Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Nachtzug nach Budapest II

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9. Juli 1993

Nichts ist trauriger als mit seinem Witz allein gelassen zu werden. Da sitze ich mit der Gräfin am Frühstückstisch und reiße spontan einen Gag, mache richtig auf Witzkerl, und dann hört sie überhaupt nicht richtig hin! Ist mit ihren Gedanken ganz woanders und krümelt den Teller voll! Ja, wofür ackere ich denn hier im Urlaub?! Im übrigen unterstreicht sie mit diesem Verhalten nur eine handschriftliche Bemerkung unter ihrem Grundschulzeugnis, zweite Klasse, zweites Halbjahr.

„Die kleine S. ist intelligent, doch unaufmerksam“, schrieb ihre Klassenlehrerin, die blonde Frau Schäfer mit den stämmigen Beinen. „Statt dem Unterricht zu folgen, guckt sie lieber aus dem Fenster und beobachtet die Meisen, wie sie auf dem Schulhof landen und Liedchen pfeifen.“

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dabei hatte der Witz durchaus normale Chefqualität.

Früher Nachmittag im Napi Belöpö-Bad, dick eingecremt mit Sonnenmilch von Nivea, die hier so teuer ist wie ein ganzes Abendessen. Die Gräfin hat sich einen ausgewachsenen Sonnenbrand geholt und möchte sich heute etwas schonen. Ich empfehle, demnächst nur noch in einem Schrank verborgen die Sonne anzubeten.

Der missratene Teil der österreichischen Großfamilie trudelt ein. Besonders angetan hat uns der feiste kleine Österreicher mit den schütteren Haartäschchen hinterm Ohr. Dreimal hintereinander fordert er seine Landsleute zu einem Bierchen am Kiosk auf, stets im gleichen Tonfall, stets mit dem Vorwurf, es sei schliesslich schon 14 Uhr und damit "allerhöchste Bier-Time!"

Er lacht sich scheckig.

"Allerhöchste Bier-Time! Mahahaaa!"

"Der geht mir auf den Sack", sag ich zur schwarzen Mumba, die davon nichts hören mag.

"Kümmere dich nicht immer um das Gewäsch anderer Leute."

"Na, und ob ich mich um das Gewäsch anderer Leute kümmere!" entgegne ich und imitiere den vertrottelten Glatzkopf,  allerhöchste Bier-Time, ha!

"Der soll die Fresse halten!" meint die Gräfin.

Als der Österreicher endlich sein gezapftes Allerhöchste-Bier-Time-Bier in der Hand hält, sehe ich ihn gähnen, während seine Freunde den Humpen stemmen, mit erschöpften Gesichtern. Zehn Minuten später, wir kommen gerade aus dem Wasser, hängt der feiste Österreicher erledigt in den Seilen und lässt nur noch ein schwächelndes "bier..time" herauströpfeln, und wir beömmeln uns vor Vergnügen. Seine Landsleute dagegen wenden sich sauertöpfisch ab.

"Dem brauche ich gar nicht auf die Fresse zu hauen", sag ich zur Gräfin, "der besorgt das schon selbst."

"Na, dann ist es ja gut."

 

10. Juli 1993

Nach dem Frühstück (reggeli) schneide ich mich beim Rasieren ins Fleisch, zweimal hintereinander. Erst in die Unterlippe, dann in die vor Wut geblähten Nasenflügel. Die blutigen Katschen hole ich mir immer dann, wenn ich eine fabrikfrische Klinge einlege und besonders vorsichtig zu Werke gehe. Das geht jedes Mal besonders schief und ich brauche eine halbe Haushaltsrolle, um die Blutung zu stoppen.

Später liegen wir im Garten. Es ist drückend heiss. In der Ferne grollt ein Gewitter, als habe der Herrgott seinen neuen Riesenbackofen in Betrieb genommen, mit Chesterkäse und Blitzkartoffeln.

"Hast du schon wieder Hunger?" fragt sie mit den Hintern in der Sonne, während der Rest ihres Körpers Sonnenbrand hat und daher verhüllt ist. Aber sie hat ja recht. Ich bin am Balaton in Ferien und was tu ich? Bin nur am fressen. Ein fahrendes Büdchen auf drei Rädern tuckert durchs Dorf und verkauft Eiscreme in Riesenbechern. Das erinnert die Gräfin an ihre Zeit in der Lukas-Klinik, wo sie Jahre zuvor, mehr aus Versehen, eine Lehre als Krankenschwester begonnen hatte.

"Das muss so vor 12, 13 Jahren gewesen sein."

Einmal kam ihr auf dem Flur Schwester Ingeborg entgegen, völlig aufgelöst. “Der Borchert hat den Sputum-Becher vom Langner leergesoffen!” Borchert und Langner waren zwei Tattergreise, die gern mal mit Stuhlgang um sich warfen, wenn er nur schön hart und griffig genug war.

"Das war für die beiden alten Böcke wie eine Kissenschlacht."

Wir lachen noch eine Stunde später, jedes Mal aufs Neue, wenn dieses Bild wiederkehrt, wo sich Borchert über den Sputum-Becher vom Langner hermacht.

"Bäähh..!"

"Eigentlich komisch, dass wir mit unseren riesigen Gehirnen nicht jeden Tag wahnsinnig werden", sagt sie schliesslich.

"Wieso? Werden wir doch."

"Ja schon. Aber ich meine, so richtig bekloppt."

"Ja. Das meine ich ja auch."

 

11. Juli 1993

Wir spazieren ein Mal quer über die ganze Halbinsel. Clevererweise genau in der Mittagshitze. Schwarz-gelbe Salamander flüchten in die Weinstöcke, wenn sich unsere Badeschlappen nähern.

"Ich finde, man sollte mal wieder Löwen ansiedeln in Europa", sagt sie, "damit wir alle etwas kleinlauter werden. Elefantenkühe in Köln-Porz, Alphamännchen in Prag. Die Menschheit braucht Freßfeinde, damit sie das Leben wieder zu würdigen weiss, auf freier Wildbahn."

Der laue Wind macht die Mittagsglut kaum erträglicher. Wir beobachten einen Bauer bei der Arbeit. Ganz allein auf weiter Flur bestellt er sein Feld und singt mit fester Stimme. Ein singender Bauer, in sich versunken, bei der Feldarbeit. Dass es so was noch gibt. Nicht schlecht.

"Eigentlich tut er das Sinnvollste, was ein Mensch tun kann", sagt die Gräfin. "Er baut Nahrung an. Er sät, er erntet, und irgendwann landet es auf seinem Teller. Er braucht von niemandem Anerkennung."

"Und er singt", sag ich. "Er bekommt die Anerkennung von Gott."

Keine Menschenseele begegnet uns, zwei Stunden lang. Der Boden ist ausgedörrt. Salamander huschen ins Weizenfeld, wir ruhen unter einem Aprikosenbaum. Und urplötzlich sind da Strandbadgeräusche, Gequieke von Kindern. Wir biegen um die Ecke, und befinden uns mitten in Rimini: ein 50 Meter langer Sandstrand am verschilften Ufer des Balaton. Hunderte von Leuten faulenzen im Schatten, alles Einheimische. Warum kaum einer im Wasser ist, merken wir erst, als wir kopfüber in den See stürzen und auftauchen, inmitten von Unmengen totem, stinkigen Fischlaich.

"Napppff", nehme ich den Mund halbvoll.

Zurück nach Tihany halten wir an der Uferstrasse den Daumen raus. Drei junge Ungarn nehmen uns im Skoda mit. Im Radio laufen die Doors.

"Don't you love her madly."

In unserem Häuschen auf der Csokonai Str 80 hocke ich erst mal eine halbe Stunde platt im Sessel. Etwas Fischlaich kommt hoch, als ich rülpse. Dann verschwinde ich mit dem Mini-Piece aufs Klo. Stecke es auf den Kopf der Sicherheitsnadel, und rauche mir einen. Die Badezimmertür springt auf. Die Gräfin. Sucht ihr Feuerzeug.

"Och, du Arsch! Hast du alles weggeraucht?"

Der Qualm steht noch in der Luft.

"Nee, ich hab noch was in petto", wiegel ich ab. "Im Schränkchen neben meinem Bett."

Verdammt, das muss ich jetzt abtreten.

Am Abend, noch vor dem üblichen Steak, suchen wir uns im Garten ein sonniges Plätzchen. Ganz am Rand der Wiese werden wir fündig. Erst sind wir nicht allein, doch der Ravioli-Klub macht sich schnell vom Acker, als er uns kommen sieht. Überhaupt erweisen sich unsere Nachbarn aus dem Allgäu als angenehm mundfaul. Pro Tag wechseln wir im Schnitt einen Satz, zumeist unvollständig.

"Da, du haben", hab ich heut morgen nur geknurrt, als ich dem Jungen die Glaskanne der Kaffeemaschine aushändigte. Sollte in etwa heissen: Hier, wir sind fertig mit Kaffee, ihr könnt jetzt Tee saufen, wenn ihr wollt.

"Ja", antwortete er, und dann habe ich ihn auch nicht weiter stören wollen, wo er doch grade so schön mit dem Abwasch beschäftigt war, unter anderem auch mit unserem dreckigen Geschirr. Da fiel der Abschied leicht. Seine blonde Freundin Rita ist geborene Ungarin, soviel hat sie der Gräfin verraten, im vertraulichen Gespräch von Frau zu Frau. Meist sehen wir Rita beim Essen machen oder Wäscheaufhängen im Garten.

Die Gräfin kommt wiederholt auf ihre Kindheit zu sprechen.

"Ich war ein richtiger Strassenköter, als ich klein war. Wenn auf der Strasse ein Bonbon rumlag, also ohne Bonbonpapier, und ich hatte da gerade Bock drauf, dann hab ich das aufgehoben und direkt gelutscht. Da gab es kein Vertun für mich. Fand meine Mutter zwar nicht so gut, aber Dreck reinigt den Magen, hab ich gesagt. Das sagst du doch immer, Mama! Aber sie hat nur gestöhnt." 

Ab und zu hole ich meine Notizbuch hervor, um etwas O-Ton mitzuschreiben, bevor alles den Orkus runter und vergessen ist.

"Du darfst über mich schreiben, was du willst", eteilt sie mir Absolution. "Hauptsache, ich bin die schillerndste, die schönste, die beste."

Das geht in Ordnung.

Um aber auch mal auf meinen eigenen Stuhlgang zu sprechen zu kommen, ich meine, immerhin befinde ich mich in Ungarn auf fremden Terrain: Ich könnte auch genauso gut Schnecken sammeln, auf die Strasse legen und langsam von den Autos überfahren lassen. Das wäre von der Essenz her in etwa das gleiche Ergebnis wie das, was ich morgens in die Schüssel setze.

"Dabei hab ich heut noch gar nicht geschissen. Gestern auch nicht."

"Das brauchst du mir nicht zu sagen, das riech ich auch so", meint die schwarze Mumba. Sie löst Kreuzworträtsel.

"Liegt Celle in Niedersachsen?"

"Mh. Klar."

"Weisst du, was Wechsel, Umlauf ist?"

"Mh. Irgendwas in der Finanzscheisse. Da kenn ich mich nicht so aus."

"Hab ich aber gedacht, dass du das weisst. Du bist ja noch dööfer als ich."

Wie will eine Frau, die dööfer mit doppel-ö schreibt, Rätsel lösen?

"Wie denn sonst? Mit einem ö?! Doch wohl nicht?"

Mh. Döfer? Scheisse. Um zu prüfen, ob nicht nur meine Gehirnleistung, sondern auch mein Gewebe altert, zeichnet sie mir irgendeinen Kram mit dem Kugelschreiber auf den nackten Hintern. Ich kann es nicht richtig erkennen, vermutet aber, es handelt sich bei dem Tattoo um zwei skelettierte Fische, die sich einen Herrenwitz erzählen. Wie sie damit allerdings den Alterungsprozess meiner Haut prüfen will..

"KLAPPE HALTEN, HASCHDIEB!"

Da wir keinen Fernseher auf dem Zimmer haben, müssen wir behelfsmäßig vorgehen: Am frühen Abend lassen wir uns auf dem alten Sofa nieder und glotzen auf die Stelle an der Wand, an der sich der Schatten eines gegenüberliegenden Fensters abbildet, etwa in Bildschirmgröße.

"Schalt mal um", sag ich.

Dann muss es wohl 17.30 sein. Zeit für Al Bundy oder irgendeinen anderen TV-Verlierer. Wir haben ein Faible für Gesockse und verkommene Subjektive, wir lieben skurrile Gewinner und andere Personen. Und die müssen nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen. Das ist wirklich nicht nötig. Die konnten ruhig Orion Specht heißen. Oder Herr Billwitz. Randolph Stuttgard. Kinkerlitzchen Carmichael.

Alles kein Problem.

Abends essen wir zur Abwechslung im Gulazs-Hof. Die Ungarn sind die wahren Krauts. Alles wird eingelegt und in Kraut gewickelt. Die Schnäpse laufen unter BARACK PALINKA und UNICUM. Ausserdem soll ich für die Gräfin etwas notieren, nämlich dass auf den Milchkartons FRISS TEJ steht. Als wir auf den Nachtisch warten, Palatschinken, sägt sie mit dem Speisemesser in meinen kleinen Finger.

"HERR OBER! HIER VERBLUTET EINER! RUFEN SIE BITTE DIE AMBULANZ, ABER LANGSAM!"

 

12. Juli 1993

Ob mein Gewebe altert, hat sie nicht feststellen können, aber dafür ist unsere Bettwäsche heut morgen kuliverschmiert. Sie malt ein Hütchen auf meinen Schwanz.

"Das ist nicht gemalt", sagt sie.

Ach so. Richtig. Montagmittag. Wir sitzen im Garten.

"Komisch", mault sie, "in jedem Urlaub krieg ich schnell braune Füße, aber hier, guck mal, immer noch Käsequanten."

"Nächstes Mal nehmen wir einen Karton Selbstbräuner mit."

"Hartmut, die Brechstange!"

"Irmgard!"

In der Tat, das Wetter am Balaton ist sehr wechselhaft. Zudem nervt, dass immer mehr Deutsche vorfahren. In NRW ist Ferienbeginn. Die Dachdecker kommen. Verdruss bereitet weiterhin, dass wir tags drauf den Bungalow räumen müssen, die Hütte ist ab dem 13. Juli gebucht. Wohin also? Die Gräfin kümmert sich nicht darum, überlässt mir alles. Sie liest den nächsten Krimi, er spielt in Uruguay, aber sie kapiert die Handlung nicht richtig. Ich hingegen kapiere so langsam überhaupt nichts mehr. Bestehen Ferien bloß aus Herumlungern im Garten unter Wolken und gelegentlichem Almdudler-aus-dem-Kühlschrank-holen für die Freundin, die einem die Zigaretten wegqualmt - sonst nichts? Nicht mal, wo man die nächsten Nächte unterschlupfen soll?

"Lass mal ziehn."

Wir rauchen unser absolut allerletztes Piece von der Sicherheitsnadel. Noch knapp eine Woche Ferien, und nichts mehr zu rauchen. Schon sehe ich mir die eintrudelnden Neu-Urlauber genauer an, frage mich, wer ein Kiffer sein könnte. Aber das lässt sich nur noch schwer voraussagen. Männer mit Zöpfchen, früher sichere Haschisch-in-der-Tasche-Kandidaten, kannst du mittlerweile abheften. Oder nicht?

"Man müsste da mal nachhaken", sag ich.

Der Ravioli-Klub kehrt vom Einkauf heim, beladen mit zwei Kartons Wein. Hm. Sollten wir uns in den beiden etwa getäuscht haben? Sollten diese ganze Dosen Ravioli, mittlerweile zur Pyramide aufgebaut wie in einer Wurfbude, nur Tarnung sein? Und was ist mit den merkwürdigen Kennzeichen an ihrem Wagen, einem Audi Sport: vorne Kreis Koblenz, hinten Flensburg? Ich denk, die kommen aus dem Allgäu! Hier stimmt was nicht, und zwar ganz gewaltig nicht. Das sind Terrorhelfer. Und da kommt auch schon die Bombe!

"Puh.. geh mal aufs Klo", meint die Gräfin.

"Das sind die ungarischen Gewürze! Das vertrage ich nicht. Das viele Paprika."

 

13. Juli 1993

Dienstag. Wir ziehen um. Das neue Quartier ist nur einen Steinwurf entfernt auf der gegenüberliegendren Strassenseite. Das Häuschen gehört einer alleinstehenden Bäuerin, deren Mann bereits seit einiger Zeit tot ist. Als sie merkt, dass wir ihrer Lebensgeschichte tatsächlich folgen, sie spricht gut deutsch, holt sie das Fotoalbum aus der Wohnzimmerschrankwand und gleich das zweite hinterher. Das Erste Ungarische Fernsehen zeigt Derrick, ungarisch synchronisiert. Die Gräfin ist davon so fasziniert, dass ich das Fotoalbum alleine über mich ergehen lassen muss.

Keine halbe Stunde später bin ich mit den Familienverhältnissen so weit vertraut, ich meine sogar Onkel Wanja auf einem verwackelten Foto zu erkennen, das aus dem Album gerutscht ist und zu Boden segelt.

Ich hebe es auf.

"Onkel Wanja?" frage ich.

"Wanja, ja, scheene Mann. Aber Saufbruder. Immer Saufbruder."

Wir haben das Gefühl, in ein Museum einzuziehen, in dem alle Zimmer noch haargenau so hergerichtet sind wie vorm Tod des Ehemannes und dem Auszug der Kinder. Ein Museum der 70er Jahre. Im Bad finden wir ein orangefarbenes Töpfchen Creme 21.

"Die gibt's in Deutschland nicht mehr!" ruft die Gräfin begeistert, als habe sie eine archäologische Sensation aufgetan. Weitere Siebzigerjahreknüller, auf die wir zu sprechen kommen: adidas-Hosen waren lang, die gingen nach vorne, die waren aktiv. Puma dagegen sahen doof aus, die waren piefig, wie abgeschnitten, die sahen aus wie unser Opa, wenn der am Küchentisch saß und blöde Witze erzählte. Wrangler waren für das kurze Bein, Lois fürs lange. Aber der Urkonflikt der Siebzigerjahre hieß: Wrangler versus Levis. Da war Lois aussen vor.

In allen Zimmern unseres neuen Domizils hängt der geschnitzte Herrgott an der Wand. Und so kommt es auch, dass wir am Nachmittag die Wände anbeten, es möge doch bald bitte wieder die Sonne scheinen, denn das Wetter ist so schlecht geworden. So schlecht, so viel kann man gar nicht futtern.

Im Gulasch-Hof, der eigentlich Gulyásdvar heisst, wechselt uns der Kellner unter der Hand Geld. Schwarzer Kurs, guter Kurs: 54 Forint für eine Mark statt der offiziellen 50 Forint. Können wir noch mehr Kesselgulasch fressen. Auf der Speisekarte, ganz oben, das Tages-Angebot: Napi: Fözelékek! (Heute: Fötzeleck!)

"Das nehm ich!"

"Bist du sicher?" meint die Gräfin. "Du weisst doch gar nicht, ob die vorher geduscht hat."

Das Ende vom Lied: ich nehme zwei Kessel Gulasch mit Nockerln, die Mumba einen Kessel. Ärgerlich: der Palatschinken, auf den wir uns zum Nachtisch immer besonders freuen, ist ausgegangen. Pappsatt und dennoch beleidigt ziehen wir heim, auf eine Runde Scrabble zur Nacht.

 

14. Juli 1993

Mittwoch. Sie träumt, ein von mir deponierter Sprengsatz sei in ihrem Kiefer detoniert, nachdem sie kurz zuvor auf der Strasse meinen Bruder getroffen und ihn gefragt hat, ob er schon wüsste, dass ich jetzt eine Schwuchtel sei. Das Wetter bessert sich, nicht nur das, es wird wieder knallheiß. In der Mittagsglut schlendern wir eine Runde durch Tihany, unser beschauliches kleines Dorf am Mississippi. Dass nirgends ein Lattenzaun gestrichen wird, besagt gar nichts.

Ich bin barfuß auf den geteerten Wegen unterwegs, was sich schnell rächt. Ich finde kaum noch schattige Spots, auf die ich meine Füße setzen kann, ohne dass mir die Sohlen verqualmen. Ich bewege mich von Spot zu Spot, manchmal muss ich regelrecht springen, wie von Pfütze zu Pfütze. Das ist kein Mark Twain Abenteuer, das ist Jules Verne. Mit einem Mal steht ein großer verlauster Köter vor uns. Ein Streuner, viereckig und traurig. Er tippelt vorsichtig auf uns zu, daran gewöhnt, sofort mit Fußtritten und Schimpfworten vertrieben zu werden.

Als er spürt, dass wir es gut mit ihm meinen, jedenfalls nicht notwendigerweise schlecht, wird er sofort anhänglich und läuft hinter uns her. Die Gräfin will den armen großen Kerl schon mit nach Hause nehmen, als sie in seinem Fell eine schwärende Wunde entdeckt, über die eine Hundertschaft Flöhe hüpft. Das Blut darunter ist schon ganz schwarz. Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen. Es brennt auch plötzlich nicht mehr so doll unter den Fußsohlen.

"Wir sind gemein", meint die Gräfin, als wir wieder daheim sind. "Wir sind genauso gemein wie alle anderen."

Dagegen ist nichts einzuwenden, und ich wüsste auch nicht, warum. Von der Illusion, ich sei ein besserer Mensch, hab ich mich schon lange verabschiedet.

Als kleines Mädchen, erzählt sie später, habe sie ständig versucht, kranke Tiere vor dem sicheren Tod zu bewahren. Jungvögeln, die aus dem Nest gefallen waren, schob sie Würmer in den Hals, "und trotzdem waren die Vögelchen ruckzuck verendet." Auch Mäuse brachte sie mit nach Hause, "die hatte ich allerdings aus dem Nest geklaut, weil die so schutzbedürftig aussahen."

Das hast du schon erzählt, will ich einwerfen, aber dann merke ich, dass sie diesmal andere Worte benutzt - das ist interessant.

"Ich wollte immer alle Tiere aufpäppeln, die malad waren, ich wollte propere Riesenvögel aus Spatzen machen – hat nie funktioniert. Meine Mutter hat mal einen Schreikrampf gekriegt, als sie meine Jackentasche ausleerte und da war eine glibbrige tote Kröte drin, die ich am Teich gefunden hatte. Danach hat sie meine Taschen nie wieder angerührt. Wenn ich vom Teich kam, hatte ich ständig die Jacke voller Froschlaich und Würmern und was sonst so über den Boden krabbelte. Andererseits waren aber auch tausend Insekten ständig an mir interessiert, ich meine, das muss man ja auch mal so rum sehen."

 

15. Juli 1993

Junge, ist das heiss. Zu heiss zum Lachen, reicht es nur zum Glucksen. Wieder im Napi belöpö, unserem Freibad hinterm Luxus-Hotel, das in seiner Stille und Gediegenheit wie ein Sanatorium wirkt. Nur die bekloppten Österreicher stören im Bild. Aber wir haben es ja gern, wenn etwas stört und bekloppt ist. Der Allerhöchste Bier-Time-Blödmann, der gut zwanzig Kilogramm Übergewicht mit sich herumträg, (und zwar samt und sonders im Gesicht), tritt ein weiteres Mal in Erscheinung. Diesmal am Kiosk, und er hat wieder Durst.

"Ich hätt gern eine Limonade", brüllt er den armen Ungarn hinter der Theke an, "so hoch wie bis zur Decke!" Er kriegt sich kaum wieder ein. "SOO HOOOCH WIE BIS ZUR DECKE!!"

Als ich heut morgen bei unserer Vermieterin anklopfe, an der Küchentür, um die nächsten zwei Nächte zu zahlen, steht sie überm Abwasch gebeugt und weint. Erst denke ich, sie hätte vielleicht Zwiebeln geschält, doch dann stösst sie unter Tränen hervor, dass am Morgen ihre Schwester gestorben sei. Dabei fängt sie richtig an zu heulen und in meiner Hilflosigkeit geh ich auf sie zu und schliesse sie in meine Arme. Seltsam, jemanden zu trösten, den man gar nicht kennt.

Als wir später ins Freibad aufbrechen und uns nochmal umdrehen, sehen wir unsere Vermieterin am Fenster stehen. Sie trägt bereits schwarz. Irgendwie sind wir nicht albern heute.

 

16. Juli 1993

"He! Bist du nicht der Kerl, der die Tränen seiner Frau trinkt?!" ruft sie.

Es ist früh, sie liegt noch im Bett, zerzaust wie ein Vögelchen, das in den Regen gekommen ist, und sie hat gleich den ersten Job des Tages für mich: eine Morgenträne, schon halb die Backe runter, Richtung Hals kullernd.

Frühstück!

(Erst mal was Herzhaftes.)

Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Und ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Kein Mann im schmutzigen Hemd. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder nur eine sehr vornehme Frau. Eine Herzogin vielleicht, mit 100.000 Dollar teurem Zobel und einem ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es unten auf der Erde zu trödelig vonstatten geht. Zu wenig schick. Ist Gott aber doch ein Mann, was ich vermute, dann ist er Österreicher – ein österreichischer Lagerarbeiter, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein wenig nuschelt. Keine große Sache. Gott eben.

"Hör mir auf mit Gott. Ich hab noch nie mit Gott gelacht", meint die Gräfin. "Ich hab noch nie zu ihm gesagt, na, hör mal, du bist mir ja vielleicht einer.."


17. Juli 1993

"Und alle beglückwünschten mich. Das war der Durchbruch."

Sie hat einen schlimmen Albtraum gehabt, so schlimm, schlimmer kann es für einen Künstler wohl nicht kommen. Für eine Künstlerin. Sie träumt, sie eröffne eine Ausstellung und es ist proppenvoll. All die Großkopferten stehen in der Galerie herum und schlürfen Sekt, alles, was nach Rang und Namen aussieht, klopft ihr auf die Schultern. Doch seltsam. Von ihren Leuten ist niemand gekommen. Keine Freunde sind da, niemand aus ihrer Familie. Aber die vielen fremden Besucher feiern ihre Bilder. Es sind großformatige Ritterbilder.

"So etwas haben wir gesucht, genau so etwas", lächelt der Kurator, "für unser neues Museum in Chicago."

Als die Gräfin sich umsieht, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht, bemerkt sie, dass sie die Bilder an der Wand gar nicht kennt. Es sind überhaupt nicht ihre Bilder. Sie wird weiterhin umgarnt und beglückwünscht und begeistert gefeiert für ihre Kunst. Kinder kommen auf sie zugelaufen.

"Was hast du für eine schöne Krone auf!??"

Dabei ist es nur ihre neue Frisur, die wie eine Krone aussieht.

Während des Trubels, der um sie herum herrscht, versucht die Gräfin vergeblich, meine Schwester anzurufen, um sie zur Ausstellung einzuladen. Weil niemand da ist, den sie kennt. Bis auf mich. Ich bin die ganze Zeit in ihrer Nähe, sage aber nichts.

"Das sind überhaupt nicht meine Bilder", flüstert sie mir ins Ihr.

"Ja, aber deine Krone", sag ich.


18. Juli 1993

Letzter Tag am Balaton. Zum Abschied gehts noch mal ins Napi belöpö, logisch. Weil am Tag zuvor ein Aal in Ufernähe gesichtet worden war, haben alle Kinder Angst vor der "riesigen Wasserschlange". Um sie abzuschrecken, hat ein Witzbold mehrere Bojen, die eigentlich den Badebereich abstecken, mit schwarzen Feinstrumpfhosen bezogen, die sich nun im leichten Wellengang bewegen wie schwarze autonome Hühner, die Seewasser picken. Sinn macht das irgendwie nicht.

Auf dem Balaton ist die Hölle los. Dutzende von Segelbooten sind unterwegs, eine Regatta ist angesagt. In unserem Salamisandwich, das wir täglich am Kiosk kaufen, entdeckt die Gräfin eine Wildschweinborste. Oder vielleicht vom Esel was dünnes. Zum Abschluss steigen wir fünf Mal ins Wasser. Als wir auf der Wiese liegen, erzähle ich von früher. Weil mein Kopf voll niedlicher Löckchen war, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie mal wieder auf mich aufpassen mussten. Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum und kicherten. Ich hatte keine Chance. Ich war vierundzwanzig Monate alt.

Dann, als Teenager, hatte ich soviel Locken, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an meiner wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

"Herr Geheimrat! Wo sind deine Locken geblieben?" entrüstete sich Harry neulich, der mich länger nicht gesehen hat. Als hätte ich meine negroide Kopf-Bebauung selbst geplättet, aus lauter Vergnügen am Plattmachen. Aber es stimmt ja. Aus der wilden Mähne der 70er Jahre ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert dunkelblond über den Schädel, Geheimratsecken fressen sich wie Parkplätze in den brasilianischen Urwald. (Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, nordamerikanische Umweltaktivisten zu engagieren, die sich an die letzten verbliebenen Riesen ketten.)

"Also, ich finde das sexy", sagt die Gräfin. "das sieht so verletzlich aus.."

"Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?"

"Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist es richtig.."

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung, also, ich weiss nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte eine schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

"Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..", tröstet sie mich.

"Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein.."

"..eigenes Naturvolk, ja, ich weiß."

 

19. Juli 1993

Samstag. Rückfahrt im Schnellzug nach Köln. Aus vier Sitzen bauen wir eine Liegewiese und hauen uns zwei, drei Stündchen hin. Krummes Liegen bis hinter Regensburg, da hören wir, wie die Türe aufgeschoben wird und zwei Leute Platz nehmen, die sich leise unterhalten. Es dauert seine Zeit, bis wir richtig wach sind und realisieren, was los ist.

"Morgen", grüßen die Eindringlinge.

"Morgen", murmeln wir zurück und schieben die Sitze zusammen. Wir schauen eine Weile verpennt dem aufkeimenden Morgen zu, bis die Unterhaltung der beiden Kollegen, beim Sozialamt beschäftigt, abrupt abbricht. Als wir uns umschauen, schnarchen beide friedlich vor sich hin, so friedlich, sie verpennen sogar ihren Zielbahnhof, während die Gräfin und ich fortan hellwach sind. Super Sache, so insgesamt.

Kaum nähern wir uns dem Bergischen Land, dem kleinen England, beginnt es zu regnen. Hauptbahnhof Solingen. Der Taxifahrer, der uns zum Kannenhof bringt, ein ehemaliger Kollege der Gräfin, entpuppt sich als echt bergisch-wortkarger Knabe. Immerhin schafft er es, so etwas wie eine zusammenhängende Frage zu stellen.

"Witterungsmäßig? War gut?"

Die Gräfin erzählt vom schnellen Wetterwechsel am Plattensee, doch er hört gar nicht richtig hin, und als wir oben an der Wupperstrasse an der Ampel stehen, murmelt er nur, den Finger in der Nase, "Aha. Und das Wetter? War schön?"

9.12.16 15:38


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