Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Pepe

1
Kein einziges Foto ist geblieben. Alle 30 Polaroids sind verschwunden. Aufgenommen im Winter 1980, als wir zu viert in diesem kleinen Kaff im Taunus waren, wo die Großmutter vom dicken Bonsen ein Haus besaß.

Das Erdgeschoß war vermietet, aber die Wohnung darüber stand eine Weile leer, also fuhren wir auf ein Wochenende hin, warum denn nicht, es waren Weihnachtsferien, wir hatten einen dicken Brösel auf der Tasche.
Wir, das waren Pepe, Karlos, der dicke Bonsen und ich.

Während das Dorf um uns herum im Schnee versank, blieben wir auf dem Zimmer, in dem ein großer Kamin stand und fütterten uns mit Haschisch.
Der Pot war ein roter Libanese, ein kräftiger, wärmender Stoff, der prima Lach-Flashs zündete.
Wir waren lärmende 19 Jahre alt, aber wir hörten J.J. Cale. Lässige, amerikanische Landmusik, easy come, easy go, anyway the wind blow, nur zwischendurch legten wir einen Funk-Knaller auf und balgten uns wie junge Böcke.

Mitten in der Nacht wagten wir einen Spaziergang über die Felder, doch es tobte ein heftiger Schneesturm, wir kamen kaum voran.
"Wie total fertige Hühner, die scharren und scharren und kein Ei gelegt kriegen!" brüllte Karlos gegen den Wind, und wir machten Köpper in den Schnee und kriegten uns nicht mehr ein vor Vergnügen.

Sonntagmorgen servierte uns die Familie im Erdgeschoß ein Bauernfrühstück. Das war eine reine Gefälligkeit Bonsen's Großmutter gegenüber.
"Ich hab kein Auge zugetan heut Nacht", klagte das Weib.
Der Mann sagte keinen Ton.
Das Dorf hatte uns schon auf dem Kieker.

Nach Speck und Bratkartoffeln stiegen wir wieder hoch aufs Zimmer, der dicke rote Klotz musste weggeraucht werden.
Vorsichtshalber hatte Bonsen gleich nach unserer Ankunft die Ritzen unter der Wohnungstüre mit Tischtüchern abgedichtet, er kannte die Leute aus dem Dorf, ihre Vorurteile gegen "die aus der Stadt", die wir für sie waren.
Hippies, Taugenichtse.
Haschgetüme.

Dabei hatten wir extra einen Kasten Bier mitgebracht, zur Tarnung.
Ausserdem dabei: Bonsen's nagelneue Stereoanlage, jede Menge Platten (hauptsächlich meine) und die Polaroid-Kamera von Pepe.
Die dreissig Fotos machten in den folgenden Jahren die Runde.
"War das an dem Wochenende, an dem es passiert ist?" hiess es, wenn sie durch die Hände gingen, auf irgendeiner Party, in irgendeiner Nacht.

30 Polaroids vom Wochenende im Winter 1980, auf denen Pepe ein letztes Mal zu sehen ist, mit seinem spanischen Hut, doch sie sind verschwunden.
Niemand weiss, wo sie abgeblieben sind.
Sie sind weg.

Für die Gräfin, die Pepe niemals kennengelernt hat, obwohl er noch ein halbes Jahr zu leben hatte, als wir schon zusammen waren, ist Pepe bis heute der Typ geblieben, dessen Hut bei uns hängt.
Sie hat kein Bild von ihm.
Der Hut ist alles, was von Pepe geblieben ist, bis auf ein paar LP'S von Iggy Pop, auf denen sein Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke:
PEPE.

Der Hut aber hängt, wenn man in unsere Wohnung reinkommt, rechts an der Garderobe, an prominenter Stelle: Er springt einem sofort ins Auge.
Der Hut von Pepe.

Das verkiffte Wochenende im Taunus endete mit einem Desaster, was denn sonst.
Zuvor gab es einen explosiven, kurzen Streit zwischen Bonsen auf der einen und Pepe, Karlos und mir auf der anderen Seite.
Einer gegen drei.
Der Anlass war popelig.
Wir hatten keine Lust, vor unserer Abfahrt den Saustall aufzuräumen und stellten uns stur, worauf der dicke Bonsen schliesslich wutentbrannt abdampfte, die WEGA 2000-Anlage unterm Arm.
Blöd nur, dass es sein Wagen war, mit dem wir hergekommen waren.

Nun saßen wir zu dritt im Taunus, am Arsch der Welt, kein Auto, keine Knete, na gut. Würden wir eben trampen müssen, nach Hause.
Pepe, Karlos und ich.
"Zur Not zeig ich meinen Arsch an der Strasse", meinte Pepe. Er hatte einen wunderbar zarten Frauenhintern. Ganz weiß, und geformt wie eine altdeutsche Birne.

Als wir noch Teenies waren, im Haus der Jugend, musste sein Hintern schon mal herhalten, für eine kleine Wichs-Session. Und Pepe war natürlich mit von der Partie. Er beguckte sich seinen geilen Hintern im Spiegel und wichste mit uns anderen Jungs um die Wette. Nur mit dem Kommen hatte er Probleme. So geil fand er seinen Arsch nun doch wieder nicht.

Es war später Sonntag-Nachmittag, als wir aufbrachen, im Taunus.
Bekifft bis zum Kragen bemerkten wir die Blicke der Einheimischen nicht. Wie sie hinter ihren Gardinen standen und uns aus dem Ort hinausbegleiteten.

Übermütig warfen wir mit Schneebällen um uns. Ein Schneeball traf wohl ein Haus. Eine Fensterscheibe. Eine Kellertür. Vielleicht haben wir auch nur zu laut gelacht.
Wer weiß.

Es dauerte nicht mal eine Schrittlänge, und die Haustüre wurde aufgerissen. Da standen ein Vater und seine drei Söhne auf der Matte, mit aufgepumpten Fäusten. Kräftige Kerle, dumm wie Scheisse, gegen drei junge zugerauchte Städter.

Später lagen die Schallplatten im Schnee verstreut, mein Kopf hämmerte wie verrückt, Karlos hatte zwei Finger gebrochen, doch am ärgsten hatte es Pepe erwischt: Sein Gesicht war eingetreten. Die Brille kaputt. Er spuckte Blut.

Auf der Polizeiwache im nächstgrösseren Kaff, ein Fremder hatte uns an der Landstrasse aufgelesen und dort abgesetzt, liess man uns zunächst einfach schmoren und beschimpfte uns als "Drogensüchtige", erst als Pepes Vater spätabends im schweineteuren Mercedes aufkreuzte, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und eine Strafanzeige aufzunehmen.
Die im Sande verlief.
Wir haben nie wieder etwas von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gehört, in dieser Sache.
Pepe jedoch hat an diesem Tag einen Knacks erlitten. Irgendwie war er danach nie wieder derselbe.

2
Sieben Jahre später. 29. Juni 1987.
Karlos saß am Küchentisch, als ich zur Tür reinkam.
Er war fahl im Gesicht.
"Der Pepe ist tot", sagte er.
"Was..?"
"Der Pepe ist tot."

Er sagte nicht, Pepe ist tot, nein, er sagte: DER Pepe ist tot. Als hätte es noch einen anderen Pepe gegeben. Einen, der nicht tot war.
Ich mußte lachen. Ich konnte nicht anders. Es war ein Zerren um den Mund rum.

"Wie.. Pepe ist tot? Wer sagt das?"
"TB hat angerufen."
"Wann?"
"Na, eben. Zehn Minuten.. vor zehn Minuten."

Ich setzte mich an den Küchentisch. Karlos biss sich auf die Lippen, bis sie aussahen als hätten Blutegel daran herumgelutscht.
"Was ist passiert?" fragte ich.
"Überdosis, keine Ahnung. TB weiss auch nichts genaues. Pepe's Freundin hat ihn angerufen. Jedenfalls hat man ihn auf dem Klo gefunden, in irgendeinem Cafe.."
"In München?"
"Ja klar.. Glaub schon."
"Überdosis.. Scheisse..!"
"Ja, aber keine Einstiche", sagte Karlos.
"Wie, keine Einstiche?!"

Das letzte Mal gesehen hatte ich Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms auftauchte, wie aus dem Nichts.
"Ihr Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!?" feixte er mit seinem charmanten Jungengrinsen, dann fielen wir uns in die Arme. Er war mit seiner neuen Freundin aus München gekommen, zum Geburtstag seines Vaters.

Eine halbe Stunde standen wir noch mal im Mumms am Tresen wie in alten Zeiten und quatschten.
Erinnerten uns an den heissen Bee Gees-Sommer 1978, als wir gemeinsam durch Süd-Frankreich getrampt waren, der Cote d'Azur entlang.

In St.Tropez hatten wir es so arg getrieben, mit Lakritzschnaps und Speed und jungen Französinnen, dass wir Stadtverbot bekamen.
Mitten in der Nacht bugsierte uns die Police in einer dieser blauen Wannen zur Stadtgrenze, wo wir mit einem Fußtritt aus dem Wagen entlassen wurden, irgendwo in der Pampa.
Logisch, dass wir, kaum das die Flics hinterm Hügel verschwunden waren, wieder kehrtmachten, in Richtung St. Tropez.

Auf dem Weg nach Südfrankreich waren Pepe und ich über Paris getrampt, wo uns in jeder Bar "Night Fever" und"Stayin' alive" entgegenschallte.
Da wir keine Lust hatten, unsere Kohle für Hotelzimmer rauszuwerfen, übernachteten wir in einem kleinen, in Serpentinen angelegten Park, nahe dem Gare du Nord.

Die Holzbänke waren so knüppelhart, als hätten wir die Nacht im Kochtopf abgesessen. Und dann kam der balayeur und die Sonne ging auf. Der Strassenfeger von Paris. Er pfiff Bee Gees mit einer solchen Inbrunst, wie wir niemals wieder einen Menschen pfeifen gehört haben. Und dazu schwang er den Besen wie in einem Live-Musical. Wir waren so verwirrt und begeistert zugleich, dass wir nach einer Kamera Ausschau hielten.
Wie konnte ein Mensch so glücklich sein, ohne dass eine Kamera ihn aufzeichnete?
Das war der legendäre Strassenfeger von Paris gewesen, und Pepe und ich trugen ihn seither im Herzen.

Eines war merkwürdig, an diesem Nachmittag im Mumms.
Als ich Pepe fragte, wie er es mit dem Kiffen hielte, murmelte er was von "ab und zu einen kleinen Stickie, aber nur wenn die Vorhänge zugezogen sind."

Natürlich hätte mich das stutzig machen müssen. So einen Bohei um einen dämlichen Joint, wenn man eine jahrelange, knallharte Heroinkarriere hinter sich hat?
Selbst wenn man die Bewährungstrafe, die noch offen war, in Betracht zog, so ein ängstliches Verhalten passte nicht zu Pepe.
Es passte sogar hinten und vorne nicht, Pepe war immer ein Draufgänger gewesen, was Drogen betraf, aber im Nachhinein wurde es klar: Entgegen all seiner Beteuerungen hatte er nie mit Heroin aufgehört.

Pepe war ein Jahr im Knast gewesen, und als er auf 2/3 rauskam, servierte ihm sein reicher Dad ein neues Leben auf dem Silbertablett: Er hatte für ihn einen Jeans-Store auf der Leopoldstrasse in München eingerichtet. Den sollte er als Geschäftsführer leiten.
Darunter tat es Pepe's Vater nicht. Ein neues Leben, eine neue Stadt - weg von den alten Kumpels, weg aus diesem Nest.

Pepe fand ein Mädel in München, und die fand einen Monat vor seinem Tod Einwegspritzen bei ihm, zwischen Stapeln frischer Wäsche.
Zur Rede gestellt, wiegelte Pepe natürlich ab, von wegen die Pumpen wären alt, wären von früher, er habe sie nur vergessen wegzuwerfen.

Doch immer öfters tauchten Bimbos im Jeans-Store auf der Leopoldstrasse auf, von denen er Heroin kaufte. Er musste tiefer und tiefer in die Ladenkasse greifen, um die Bimbos bezahlen zu können.
Auch am Tag seines Todes war einer von ihnen im Laden gesehen worden.

In dem Cafe um die Ecke bestellte Pepe einen Kaffee, und verschwand mit dem Löffel auf der Toilette, was aber niemand bemerkte.
Als der Kaffee zwanzig Minuten später immer noch unangetastet auf dem Tresen stand, wurde der Wirt misstrauisch und ging nach dem Rechten schauen.

Auf der Toilette hörte er ein Stöhnen.
Es kam aus einer Kabine.
Die Tür war abgeschlossen, also kletterte der Wirt über die Seitenwand.
Pepe lag gekrümmt vor der Kloschüssel, mit dem Schädel auf den Fliesen. Die Pumpe steckte im Arm.
Er atmete schwer.
Obwohl der Notarzt sofort verständigt wurde, war es zu spät, als er eintraf. Er konnte Pepe nicht mehr zurückholen.
(Dass sein Arm angeblich keine Einstiche aufwies, war Stuss.)

Ich hab mich immer gefragt, was wohl sein letzter Gedanke war, als er, und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, gespürt haben muß, dass er dieses eine Mal den Löffel zu voll gepackt hatte.
Dass dies sein letzter Kick sein sollte.
Ich tipp auf "scheisse".

Pepe war der Erste einer ganzen Reihe von Bekannten, die am Pulver draufgingen, in der einen oder anderen Spielart. Nichts Besonderes im Westeuropa des 20. und 21. Jahrhunderts, ich weiss, ich weiss. Doch etwas war anders. Pepe war mein Freund.
Zum zwanzigsten Todestag, am 29. Juni 2007, hole ich seinen Hut von der Garderobe und setze ihn auf.
Er riecht noch schwach nach Pepe.
2.7.07 14:26


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