Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Eine Hürriyet, Meister!

 

 

Samstagmittag bei Mustafa.

So winzig und bis unter die Decke mit orientalischem Nippes vollgestopft war sein Kiosk, dass sich der bullige kleine Türke lieber draußen auf dem Trottoir aufhielt und auf Kundschaft wartete, als drinnnen zu ersticken.

Es war ein bisschen wie in Paris oder auf St. Pauli, wo Passanten von Koberern für Sex-Shows animiert werden, nur dass Mustafa selbst draußen an der Front war und süß-saure Schnüre feilbot, türkische Gazetten und Rauchwaren.

Während ich meinen Tabak kaufte, blieb die Gräfin vorm Laden stehen, sie wartete. Kam ein schmächtiges Kerlchen daher. Mitte Fünfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase.

“Mensch, dahinten kommt meine Ex. Und das am Samstagmorgen.”

“Ach, du Scheisse”, pflichtete die Gräfin ihm bei.

“Obwohl, na ja, ist nicht meine Ex. Also schon meine Ex, aber nicht meine erste. Das ist meine zweite Ex.”

“Na, dann gehts ja”, meinte die Gräfin.

Er winkte ab. “Siehst du den Kerl da neben ihr, den Brocken?”

“Ist ja nicht zu übersehen, der Knabe.”

“Genau. Der wollte mich letztens vermöbeln, glaubste nich?”

“Wenn du das sagst.”

"Der wollte mich richtig.. vermöbeln! Komm ich mittags nichtsahnend aus der Kneipe, unten aus dem Jägerstübchen, kennste? Nee? Na, egal, steht der da an der Ecke. Ich denk noch, Mensch, was macht der denn hier, was steht der denn hier so blöd rum, wartet der auf mich..?! Und wie ich das so denke, läuft der Arsch schon hinter mir her. Verfolgt mich richtig, glaubst du nich? Wie im Kino! Ja, hör mal, wie soll ich mich denn gegen so einen Brocken wehren? Das ist doch ein Tier, oder nich! Ich kleines Männeken! Ich hab doch die Beine kaputt."

Er zeigte beiläufig nach unten, auf seine Füße.

"Ich hab 80 Prozent Schwerbehinderung!”

Im Kiosk verabschiedete ich mich von Mustafa und trat mit frischem Tabak an die Sonne.

“Dabei wusst ich gar nicht, warum der mich vermöbeln wollte, ich konnte mir keinen Reim darauf machen, und dann hatte ich Glück. Ich kleines Männeken darf auch mal Glück haben, wa? Denn wer biegt da plötzlich um die Ecke..? Na..??”

Pause.

“Der Maik!”

Pause. Ratlosigkeit.

“Sag bloß, ihr kennt den Maik nich?”

Die Gräfin blinzelte zu mir rüber.

“Den kleinen Streifenpolizisten?” fragte ich.

“Ja, genau! Der Maik! Der immer Streife läuft!”

“Ja, kenn ich”, sagte ich, “vom Sehen. Klar. Und?”

“Na, der Brocken will mir gerade eine donnern, die Faust steht praktisch in der Luft wie ein Fallbeil, da glotzt der Maik um die Ecke..”

Ja, sehr schön, aber das hatten wir schon.

“..und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?”

“Och!” sagte die Gräfin. "Wer ist Roland? Du?"

"Ja klar! Ich bin der Roland! Hallloo!?"

“Und dann?”

“Und dann.. ? Na ja, meine Ex stand ja auch dabei, also im Hintergrund, und wie sie den Maik sieht, zieht sie ihren Kerl schnell weiter. Klar, die wollte keinen Ärger haben, meine Ex..”

“.. deine zweite Ex”, meinte die Gräfin.

“Wa?”

“Das war doch die zweite Ex, oder nicht? Nicht die erste.”

“Klar. Die zweite Ex. Danke, gut aufgepasst. Die erste ist tot. Hör mal, ich trink seit fünfzehn Jahren keine Kurzen mehr, nur noch Bier. Keine Kurzen mehr. Damit komm ich prima klar. Ungelogen.”

“Mama, seit wann gibt es denn das Büdchen wieder?” erkundigte sich ein vorbeikommendes Mädchen bei seiner Mutter, während Mustafas bulliger Kopf aus dem Kiosk äugte wie ein zu groß geratener Kuckuck.

Roland klopfte ihm freundlich auf die Schulter.

“Morgen, Meister! Eine Hürriyet!”

22.5.15 14:28


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