Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Engel und Indianer planen sich selbst

Heute war ein Indianer zu Besuch in der Bibliothek. Er war sehr scheu. Er trug einen langen Zopf, pechschwarz glänzend, und er sprach spanisch. Er war nicht alleine. Er hatte eine Frau dabei. Die war schmal und wirkte ein wenig verloren, wie in einer fremden Kindheit abgegeben, und nun fand sie nicht zurück. Na, was weiß ich denn.

Irgendwie so was.


Wie immer, wenn die Sonne draußen ist, hab ich die Tür zum Hof aufgesperrt, wie eine große Einladungskarte für Leute, die sonst keine Bibliothek betreten.
Zufallspublikum.

Da mein Schreibtisch aber im Raum nebenan steht, krieg ich nicht unbedingt mit, wenn jemand über den Hof in die Bibliothek kommt.

Als ich Schritte höre, blick ich automatisch auf. Ein Räuspern, nebenan.
Zischeln.
Weitere Schritte.
Dann scheint jemand ein Buch aus dem Regal zu nehmen, und es fällt zu Boden.
"Oh", höre ich.

Ich geh nachschauen. Ein junger Mann mit Zopf, er hebt ein Buch auf, mit dem Rücken zu mir. Daneben die Frau. Ein Mädchen fast noch.
"Hallo", sagt sie.
Großes Mädchen, und so schmal, dass es im Stehen eine Kurve macht.
"Hallo", sag ich irritiert.
Ist die dünn.

Es ist halb sechs durch.
Um sechs mach ich Feierabend.

Die beiden Besucher krieg ich kaum mit. Ich höre hauptsächlich mein eigenes Tippen, wenn ich das nächste Buch in die elektronische Maske eingebe, und ab und an Schritte. Mehr ein Schleichen. Als wären Bücher Beute.

Viertel vor sechs. Ich geh rüber in Raum 2, wo ein Ensemble zum Lesen einlädt: Designer-Stühle, deren Rücken aus strammen, silbrigen Seilen geflochten sind, wie bei Harfen, aus denen Silbermusik tönt, wenn man sich anlehnt. Ist aber niemand da.
Lehnt sich niemand an.

Die Beiden sind schon weiter, in Raum 3. Wo die Kunstbücher sind. Meine Schätzchen.
"In zehn Minuten ist Feierabend", sag ich.
Die Beiden, vor einem Stahlregal hockend und lesend, blicken verstört auf.
"Klar", sagt die junge Frau.
Der Mann sieht aus wie ein junger Indianer. Er guckt weg.

Zurück an den Schreibtisch. Ich gebe ein Buch über Konrad Felixmüller ein, während in Raum 3 betriebsames Aufräumen startet.
Ich steh wieder auf.
"So war das nicht gemeint. Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass um sechs geschlossen wird. Interessiert ihr euch für Design?"

Ist ja eine Designer-Bibliothek.

Die Frau nickt, und der Indianer blickt wie gebannt auf den schwarzen Granitboden, auf die gleiche Stelle, von der ich eine Stunde zuvor ein weißes Fitzel Papier aufheben wollte, doch als ich danach griff, hatte ich plötzlich zwei kleine Flügel in der Hand und eine Motte flatterte empört zur Decke.

Der Fährtenleser löst den Blick.

"Ja", sagt die Frau. "Er studiert Design. Aber er spricht nur spanisch. Habt ihr auch spanisch-sprachige Bücher?"
Ich denk nach.
"Hm, ja."
Dieser Schrank in der Ecke. Darin verstauben Ordner mit aufgeklebten Etiketten. USA, Ungarn, UDSSR.
Die Beiden folgen mir.
"Vielleicht hier drin", sag ich.

Tatsächlich, zwei Ordner mit dem Etikett "Spanien".
"Und was ist mit dem Nicaragua-Ordner?" fragt die Frau. (Sind so Frauen, bei denen denkt man: Die sind noch nie gestorben. Die haben schon immer gelebt. 1940, 1990. Und sie sind immer jung. Verstörend jung, verstörend dünn.)
"Nicaragua? Wo?"
"Na, da", sagt sie, mit dem Zeigefinger.
Ich hol den Ordner hervor.
"Er kommt aus Nicaragua?" frage ich.
"Ja", sagt sie.

Der Indianer lächelt mich an. Ich lächle zurück. Wir haben das Wort Nicaragua benutzt. Und da ist dieser rote Ordner, auf dem das Wort Nicaragua steht.
Ich halte seine Heimat in den Händen.
Er ist stolz.

Er kommt aus dem Hochland.

Als die Beiden wenig später aufbrechen, reicht er mir die Hand. Wir sind jetzt Verbündete. Ich hab einen Indianer zum Freund. Die Frau sagt Aufwiedersehen. Sie lässt in der Eile einen DIN-A-4-Umschlag liegen. Da drin sind Fotos, und Bewerbungsunterlagen.
Ich geh in den Hof, ich rufe nach ihnen, doch sie sind bereits fort.


Ich räume die Ordner zurück in den Schrank. Und dabei fällt mir diese magische kleine Moment ein, vor Jahren, als der Bruder vom dicken Hansen, ein begnadeter Percussionist, von einem zweijährigen Aufenthalt am Konservatorium Havanna zurückgekehrt war und, angesteckt vom Voodoo-Glauben auf Kuba, heimlich einen kleinen Hausaltar aufgebaut hatte.
Nicht mal sein Bruder wusste davon.
Niemand.

Nicht, dass er sich dafür geschämt hätte. Nein, er fürchtete, der Zauber könnte verfliegen, der Altar entweiht werden, sollte ein Ungläubiger davon erfahren.

Und "Schnickschnack" denken.

In einer Sommernacht in den späten 90ern waren der kleine Bruder vom dicken Hansen und ich mal wieder so stoned, dass wir nicht wussten, wohin mit all der heiß-bräsigen Zuneigung, die man empfindet, so lange das Pulver wirkt.

Kurz vorm Verpuffen führte er mich in den Keller, wo früher einmal das Schwimmbad gewesen war und nun ein leerer Pool vor sich hintrocknete und allmählich Risse bekam.
"Ich zeig es dir", sagte er.
"Was zeigst du mir?"
"Das."

In einer Ecke stand ein alter Schrank. Das unterste Fach war abgeschlossen. Er öffnete es - und gestattete mir Einblick in seine kleine karibische Welt, zwanzig Sekunden lang:

Blickte ich in eine sehnsüchtig flackernde Installation elektrischer Kerzen, die ihr Licht gegen ein mit rotem Glanzpapier ausgekleidetes Schrankfach warfen, ein Mini-Plüsch-Club, in dessen Mitte ein winziger Weihwasser-Kessel schaukelte - ich sah angestrahlte Amulette, rote Gebets-Zettel, Lametta, ich sah..

nichts mehr, Türe zu.
"Ahora es mejor", sagte er.

Wir haben nie ein Wort über diese Szene verloren. Ich hatte auch keinerlei Fragen.

Ahora es mejor.


Als ich um sechs Uhr die Bibliothek abschließen will, kommt die junge Frau angespurtet, außer Atem.
"Ich hab.."
"..den Umschlag vergessen", sag ich.
"Ja."

Ich reiche ihn rüber.
Draußen im Hof wartet der Indianer. Er steht in der prallen Sonne und winkt mir fröhlich zu.
Ich winke zurück.



*
Die Gräfin hat eigene Vorstellungen.
1.10.08 18:08


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