Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ich hielt seine Hand

 

 

Schon auf mein Klopfen kam nur zögerlich Antwort, und als ich sein Zimmer betrat, bot sich zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage ein beinah identisches Bild: Er stand inmitten seiner eigenen Urinlache und wusste nicht weiter. Es stank erbärmlich. Seitdem er den Blasenkatheter getragen hatte, konnte er das Wasser nicht mehr halten. Es sprudelte aus ihm heraus, ob er wollte oder nicht.

Er war verzweifelt.

Zu allem Überfluss herrschte ich ihn auch noch an, “Papa..! Was machst du denn da..!?”, als wäre es nicht offensichtlich gewesen, was passiert war, doch ich fühlte mich überfordert, kaum, dass ich im Heim angekommen war.

Er stand nackig da, ohne Hosen, nur mit seinem rötlichen Holzfällerhemd bekleidet, inmitten seiner Pisse – ein zittriges nackiges Männlein, das ich liebte.

Gott sei Dank, dass du da bist, sagten seine Augen. Endlich.

“Einen Moment, Papa”, sagte ich, “setz dich aufs Bett, ich hole jemanden.”

In Pflegestufe zwei zahlte Vater fast dreitausend Euro pro Monat, da wischte ich für die Pfleger nicht auch noch die Pisse auf. Nicht, wenn es sich um solche Mengen handelte. Gefroren hätte man darauf Schlittschuhlaufen können, Pirouetten drehen.

Ich machte mich auf die Suche nach Personal. Es war Donnerstag nachmittag. Im Gang vorm Aufenthaltsraum saß ein Dutzend alter Damen schweigend beisammen und erwartete das Abendbrot, das Punkt 18 Uhr serviert wurde – noch gut anderthalb Stunden.

“Sind hier irgendwo Pfleger?” fragte ich in die Runde.

Man kannte mich mittlerweile. Was bedeutete, man nahm mich wahr, ich war jemand. Als ich die ersten Male freundlich gegrüßt hatte, war ich auf eisige Gesichter voller Einsamkeit und Verdruss gestoßen. Jetzt war es besser geworden. Ich erntete vereinzelt sogar ein zaghaftes Lächeln.

“Nein..” “Keinen gesehen..” “Vielleicht drüben..” “..im anderen Trakt..”

Zwei bis drei Pflegekräfte pro Schicht, plus stundenweise die Sozialarbeiterin, die den Alten gegenüber einen Ton anschlug wie im Kindergarten, waren für die beiden Wohngruppen im zweiten Stock verantwortlich, insgesamt für vielleicht fünfzig Menschen. Ich fragte mich, wo eigentlich das ganze Geld blieb, das Monat für Monat zusammenkam und sich aus Rentenzahlungen und Leistungen der Pflegekassen, aus Ersparnissen, Sozialhilfe und Kostenanteilen von Angehörigen zusammensetzte. Ich fragte mich, wer zum Teufel sich da die Taschen voll machte. Das Pflegepersonal sicher nicht, das stand mal fest. Die Pflegekassen also, die Heimleitung? Irgendwo musste das Geld doch bleiben.

Im zweiten Trakt der Etage, am Ende des Flurs, sah ich den Medikamentenwagen. Eine Zimmertür war offen.

Marcel, der jungenhafte Pfleger sowie eine Kollegin, ein draller blonder Blitz, machten sich am Hintern einer bettlägerigen Heimbewohnerin zu schaffen.

“Darf ich kurz stören?”

Pfleger Marcel hatte mich bereits erblickt, in der Hand einen Batzen vollgeschifftes Zellstoffpapier. Er gluckste.

“Sicher. Wenn Sie nur noch einen Moment draußen bleiben..”

“Gern”, gab ich süffisant zurück.

Von der Heiminsassin war aus meiner Position nichts zu erkennen, ich sah nur Marcels Hände routiniert aufwirbeln, und das Scheißhauspapier.

Dann hatte ich keine Lust mehr zu warten.

“Ich komm gerade von meinem Vater. Der pinkelt wieder sein Zimmer voll. Es stinkt bestialisch nach Pisse da drin.”

Wenn ich etwas gelernt hatte im Leben, dann zweierlei. Erstens: Es gibt immer eine gute Chance in Schwierigkeiten zu geraten, und zweitens: Klartext hilft.

Die Pflegerin schien nicht überrascht.

“Ihr Vater hat sich gestern auch schon vollgemacht. Drei Mal mussten wir sein Zimmer durchwischen. Ihr Vater wird allmählich zur Belastung für uns..”

“Können Sie ihm nicht eine Art Windel anziehen?”

“Ja, das mit der Windel können wir schon noch mal versuchen..”

“.. aber er reißt sie sich immer wieder ab”, fuhr Marcel fort. “Gestern meinte er zu mir, in die Hose machen wär sowieso bequemer.” Er lachte auf. “Das findet nicht jeder Kollege lustig.”

“Ja gut”, sagte ich. “Können Sie trotzdem gleich mal rüberkommen?”

“Na sicher.”

Die Flure des Altenheims waren hell und geräumig, es gab ansprechend eingerichtete Nischen mit Nähmaschinen und kleine Bastelecken. Sogar an öffentliche Wohnzimmer hatten die Heimbetreiber gedacht, bestückt mit Möbeln aus dem Antiquitätenladen, aber sie blieben größtenteils unbenutzt, reine Kulisse. Lieber tummelten sich die Alten im nüchternen Durchgang vorm Essensraum, mit angespannten Gesichtern, als erwarteten sie jeden Moment die Medikamentenlieferung für die Weihnachtsfeiertage oder die liebe Verwandtschaft, die niemals kam.

Viele Heimbewohner waren dement, so auch Herr Ohoven, den mein Vater, selbst schon 87, den Alten getauft hatte. Der Alte war ununterbrochen auf den Beinen, die Gänge rauf und runter. Ein zäher, in gebückter Haltung vorwärts drängender Greis, der kaum ein Wort sprach, sich aber vehement an Vorhängen zu schaffen machte, an Tischdecken, Zuckerdosen und fremden Zimmern. Sobald er einen Besucher entdeckte, versuchte er seine Hand zu ergattern, ihn bei der Hand zu nehmen, er suchte Wegbegleitung, doch sein Weg kannte kein Ziel, nur das schier unendliche, hoffnungslose, todtraurige Strecke machen.

Auch die weichliche alte Frau im Rollstuhl, die jedes Mal, wenn sie mich erblickte, die Hände nach mir ausstreckte wie nach dem Heiland und dabei unverständliches Zeug brabbelte, streckte wieder die Hände nach mir aus und wimmerte wie ein Kätzchen.

Was mich wütend machte.

Ich bin kein verdammter Pfleger, gute Frau, ich bin der Sohn eines demenzkranken alten Mannes, der zufällig in diesem Heim gelandet ist, jedenfalls nicht aus freien Stücken, Pflegestufe 2, Demenz, und jetzt pinkelt er auch noch regelmäßig in die Landschaft, die sich aus Laminatfußböden, Trockenblumenkränzen, Jutehexen und Kastanienmännchen zusammensetzt, ich könnte heulen! weg da! die verdammten Hände da weg! gute weiche Frau – ich muss weiter!

Eine weitere Heimbewohnerin winkte mir zu, Frau Berend, die noch relativ fit im Kopf war. Mit ihrem verstorbenen Mann hatte sie einen erfolgreichen Stahlwarenhandel in der Nordstadt aufgezogen. Vierzig Jahre lang war sie Tag für Tag im Büro gewesen und hatte die Bücher geführt.

Ihr linkes Auge flatterte.

“Soll ich schweinische Witze erzählen?”

“Heute nicht”, sagte ich müde, “ich muss zurück zu meinem Vater. Dem gehts nicht gut.”

“Ja, wir haben uns auch schon gewundert, warum er nicht zum Essen erschienen ist heute.”

Eine Woche zuvor hatten wir noch zu dritt unten im Cafe gesessen, Glühwein getrunken und uns amüsiert. Da ging es Vater noch gut. Ach was, blendend ging es ihm. Frau Berend hatte einen Klein-Fritzchen-Witz nach dem anderen rausgehauen, worauf Vater laut und schallend lachen musste, es war richtig aus ihm heraus geplatzt.

Das war letzte Woche, dachte ich.

Ich ging schon mal vor in Vaters Zimmer. Er kauerte unverändert schief auf dem Bettrand und präsentierte seinen dicken Sack. Eine bepinkelte Unterhose hing über der Armlehne des Ohrensessel, Strümpfe verteilten sich auf dem Fußboden, ebenso flauschige Winterkleidung, die er vermutlich aus dem Schrank geholt hatte, auf der verzweifelten Suche nach sauberen Unterhosen.

Ich bewegte mich vorsichtig durchs Zimmer. Sammelte Kleiderstücke auf, entsorgte sie in den Wäschekorb, trat möglichst nicht in Urinpfützen, versuchte konzentriert durch den Mund zu atmen.

“Mann, hier stinkts vielleicht”, sagte ich und kippte das Fenster.

“Ja, ist doch klar”, sagte Papa leise.

Es war ihm alles furchtbar peinlich, aber er war nicht mehr fähig, etwas an der Situation zu ändern. Er war dem eigenen Verfall ausgeliefert.

“Papa, warum drückst du nicht den Alarmknopf, wenn du Not hast?”

Er blickte mich mit großen hilflosen Augen an. Er hatte keinen Schimmer, wovon ich sprach. Ich zeigte ihm das Notruf-Medaillon, das auf dem Nachttisch lag. Ein alarmrotes Teil, schwer zu übersehen eigentlich.

“Hier musst du draufdrücken, wenn du Hilfe brauchst.”

“Ja.. aber die haben doch gar keinen Dienst”, sagte Vater.

“Wer hat keinen Dienst?”

“Na.. die..”

“Die Pfleger?”

Er nickte.

“Doch”, sagte ich, “klar haben die Dienst, die arbeiten doch hier. Es ist deren Job, dir zu helfen. Aber wenn du keinen Alarm drückst, können die nicht wissen, dass du Hilfe brauchst. Dann gehen die am Zimmer vorbei und denken, mit dem Mann ist alles in Ordnung. Mit dem Mann ist aber nichts in Ordnung.”

Vater blickte an mir vorbei.

“Wer ist denn der Kerl in der Ecke..?”

“Was für ein Kerl?”

“Na, der da.. mit den roten Handschuhen.”

Zur Demenz gesellten sich zunehmend Halluzinationen, von den zahllosen Medikamenten, die er einnahm. Er sah Leute in der Ecke sitzen, die nicht da waren, er sah eingerahmte Fotos aus dem Nichts in Flammen aufgehen, er sah Vögelchen, die zwischen den Speichen von Rollstühlen hin-und herflogen, er sah große Löcher in der Wand, die tief ins Mauerwerk reichten und die Welt offenlegten als das, was sie ist: ein Ort der Leere, der abgrundtiefen Furcht.

“Hier ist niemand außer mir”, sagte ich. “Was du meinst, ist mein Rucksack, der hat rote Seitenstreifen. Ruh dich aus, Papa.. Es ist alles in Ordnung.”

Ich stand auf und knipste die Deckenbeleuchtung an.

“Siehst du, es ist nur mein Rucksack, den ich auf dem Tisch abgelegt hab.”

Er nickte, war aber nicht restlos überzeugt. Ich sah es seinen Augen an. Es war dieser ängstliche Blick, der mich an meine eigenen Ängste als Kind erinnerte, wenn Samstagmittags Punkt zwölf die Luftschutzsirenen zur Probe heulten und ich jedes Mal fürchtete, es wäre kein Probealarm, nicht dieses Mal, und dass außer mir niemand davon wusste.

“Ich muss schon wieder pinkeln”, sagte Vater plötzlich, Bedrohung in der Stimme.

Ich griff nach seiner Hand.

“Okay, wir gehen aufs Klo. Du schaffst es bis dahin..”

Er hatte Mühe, vom Bett hochzukommen, selbst mit meiner Hilfe. Er bewegte sich mit den langsam-tippelnden Schritten einer alten Geisha.

“Komm, du packst das..”

Seinem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass er es nicht schaffen würde. Dass er den Kampf schon aufgegeben hatte. Er blieb stehen, schaute an sich herunter, und liess es laufen. Er stand mitten im Zimmer und pinkelte auf den mit Laminat ausgelegten Fußboden. Mein Vater, ein Zimmerspringbrunnen.

Ich hielt seine Hand gedrückt.

In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und die dralle kleine Pflegerin, (“Die Dicke ist in Ordnung”, so Vater später), schaute herein, fassungslos.

“Sehen Sie”, kam ich ihr zuvor, “er kann es nicht bei sich behalten. Er schafft es nicht.”

Mir war übel von dem Gestank, der von der Heizungswärme noch befeuert wurde. Die Situation an sich war in Ordnung. Es ist, wie es ist.

“Er macht es ja nicht extra”, wiegelte ich ab.

“Ja, natürlich nicht.”

Marcel tauchte auf und übernahm das Ruder. Glucksend. “Ah, in flagranti erwischt!”

Er führte Papa zum Klo.

“Wohin?” fragte der, das Haar in tausend Richtungen abstehend. “Hier lang?”

Marcel legte ihm eine Inkontinenz-Einlage an, inklusive Stretchunterhose, während die Kollegin den Boden putzte mit einer speziellen Desinfektionslösung. Nachdem Vater soweit versorgt war, wurde er ins Bett verfrachtet, damit er sich etwas beruhigen konnte. Er war völlig erschöpft. Er war blass und dünn wie nie. Die Zunge knallrot, vermutlich von der italienischen Apotheken-Lakritze, die er so gern mochte. Meist mischte er sie mit Pfefferminzbonbons, so wie er es seit seinen Kindertagen gehalten hatte: Pfefferminze und italienische Lakritze gemixt. Italienische, weil die einen Schlag stärker war als deutsche Lakritze, so seine Überzeugung.

Überhaupt ist es die Mischung, die stimmen muss im Leben, so Vater. Schwarz und weiß, Lakritze und Pfefferminz.

“Man sollte medizinisch darauf aufbauen”, forderte er.

Ich deckte Vater mit einer Extra-Wolldecke zu, weil er trotz der Hitze im Zimmer fror. Er lag da wie eine Mumie, wie ein frisch einparfümierter Platzhirsch.

“Was bin ich fertig”, flüsterte er.”Du hast vielleicht eine Krücke als Vater.”

“Ach wo. Du bist keine Krücke. Mit Siebenundachtzig darf man das.”

Ich blätterte in der Tageszeitung, die er abonniert hatte, aber kaum noch las. Die Augen fielen ihm zu, er sank zurück ins Bett.

“Endlich”, wisperte er, “kann ich mich etwas ausruhen.”

Weil ich nicht reagierte, ich studierte gerade die Todesanzeigen, hob er die Stimme und wurde lauter.

“Sag, hast du mich.. verstanden?”

“Ja, klar. Du kannst dich.. endlich ausruhen.”

“Ja, endlich kann ich mich ausruhen..”

19.8.15 16:08


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