Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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ES IST EIN VIEH IN DEN STRASSEN

Die folgende kleine Geschichte hat sich heute Morgen zugetragen, in den Strassen von Solingen.
Sie ist quasi noch warm.
Würde man sie in der Bäckerei kaufen, die Verkäuferin riefe einem nach: "Aber schön offen lassen, die Brötchentüte, sonst wird sie weich!"
"Was..?"
"Na, die Geschichte!"

*
Halb acht. Das Morgenrot steigt auf die Dächer, als ich mit dem Hund die Abkürzung nehme, über den alten Friedhof.
Vorm Eingang stehen eine Menge Schüler.
"He, Alter!" begrüsst man sich.
"Was geht ab? Stabil?"
"Stabil."

Ich nehme Frau Moll an die Leine. Ansammlungen machen sie grundsätzlich nervös. Und Friedhofsführungen.
Und Jungs, die so aufgeladen sind wie alle Jungs auf der Welt, morgens um diese Uhrzeit.
In hysterischen Wellen prasseln sie aufeinander ein.

"Die hatten früher keine Bananen im Osten!"
"Weiss ich, Alter! Wir mussten denen die Bananen doch rüberschiessen!"
"Rüberschiessen? Wie - rüberschiessen!? Bist du doof?"
"Alter! Klar! Mit dem Bananenbomber haben wir die rübergeschossen!"
"Bananenbomber, pff!"
"Der Deichmann redet nur Scheisse", spottet ein Mädchen. "Obwohl, ist ja kein Wunder.. in den Schuhen."

Ich bin mit Frau Moll schon fast an der Gruppe vorüber, als ich hinter mir eine Mädchenstimme höre:
"Hast du gesehen, der hat aber schöne Augenfarben",
worauf eine andere Stimme pariert:
"Wer? Der Hund?"
Kichern.

Ich keuche die Emilienstrasse hoch. Steiler Anstieg. Ich bin am Schwitzen, oben an der Cronenberger Strasse, wo sich der Berufsverkehr Stosstange an Stosstange bewegt, wie dicke Tiere.
Plötzlich beginnt Frau Moll leise zu knurren.

Im gleichen Moment seh ich, wie sich auf der anderen Strassenseite dieser hochaufgeschossene Kerl über seinen Schlittenhund beugt. Ein Malamut. Ein völlig verzogenes, gefährliches Grönlandmonster. Das hat gerade noch gefehlt. Frau Moll ist ein rotes Tuch für ihn, warum auch immer. Am liebsten würde er jeden Knochen einzeln aus ihr herausbeissen und an sich verfüttern.
Stück für Stück.

Dass sein Besitzer ihn nur mit Maulkorb ausführt, kann zweierlei bedeuten: entweder hat der Hund den Wesenstest nicht bestanden, oder aber er hat schon einmal einen Menschen angefallen, dann geh ich jetzt langsam mal stiften. Einfach den Weg zurück, die Emilienstrasse runter, über den Friedhof, durch den Park am Hippergrund, und dann bin ich auch schon fast zu Hause.

Stattdessen bleib ich wie angewurzelt stehen und beobachte, wie der Besitzer am Hals seines Rüden herumfriemelt. Irgendwas ist mit dem Maulkorb. Vielleicht justiert er ihn gerade, ich kann es von hier aus nicht erkennen.
Na, jetzt reichts.

"Komm", sag ich zu Frau Moll, da seh ich, wie der Malamut in unsere Richtung guckt. Als hätte er Frau Moll gerochen, zwischen den Benzintieren hindurch.
Dann bellt er, ein einziges Mal nur, nicht laut, nur tief, und rennt los. Sein Herrchen, völlig überrascht, erwischt gerade noch die wegschlirrende Leine, gerät dabei ins Stolpern und legt sich der Länge nach hin.

Der Malamut prescht vorwärts und schleift das Herrchen hinter sich her, wie einen Schlitten, mittelschwer beladen, über die Strasse.
Kein Auftrag für ihn.
Dafür sind Malamuts gezüchtet.

Wäre in dem Moment ein Auto gekommen, er hätte Hund und Herrchen platt gemacht. Die folgenden Wagen bremsen ab
und bilden eine Slapstick-Gasse, in der die Polar-Lokomotive sein bäuchlings rutschendes Herrchen langsam über den Asphalt zieht, halber Meter für halber Meter, immer schön Frau Moll und mir entgegen.
"Lass bloss die Leine nicht los", denk ich, "bloss nicht loslassen, Mann.."
Bewegen kann ich mich komischerweise nicht. Ich steh auf verklebtem Gelände.

Gott sei Dank hält das Herrchen die Leine umklammert, kann sie sogar kürzer fassen, bis er Gewalt über den Hund kriegt.
Und irgendwie gelingt es ihm dabei, sich aufzurappeln.
"HÖRST DU WOHL AUF!!" ruft er.
Gute Idee.

Findet der Malamut nicht so. Er bäumt sich auf, ist keine drei Meter mehr entfernt von uns, ich seh seine Augen eisig und die Zähne fletschend..
Wieso zum Teufel seh ich Zähne..?!
WEIL DA KEIN MAULKORB IST VERDAMMT!!
Der Maulkorb, der blitzende Drahtverhau, liegt auf dem Bürgersteig, am anderen Ufer. Ich geh kaputt, Alter! Von wegen stabil! Frau Moll und ich bewegen uns rückwärts den Berg runter, wie labile Roboter, bis wir aus dem Blickfeld der beiden Irren verschwunden sind.

Auf dem Friedhof setz ich mich auf die Bank. Ich dreh mir eine Kippe. Ich zittere. Der Tabak fällt aus der Kippe. Ich rauch trotzdem.
Hätte der Knabe das Monster nicht halten können.. ohne Maulkorb.. Ich stöhne auf und guck in den Himmel. Das Morgenrot hat sich in ein saftiges Orange verwandelt. Mein orangenes Schicksal. Meine Farbe.
Auch Frau Moll hebt zum Dank die Pfote.



*
bin im moment übrigens per e-mail nicht zu erreichen.
das postfach ist abgesoffen. da geht nichts mehr.
rien ne vas email.
1.12.06 12:51


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