Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Das Jahr der Ratte

Mel und Babsi Buchbender, die beiden verheirateten Lastwagen-Lesben, die es Silvester gern krachen lassen mit 45er-Singles von Karel Gott und Daliah Lavi, haben auf ihre Party in der Orangerie eingeladen, doch wir bleiben lieber daheim und befragen das Wachs-Orakel, was das neue Jahr bringt.

"Ausserdem dürfen Männer sowieso nur wegen des Lokalkolorits mitkommen."
"Genau. Und dafür bist du dir zu schade", sagt die Gräfin spitz. "So. Du fängst an."

Ich tunk den Löffel in den Sud aus verkochten Kerzenstumpen, doch bevor ich die muskelfaserfarbene Flüssigkeit in die Schüssel mit kaltem Wasser geben kann, hält sie meinen Arm fest.

"Moment.. Erst musst du dir eine Frage stellen."
"Hab ich doch. Oder laut? Muss ich die laut stellen?"
"Nö.. nicht unbedingt. Aber ich tät es schon gern hören.."
"Ich möcht gern wissen, ob das mit dem Buch klappt, im neuen Jahr."
"Na, so was. Das hätt ich mir auch denken können."

Das heisse Wachs erstarrt sofort im Wasser, und ich zieh es aus der Schüssel.
"Sieht aus wie ein Embryo.."
"Ja..."
"..oder ne Totgeburt."
"Ach, du immer. Ich find sowieso, das ähnelt eher einem Karpfen. Und Karpfen bringen Glück. Fertig."

Die Gräfin ist an der Reihe. Wie es mit dem Malen weitergeht, möchte sie wissen.
(Sie sucht nach Gott in ihren besten Bildern, das finde ich richtig.)

"Eine Schnecke.. ja, war klar. Und da ist nicht mal ein Haus oben drauf. Ne lahme Schnecke ohne alles.."
"Wie ohne alles? Da ist ein Beiwagen dran!" ruf ich. "Hier, siehst du? Eine Schnecke mit Beiwagen. Und der hat sogar seinen eigenen Motor, der Beiwagen."
"Wo?"
"Na, da!"
"Das soll ein Motor sein?"
"Klar. Hybrid. Die sehen so aus."
"Woher willst du denn wissen, wie ein Hybrid-Motor aussieht. Ausgerechnet du."
"Hab ich mal gesehen", murmle ich gekränkt, "im Fernsehen."
"Ja? Ach. Und wie sieht der aus, bitteschön? Dein sauberer Hybrid-Motor?"
"NA, WIE DER HIER!!"

Die nächste Anfrage gilt uns Dreien. Mann, Frau, Hund. Die kubanische Einheit.
Das Trio.
Dieses Mal sind uns einig: das muss ein Seepferdchen sein.
Dafür braucht man kein Symbolheft.

Dann: Geld. Moneten.
Pinkepinke.
"Hey, das ist ja das stabilste Teil", ruf ich.
"Findest du? Ich seh einen großen Wurm, der sich zuviel Sorgen macht."
"Aber da ist ein Herz drin", wende ich ein. "Ein großes, pumpendes Geldherz in einem stabilen.. Wurm."
"Ja, das wünscht du dir. Du liebst das Geld zu sehr."
"Wieso? Ich hab doch gar kein Geld."
"Na, eben deswegen."

So, Gesundheit.
"Das machen wir besser getrennt. Wir haben ja keine gemeinsame Gesundheit", meint die Gräfin. "Nicht mal eine gemeinsame Hygiene."

Pff. Das soll wohl eine Anspielung sein auf meine verminderten Duscheinheiten, die ich schmutzigen Herzens einsetze um der Klimakatastrophe auf den letzten Drücker noch Herr zu werden, aber ich lass mich nicht provozieren, so kurz vorm Zieleinlauf.
Vorm START.

2008.

Das Jahr der Ratte.
Ich bin eine 1960 geborene Metall-Ratte, und da sich ein Tierkreiszeichen nur alle zwölf Jahre wiederholt, ist das was Besonderes, wenn man an der Reihe ist.

In Pekings Zoohandlungen sind schon alle champagnerfarbenen zahmen Ratten ausverkauft.

"Zahm, pah!" sag ich. "2008 wird wild. Gefährlich. 2008 würde verwildern, liesse man es im Urwald frei! Eine Bestie wird 2008! Nicht so wie 2007, 2006, 2005. Das waren luschige Jahre, die haben immerzu die Strasse gesucht, die aus dem Busch führt, ergebnislos, ängstlich. Aber 2008, das ist die Ratte, die führt uns nur noch tiefer in den Urwald."

"Das ist aber dann nichts für kleine Jungs, die sich vor Schlangen fürchten", meint die Gräfin.
Sie will mich schon wieder provozieren.

"Los, weiter", sag ich. "Gesundheit."
Erst ist die Gräfin dran.
Sie zieht das Wachs aus dem Wasser.
"Och, Menno! Ich mach immer nur Würmer! Auch wenn es um Gesundheit geht. Was soll der Scheiss?!"
"Könnte auch ein Darm sein", sag ich. "Oder ne Frau, der ne dicke Salzstange aus dem Arsch wächst."
"Ha. Ha. Sehr witzig. Ich muss auf meinen Darm aufpassen, darum gehts. Dass ich mir keine Würmer fange."

Sie blickt streng zu Frau Moll herunter, die sich auf ihrer Lieblingsdecke in Position gebracht hat, wie eine ägyptische Palastkatze, die Vorderpfoten brav nebeneinander gelegt, als könnte sie kein Wässerchen trüben.
"Wässerchen vielleicht nicht", murmelt die Gräfin, "aber Würmchen.."

Frau Moll behält die Ruhe, und starrt woanders hin.

Jetzt bin ich dran, mit Gesundheit.
"Das sieht.. das ist.. ein Baseballspieler, der gerade zum Schlag ausholt. Cool. Und was hat das mit Gesundheit zu tun?"
"Na, du sollst mehr Sport treiben."
"Baseball?!"
"Egal. Irgendwas. Nicht nur am PC sitzen und popeln."

Sie nimmt das starre Stück Wachs in die Hand und untersucht es aus der Nähe.
"Ich will dir ja keine Angst machen.. aber, na, schau selbst. Dem Baseballer ist der Schwengel abgebrochen, da unten."
"Wo..?!?"
"Na. Da. Aber das ist alles zu klein. Erkennt man ja kaum. Statt mit dem Teelöffel sollten wir mit dem dicken Löffel ran. Da ist noch so viel Futur-Pampe übrig, da sind wir ja morgen früh noch dran."

Schön.
Ich geh in die Küche und hol die Suppenkelle aus dem Besteckkasten.
Wenn schon, denn schon.
Altes Junkie-Motto.

"Wo wir schon mal in der Zukunft sind", sag ich. "Du hast doch mal den bemerkenswerten Satz gesagt: ich hab keine Angst vor der Zukunft, auch nicht vor der Gegenwart, ich hab Angst vor meiner Vergangenheit. Was meintest du genau damit?"
"Das hab ich gesagt?"
"Ja."
"Hm. Keine Ahnung."

Suppenkelle also. Mit ihrer Hilfe befragen wir das Orakel, wie das Jahr 2008 es denn mit der Liebe hält.
Mit unserer Liebe.
Mann, Frau. Ohne Hund.

"Boh, ist das riesig!" staune ich. "Eine Monster-Insel, die schwimmt, mit Gebirge!!"
"Könnte auch ein gefaltetes Tuch sein", wendet sie ein. "Oder ne Insel."

Es bleibt offen.

Schliesslich schmeissen wir das ganze restliche Wachs in einem einzigen Schwung in die Wasserschüssel, verbunden mit der Frage, wie es der Welt allgemein ergehen wird, als große Anfrage.

Das Ergebnis lässt sich kaum entziffern.
Am ehesten ist noch ein Riesen-Anker erkennbar, der schon viele Jahrzehnte auf dem Meeresboden liegt und allmählich überwuchert ist von Algen.
"Jedenfalls, ein Riesen-Teil", sag ich. "Schiff ahoi!"

Als es Mitternacht ist, kucken wir der Knallerei von drinnen aus zu, doch die Fensterscheiben sind schmutzig.
"Das ist ja wie im Knast", meint die Gräfin, "wenn man nicht raus darf. Ausserdem, du hast versprochen, dass wir es dieses Jahr selbst knallen lassen. Ich will 2008 richtig begrüssen..!"

Schon für letztes Jahr Silvester hatte ich Countdown gekauft, ein sechzigsekündiges Standfeuerwerk, aber dann sind wir doch nicht vor die Tür gegangen und der Würfel konnte die letzten zwölf Monate in unserem Flurschrank gären, als effektvolle Würfel-Gärung.
"Los, Frau Moll! Wir setzen Leuchtkäfer in die Luft!"

Der Countdown wird direkt unter unserem Fenster abgefackelt, im Vorgarten. Nicht wie Raketen in den milchigen Nachthimmel geschossen. Da wohnt doch niemand.
Sieht doch keiner.

Es sind sieben verschieden sprudelnde Fontänen, und zum Abschluss knattern die Sterne.
Ist das aufregend.
"Sechzig Sekunden lang einen Haufen Stunk um sich verbreiten!"
Ja. Herrlich.

Zwei Häuser weiter den Kannenhof hoch drückt sich ein Nachbar, der aussieht wie das alte westdeutsche Sandmännchen, in den dunklen Hauseingang und wirft vorsichtig Ninja-Crackers und Knallfrösche auf die Strasse, als füttere er Enten mit Böllern statt Brot.

Sven, der seinen Hund Taylor abgeben musste, weil Nachbarn ihn beim Tierschutzverein angeschwärzt haben, angeblich hat er seinen Hund auf dem Balkon ausgesperrt, im tiefen Winter, über Nacht, Sven also kommt mit seinem Kumpel und raketenrot glühenden Bäckchen über den Parkplatz auf uns zu und wünscht mit festem Händedruck ein frohes Neues!

"Ja", sag ich, "ebenso", und die Gräfin huscht auf Strümpfen in den Hausflur. Auf Strümpfen? Hat die Wahnsinnige mal wieder keine Lust gehabt, ihre Schuhe anzuziehen, auf gefrorenem Boden.

Sven, sein Kumpel und ich stehen geschätzte 15 Sekunden dumm rum, dann ziehen die Beiden wieder ab, Ballern und Sektgläser zerdeppern auf dem Asphalt.

Als ich die Haustüre aufdrücke, strecken sich mir zwei China-Böller entgegen, aus der Hand der Gräfin.
"Los, noch die beiden. Dann ist gut."
Nacheinander pfeffern wir sie hinten in den Garten.

"Stimmt das eigentlich, mit Sven?" frag ich.
"Was?"
"Dass er seinen Hund auf den Balkon gesperrt hat."
"Hm. Ja."
"Hab ich gar nicht mitgekriegt."
"Du kriegst so einiges nicht mit. Du bist der selektivste Wahrnehmer, den ich kenne. Bei Dingen, die dich interessieren, können deine Ohren gar nicht groß genug sein, ansonsten bist du ne taube Nuss."

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. So ist mir neulich nach mehr als zehn Jahren Nachbarschaft aufgegangen, dass es sich bei dem Kroaten von gegenüber gar nicht um eine Person handelt, sondern um zwei: Vater und Sohn. Die sehen sich zwar ähnlich, aber der Vater ist 25 Jahre älter und trägt Brille.

"Na. Man kann nicht alles mitkriegen", sag ich. "Am besten gar nichts."
"Der Spruch ist auch nicht neu", mosert sie.
"Näh, natürlich nicht. Der ist nicht mal von mir. Der ist von jemand anderem."
"Das ist es doch immer."
"Wieso..? Wenn man Glück hat, taucht es zuerst im eigenen Kopf auf."
"Und? Ist trotzdem von jemand anderem. Einem, der in deinem Hirn sitzt und sich das alles ausdenkt. Dafür kannst du auch nichts."

Um zwanzig nach zwölf klingelt das Telefon.
"Ich hab keine Lust", sagt sie.
"Ich auch nicht."
Wir lassen es klingeln.

Eine Minute später stehen wir zu dritt um den Apparat herum und hören die Mailbox ab.
Gläserklirren, Geschnatter.
"Hee, wo bleibt ihr Luschen!? Schmeisst ihr wieder Wäscheklammern in die Luft, mahaaa! Das ploppt so schön, oder? Gräfin? Ein superfrettes Null Acht! Und grüß auch den Anderen!"

"Der Andere, pah! Die dämliche Babsi Buchbender!" sag ich.
"Quatsch, das ist Mel! Hört man doch!"
Junge, die ist aber auch wieder prä-menstruell heute.
(Sie verbellt dann Männer. Ich finde das nicht gut.)
2.1.08 18:56


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