsel, dicht gedrängt, im Sonnenlicht glänzen.)

Die blonde Dame, in der Stadt-Bibliothek zuständig für Kunst-Ausstellungen & Mahnwesen, hat jetzt zum Jahresende eine Menge anderer Sachen zu tun, kommt aber ab und zu vorbei und schaut uns beim Schwitzen zu. Dabei bemerkt sie, dass die Bilder wie ein Wellental hängen, mal in Kopfhöhe, mal niedriger, dann wieder hoch.
"Das ist eindeutig zu unruhig für die Augen. Das irritiert die Besucher."
Verdammt, ja - sie hat recht. Wir brauchen eine Linie. Wir müssen justieren, wie im richtigen Leben. Wo man auch dauernd Hand anlegen muß, damit es besser hängt.

"Ist immer noch schief", stöhnt die Gräfin. Sie ist erledigt. Geschlaucht. Zwei Tage Bilder aufhängen, abnehmen, die Laufschiene verfluchen, die Schnüre richten, neu hängen, verwerfen, das geht an die Substanz, das ist anstregend, sagt sie. Und neu. Wie in der Kindheit ist das, sagt sie, wo die Zeit so langsam verstreicht, weil alles neu ist und aufregend und nach Deckweiß aus der Tube riecht und hinter jeder Ecke ein indigoblaues Motiv lauert, ein Tuareg.

"Aber hauptsächlich ist es anstrengend. Mittlerweile bin ich froh, wenn die Tage alle gleich sind, wenn um mich herum Ordnung herrscht und die Zeit verfliegt, weil ich mit mir selbst beschäftigt bin. Vielleicht ist das älter werden: die Lust an sich selbst?"
Älter werden ist ihr Thema.
"Find ich nicht gut, wenn Hollywood-Stars auch alt werden. Es reicht, wenn ich alt werde."

Plötzlich ist sie verschwunden. Ich steh oben auf der Leiter, der ich nicht übern Weg traue, und halte Ausschau, aber es ist nichts zu sehen von ihr. Erst denk ich, sie ist vielleicht draußen vor der Tür, eine rauchen, doch sie raucht so wenig, ein Feuerzeug hält bei ihr ein halbes Jahr.
Ich finde sie schließlich in der Abstellkammer. Sie sitzt im Dunkeln.
"Nichts ist beruhigender als ein dunkler Abstellraum. Die Dinge schweigen so schön hier drin."
Ich schließe die Tür und setz mich einen Moment dazu. Es ist warm. Sie schweigt. Ich seh nichts.

Es sind ja nicht nur die 44 Bilder und Zeichnungen, für die sich die Gräfin letztendlich entscheidet, dass sie hängen sollen, es sind über hundert Bilder, die sie mitgenommen hat, in diversen Kisten und Taschen, und alle wollen mal an die Wand und gesehen werden. Bilder sind sehr zeigefreudig. Alles verdammte Exhibitionisten, und nicht eins trägt einen Mantel, schamloses Pack.

Endlich sind wir fertig. Sieht gut aus. Superb. Eine ältere Mitarbeiterin der Bücherei, die vorbeikommt und einen Blick auf die Ausstellung wirft, urteilt: "Cool". Eine andere höre ich was von "Schwung" flüstern.

Cool Schwung.

Als wir am Abend daheim sind, geht uns ein weiteres Licht auf: es ist Silvester. Meine Schwester hat eine Mail geschickt, ob wir Lust auf Fondue haben und ein Schälchen Wasser für Frau Moll, aber die Mail ist von vorgestern, und sind wir müde und geschlaucht. Besser wir bleiben zuhause. Es gibt doppelt gesüßten Baldriantee und einen Tierfilm. Als die Knallerei losgeht, steigt der Hund zu uns ins Bett. Die Gräfin schlummert schon, ich schnarche, der Fernseher läuft. Dann soll es so sein.

Erst als Gus, der Ex-Punk von oben drüber, und Tim, sein halbwüchsiger Sohn, auch noch um zehn nach eins Kanonenschläge in den frostigen Himmel schießen und kein Ende in Sicht ist, fängt es in unserem Bett bedrohlich an zu knurren.
Und es ist nicht der Hund, der knurrt.
"Macht das dumpfbackige Geschmeiß da oben auch mal Schluß?" knurrt die Gräfin.

Neujahr 2009. Wir schlafen lange. Dennoch ist die Gräfin so fickrig, ihr flutschen zwei Frühstückseier aus den Fingern, im hohen Bogen auf den Küchenboden.
"Elegant", sag ich.
Erst um halb zwölf sind wir mit dem Hund draußen. Zum Glück ist Frau Moll ein Hund aus Solingen, die haben Blasen aus Stahl.

Es ist blitzekalt und es schneit leicht, als uns am Zedernweg, inmitten einem Haufen abgebrannter Feuerwerkskörper, diese Rakete auffällt, festgebunden an einem Zaunpfahl: eine Römische Lichtbatterie, Effekthöhe 25 Meter, Brenndauer 60 Sekunden.
"Guck mal, die ist nicht abgefeuert! Da ist ja noch die Lunte dran."

Und so kommt es, dass wir am Neujahrstag 2009 noch zu unserem Feuerwerk kommen. NUR 1X ANZÜNDEN, tatsächlich: es macht P-PLONG!, eine schweflige Rauchsäule steigt auf, zehn Zentimeter hoch, fertig, aus.
"Wie? Das soll alles gewesen sein? Was ist denn das fürn Omen?" ruft die Gräfin enttäuscht, und da geht die Post ab. PJUH! PJUHH! PJUHHH! pfeift es in den schneegrauen Himmel, ein 210-Schuß-Feuersturm-Pyro-Leuchtspektakel, als würden sich silbrige Mini-Ufos um einen Platz zanken in den Wolken.

"Und das um Punkt zwölf Uhr mittags", freut sich die Gräfin. Endlich lächelt sie wieder. So sieht sie am besten aus. "High Noon, was hab ich den geliebt, den Film. Gary Cooper, einer gegen alle! Oder wie war das noch mal? Ich weiß nicht mehr. Es kann nur einen geben? Na, ich weiß nicht. Vielleicht gibt es auch mehrere. So Highlander."

Ist auch egal.
5.1.09 14:17


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