Montagfrüh, strömender Regen. Bin mit dem Obus unterwegs und muss am Zentral umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Zentral sucht, oder Central, wird vom Navigationssystem zu einem eher unspektakulären Knotenpunkt zwischen den Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst.
Ich steige aus, um die Fahrtrichtung zu wechseln, dummerweise sind es mehr als hundert Meter zur Haltestelle, hundert Meter im strömenden Regen. Die Böen fallen seitlich ein, kräftige Westgeschäfte, da kann auch der begabteste Regenschirm der Welt nichts reißen. Und doch bleib ich plötzlich stehen. Das lass ich mir nicht entgehen, trotz nasser Beine, dafür bin ich Passant geblieben, Spazierkind, wenn zwei Schritte entfernt das Wasser von der Dachrinne herunterprasselt, ein gebündelter kleiner Zopf, der hart aufs Pflaster schlägt.
Ich drücke mich an der Hauswand entlang bis ich lotgenau unterm Wasserfall bin und das Regenwasser auf den Schirm trommeln höre; vierzig pinkelnde Muskelprotze, die sich kaputtlachen.
Es bleibt keine Zeit. Hinter mir kriecht schon der Oberleitungsbus heran, los jetzt, bei rot über die Ampel, und ich bin nicht der Einzige, in meinem Schlepptau wackelt ein xbeiniges Mütterchen über die Strasse, zwingt den Berufsverkehr zum Mitdenken.
"Wir sind ja schöne Vorbilder", schnauft sie an der Haltestelle.
"Ja natürlich", keuche ich.
Es stellt sich heraus, es war der falsche Bus, er biegt an der Kreuzung rechts ab, Richtung Gräfrath. Umsonst bei Rot und so.
"Hätten wir uns gar nicht so sputen müssen", feixt sie. Ein bißchen ähnelt sie einer Kaulquappe, das kann aber auch an der Witterung liegen. Sie reicht mir gerade bis zur Schulter, trägt Hut und Schal und grüne Loden zum Regenschirm.
"Das wird überhaupt nicht richtig hell heute."
"Wird es seit Tagen nicht", sag ich.
"Ja stimmt", sagt sie. "Seit Tagen schon."
Die Haltestelle liegt keine fünf Schritte vom überwucherten Gelände entfernt, auf dem das Geburtshaus von Pina Bausch gestanden hat. Das baufällige Fachwerkhaus wurde abgerissen gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung, weil niemand wusste, wer Pina Bausch ist. Ein Jahr später war sie tot, und plötzlich wusste das ganze Viertel, wer Pina Bausch gewesen war. Brachgelände jetzt, zu spät fürs Denkmal. Wilder Weizen. Regentag. Kein Zaun.
Hier also holte Pina Bausch als zehnjähriges Mädchen sonntags den Kuchen, am Zentral, im benachbarten Cafe Müller. Immer in Bewegung, immer am tanzen.
"Stellen Sie sich vor, der Regen der letzten Wochen wäre als Schnee runtergekommen", sagt das alte Mütterchen, unterm Schirm geduckt.
"Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken", sag ich.
"Als Kind war ich mal mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hat mein Bruder gesagt, der Schnee liegt hoch, ich buddel dich da nicht mit bloßen Händen raus. Aber was tut die kleine Schwester? Springt aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht richtig sehen, wie hoch der Schnee lag. Wupp, war ich weg. Bis zur Nasenspitze.. Was hab ich geschrieen. Ich dachte, ich ertrinke."
"Und dann hat der große Bruder Sie doch ausgegraben.."
"Ja natürlich. War ja mein großer Bruder. Der war zehn Jahre älter und einen Kopf größer."
"Na, dann musste er das ja auch tun."
"Ja sicher. Da kommt der richtige Bus.."
Sie zieht den Schirm ein und wankt beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich dreh mich kurz um und seh die kleine Pina, wie sie mit einer Papiertüte voll Gebäck über den Bürgersteig tänzelt, auf Zehenspitzen, Von den blauen Bergen kommen wir summend. Ich verzieh mich nach hinten in die letzte Sitzreihe. Der Regen pleestert gegen die Panoramascheiben.
Unterwegs von Ohligs in die Innenstadt, nachmittags halb fünf, Feierabendzeit. Das Konzept, in der Masse unterwegs zu sein, hat sich mir nie eröffnet. Die Großraumabteile im Zug sind brechend voll, die Leute stehen in den Durchgängen, in Halteschlaufen eingeklinkt, weggetreten. Immerhin hab ich mir einen Sitzplatz erdrängeln können, todmüde, Grauwacke im Gesicht. Der Jobcenter-Kurs geht mir an die Substanz. Ist zwar nur zweimal die Woche, ist nicht mal besonders anstrengend, vielleicht gerade deshalb.
Hinter mir das muntere Geplapper einer Frau, ich sitze mit dem Rücken zu ihr. Ich kann sie nicht sehen, da ist nur ihre Stimme, die eine Färbung hat, die mich an irgendwen erinnert.
"Und was ist mir gestern passiert? Ich geh nach Aldi rein ohne Einkaufswagen." Sie spricht mit einem Arbeitskollegen, aber ich schnappe nicht mal die Hälfte auf, es ist zu voll an Bord, zu viele Stimmen, das Rumpeln der Bahnräder, Musik aus Kopfhörern. "Dabei wollt ich fünf Dosen flüssige Margarine kaufen, konnte ich mir nur zwei holen. Mehr hab ich nicht geschafft. Wahnsinn."
Und dann, mitten in den Feierabend rein, ihr jähes Lachen. Ein Lachanfall fast. Laut und freundschaftlich, ein angenehmer Stich ins Herz, frohes Aushusten. Ich sitz da wie hingebeamt, Nahverkehrsbereich, Wabe 450, ganz verstört, weil es genau, ich meine: haargenau! die gleiche Lache ist, wie ich sie im Alter von 15, 16 Jahren gehört habe, als ich mit Cilli zusammen war, Cilli, meine blonde Teeangerliebe.
Cilli hat immer so gelacht. So wundersam japsend, sich voll verausgabend, ein Peitschen, das stets so klang, als stünde sie kurz davor, sich in die Hosen zu machen. Dazu ihr "Wie kannst du nur!?"-Blick aus januarblauen Augen, wenn ich mal wieder für einen Lacher eine Sache auf die Spitze getrieben hatte.
Wie lange hab ich dieses Lachen nicht mehr gehört, wie lange hab ich nicht daran gedacht, dass dieses Lachen mal zu meinem Leben gehörte. Wie mein Herz hopste, wenn Cilli lachte. Und jetzt.. drehe ich mich um. Will wissen, welches Gesicht zu der Lache gehört. Was nicht nötig gewesen wäre. Wir sind Haltepunkt Mitte angekommen, ich steh auf, sie steht auf und verabschiedet sich von ihrem Kollegen, "vielleicht bis morgen, wenn du keinen Gelben einreichst..", ruft sie und lacht schallend auf.
Eine burschikose junge Auszubildende um die zwanzig, blaue Handwerkerklamotten, Zollstock im Hosenbein, glühende Bäckchen vor Erregung, blonde Kurzhaarfrisur. Wir steigen nacheinander aus.
Ein Fatalist glaubt an Fügung. Glaubt daran, dass man sich noch so sehr ins Zeug legen kann, letzlich entscheidet ein Anderer darüber, was mit dir geschieht. Nenne den Anderen, wie du willst. Gott. Schicksal. Falscher Moment, richtiger Moment.
So Gott also will, bist du es, der gerade auf dem Bürgersteig unterwegs ist, als von hinten ein Lastwagen heranrauscht und dich erfasst und entzweireißt, weil der Fahrer die Kontrolle über den Dreißigtonner Diesel verloren hat, oder
eben nicht,
weil du, reiner Zufall, drei Minuten zuvor dort hergegangen bist und gar nichts mitbekommen hast von dem spektakulären Unglück, du hast schon den kleinen Stadtpark erreicht, wo eine Windböe Eckern vom Baum holt, die dich anfliegen wie eine stille Hubschrauberstaffel.
Nein, ein Fatalist läuft dem Schicksal nicht hinterher. Warum auch, es ist ja seins. Wo soll es hin?
Auch wenn wir uns das Leben in der Zivilisation so bequem und komfortabel wie möglich machen, es raubt einem jegliche Kraft, es zehrt uns aus, und die Frage, was ist anstrengender, täglich ein Tier jagen und zur Strecke bringen oder in Mammutdiscountern einkaufen zu müssen, bleibt unbeantwortet.
* Dieses Land ist so verzärtelt, für jeden noch so kleinen Landregen wird im Ersten nach der Tagesschau ein halbstündiges Wetter-Extra aufgelegt, mit bombiger Quote. Und wenn es in der Nacht richtig ins Dach reinkracht, läuft Sissi.
* Heimat bedeutet, die Schleichwege zu kennen, wenn dir die Bullen auf den Fersen sind.
1 Bisschen merkwürdig ist das schon, wenn dir jemand über den Weg läuft, den du das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hast. Erst ist man entsetzt, wie sehr das Alter dieses Gesicht schon zerschlagen hat, aber dann dauert es nicht mal eine halbe Minute und die Schlacke lichtet sich, das Gesicht, das man von früher kennt, schält sich Stück für Stück heraus und wird wieder jung.
Ich begegne der blonden Vera mit der Kleopatra-Nase, so spitz wie im Asterixheft. Hat mir mächtig imponiert früher. War edel und arrogant, immer ein wenig unfreundlich. Wie eine Künstlerin, eben. Schwarze Klamotten, kalte Schulter. Aber sie war keine Künstlerin. Einfach ein Mädel mit einer sehr spitzen Nase und dem festen Willen, sich im Leben zu holen, von dem sie glaubte, dass es ihr zustand.
Jetzt treffe ich sie vorm Kühlregal wieder. "Siehst gut aus", sagt sie, eine Spur zu überrascht. "Du auch", lüge ich. Ihre Nase ist nicht mehr spitz. Sie hat an Spitze verloren. Sie ist total entspitzt.
Ich möchte Hilfe schreien, doch ich sag hallo.
2 Andi Meier, zehn Jahre alt, hatte Pfoten groß wie Pfahlbauten, er war ein Irischer Wolfshund, Schulterhöhe ein Meter zehn. Mit seinem Besitzer, einem dicklichen kleinen Versicherungsagenten, der nie viel Worte machte, sah man Andi Meier täglich seine Runden durch die Parkanlage drehen. Ein schräges Gespann, dieser kleine Mann und sein riesiger, würdevoll einherschreitender Hund, der sich nicht die Bohne um andere Hunde scherte. Die wiederum taten so, als hätten sie es mit einem Buddha zu tun und nicht mit einem Artgenossen. Andi Meier, der einzige Hund, der je einen Nachnamen führte.
3 Menschen begegnen einem, die sind nicht von dieser Welt. Die wirken wie reingeplumpst ins Bild. Als hätte der liebe Gott sein Füllhorn ausgeschüttet, doch am Boden klebte noch etwas Satz von der letzten Ausschüttung.
Nun aber schleunigst raus damit.
Ich inspiziere mit Frau Moll gerade die Korkenzieherbahn, diese hochmodern gefederte Stadttrasse, da sehe ich in einiger Entfernung diesen Typ. Steht da mitten auf dem Weg, Ausgang Eckstrasse, nahe den Bänken, auf denen die Penner sonst auf ihren käsigen Hornbrillen liegend ihren Rausch ausschlafen. Er steht da auf der Trasse und trägt feines Tuch. Ein schwarzes Reise-Sakko. Knitterarm. Das um so edler wirkt, je näher ich komme.
Er spricht in sein Handy, hält in der anderen Hand eine glitzernde Pulle Wodka, Wodka Gorbatschow. Ich erkenne es am Etikett, als ich ihn überhole, ich muss Eckstrasse raus. In kleinen organisierten Schlücken nippt er an der Flasche und trötet so plump und schwerfällig ins Mobiltelefon, als arbeiteten seine Stimmbänder noch mit alten Lochkarten. Mein Schritt verlangsamt sich bis zum Stillstand, so sehr verwirrt mich das Bild.
Es ist nicht mal neun Uhr am Morgen, der Himmel ist grau wie das Fell eines Esels, und da steht dieser exzellent ausrasierte Hunderttausendeuro-Penner im Sakko, so bügelfrei, als hätte er gleich DEN Business-Termin seines Lebens, während ich plötzlich sehr dringend mal groß muss.
4 Ich schaffe es nicht nach Hause. Ich scheisse in den Wald. Ist mir lange nicht passiert, aber wer so früh aus dem Haus geht, mit zwei Riesenbechern Espresso im Hals, der darf sich nicht wundern - ich wundere mich nicht, ich wundere mich viel zu oft. Ich wähle im Wald einen Abhang, damit der Scheißhaufen nach unten wegkullert und mir nicht womöglich noch am Hintern kitzelt. Ich kacke den Abhang runter, und Frau Moll läuft kläffend dem Bällchen nach. Es dampft beim Runterpurzeln.
Man muss nicht unbedingt fünfzig werden, um zu begreifen, dass Geburt und Tod die rigorosesten Dinge sind, die dieses Leben zu bieten hat. Geburt und Tod sind die Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, in der Lebensmitte, wo all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das?
Und: wann knallts?
Am 2. Weihnachtstag 2010, dem Abend vor ihrem Tod, rief sie aus dem Krankenhaus an und hinterliess mit leiser, leicht brüchiger Stimme einige Worte auf unserer Mailbox. "Susanne, sag doch dem Andreas, er möchte mir Tempotaschentücher und Baldrian extra-stark mitbringen.." Die Nachricht beschloss sie, wie üblich, mit einem beschwingten "Enn-de!", als handelte es sich um ein altmodisches Spaßtelegramm, das einem an die Tür gebracht wird.
Und während sie nun den Hörer mühsam in Richtung Telefonapparat bugsierte, um einzuhängen, die Spital-Bettwäsche raschelte, wünschte sie noch ein fernes und sehr leises "..schüss..", und das kleine Wörtchen verschwand in den Schluchten von Zeit und Raum wie ein allerletztes Winken.
Derweil im Hintergrund: das Getuschel der nur wenige Jahre jüngeren Bettnachbarin, die in den Wirtschaftswunderjahren als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet hatte. Vielleicht war Besuch da, vielleicht telefonierte sie ebenfalls. Eine freundliche Person und der letzte Mensch, mit dem Mutter gemeinsam vorm Fernseher gelacht hat.
Montag, der 27. Dezember, beginnt ungemütlich, alles geht schief. Seit Wochen liegt Schnee, nun setzt Regen ein und es beginnt zu tauen. Weil ich zum Doc nach Gräfrath muss, um mein Rezept abzuholen, bin ich früh unterwegs. Ich hab ruckzuck nasse Füße, weil die Boots nicht mehr richtig dicht sind, fluchend verpasse ich den ersten Bus. Ich seh noch seine roten Rücklichter, als er an der nächsten Ampel hält, ein schwerfälliges arrogantes Kastenwesen. Dann gibt es Gas.
Weil ich keine Lust habe, zwanzig Minuten in der Nässe rumzulungern, bis der nächste Bus kommt, laufe ich die Felder Strasse hoch, zur nächsten Haltestelle. Und dann stehe ich da und warte. Vertrete mir die Beine, von einem Fuß auf den anderen stippelnd, zwanzig, dreissig Minuten geht das so, doch da kommt kein Linienbus. Ein Lastwagen habe sich oben in Meigen quergestellt, höre ich endlich. Der Bus kommt nicht durch. Ich könnte kotzen, so verärgert bin ich. Anstatt direkt zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein und die 683 Richtung Vohwinkel/Gräfrath bestiegen zu haben, warte ich eine Dreiviertelstunde auf einen Bus, der nicht durchkommt, und hole mir nasse Füße. Nasse Füße sind große Scheiße.
Gegen halb elf bin ich zurück aus Gräfrath. Ich kaufe in der Innenstadt Mandelsemmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Discounter auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten. Als ich den Kannenhof runtegehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf und ich hab keine Ahnung, dass meine Mutter zehn Kilometer entfernt im Stadtteil Ohligs mit dem Tode ringt.
In der Lukas-Klinik erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Sie liegt im Bett, läuft blau an, röchelt, verliert das Bewusstsein. Weil Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller kann keine erste Hilfe sein. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie, laut Auskunft der Ärztin, ein weiterer "Rieseninfarkt" ereilt. "Ihre Mutter hat uns keine Chance mehr gegeben. Sie ist uns unter den Händen weggestorben."
Zur gleichen Zeit gehe ich den Kannenhof runter, der immer noch nicht von Schnee geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar, aber am Kannenhof ist es besonders eng. Die Beifahrertür des Wagens steht weit offen und ragt auf den Bürgersteig, ohne dass es der Fahrer im Wagen bemerken würde, er ist mit dem Handschuhfach beschäftigt.
Ich schlängele mich seitlich am Wagen vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke an der oberen Kante der Türe hängen. Noch erhitzt vom Einkaufen hab ich den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, es ist, als präsentierte ich mein Herz, ich bin groß und geöffnet wie ein Zelt, für diesen winzigen Augenblick.
Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denke ich so für mich, "Ja, was war das denn jetzt? Das ist mir ja noch noch nie passiert, in fünfzig Jahren Bürgersteig nicht", und lächle den Fahrer blöde an, der seinen Fauxpas mittlerweile bemerkt hat und entschuldigend nickt. In diesem Moment, so kann ich später rekapitulieren, ist Mutter gegangen.
1. Januar 2011
Nebliger Morgen, schmutziger Schnee, abgeschossene Sternenkracher und Turbowirbel. Ich hab Silvester kaum registriert. Irgendein Lärm. Mutter ist fünf Tage tot.
"Warum will Opa nicht allein bleiben?" fragen seine beiden kleinen Söhne meinen Bruder.
Ich bewege mich durch die Tage wie eine Drohne, die sich jedem Radar entzieht, ich bin wie vom Schirm genommen. Sanne ist nicht viel weniger neben der Kappe. Wir schreiben den Vornamen meiner Mutter in mannshohen Buchstaben in den Schnee. Wir malen ein großen Herz. Wir sind traurige Kinder. (Unser innerstes Band: wir mögen es beide nicht, dass Dinge im Leben vorbeigehen.)
Vom ersten Moment an war Mutter der Meinung, Sanne sei die richtige Frau für mich, ich solle sie mir bloß nicht durch die Lappen gehen lassen. Und Sanne mochte meine Mutter, diese rätselhafte stolze Frau, die es gerne schlicht hatte. In den letzten Jahren schlief sie alleine im Ehebett, weil mein Vater so laut schnarchte. Das Schlafzimmer strahlte mit seinem weissen Einbaumobiliar, das 1969 der letzte Schrei war, ein INTERLÜBKE-Schlafzimmer, eine Nüchternheit aus, die mich sprachlos machte, wenn ich es betrat oder auch nur einen Blick hinein warf.
Wäre Mutter nicht in der Klinik gestorben, dieses weisse Schlafzimmer wäre ihre ständige Residenz geworden, sie wäre da nicht mehr rausgekommen, da sind wir uns alle einig. Mit ihren nicht mal achtundvierzig Kilogramm Lebendgewicht wäre sie zu schwach gewesen, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie wäre ein Pflegefall geworden. Hätte sie doch einmal einige Schritte gemacht, wäre stets die Gefahr eines nächsten Sturzes gewesen, jeder Sturz ein potentieller Knochenbruch.
Die Kraft ihres Geistes, ihre Schwäche. Ich kenne niemanden, der so jäh abstürzen, so haltlos, so in sich verloren sein konnte wie Mutter. "Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll", sagte sie dann in diesem weinerlichen Ton, vermengt mit der Panik, was da noch alles kommen möge. Es dauerte oft ein oder zwei Wochen, bis sie sich wieder gefangen hatte, bis sie wieder lachen konnte, und die Schmerzen im Unterbauch, dem Sitz der Seele, endlich nachliessen.
Sie hatte jederzeit ein waches umherflitzendes Auge, mit dem sie Dinge wahrnahm, die anderen Menschen verborgen blieben. Manchmal auch ganz profane Dinge. So war ihr während eines Friedhofbesuchs aufgefallen, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, im Nachnamen. Ein Blick nur hatte genügt, um festzustellen, dass da etwas nicht stimmte. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch den Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon einige Monate stand. Daraufhin musste der Steinmetz auf eigene Kosten den Stein komplett neu behauen.
Nachts schaue ich einen Spielfilm. "Jeder hat eine Mutter", sagt der Darsteller. "Ich nicht", murmle ich in Richtung Fernsehapparat.
3. Januar 2011
Heut Nachmittag besucht der Pfarrer meinen Vater, wir Geschwister kommen auch. Im Gespräch möchte er, so seine telefonische Ankündigung, Mutter näherkommen, um die Trauerrede halten zu können. Einige Worte nur, sagt er.
Auf dem Fußweg zur Schillerstrasse geistert diese Frage durch meinen Kopf: Wer war meine Mutter? Was soll ich dem Pfarrer darauf antworten? Mir fällt nichts dazu ein. Ich bin voll mit Tränen, aber unfähig zu sagen, wer meine Mutter gewesen ist.
Als ich später mit meiner Schwester darüber rede, blickt sie mich an und meint, dass sie auf dem Weg zur Schillerstrasse dieselbe Frage umgetrieben hat. Und dass auch sie keine wirkliche Antwort fand.
"Wenn du Zugriff auf meine Synapsen hättest, müsstest du nicht andauernd stehenbleiben und notieren, was ich gesagt habe. Das wäre bequemer, für alle Beteiligten."
* "Ich hab in meinem Leben so viele Filme gesehen. Zu viele Filme. Kein Wunder, dass ich dauernd vom Leben enttäuscht bin."
* "Zuweilen hab ich zu weinen."
- Die Gräfin (alle) -
* Eigentlich wollte ich mir über die Festtage einen schönen Sherifffilm ansehen, in Cinemascope: "Was wir in Rio City brauchen, ist eine starke Hand, Ma'am", aber er kam nicht.
* Im Januar blogge ich seit 7 Jahren. Ich existiere in 7-Jahres-Blöcken. Alle sieben Jahre beginnt eine neue Ära. Also so ungefähr. Mal sind es 6, mal auch 8. Aber im Schnitt: Sieben. Bei der Gräfin sind es vier.
"Da kannst du ein Ei drauf lassen, alle 4 Jahre muss was Neues her. Ich habe Luft für vier Jahre."
* "Falls jemand anruft: Ich bin wieder in der Pubertät."
- Sie -
* Gerade 18 geworden und den Führerschein bestanden, kaufte sie sich einen alten Mercedes, beigefarben. Auf dem Rücksitz lag immer ein Kopfkissen und eine Gitarre.
* Manchmal hab ich einfach keine Lust aufs Schutzgebiet, besonders jetzt im Winter, wo die Bäume kahl sind und der Wald sein Geheimnis verliert, da drehe ich mit dem Hund lieber ein oder zwei Runden durch den Park.
Oder wir überqueren die Strasse und gehen ins kleine Industriegebiet am Gleisdreieck, wo es ein schönes Brachgelände gibt, auf dem Frau Moll und ich ein Spielchen ausgeheckt haben, auf das sie ganz versessen ist.
Ein einfaches Suchspiel. Ich nehme ein Steinchen in die Hand, etwa so groß wie eine Walnuß, und spucke drauf. Weil der Hund weiss, was jetzt kommt, ist er kaum zu bändigen. Er kläfft in hohen Tönen und macht Männchen wie ein Huskie, der es kaum abwarten kann, bis die Expedition startet. "HEPP!" Ich pfeffere den Stein, lecker eingespeichelt mit des Herrchens Mundwasser, über die Sträucher, über die Wiese.
"Such!"
Das kann man mit dem Hund eine dreiviertel Stunde lang machen, immer und immer wieder, ohne dass er die Lust verliert, bis irgendwann seine Konzentration nachlässt, die Nase stumpf wird. Frau Moll wäre ein perfekter Rauschgifthund, hätte ich sie nicht auf Steinchen gedrillt, sondern auf Heroin in grenznahen Unterhöschen.
Gleich neben dem Brachgelände, das intern nur Die Steinchenwiese heisst, liegt das Finanzamt für Konzernbetriebsprüfung Bergisches Land. Nach Feierabend streife ich die Fensterreihe im Erdgeschoss ab. In den meisten Büroräumen lässt sich problemlos ein Blick auf die Schreibtische werfen.
Da sind die EILT!-Kladden, die auf dem Umschlag vom jeweiligen Sachbearbeiter gegengezeichnet werden müssen, beim Umlauf durchs Haus. Da liegen Steuerbescheide, gegen die Einspruch erhoben wurde und die nun neu bearbeitet werden müssen. Alles schön säuberlich zu lesen, auch die Anschriften. Es ist dunkel, der Wind pfeift um die Ecken. Die Stadt ist still. Mutter ist seit einem Jahr tot.
Niemand wusste, was Pottleck bedeuten soll, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da, fertig, aus - Pottleck.
Nachmittags trafen wir uns zum Fußballspielen unten im Klauberg auf dem staubigen Sandplatz, der in den 30er Jahren den Nazis als Terrain für Militärpferde gedient hatte. Mit den Rängen aus grün bepflanzten Erdhügeln, die den Platz zu den Seiten hin abschirmten, wirkte es wie ein kleines Natur-Stadion, und da sich schnell herumgesprochen hatte, dass am Klauberg eine Menge Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum.
Da war etwa dieser knorrige kleine Pole, der bei jedem Wetter da war, um seinen Bub anzufeuern, der verdammt lang war für sein Alter, aber keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und meist stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. (Der Vater.) (Der Sohn auch.)
Bevor es losging, mussten die Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer jedoch von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte, (was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart), das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.
Pot-Leg.
Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten aufeinander zu, straight wie ein Mariachi-Bass, abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend. Erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, usw. Gewonnen hatte, wer als letzter noch einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren.
Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst um halb zehn dämmerte und über den Tag verteilt mehrfach gewählt werden musste, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt. Wenn abzusehen war, dass der Platz zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr ausreichte, winkelte man den Fuß eben an und setzte ihn schräg auf. Damit blieben in der Regel auch noch für den Gegner zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben senkrecht in den Staub gedrückt.
"Ballett-Tänzer!" musste der Sieger eines solch knappen Duells in der Mittagssonne eventuell über sich ergehen lassen, aus dem Hals zwanzig wütender Frührentner, deren Söhne ins Team der Luschen gewählt worden waren, aber gewonnen war gewonnen - wen juckten da Hohnrufe.
Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung.
* Jeder kennt es, diese in unregelmäßigen Abständen auftauchenden Szenen aus der Kindheit, die keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: aha, und was soll das bitteschön? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!? Wieso gerade dieses Bild?
Bei mir ist es folgende Szenerie, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt: 1972. Ich komme von der Schule heim und freu mich auf Fußball im Fernsehen, das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.
So sehr ich Bayern München heute nicht leiden mag, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, (wenn auch komisches), Bulle Roth, und sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest seine hochrote Birne. Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld zog, um den anderen Bauernfressen seiner Mannschaft den Weg frei zu hauen.
Irgendwie fand ich Bayern nie gut.
Fußball im TV war damals was besonderes. Es gab ja nicht viel. Wir hatten ja nichts. Samstags die Sportschau um sechs und abends um zehn das Aktuelle Sportstudio, ab und an ein Länderspiel, und eben den Europa-Cup.
Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber jetzt kommt's: Darum gehts gar nicht! Die Szene, die periodisch in mir hochkocht, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Spiel ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich auch nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte:
Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer. Man hört Möwengeschrei, sonst nichts. Das Meer, der Hafenkai, der Junge. Genau dieses Bild. Ich sehe es alle paar Monate. Und jetzt komme mir bitte niemand mit so naheliegendem Psycho-Kram à la: Dieser einsame Junge, das bist doch du! Und das viele Wasser am Horizont!
"Meine Kommunion war klasse", erzählt sie. "Haben wir in der Mahnerts Mühle gefeiert, zwischen Erkrath und Haan. Da bin ich nie wieder gewesen. Da sind heute Griechen drin. Ich hab die halbe Zeit die Musikbox gefüttert, mit Markstücken. Immer fünf Songs. Ich weiss gar nicht mehr.. Elvis war drin, Viva Las Vegas, die Nummer, die so schnell ist, als wäre sie in einen Windkanal geraten und trotzdem ist jedes Instrument an seinem Platz.. Und Mandy von Barry Manilow, klar, Mandy. Da hab ich mit meiner kleinen Schwester Blues getanzt, aber die wusste gar nicht, was los ist. Was die ganze Fummelei soll, das Schäkern. Und dann dieser deutsche Schmuseheinz mit den Locken, wie hiess der noch.. na.. Mamy Blue hat der gesungen.."
"Ricky Shayne", sag ich. Der Schwarm meiner grossen Schwester.
"Ja, genau, Ricky Shayne, männlich und trotzdem weich irgendwie. Der hat doch immer Peace mit drei Fingern gemacht."
"Wie, Peace mit drei Fingern?"
"Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht."
"Ist wahr?"
"Ja, hab ich mal gesehen, ein Foto."
"Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?"
Sie stöhnt. "Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace."
"Ha. Dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne."
Wobei, Peace mit drei Fingern, das muss man erstmal hinkriegen, als Schmuseheinz. Als Goldlöckchen. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie ein Herzmuskel. Hier.