Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Schattenreich und Existenz

"Doctor, doctor, can you feel my pain?
Doctor said: Shit man, not you again."

(Kevin Ayers)

*
„Einen Blutdruck wie ein Jungbulle“, feixt der Doktor und legt die Manschette und das Horchgerät ab. Wie ein Jungbulle? Hm. Ich wusste gar nicht, dass sich Jungbullen so elend fühlen können, mit ihrem bombigen Blutdruck und den sexy Haxen.

„140 zu 80“, sagt der Doktor. Pulsschlag auch okay. Zwar kein Jungbulle, aber auch kein Altbulle. Dann leuchtet er mit einer Stablampe in meine Augen, und besucht meinen Mundraum. "Zunge rausstrecken und laut A-Sagen.“
„Aaaaa..“
„Lauter!“
„AAA..!“
„Gut.“
„B auch?“

Nächste Aufgabe: mit beiden Zeigefingern abwechselnd die eigene Nasenspitze antippen. Da bin ich gut drin. Das kann ich. Das ist Sport mit Fingern. Und nun der Linie entlang gehen.
„Welcher Linie?“
„Da.“
„Da ist keine Linie.“
„Witzbold. Stell dir eine vor. Nur ein paar Schritte.“
Ich geh durchs Chefzimmer auf den weißen Regalwald zu, der mit den Fachbüchern. Bißchen wackelig. Nicht das Regal. Ich. Merkt das denn hier niemand?

„Gut“, sagt der Doktor. „Und jetzt das ganze mit geschlossenen Augen.“
Auch nicht viel besser.
„In Ordnung. Also, soweit okay. Keine Ausfälle im Gehirn.“

Wir sitzen uns gegenüber. Die Gräfin ist mitgekommen, trotz Kopfweh. Sie möchte wissen, was los ist.
„Der Mann betrübt mich. Ich mein, ich hab den noch nie so erlebt, so deprimiert. Ich glaub, der hat in der letzten Woche mehr geflennt als in den ganzen zwanzig Jahren zuvor. Langsam schwimmen uns die Felle weg. Es sind zwar keine Zobel, aber es sind unsere Felle.“
Geflennt? Ich hab zweimal leicht getränt, beim Zwiebelschälen.
„Ach was.. bestimmt fünf Mal“, widerspricht sie.

Ist ja auch egal. Es ist mein Nervensystem. Diese vagabundierenden Insekten, die Nester in meine Nervenlandschaft bauen und immer mehr widerborstiges Material heranschaffen, das sich in meine Netzhaut setzt und Verwirrung stiftet.

Ich seh komisch in letzter Zeit. Wenn ich aufstehe und losgehen will, ist plötzlich kein Boden mehr unter meinen Füßen. Es ist wie ohne Beine, wenn ich auf den Beinen bin. Ich bin ein Luftikus. Ein Luftgänger. Luftnummer.

Begonnen hatte es, als ich morgens aus dem Haus ging und aus den Latschen kippte.
„Hast du das Bewusstsein verloren?“ fragt der Doktor.
„Nein.“
Danach blieb ich im Bett, eine Woche lang. Und jetzt ist die Bandscheibe lädiert, vom vielen Liegen. Noch eine einzige falsche Bewegung, und ich hab einen fetten Hexenschuss und es geht gar nichts mehr. Nicht mal mehr Liegen.

Der Doktor sitzt hinter seinem Schreibtisch wie hinter einer Trutzburg. Er wird immer dicker. Bei jedem Besuch hat er ein Kilo mehr drauf, und ich bin öfters hier, in letzter Zeit. Einmal saß ich hier wegen Migräne accompagnée. Das waren diese Sehstörungen, die mich überfallartig erwischten, im letzten Sommer. Immer morgens, wenn ich zur Arbeit gehastet bin, auf den letzten Drücker.

Es begann mit einem kleinen dunklen Fleck in der Mitte des Gesichtsfeldes. Nur eine kleine Bildstörung. Ich konnte ein Wort auf dem Bildschirm nicht mehr richtig lesen. Und dann gings los. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten lang bösester Geometrie-Unterricht. Mein linkes Sehfeld der Monitor, auf dem sich zickzack verlaufende Lichtblitze ausbreiteten, von Minute zu Minute mehr, ein ganzes Arsenal an flimmernden Zacken und Wellen;

mein Sommer-Silvester im Augendorf.

Ich bin aus der Bibliothek geflüchtet, nach draussen, an die frische Luft, weil ich dachte, ich verlier den Verstand. Ich verlier mein Augenlicht. Diese komplette Linienverwirrung. Als hätte sich ein Konstrukteur strenger Pop Art auf Milimeterpapier verlaufen, und fände nicht mehr heim.

Nach zwanzig Minuten nahm der Spuk ab, ein langsam ausklingender Blitzkrieg, bis es endgültig vorbei war.

„Ein neurologisches Phänomen“, befand der Doktor damals. Die Visionen der guten alten Hildegard von Bingen führen Spezialisten neuerdings auf solche Anfälle zurück. „Du siehst, du bist in guter Gesellschaft."

Ja genau, in der Gesellschaft von Jungbullen und Hildegard von Bingen. Hm. Es könnte tatsächlicher schlimmer sein.

Während der Doktor zuhört, als ich ihm schildere, wie miserabel und schwach auf den Beinen ich mich fühle, ("Es geht nicht mehr darum, ob ich mich gut fühle, sondern nur noch darum, ob ich mich heute nicht ganz so scheisse fühle"), schleust er seinen Blick auf die Patientendaten auf dem PC-Bildschirm.

Dann beobachtet er meine Hände, wenn ich rede. Immerzu stiert er einem auf die Hände. Das ist ein richtiger Spleen von ihm. Fummeln sie italienisch in der Luft? Sind sie in Höhe des Bauches oder vorm Herzen? Ruhen sie im Schoß? Schlaff herunterhängende Hände jedenfalls sind der Kardinalsfehler. Das lässt man lieber. Das stellt dich beim Doktor in ein schlechtes Licht.

Ich kuck meine Hände an. Was der Doktor sieht: eine innere Faust in der Luft.

Ich bin ein mobiler Tatort, der mit rot-weissen Bändchen abgeriegelt im Wind flattert: GEFAHRENGEBIET! HIER IST WAS PASSIERT! ABSTAND HALTEN!

Diese Krise kommt so dieck daher, ich schreibe sie mit ie, Kriese.

Der Doktor hört eine Weile zu, wie er es immer tut, bevor er sich aufbläst und loslegt. Mit so Medizinblabla.
Bla bla bla.
Bla blabla.

Bla.

Nur als die Gräfin noch mal meine „weinerliche Verfassung“ einwirft, verzieht er kurz seinen Mund und grient. Der Knabe kennt mich ja nun schon seit geraumer Zeit. Ist so etwas wie mein Hausarzt. Versorgt mich mit Mitteln und außergewöhnlichen Ratschlägen.

„Du hast die Wahl“, hat er mal zu mir gemeint, da kannten wir uns noch nicht so gut. „Du kannst Schriftsteller werden oder Puffmutter. Das musst du entscheiden. Es ist deine Wahl.“

Na schön. Aber warum zum Teufel bin ich keine Puffmutter geworden? Vielleicht hätte ich es dann nicht so mit den Nerven. Hätte ein paar hübsche Pferdchen am Start, die mir und meiner Brieftasche über die Ziellinie helfen. Aber nein, Großmeister Glumm musste ja unbedingt Schriftsteller werden wollen. Ein Schriftsteller ohne Buch. Nur mit einer Internetseite. Ein Autor ohne Führerschein. Wie soll das funktionieren? Da kommt man doch nirgends hin.

„Seh es als Alarmsignal deines Körpers“, sagt der Doktor, "dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher. Er will nicht mehr. Dein Körper hat dich satt.."
Das klingt wenigstens logisch. Das kann ich nachvollziehen. Ich möchte auch nicht mein Körper sein. Meine Leber. Die Nieren. Die Nervenlandschaft.

Vielleicht meine Beine.

Er möchte noch wissen, ob etwas anders gewesen sei in letzter Zeit.
„Eigentlich nichts“, sag ich.
„Blödsinn“, mischt sich die Gräfin ein. „Du hast geschrieben wie ein Blöder. Du hast dir überhaupt keine Pause mehr gegönnt. Immer nur dieses scheiss Hacken in den Computer. Hack hack hack. Und keinen Erfolg.“
„Was heisst keinen Erfolg?“ fragt der Doktor.
„Na, es klappt alles nicht so, wie er sich das wünscht.“

Tatsächlich hab ich, bevor mein Jahresvertrag in der Bibliothek verlängert wurde, zwei Monate frei gehabt und nur noch am Schreibtisch gelungert und getippt. Nicht, dass viel dabei herausgekommen wäre.

Schreiben ist der Versuch, Schattenreich und Existenz zu vereinigen.
Klappt nicht immer.

Man hilft den Sätzen ins Diesseits, und wenn sie dann wie neugeborene Fohlen übers Papier stolpern und hinfallen, müssen sie von ganz allein wieder auf die Beine kommen, sonst taugen sie nichts. Sonst hätten sie auch im Jenseits bleiben können, da, wo die Sorte Pfeffer wächst, die nach nichts schmeckt. Die nicht würzt. Nichts nützt.

So ist das mit den Sätzen.
Und Fohlenfleisch ist eine bergische Spezialität.

„Weisst du, was dein Manko ist? Du denkst die Sachen nicht zu Ende“, sagt der Doktor. „Du reißt alles nur an. Und von daher weiss ich auch nicht, ob ich dein Buch kaufe. Ob das überhaupt von Interesse ist, für mich.“

Er wartet einen Moment, um seine Drohung, ein Buch, das es nicht gibt, nicht kaufen zu wollen, sacken zu lassen. Ich hab ja nicht mal einen Verlag. Der letzte Verlag wollte wie alle Verlage zuvor einen Roman, und keine Stories. Alle Verlage wollen einen Roman, der so klingt wie der eine Roman von dem einem Autor, der sich 100.000mal verkauft hat. Und der letzte große Verlag, mit dem ich in Verbindung stand, meinte in Vertretung seiner Lektorin: "Also, Herr Glumm, das kann man einem großen Publikum so nicht zumuten. Diese Fäkalsprache."

Dabei schreibe ich nur gelegentlich davon, wie das Badezimmer aussieht, wenn mein Bruder mit einem ausstreuenden Durchfall auf dem Klo sitzt. Ich mein, das kann doch mal passieren. Dass die Wände dann verkackt haben.

Oder hier: Wenn man beim Arschabwischen spürt, dass die Haut um die Rosette herum runzlig wird, dann wird man alt, verdammte Scheisse.

Der Doktor sieht andere Probleme.

„Ein Buch von einem Autor, der die Sachen nicht zu Ende denkt, wen interessiert das? Oder besser gesagt, wem bringt das was? Hab ich davon einen Gewinn?“

Es ist ja nicht so, dass ich jedem auf die Nase binde, dass ich schreibe, aber der Doktor wollte es ja unbedingt wissen, was ich mit meinem Leben noch so vorhabe.

Und dann kommt er mit so einem Scheiss rüber, dass ja bei weitem nicht alles, was heute gedruckt wird, auch das Papier wert sei. Mit anderen Worten: blogge schön weiter in deinem Internet, bleib schön klein. Verdien kein Geld. Dabei hat er noch nie einen Satz von mir gelesen. Das muss er auch nicht. Aber dann soll er auch die Fresse halten.

Eigentlich mag ich meinen Doktor.

Die Gräfin wird unruhig. Sie hat Kopfweh. Sie nimmt einen Apfel aus ihrer Tasche und beginnt zu knabbern. Sie steht auf und läuft durchs Chefzimmer, während sie den Apfel isst. Der Doktor ist leicht irritiert und froh, als sie sich wieder niederlässt.

Es gibt zwei verschiedene Sitzgelegenheiten für die Patienten. Einen runden Skysessel aus braunem Leder, in dem man gemütlich versinkt, und daneben einen einfachen Stuhl. Auf dem sitzt man höher als im Sessel, genau in Augenhöhe mit dem Doktor, aber es ist unbequem auf die Dauer.

Natürlich hat der alte Fuchs, der wie ein weißer Kittelherr durch seine Praxis stolziert, wenn das Wartezimmerr nur hübsch voll ist, das Mobiliar extra so angeordnet. Wer sich wo hinsetzt, verrät eine Menge. Stellt einen ersten kleinen Psychotest dar. In dem Sky-Sessel sitzt man gemütlich, aber devot, und auf dem Stuhl hart, aber auf gleicher Höhe mit dem Chef.

Ich bin kein schwieriger Fall für den Doktor. Ich bin nur für mich ein schwieriger Fall. Und für die Menschen, die mit mir zu tun haben. Die Gräfin. Der Hund.

„Du denkst die Sachen nicht zu Ende“, sagt der pralle Doktor. Und du quatscht und quatscht und quatscht, denke ich. Du Quatschkopf.

"Du denkst vom Thema ab", sagt mir der Blick der Gräfin.
„Ich könnte dir jetzt eine Diagnose stellen, irgendwas mit vegetativer Störung“, sagt der Doktor schliesslich, „aber das bringt nichts bei dir. Das setzt sich nur in deinem Kopf fest. Mach einfach mal Pause. Tu mal nichts. Einfach mal gar nichts tun. Kriegst du das hin? Was meinst du?“

Er nimmt mir noch Blut ab, Blut für ein großes Blutbild.

15.2.08 13:00


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