Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
NOCH SO EIN HALLELUJAHBAUM

Wir drehen eine frühe Runde durch den Park. Es dampft, als würde die Morgensonne den Staub aus den Büschen klopfen.
Es ist kühl.
"Solingen ist nun mal ein Nest für ältere Herrschaften", zuckt die Gräfin gerade ihre hübsche Schulter, als vor uns dieser Baum auftaucht. Sein Stamm ist nackt, die Rinde liegt verstreut auf der Wiese, in länglichen Streifen, wie Tapetenreste.
"Das gibts doch nicht..!"
Wir bleiben abrupt stehen.
"Die haben den Baum.. GESCHÄLT!! BEI LEBENDIGEM LEIB!"

Auch ich bin sprachlos. Kapier ich nicht. Ich meine, wir sind mit sechzehn nachts durch die Fussgängerzone gezogen und haben Glasvitrinen zerschlagen, um einzelne rote Damenschuhe zu mopsen, wir haben Mülleimer durch die City gekickt bis sie leer waren, wir haben allen möglichen Scheiss gemacht, aber einem Baum die Haut vom Leibe reissen..?
Reichlich dämlich.
"So was gibts nicht mal in Harlem, und da hängt das gelangweilteste Gesocks der Welt rum", erregt sich die Gräfin. "Das gibts nur in diesem verdammten Nest!"

Hm, ich weiss nicht. Sie verschwindet mit dem Hund in eine der hinteren Regionen der Parkanlage. Wie ich sie kenne, bereitet sie etwas vor. Solche Situationen fordern sie geradezu heraus, während ich missmutig auf dem Mäuerchen sitze und eine Kippe rauche.
Zwei.

Warum wir überhaupt so sicher sind, dass es sich bei den Schälern um Jugendliche handelt, und nicht etwa, sagen wir, um einen 40jährigen Pillemann-Nazi, der Bäume haSSt, weil sie, sagen wir, brauner sind als er?
Weil das Gelände um den Cola-Teich herum das Terrain der örtlichen Rotzlöffel ist, deswegen. Hier stopfen sie den rothaarigen kleinen Nachbarsjungen in den Mülleimer, wenn ihnen fad ist, und hier hat sich Frau Moll mehr als einmal eine blutige Pfote geholt, weil sie in die Scherbe einer zerdepperten Pulle Bier getreten ist.

Als die Gräfin wiederkommt, schiebt sie einen Stoß sehr rotes Laub vor sich her, in ihrem aufgespannten Batik-Shirt, wie das Sterntalermädchen, dazu ein paar Tannenzapfen.
"Mit dem Harz von den Zapfen können wir das Laub an den Stamm kleben", leuchtet sie, "damit es der Baum nicht mehr so kalt hat."
Ich seufze.
"Na klar."

Zunächst machen wir uns daran, die armlangen Teile der Rinde um den nackten Baumstamm zu flechten, Stück für Stück, untereinander, und je länger wir damit beschäftigt sind, desto mehr erwacht auch in mir der behandelnde Doktor, selbst wenn es notdürftig aussieht und unendlich naiv ist, ein geradezu kindliches Bedürfnis, etwas zu retten, wo nichts zu retten ist.
Die Gräfin sieht das anders.
"Wenn der Baum spürt, wie gut wir es mit ihm meinen, entwickelt er bestimmt Selbstheilkräfte", hofft sie.

Um die Ecke, am Cola-Teich, den wir so nennen, weil er so zuckerfritzig riecht, seitdem eine Fremd-Ente, wahrscheinlich aus den Sümpfen von Florida, zugereist ist, steht eine majestätische Trauerweide und wacht über unser Tun. Wahrscheinlich hält sie uns für komplett übergeschnappt.
So versuchen wir, nicht nur die Baumrinde sondern auch die pepperoniroten Blätter an den Stamm zu pappen, doch die Tannenzapfen geben nicht genug Harz her, es klebt nicht.
"Die liegen schon zu lange hier rum. Die sind vertrocknet."

Dafür sieht die Rinde richtig schick aus. Wir haben sie in mehreren Lagen um den Stamm gewickelt, in Korkenziehermanier vom Boden bis nach oben, wo der Stamm in die unbeschädigten Äste übergeht.
"Ich versteh die Kids nicht. Wie kann man so einen psychotischen brachialen Mist machen?" kriegt die Gräfin sich nicht ein. "Das ist doch ein junger Baum, in der Blüte seiner Jahre."
"Der ist noch jung?"
"Na ja klar. Vier. Höchstens fünf."
Wir betrachten unser Werk.
Wo vorher helles Fleisch zu sehen war, einer jungen Banane gleich, trägt der Baumstamm nun wieder seinen Mantel, wenn auch quer, und in die entstandenen Zwischenräume stopfen wir das rote Pepperoni-Laub.
Jetzt noch ein zusätzliches Tabak-Opfer, schon sind wir fertig.
"Sieht hawaiianisch aus", meint die Gräfin zufrieden.
"Hallelujah!"
Das bin ich.

Nachdem wir unsere Mitleid-Crisis also tapfer bekämpft haben, schlendern wir unter einem harmonischen Morgenhimmel dem Ausgang entgegen. Die Wolken ziehen als langsamer Treck voran, nicht eine versucht auszuscheren und schneller zu sein.
Wir erinnern uns an den Erdkunde-Unterricht, als uns, unabhängig voneinander, auf verschiedenen Schulen, in verschiedenen Städten, so wunderbare Worte begegnet sind wie: Photo-Synthese.
Blatt-Chlorophyll.
Und Frau Moll macht endlich Pipi.
(Und hustet eine Kastanie aus.)

"Immerhin friert der Baum nicht mehr", beschliesst die Gräfin das Thema.
Eigentlich will ich spontan erwidern: Ganz bestimmt sogar friert der nicht, weil nämlich die Rotzlöffel gleich zurückkehren und den ganzen Zinnober einfach anzünden, doch dieser Himmel ist einfach zu harmonisch.
6.9.06 12:39


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung