Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Room 42

Der Job als Nachtportier war mir nach fünf Jahren in Fleisch und Blut übergegangen, und selbst in meiner Freizeit fühlte ich mich bisweilen vom Hotel belästigt.

Eines Abends im November 1994 saßen wir abends im Schwarzen Meer, einem türkischen Restaurant in der Nordstadt, das unter der Hand nur Beim Hitler hieß, weil der Inhaber in seiner Statur und mit dem Oberlippenschnauzer frappierend dem Führer ähnelte. Als er eines Tages den Schnauzbart endlich abnahm, war es zu spät. Die Leute sagten weiterhin Beim Hitler. Einen Spitznamen kann man nicht einfach wegrasieren.

Vor uns stand ein öliger Vorspeisenteller und eine dampfende Schale Reis.
"Gestern ist mir ein Fauxpas unterlaufen", sagte ich und schilderte der Gräfin, wie weit nach Mitternacht ein zweiköpfiges Kamerateam des ZDF im Turm-Hotel angekommen war, ein Mann und eine Frau.

"Überm Monitor konnte ich zusehen, wie die in der Tiefgarage ihr gesamtes Equipement in den Lift schoben. Jede Menge stabile Koffer waren das und Kamerataschen. Als die Beiden oben im elften Stock ankamen, hab ich sie gleich am Aufzug abgefangen und gesagt, wir fahren am besten gleich durch zu den Zimmern im zwölften Stock, brauchen Sie Ihr Gepäck nicht extra rauszuholen.."

"Na, da warst du aber freundlich, bist du doch sonst auch nicht."
"Stimmt schon, aber ich hatte grad ne Purpfeife ausgeklopft, da wollte ich mal nett sein, im bekifften Kopf. Wir fahren also in den zwölften Stock, schleppen die ganze Technik den Gang runter, ich nehm die Zimmerschlüssel aus der Jacke und will aufschließen, da seh ich am Schlüsselanhänger die Zimmer 42 und 43, und die sind im dreizehnten Stock und nicht im zwölften.."

"Oh", grinste die Gräfin, eine Gabel Reis in Arbeit, "da haben die beiden Zuckerschnäuzchen sich aber gefreut, wie?"
"Na, und wie. Erst hab ich gesagt, hups, tut mir leid, wir müssen eine Etage höher, hab ich mich wohl vertan. Wie denn? stöhnt die Frau da, ich etwa auch?!! Ja sicher, hab ich gesagt, Sie auch. Wir also das ganze Zeugs wieder rein in den Lift und alles von vorn, mit allen Koffern und scheiß Taschen, eine Etage höher.."
"Und das zum Thema, wie versau ich mir das Trinkgeld vom ZDF", meinte die Gräfin gerade, als beim Hitler das Telefon klingelte.

In Tausenden von Restaurants auf dieser Welt klingelte vermutlich in diesem Moment das Telefon. Und doch war da etwas an diesem Klingeln..

"Spricht jemand englisch?" rief die Tochter von Hitler kurz darauf in die Runde, und da ich im Hotel täglich Gespräche aus dem Ausland entgegennahm, erhob ich mich und marschierte wie selbstverständlich zum Tresen, wo das Telefon angebracht war, obwohl ein weiterer Gast, "hier, ich spreche englisch!", sich gemeldet hatte, doch anstatt einfach zum Telefon zu gehen, hob er den Arm, wie in der Schule, und knipste mit den Fingern.

"Hier. Kannst du mal hören, ich versteh die Bestellung nicht", meinte Hitlers Tochter und reichte den Hörer rüber.
"Hello?" sagte ich.
"Good evening, Sir. Can I talk to room forty-two?"
Erst dachte ich, jemand wollte mich auf den Arm nehmen.
"Ha ha", sagte ich, doch der Gegenüber ließ sich nicht beeindrucken.
"Can I talk to room forty-two?"
"Room.. forty-two?!"

Was zum Henker war da los? Stellte mein Chef jetzt die im Turm-Hotel einlaufenden Gespräche einfach in die Kneipe durch, in der ich gerade zu erreichen war?!
"This is a turkish restaurant here..", sagte ich tief verstört, schliesslich konnte mein Chef unmöglich wissen, dass ich beim Hitler saß, mit der Gräfin.
"Oh..", sagte die Stimme. "I want to talk to Room forty-two."
"Yes. Okay.. What hotel?"
"Ah.. Hotel Esplanada.. Sorry, Sir!"

Bevor ich dem Mann mitteilen konnte, dass er vermutlich die falsche Vorwahl gewählt hatte, nämlich die von Solingen statt von Dortmund, war er schon aus der Leitung geflogen. Ein Hotel Esplanada gab es nämlich in Dortmund. Das wusste ich zufällig.

Als ich zum Tisch zurückkehrte und der Gräfin vom Gespräch erzählte, prustete sie los, dann machten wir unsere Teller leer.
"Puh, bin ich vollgefressen", meinte sie dann, "wie ein spätes Elvis-Konzert."

Erst auf dem Heimweg, bei regnerischem Crrk-Wetter, wo man bei jedem zweiten Schritt auf ein Schneckenhaus trat, crrk! fiel uns ein möglicher Hintergrund ein, was den seltsamen Anruf anging.
"Möglicherweise war room forty-two ein Code, der Kerl hatte Hitler am Apparat erwartet."
Waren wir einer Verschwörung auf der Spur? Waren die Nazis etwa doch in Solingen eingesickert, wie es vom ZDF hartnäckig verbreitet wurde?
"Zufall war das jedenfalls nicht", sagte ich und schaute mich sorgsam um, beim Gehen. "In Deutschland gibt es schließlich nichts, was nicht irgendeine Bedeutung hat."
"Oh doch", lächelte die Gräfin. "Wir."
4.8.07 18:50


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