Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Zeit zum Schreiben

 

 

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

"Wie siehts aus, Hank?!"

"Stabil", rief ich.

"Vernünftig!"

Sie hielten mich für Bukowski - was ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der Herz und Humor hatte und großartige Stories über sein Leben in Los Angeles schrieb, während ich nur großartig trank - wenn überhaupt. Nein, Bukowski war ein verdammtes Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich

Na, Hauptsache stabil.

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers unter die Erde kommen sollte. Mit seiner schweren Maschine, einer 1000er Kawasaki, hatte der Bursche eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geknallt. Angeblich war er fünfzig Meter weit geflogen. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste. Die Laboranten wollten das Ergebnis einfach nicht glauben, und sie fürchteten, es würde vor Gericht nicht standhalten. "Mit so viel Koks im Blut hätte der Bursche doch fliegen müssen!"

Nun ja.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte "Momentchen..", und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. "Für dich", flüsterte Karlos und machte sich auf die Socken, in Richtung Friedhof. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, da machten sie richtig Schotter, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte.

Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo. Nicht mal das Thema war bekannt.

"Herr Glumm..?"

"Ja", sagte ich und starrte in den Hinterhof.

"Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, der Herr! Na, ausgeschlafen?"

Bevor ich etwas erwidern konnte, rückte der Sachbearbeiter, den ich von mehreren Einladungen kannte, "Bitte kommen Sie in das kommunale Jobcenter. Ich möchte mit Ihnen über Ihre berufliche Situation sprechen", schon mit der unangenehmen Sprache heraus: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate, bei Obi in Ohligs.

"Bei.. OBI!?"

"Was dagegen? Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Und da habe ich doch gleich an Sie gedacht. Was sagen Sie dazu, Herr Glumm?"

Ja, was sagt man dazu. Eisenwarenabteilung. Bei Obi. Einen Moment glaubte ich, Buntenbach wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen - im Gegenteil. Der will einen loswerden. Raus aus der Statistik. Raus aus dem Bettchen, runter vom Arm.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig war ich in der Blüte meiner Jahre, wie man so sagt. Der Supervogel Jugend kreiste mit mächtigen Schwingen über mir, ich war voller Spannkraft und Schwellkörpern. Selbst wer mit 25 nichts anderes tut, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, dem wachsen noch Matratzenmuskeln, von ganz allein. Vom bloßen Faulenzen.

Ich war wirklich ein fauler Hund.

Dennoch - in meinem ganz speziellen Fall blieb ich bei meiner Auffassung, dass die Gesellschaft eine Ausnahme machen sollte. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit, um mich zu entwickeln, viel Zeit. Sehr viel Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die richtigen, die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen hungrigen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich am nächsten Tag von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir etwas besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo ich da noch eine geregelte Arbeit unterbringen sollte. Ohne Flachs. Vielleicht zwischen halb eins und eins? Gut, aber da war Mittagspause. Nein. Es machte keinen Sinn.

Dem Faktor Zeit war nicht beizukommen, es sei denn, man gewährte ihn.

Aber sie ließen nicht locker, die Damen und Herren vom Arbeitsamt. Alle paar Wochen kamen sie mit dem nächsten Jobangebot, mit dem nächsten perfiden Bewerbungstraining um die Ecke. Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich? Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, um meine Karriere als Autor zu verhindern. Man duldete keine angehende Berühmtheit bei Empfängern von Lohnersatzleistungen. Sie sahen in mir einen künftigen Maschinenarbeiter, einen Mann im Kittel im Baumarkt, und keinen am Schreibstift.

"Ihr Ansprechpartner ist Filialleiter.. äh.. Moment.. das ist der Herr Hafner.."

Ausgerechnet im Baumarkt. Das hatte noch gefehlt. Wenn ich von irgendetwas keinen blassen Schimmer hatte, dann von Männern, die in ihrer Freizeit Fliegengitter zusammenzimmerten und darüber mit dem Nachbarn fachsimpelten. Die ihre Seele zum Hobbyraum erklärten und zwischen offenen Lacktöpfen James Last flöteten.

Ich saß am Küchentisch, wie angeschossen, und lotete die Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens eine Weile hinauszuzögern, doch mir fiel kein Grund dafür ein, der Sinn gemacht hätte. Eine Allergie gegen das Heimwerkertum war nicht bekannt. Sie hatten mich am Arsch gekriegt.

Weil ich die Dinge, wenn ich sie schon nicht verhindern konnte, wenigstens so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, rief ich noch am gleichen Nachmittag den Filialleiter an und wir machten einen Termin für das Vorstellungsgespräch. Als ich Karlos und den Anderen vom drohenden Engagement im Baumarkt erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm in der Eisenwarenabteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, und das mit seinen zwei linken Händen: ein gefundenes Fressen.

"Der Glumm hat gar keine zwei linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!"

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich im Obi in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, "aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!", und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze Denunziantengesicht.

"Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!"

Er schlug vor, zweimal die Woche als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich doch nur auf dem Klo hockte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack. Es war ein Elend, jetzt schon, und dabei hatte es noch gar nicht begonnen.

 

 



©

10. Januar 1987, halb zehn

 

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte NRW-Literat saß im Obus nach Ohligs, im Schädel die Bierhefe vom Vorabend. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos am Morgen das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern, und zwar so lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Daunenkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und neuesten Träumen nachging.

Die Obi-Filiale in Ohligs, ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, stand an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte meine letzte Kippe und schaute mir das kommende Schlamassel durch die Panoramafenster an. Dann raffte ich mich auf, und betrat die Hölle.

Es fühlte sich an wie im Stadion, eine halbe Stunde vor Anpfiff. Grelles Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstverkauf. Amateur-Oberliga. Wie zum Warmmachen schoben Kunden halbleere Einkaufswagen durch die Gänge. Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum. Aus dem Fumu-Gedudel schälte sich You make me shiver heraus, ein grausames Stück Teppichbodensoul von George Benson.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter saß um einen großen Tisch herum und gaffte erschöpft in die Pappbecher. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

"Hallo..", lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel übereinander, frisch gewaschen und gebügelt nach meinem armen Leib trachtend. You make me shi-waa.., hörte ich George Benson, und es klang, als machte er sich lustig.

"Ich such den Filialleiter", sagte ich.

"Im Büro", meinte die Blondine knapp.

"Ja schon. Aber wo ist das Büro?"

"Na, hinter dir. Wo sonst. Brauchst dich bloß umdrehen."

Ach so. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Haus und in Flammen standen. Die Gräfin meinte Jahre später, um mein Interesse zu wecken müsse man um die Sachen nur einen rechteckigen TV-Bildschirm ziehen.

Personalbüro Hr. Haffner.

Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor. Glumm, Andreas Glumm.

"Ach, Sie sind das Vorstellungsgespräch."

Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ, schien soweit ganz in Ordnung zu sein. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen vor Aufmerksamkeit. Er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre eigenen Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann hieß es bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ganzen Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Als ABM-Kraft. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären. Ausser, dass ich eine billige, vom Job-Center finanzierte Arbeitskraft war. Doch was nutzte das?

"Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null", spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände beim Gespräch kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

"Das macht nichts, das lernen Sie schon noch."

"Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid.."

"Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema."

"Kein Thema.. Hm. Und wenn partout kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?"

"Na dann.. verweisen Sie den Kunden eben an den übernächsten."

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über der Stuhllehne baumeln wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mich selbst schon wie der größte Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens fühlte, eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

"Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?"

"Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!"

Na schön. Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match ansteht, das es zu gewinnen gilt. Nach der Niederlage ist vor dem Sieg. Es müffelte schon leicht nach Lorbeer. Da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, galt es nun so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

"Ich brauche Zeit zum Schreiben", sagte ich.

"Was denn, was denn..? Sie müssen.. noch schreiben lernen!?"

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, klärte ich ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Der neue Bukowski.

"Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant."

"Na ja.. Short Stories."

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Ein Gehältchen. Da war nur noch eines.

"Sagen Sie, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?"

"Woanders? Wo denn? Welche Abteilung?" Hafner sah mich gespannt an. "Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?"

Wir blieben bei Eisenwaren.

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass mein Arbeitsvermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie vor kurzem mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen - das Baby wog hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

"Das wird immer schlimmer", krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie redete, doch da ausser mir niemand anwesend war ging ich davon aus, dass sie mich meinte.

"Früher durfte man hier so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, alles kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein, der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?" Sie stampfte mit dem Bein auf, dass der Ständer mit den ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt  einen Satz machte. ".. dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir hinterher den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?"

Die Scharniere des Stuhls jammerten und begehrten auf, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde noch lauter, beinah schrie sie mich jetzt an.

"Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?" Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. "WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!"

Ich war heilfroh, als über dem Zimmer meines Sachbearbeiters das grüne Licht anging. Er war aus der Pause zurück. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine blasse "32" eingetragen hatte.

"Wieso nur zweiunddreißig Stunden?"

"Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können", log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik raus. Volle sechs Monate lang. Dafür hatte man Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

"So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen", sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und mit der Feierei war es auch nicht mehr weit her. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich war 25 und hatte keinen Plan, keine Idee, und es interessierte auch keinen. Mich selbst am allerwenigsten. Vielleicht sollte man wieder Löwen ansiedeln in Deutschland, dachte ich, Freßfeinde in Köln, Elefanten, Alphamännchen, alles. Dinosaurier in Düsseldorf. Uns fehlte die elementare Angst. Das Ur-Interesse am Zusammenhalt mit den Anderen, damit wr gemeinsam überleben konnten.

"Bitte..?"

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider, und wiederholte sich.

"Sagen Sie.., die verrückte Alte, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?"

 

©

 1. Februar, morgens, halb neun

 

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Die Zahl der Busfahrer wuchs, denen das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen derartiges Vergnügen bereitete, dass sie daraus einen internen kleinen Wettbewerb kreierten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Zigarette an und rauchte sie so gierig runter, dass ich mir fast den Zeigefinger ansengte. Der erste Tag, und ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, doch es war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin blickte mich an.

"Na halloo..", flötete sie erstaunt.

"Morgen", sagte ich.

".. hat er sich Brötchen mitgebracht!"

Wie niedlich.

"Das ist ein Schinken-Baguette", stellte ich gleich mal richtig.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

"Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee." Eisenherz erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie sie es da reingeschafft hatte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Aber vielleicht lag die Sache anders und sie war seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Stretch Jeans reingewachsen, ohne sie seither auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben. Es gab Möglichkeiten, doch sie waren limitiert und hauten bei näherer Betrachtung allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios.

"Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise.." Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten. "Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts."

"Danke. Schon okay."

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, makellose sanfte Wellen, die unsere Füße und Öhrchen umspülten. Gehältchen. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber ahnt, dass man sich schon bald nah kommen wird, so nah wie unter Kollegen üblich.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. OH MEIN GOTT. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo Kollegin A. oder Kollege Z. das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, es war der Untergang der Zivilisation.

"Nutella", grinste sie. "Gibt Muckis."

(Ich versuchte ein Lächeln.)

"Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Da stand, dass du ein Schriftsteller bist. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt in Solingen. Was schreibst du denn? So richtig Romane?"

Das Schwarz-Weiß-Foto war kurz vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues rausgehauen, vor Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, älter, nicht so.., nicht so.. Glumm.

"Nee, Romane nicht.." Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. "Geschichten."

"Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?"

"Nee.. aus meinem Leben."

"Aus deinem Leben?" Sie glotzte mich an. "Ist das denn so spannend?"

"Eigentlich nicht."

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Es war kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher eine Art mausartiges Knabbern. Und dennoch - mir schwante bereits, dass ich auf Dauer nicht mit ihr klarkommen würde. Sie erwartete eindeutig zu viel. Solche Charaktere roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betrifft, erwartet man besser nichts. Am besten gar nichts. Erst dann kann ich allmählich Fahrt aufnehmen und kommen. Vielleicht. Oder eben nicht.

"Veröffentlichst du richtig Bücher?"

Ein Schriftsteller.. veröffentlicht Bücher. Welche Feststellung ist demütigender für einen Autor ohne Buch. In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, "nein, ich schreib in also mehr ja so Stadtmagazinen", doch es juckte sie ohnehin nicht. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt. Wichtiger war etwas anderes.

"Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet.."

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott, milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, eine Einladung zum Küssen fast, (nur geküsste Frauen haben heiße Gesichter kam mir in den Sinn), aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit zweiter, dritter Ebene zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen gradlinigen Hintern, in famos knackiger Vollendung. Diesen Arsch musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, als er im Paradies die Blue Jeans ersann und was sich damit alles einpacken ließe.

"Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst", meinte sie. "Ich wohne auf der Baumstrasse. Wenn du willst kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst."

"Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke."

"Eben. Gut, ne?"

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie in unserem Viertel gesehen hatte. Vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man sehr selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Zimmer wohnten.

"Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?"

"Stimmt", sagte ich.

"Warum nicht?"

"Was, warum nicht?"

"Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto."

Ich zuckte mit den Schultern. "Nur so."

Alle Frauen gehen shoppen, alle Männr fahren Auto. Bist du kein Mann? Bist du keine Frau? Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, der zu entfliehen versuchte, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz zu sitzen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, morgens war mir jedes Gewäsch unerträglich.

"Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..", hörte ich mich dennoch sagen, zur eigenen Verblüffung.

"Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich."

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

"Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?"

"Drei."

"Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?"

"Vier Tage."

"Nanu? Nur vier? Na gut, das macht dann.. vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Dafür kannst du dir ja Bücher kaufen! Ha ha!"

Lustig. Ja. Schriftsteller schreiben Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, immer wieder, zur Abhärtung. Sie schaute zur Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, so unauffällig und wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Universums. Aber ich wusste es besser.

"So, dann wollen wir mal.."

"Und du? Ich mein, seit wann arbeitest du hier?" versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

"Seit vier Jahren. Ist ganz okay hier, es lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber die findest du überall."

"Vielleicht bin ich auch ein Arschloch."

"Ja, vielleicht." Sie lachte. "Ich bin die Gabi."

"Ich der Glumm."

"Weiß ich doch."

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, wann sie mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Er zeigte sich ebenfalls von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder irgendwo auf.

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, also könne ich endlich den Kittel anziehen. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur eine Weile normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich mit Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Moment schief. Vom ersten Moment an, wo ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute erst den ersten Tag hier, Sie wenden sich besser an meine Kollegen.

Oh, sagten die Leute, natürlich, ist ja klar, wenn das Ihr erster Tag ist, können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie mal gut sein, junger Mann. Dankeschön.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Er hatte einen seltsamen Gang vom vielen Fußballspielen in der Jugend. Ein steifes Becken, mit dem er durch den Laden schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Mit seinem Fußballerbecken baute er sich vor mir im Gang auf.

"Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!"

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

"Tut mir leid, der Herr", sagte ich, "aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich bin heute erst den vierundsechzigsten Tag hier.."

"Ach so! Das ist erst Ihr vierundsechzigster Tag heute! Nee, das ist klar, junger Mann!! Da können Sie natürlich nicht wissen, wo die Kasse ist!"

Nach drei Monaten wurde der Vertrag einvernehmlich aufgehoben, und ich zog mich an den Schreibtisch zurück.

 
25.2.15 10:34


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