Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wo wichst Mustafa?

Nachtschicht im Turm-Hotel, die siebte hintereinander. Die letzte.
Danach hab ich sieben Tage frei. Nach sechs langen Nächten in die siebte und letzte Nacht eintauchen, das ist, als ob man aus einem langen dunklen Tunnel herausfährt und endlich Licht sieht. Zwar schwach noch und beschädigt von den vorangegangenen Nächten und schier endlosen Kilometern. Dem Schlafentzug. Den Selbstgesprächen.

Der Langeweile.

Aber Licht.

In dieser Nacht, es ist die Nacht von Sonntag auf Montag, verzeichnet die Zimmerliste exakt sieben Gäste: Fünf Chinesen auf Montage sowie ein deutsches Pärchen aus Erfurt, das mal ordentlich bumsen will.

So jedenfalls hat es mir der Chef zu verstehen gegeben, bei der Übergabe, den Daumen zwischen Zeige-und Mittelfinger geklemmt, wie früher vor der Teeniedisco, wenn man vor den Freunden angeben wollte, was man alles für schweinische Zeichen kennt.

Laut Meldevordruck für Beherbergungsstätten handelt es sich bei dem Pärchen um Kati Kösau aus Erfurt plus Begleitung. Sie logieren in Zimmer 16, hier im elften Stock.

Die Chinesen sind schon seit Monaten hier. Wir nennen sie "unsere fünf Wanderarbeiter". Jeden Morgen Punkt fünf Uhr fünfzig stehen zwei von ihnen in der Hotelküche und holen zwei große Thermoskannen voll kochend heißer Milch ab.

"Vergessen Sie morgen früh nicht die heiße Milch für die Chinesen!" meint der Chef immer, wenn er mich um 22 Uhr in die Nacht entläßt.

Einmal haben die Chinesen aus Versehen ein Blatt Papier an der Rezeption liegen lassen, und ich hab es mir fasziniert angeguckt, immer und immer wieder. Wenn man selbst viel Zeit hat in der Nacht, erstaunt es einen, was andere Menschen so an Zeit und Geduld aufbringen, um Schriftzeichen zu malen, also, das finde ich grandios.

Andererseits, wenn man für jede kleine Notiz erst mal die Staffelei aus dem Kofferraum holen und aufstellen muss, ist das auch Scheiße.

Die Nacht von Sonntag auf Montag ist regelmäßig und mit großem Abstand die langweiligste der ganzen Woche. Kaum ein Kumpel ruft an oder guckt auf einen Sprung rein, ein Näschen Schore auf der Tasche. Und es gibt auch keine Laufkundschaft von Sonntag auf Montag wie in den Nächten zuvor, wo Leute um drei Uhr in der Nacht schellen und ein Doppelbett brauchen für ein paar Stunden, ohne Frühstück.

Aus Langeweile schlüpfe ich nach Mitternacht in die Schlappen vom Chef und schlappe den Flur hinab. Wie ein Indianer, der keine Lust mehr hat auf traditionelles Kabelfernsehen. Der mal etwas Abwechslung braucht.
Eine kleine Live-Übertragung.

Vor Zimmer 16 bleib ich stehen. Ich horche an der Tür, frage mich, was das Pärchen aus Erfurt wohl macht. Bumsen, okay. Aber wieso in Solingen. In Köln, ja meinetwegen, oder in Düsseldorf. Liegt beides um die Ecke. Aber ausgerechnet in Solingen? Wer kommt für einen GV nach SG? Einer Stadt, in der man die Hotels an einer Hand abzählen kann, die nachts einen Portier beschäftigen? (Und wo es nicht schadet, wenn ein Finger fehlt.)

Ich höre eine Männerstimme aus dem Zimmer. Undeutlich. Ich muss schon näher ran, mit dem Ohr. Ah, der Herr und die Dame tummeln sich im Bad. Sie schäkern ausgelassen, während im Bad das Badewasser einläuft. Er redet irgendwas von seinem Hund, "ein ganz aktiver Bursche, der ist den ganzen Winter steif" und "ist doch logisch, dass ich schwimmen gehen will, wenn ich schon mal in einem Fünf-Sterne-Hotel bin!" Darauf folgt ein kieksendes Frauenlachen, vermutlich von Kati Kösau, Erfurt, zur Zeit Solingen, Zimmer 16, elftes Stockwerk, Turm-Zentrum.

Die Beiden kennen sich noch nicht lange, jede Wette. Spannung liegt in der Luft und wabert unter der Türritze her, es riecht nach hoteleigener Seife.

Das Badewasser wird abgestellt. Plötzlich schnelle Schritte. Ich weiche einen Schritt zurück und hebe hastig die Hand, den Mittelfinger gekrümmt, so als wolle ich gerade anklopfen. Falls die Tür sich öffnen sollte.
Man weiss ja nie.

Man planscht.

Zwischendurch hab ich zu tun. Fünf Uhr. Der Bäckersbursche ruft an und nimmt die Brötchen-Bestellung entgegen. Und kaum hab ich aufgelegt, klingelt das Telefon wieder. Ein Kumpel von mir. Der dicke Hansen. Ob ich Lust habe mitzukommen zum Konzert von Link Wray. Die Gitarren-Legende spielt in Köln, am Dienstagabend. Eigentlich kenne ich gerade mal den Namen. Link Wray. Schöner Name.

Nach dem Telefonat schleiche ich wieder den Gang runter.

Zimmer 16.

Das Badewasser gluckert im Abfluss. Na, super. Danke Bäckersbursche, danke dicker Hansen. Das Live-Baden hab ich schon mal verpasst. Ich meine, die beiden haben es garantiert in der Wanne getrieben.

"..aber nicht lachen, ja? Dann geht's nämlich nicht!" japst Kati Kösau aus Erfurt.

Ich hab keine Ahnung, worum es in dem Zimmer geht, was da drin für eine Sauerei vor sich geht, doch plötzlich macht es KLACK! Ein Lichtschalter wird angeknipst, mir fährt wieder ein Riesenschreck in die Knochen. Wenn jetzt die Tür aufgeht, steht da der Nachtportier mit langem Ohr und Kati Kösau, Stressbiene aus Erfurt, in Begleitung irgendeines Zweimeter-Heinz, schreit erschrocken auf.

"SCHNAPP DIR DAS SCHWEIN, ZWEIMETERHEINZ!"

Das muss ich nicht haben, einen Eklat in der letzten, der siebten Nacht, wo der Tunnel endet und der neue Tag sich zaghaft schon zeigt. Ich ziehe mich zurück ins Büro hinter der Rezeption. Da passiert wenigstens nichts.
Da ist es friedlich. Da werde ich bezahlt fürs Totsein im Chefsessel vorm Kabelfernseher und Aufpassen auf nichts.

Ich könnte mich natürlich auch ein Stündchen aufs Ohr hauen. Doch plötzlich zieht Wind auf und umtost den hohen Turm, schickt sogar etwas Eisregen vorbei, der im elften Stockwerk gegen die breite Fensterfront klimpert wie verirrte Silvesterraketen.

Ist das laut.

Ist das öde.

Noch fünf Stunden, dann ist die Nacht um.

Fünf Stunden können lang sein.

Fünf Minuten später. In der Hocke, vor Zimmer 16. Ich gucke durchs Schlüsselloch, obwohl die Schlüssellöcher blickdicht sind.

Man kann es ja mal versuchen.

Dann sagt der Typ in Zimmer 16, ich hab immer noch keinen Schimmer, wie er aussieht, einen ganz wunderbaren Satz, den ich so unterschreiben könnte. Der Satz fällt, als Kati Kösau ihm einen Pickel auf der Nase ausdrücken will.

"Laß den Scheiß, Kati", murrt er. "Der fällt doch von ganz allein ab."

Was ein Satz! Den möchte ich haben. Der fällt doch von ganz allein ab! Genial. Vielleicht können die Chinesen mir den abmalen!

"Der fällt doch von ganz allein ab!"

So soll es sein.

Auch Kati Kösau gackert, sie kriegt sich kaum wieder ein in Solingen.

"Mhaaa.."

Eigentlich kommt sie ja aus Erfurt.

Drei Minuten später.

"Ist das ein Wind hier."

Eine Tür fällt ins Schloss, irgendwo in den oberen Etagen, und mir rutscht mal wieder das Herz in die Hostie. Äh.

Noch eine Minute später.

"Mustafa, pass auf."

Ah. Mustafa. Den Namen hätten wir schon mal..

Die Stimme von Kati Kösau bekommt plötzlich einen barschen Ton.

"Da musst du aufpassen, echt, Mustafa. Der braucht doch nur hier reinzumarschieren und schon kann er dich problemlos vierundzwanzig Stunden lang festhalten!"

24 Stunden.. festhalten? Freund Mustafa hat krumme Geschäfte am laufen. Die Schmiere auf den Fersen. Deswegen versteckt er sich in Solingen. Die Sache wird interessant. Aktenzeichen XY. Was ist da los?

Ich kann es euch sagen, was da los ist: Geräusche sind da los. So raschelnde Geräusche, die entstehen, wenn Leute sich ankleiden. Das Plaudertäschchen aus Erfurt und der Schwerkriminelle scheinen sich ausgehfein zu machen.

"Mustafa, sag: Wo wichst du?" fragt Gabi ihren Lover aus dem Maghreb.

"Was?! Wie bist du denn drauf?" antwortet Mustafa dunkel, aber freundlich.

"Ach, komm, Mustafa! Sag, wo wichst du am liebsten?!"

"Wie bist du denn drauf. Na, wo wohl. Im Bett natürlich."

"Aha. Im Bett. Und wo sonst noch? Auf der Autobahn? Beim Fahren? Wichst du beim Fahren auf der Autobahn, Mustafa? Gib's zu. Das macht dir doch Laune.. Komm, erzähl. Abspritzen auf der A 46, oder! Mustafa, sag! Wo wichst du am liebsten!"

(Mustafa lacht.)

"Oder vorm Spiegel? Im Stehen? Bestimmt! Ja? Mustafa wichst vorm Spiegel im Stehen, die alte Pottsau! Ahahaa!"

Plötzlich eilige Schritte in Richtung Zimmertür. Ich, auf Schlappen, spurtstark den Gang runter, ins Büro, wo ich wie blöde am Fernseher fummle, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, ich könnte sie belauscht haben. Aber Blödsinn. Die Beiden sind so mit sich beschäftigt, die haben nichts davon mitgekriegt, dass ich auf Schlappen den Gang hochgespurtet bin...

Sie latschen an der Rezeption vorüber. Ich hab Herzklopfen. Ich hab sie heimlich belauscht.

Ich seh sie durch die offene Tür Richtung Fahrstühle verschwinden.

Kati Kösau trägt Lederjacke und Jeans, eine kleine emsige Person. Mustafa, öliges Haar, pechschwarz, okay aussehend.

"Steckst du den Schlüssel ein?" sagt sie zu ihm.

Dann sind sie im Aufzug verschwunden. Der Wind pfeift vorm Fenster, mit einer kleinen Eisrakete.

Wo Mustafa..?

Nein. Ich weiß es nicht.
2.4.08 12:48


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