Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Was bleibt?

Donnerstagabend. Es ist schon dunkel, als mich die Gräfin und Frau Moll zu Fuß vom Institut abholen, begleitet von einem Tross Glühwürmchen.
Wie kleine, grüne Ufos sausen sie über die Korkenziehertrasse.

"Glühwürmchen Anfang November", wundere ich mich, "haben die kein Quartier?", aber die Gräfin ist mit den Gedanken woanders.

"Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast noch eine Stunde zu leben?"
Seit Ringo's Tod geht uns der Tod nicht mehr aus dem Kopf. Mit welcher Nüchternheit er zuschlägt. Und wieso es immer die Falschen trifft. Obwohl, das stimmt ja nicht. Auch die Richtigen erwischt es, irgendwann.

"Eine Stunde? Wie ich mich kenne, würd ich mich erst mal ne Viertelstunde ärgern. Bleiben noch 45 Minuten.. genau eine Halbzeit. Hm.. ich würd wohl versuchen, noch ein Tor zu schießen."
"Ein Tor? Wo?"
"Na, unten im Klauberg, auf dem alten Sportplatz. Wo jetzt Kunstrasen liegt. Ich würd ein paar Kumpel anrufen und sagen, macht schnell, ich hab's eilig. Und bringt einen Ball mit. Aber so einen alten, aus richtigem Leder.. Obwohl, nee, das dauert zu lang. Bis die Penner einen richtigen Lederball aufgetrieben haben, ist Schlußpfiff.. Keine Ahnung. Und du? Was würdest du tun?"
"Nichts."
"Wie, nichts?"
"Na, nichts. Also erst mal. Und dann verabschieden von allen, die ich liebe."

Sie zündet sich eine Zigarette an, und die grün blinkende UFO-Kolonne löst sich erschrocken auf, in alle Dunkelheit.
"Andererseits sollen die sich ja nicht aufregen. Nee, ich weiss nicht.. Blöde Frage, eigentlich."

Am nächsten Tag, elf Uhr fünfzehn.
Was bleibt am Ende eines Lebens?
"Er war ein Lieber, aber er war ein Armer."
Das hat seine Mutter über Ringo gesagt.
Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen.

"Ringo war ein toller Typ", kondoliere ich ihr hernach und drücke ihre warme Hand.
Ringo war ein Aufrechter.
Er hat sich niemals klein gemacht.

An diesem windstillen Freitag Anfang November, als der Nebel sich nicht verziehen will und die ganze Stadt aussieht wie England, ist die Trauerfeier.

Der Sarg, merkwürdig klein für so ein langes Elend, liegt aufgebahrt in der Kapelle des evangelischen Friedhofs, den ich gern als Abkürzung nutze, wenn ich in die Stadt geh.

Es ist eine große, ratlose Gesellschaft, die sich eingefunden hat. All die Bekannten seiner 87jährigen, beinah blinden und wunderbaren Mutter, die ihm so sehr ähnelt, die Verflossenen von Ringo, vollzählig aufmarschiert, die Aktuelle, die Verwandschaft, Freunde, seine 24jährige Tochter, alle sind sie gekommen, selbst zwanzig verhuschte Junkies tauchen aus dem Nebel auf, mit Blumen in der Hand, und verschwinden nach der Trauerfeier wieder im Nebel.

Nachdem der Pfaffe, toter als der Tote, seinen Psalm heruntergemümmelt hat, wird der Ghettoblaster ans Laufen gebracht, verschämt aus der hintersten Ecke heraus.

Das Stück, das Ringo sich gewünscht hat - Marco hat es am Abend zuvor noch aus dem Internet gefischt - ist eine Nummer von einer Band namens MASTERS OF REALITY.
"Kenn ich nich", sag ich zu Marco.
"Kannte ich auch nicht", sagt er.

Was folgt, ist wie ein groteskes, letztes Störfeuer von Ringo. Ich seh ihn mit seinen langen Beinen auf Wolke 9 sitzen, die rote Ted Nugent Gitarre geschultert, sein kantiges Schmugglergrinsen grinsend: Kaum dass der Song von CD einsetzt, ein harter Southern Rock Song, so wie Ringo es mochte, beginnen die Glocken zu läuten, wie Artilleriefeuer, Ding-Dong Ding-Dong, minutenlang übertönen die Glocken den Song noch dann, als er längst vorüber ist.

Was bleibt am Ende?
Was bleibt nach all dem Abstrampeln für ein Schäufelchen voll Anerkennung, für die Momente des Durchatmens, für ein paar Gefühle?

Es bleibt ein letzter Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung gehen sollte.

"Ringo wollte noch mal einen Drachen steigen lassen", vertraut uns seine Freundin an, als wir mit leeren Augen vor der Kapelle stehen, an diesem Freitag, an dem nicht der leiseste Windhauch geht, an dem das Laub satt und mirabellengelb von den Ästen hängt, an dem der Nebel nicht weichen will, in dem die Blumen verschwinden..
5.11.07 13:50


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