Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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BOXER UND WILLI
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Fr?her konnte ich Boxer, ich spreche von den Rassehunden, nicht leiden. Das hat sich ge?ndert. Zum einen hat man ihnen das boxertypische Sabbern gr?sstenteils weggez?chtet, zum anderen haben wir Betti kennengelernt. Die Frau mit den zwei Boxern.

Betti ist in etwa so alt wie wir, sieht aber gut zwanzig Jahre ?lter aus. Damit hat sie keine Probleme, in gewissem Sinne kokettiert sie sogar damit.
"Wenn ich in den Bus einsteige, bieten mir sogar die Ein?ugigen und die Lahmen ihren Platz an."

Betti trinkt. Trifft man sie morgens, riecht sie nach dem ersten Schn?pschen.
Abends dann nach dem letzten.
Auch Kleidung ist ihr schnuppe.
"Was soll ich mich grossartig umziehen, wenn die zwei Sprinkleranlagen hier mich sowieso wieder bew?ssern?"
Iwan und Buddy sind n?mlich noch Boxer vom alten Schlag: sie haben t?chtig Speichelfluss.

Heute treffen die Gr?fin und ich Betti am Nachmittag. Sie hat nur einen ihrer zwei Boxer dabei, den Buddy. Der ist ganz verr?ckt nach Molly, und die beiden machen sich sofort ?bereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-auf-dich-drauf-halt-
du-mal-sch?n-die-Schnauze.

Betti ist wie immer gespr?chig.
"Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich vorgestern erschossen. Im Wohnzimmer."
Wenn man das so h?rt, denkt man ja gleich:
"Unterschlagung?" frag ich.
"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Ausserdem h?tte der Willi das niemals getan."

"Das denkt man immer", entgegne ich. "Weil die immer harmlos aussehen und still das Geld z?hlen in der Ecke, und dann stellt sich doch raus, es war der Buchhalter."
"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gem?tlicher K?lner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."
"Ach, der arme Kerl", sagt die Gr?fin, die ein paar Tage b?se malad war, richtiggehend ?berempfindlich hat sie darniedergelegen, wie die Prinzessin auf der Erbse, nein, schlimmer, wie die Prinzessin auf der DNS einer Erbse.

"Aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund sich zu erschiessen. Der w?r ja wieder gesund geworden."
Betti tr?gt heute ein fliederfarbenes Blouson, komplett zerknittert.
"Und dann noch im Wohnzimmer. Das musste doch nun wirklich nicht sein."

Betti redet immer in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt.
Immer cool.
Sie hat eine knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er sowieso schon so aussieht. Eine praktische Frau.
Die Gr?fin und ich m?gen sie sehr.
Nur eines ist merkw?rdig heute: ich rieche keine Schnapsfahne.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und da liegt ihr Mann im Sessel und hat sich erschossen. Muss das sein? H?tte der nicht in den Wald gehn k?nnen? Oder vor ne Mauer fahren? Einen Unfall vort?uschen, dann h?tte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so..bei Selbstmord.. Wird schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. War ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren, ist nicht ungef?hrlich", werf ich ein. "Wom?glich bleibt er dann querschnittsgel?hmt, dann hat er aber die Kacke am dampfen."
Die Gr?fin pufft mich in die Seite.
"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel ?brig", meint Betti. "Der fuhr einen alten Ford. Das h?tte schon
geklappt. Aber gem?tlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich dann erschiessen, nur weil nichts anst?ndiges im Fernsehen kommt, das muss doch wirklich nicht sein. Oder?!"
2.6.05 11:29


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