Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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HALLELUJAH!

Spaziergänge mit einem Hütehund sind gut gegen Herzinfarkt, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig um das Herz legen und es abfedern.

Lebt man zudem im Bergischen Land, im fiebrigen Wupperdelta, in der Neuen Eisenzeit, wo die Wälder wieder rauschen, dann ist das Herz mehr als gewappnet.

Allerdings sollte man zunächst zurückgehen und den Hund befreien, den man in der Eile des Aufbruchs im Flur vergessen hat.
Der Hund heisst Moll. Der Empfang ist kühl.

*
Manchmal dreh ich nur eine Runde durch den Park am Hippergrund, früher der Botanische Garten der Stadt und durchaus reizvoll für Frau Moll: Die Akazien, das Kapitäns-Gebüsch, all das Dickicht, für einen Hund ist das wie ein Krimi.

Ist mir selbst die Runde durch den Park zu lang, bleibt immer noch ne schnelle Rakete über den Raketenhütchen-Weg, der sich unterhalb des nahen Neubaugebiets durch den Wald schlängelt.

Hier hat Frau Moll schon als emsiger, kleiner Welpe ihren ersten Haufen in die Natur gesetzt ("Guck mal, wie ein Engelchen mit nem Rucksack hintendrauf!" war die Gräfin begeistert von Form und Geruch: "Bäh, der stinkt! Wie kann ein kleiner Hund so stinken!"), und hier hat Frau Moll verblüfft zugesehen, wie ich Raketenhütchen in die Bäume stopfte.

Es begann an Neujahr 2004.
Da wir Silvester nicht groß gefeiert hatten, war ich mit Frau Moll früh unterwegs, die Gräfin schlief noch.
Wie Bartstoppeln guckte die Erde unter der dünnen Schicht Neuschnee hervor, und wo ich auch hintrat, überall lagen Schutzkappen der Feuerwerkskörper herum, die in der Silvesternacht hinter den Hochhäusern explodiert waren, wie bunte Pyramiden aus Plastik.

Ich sammelte ein paar von den Hütchen auf und pfropfte sie auf die Zweige der umstehenden Bäume.
Sah aus wie verrücktes Laub.
Ausgezeichnet.

Wir zogen weiter durch den kahlen Wald, und während Frau Moll wie ein Knallfrosch umhersprang, (noch heute verehrt sie Schnee wie ihren König), sammelte ich anderes Zivilisationszeugs ein:

*eine defekte Märchen-Kassetten von Bibi Blocksberg
*Legosteine
*eine Gabel, der ein Zinken fehlte
*die Tragfläche eines Spielzeugflugzeugs
*ein Karton zerbrochener Badezimmerkacheln
*ein müder Fahrradschlauch
*ein löchriger Spaten
*ein Letzter Gruß.

Dieser Letzte Gruß war von einer gewissen Frauke und Frau König signiert, ein Grabschmuck MIT GROSSEM BEDAUERN, ein bronzefarbenes Stück Stoff:
FÜR DICH IST JETZT IMMER SOMMER.

Abwechselnd schleppte ich den ganzen Mist zum Weg hoch. Da lag er nun vor mir.
Fünfzig Teile, feine Sache.

Mein Blick fiel auf die Schlucht der alten Christbäume. Die Anwohner der Neubausiedlung hatten sie nach dem vorletzten (!) Weihnachtsfest einfach in den Wald geworfen, wo sie seither übereinander gestapelt vor sich hin moderten, kahl, aber was die Zweige anbelangte durchaus noch intakt.

Ich suchte mir einen stabilen Christbaum und kloppte ihn mit dem bröselnden Spaten unterhalb des Weges in den Waldboden, so tief es ging.
Dann füllte ich die Zweige mit den Fundsachen. Wie eine Calzone sah der Christbaum schliesslich aus, eine Installation, die ich in den nächsten Tagen noch ausbaute und vollendete.

Auf einer Länge von dreissig, vierzig Metern war der Weg drapiert wie ein komisches, kleines Heiligtum. Alles, was ich in diesem kleinen Stück Wald gefunden hatte, steckte nun in der alten Tanne und in den umstehenden Bäumen und Sträuchern, die ich nach und nach miteinbezogen hatte in mein Potpourri.

Als Krönung wehte von der Christbaumspitze der Letzte Gruß, wie ein Banner:

FÜR DICH IST JETZT IMMER SOMMER.

Am Sonntag wollte ich die Gräfin überraschen.
"Ich zeig dir was."
Auch Frau Moll war ganz aufgeregt und hüpfte auf ihren krummen Beinen voran.

Als wir in den Raketenhütchen-Weg einbogen, sah ich schon, dass etwas nicht stimmte. Wo zum Teufel war der ganze schräge Glanz hin?!
MEIN SCHÖNER MÜLL?!
Die Raketenhütchen - weg. Vom Christbaum - keine Spur. Nur eine Gabel und ein oder zwei Legosteine lagen noch auf dem Boden.

Mit Hilfe von Frau Moll's Spürnase entdeckten wir den Baum bald, man hatte ihn einfach den Abhang runtergepfeffert.
Ein bisschen von dem Schmuck hing noch im Geäst, der große Rest aber lag weit verstreut im Gelände. Da hatte sich jemand richtig Mühe gegeben.
Wut war erkennbar.
Hass.

Wir benötigten zwei Stunden, um den Pfad in seinen mystischen Zustand zurückzuversetzen, doch von nun an wiederholte sich das Spielchen beinahe täglich.
Wir bauten den Raketenhütchen-Weg auf, der Widersacher räumte alles wieder ab.
"Das nervt!" meinte die Gräfin.

Auch sie hatte mittlerweile jede Menge gefundenen Krimskrams in die Natur eingearbeitet, unter anderem farbige Strippen und Bommel aus einem implodierten Fernseh-Apparat.
Der Raketenhütchen-Weg war zu einem Boulevard des Wohlstand-Mülls angewachsen.
Es flirrte herrlich, ein schattiger Carnival.
Bis zum nächsten Tag.

Wir rätselten, wer hinter der ständigen Zerstörung stecken mochte.
Zunächst hatten wir die Neubau-Kids in Verdacht.
Der Pfad wurde gerne als Abkürzung zur nahen Gesamtschule benutzt, und zum Knutschen und zum Kiffen natürlich.

Doch dann beobachtete ich zufällig drei Schuljungs, die vor dem Christbaum stehen blieben. Als wär's ein Ritual, verneigten sie sich ehrfürchtig vor den flitternden Raketenhütchen und sangen dreimal "Hallelujah!"

"Hallelujah.."
"Hallelujah.."
"Hallelujah.."

Dann zogen sie johlend weiter, ohne dem Baum, den wir fortan Hallelujah-Baum nannten, auch nur eine einzige Bommel gekrümmt zu haben.

Unser Verdacht fiel schließlich auf das Herrchen von Peggy, einer vornehmen Spitz-Dame mit sehr weissen Fell. Das Herrchen, ein Nachbar von uns, den man vorzeitig in Rente geschickt hatte, wusste nichts anzufangen mit den vielen 24 Stunden, die so ein Tag bereithält.

Mehr als einmal hatten wir ihn in der Siedlung dabei beobachtet, wie er das Unkraut zwischen den Gehwegplatten einzeln herauszupfte und die Ritzen anschließend mit Unmengen Sagrotan verfüllte.
Das musste der Zerstörer sein, der keine Experimente im Wald duldet, garantiert. Leider konnten wir ihn nicht überführen, kein einziges Mal haben wir ihn in flagranti erwischt.

Eines Tages schlief die Sache ein.
Es wurde Frühling, ich hatte Dinge zu erledigen, war auf anderen Wegen unterwegs, und so wurde der Raketenhütchen-Weg wieder ein ganz normaler Trampelpfad, auf dem irgendwelcher Müll herum liegt, den niemanden interessiert.

Gelegentlich jedoch, wenn ich mit Frau Moll eine schnelle Rakete absolviere, finden wir ein einsames rotes Plastikhütchen im Laub, oder einen Legostein. Dann stampfe ich auf das Plastik bis es auseinanderkracht, und wir marschieren weiter.
1.5.07 13:58


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