Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Vier oder fünfhundert Dinge, die mir ans Herz gehen

Ich mag Geschichten vom schneidigen Supervogel Pubertät und der alten Krähe Erwachsenwerden.

Ich mag es, wenn in meinem Gehirn plötzlich ein Riesenlicht angeht, das einige der Nischen ausleuchtet, in denen sich meine Kindertage verbergen.

Ich mag es, wenn die Gräfin im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich einfach nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, es ist das Mondlicht, das durchs Fenster scheint.

Ich mag die Idee, dass Menschen unsterblich sind, und wenn dann doch einer stirbt, hat es wieder nicht geklappt.

Ich mag Songs, die sich voranschleppen wie ein Montag, an dem man es besonders schwer hat, aber am Abend köpft man beim Training ein Tor und die Sache ist ausgestanden.

Ich mag es, den Sachen nah zu kommen, so nah, wie nur irgend möglich, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie wieder und man hat seine Ruhe.

Ich mag die Anekdote, wo der ältetste der drei Rocketta-Brüder mit zwölf Monaten Mietrückstand und einem gewaltigen Hexenschuss nach Hause gehumpelt kommt, zwei Pullen Zuckerrohrschnaps unterm Arm. Er wird bereits erwartet vom Gerichtsvollzieher, mehreren Handwerkern und Polizeischutz, bleibt aber freundlich. "Hereinspaziert, die Herrschaften", tönt er und zählt erstmal durch: "So, wer will alles ein Schnäpschen?" Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.

Ich mag diesen konzentrierten Gesichtsausdruck, den wir Menschen sowohl beim Beten als auch beim Kacken an den Tag legen.

Ich mag es, wenn sie spätabends hinter mir auftaucht, mir einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, "oder was immer du treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hältst."

Ich mag meine innere Stimme, meinen besten Außendienstmitarbeiter.

Ich mag Genialität, die darauf beruht, nein zu sagen zur Gesellschaft und ihr dennoch alles zurückzugeben, mit Zins und Zinseszinz und einem Tritt.

Ich mag dieses diffuse, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, als ich ständig die Schule schwänzte, schon vormittags am Tresen hockte und nichts mit meiner Zeit anzufangen wusste, ausser mit einem Humpen Bier dem Ende der Welt entgegenzudämmern.

Ich mag den furiosen Anblick von Bodybuildern, diese triefenden Gebirge aus Muskeln und Öl und einer Ausbuchtung untenrum, als stünde eine einzelne Kaffeebohne quer im Höschen.

Ich mag Väter, die nur eine einzige Badehose im Urlaubsgepäck haben, was ich nicht so mag sind Väter, die sehr coole, sehr weite Badeshorts tragen, wo trotzdem rechts unten ein Ei rausguckt.

Ich mag dunkle Gestalten am Kaugummiapparat.

Ich mag gebundene Bücher, die heftig und oft gelesen wurden und aussehen wie ein seit Monaten ungemachtes Bett.

Ich mag das Wort Borderlinestörung, es kling, als stünde ich an der mexikanischen Grenze und gleich kommt die Patrouille vorbei und erschiesst mich.

Ich mag den typischen Inhalt eines Männerhandtäschchen der 80er Jahre: Einwegfeuerzeug, Kippen, Glas Bier.

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Nur wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von seinen Fressfeinden als besonders stark und wehrhaft wahrgenommen.

Ich mag es, auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs zu sein, aber manchmal muss man auch die Tür offensiv eintreten, den Eigentümer verbimsen und alles einsacken, was an Gold und Silber anwesend ist.

Ich mag es, wenn ihr beim Anmachen des Möhrensalats aus einem Meter Höhe ein Gummiring vom Gewürzboard in die Salatschüssel fällt und sie sofort "Gummi im Salat" singt, nach der Melodie von You're the one that I want.

Ich mag Geschichten, die das Leben besser nicht geschrieben hätte.

Ich mag Sätze, denen die Zeit nichts anhaben kann, wie Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na und?! Das hat Lena mal gesagt, das fand ich schon damals gut, und heute auch noch.

Ich mag jeden richtigen Zeitpunkt, weil auf jeden richtigen Zeitpunkt mindestens sechzig falsche kommen, die auf der Bank sitzen und auf ihren Einsatz brennen.

Ich mag Sätze, die einen anknallen wie erstklassiges Koks, die dampfen und zischen wie Brandzeichen, die aufbrausen wie Hitzköpfe, kurzum – die ein für alle Mal die Dinge auf den magischen Nenner bringen, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Ich mag Litfasssäulen, die Brötchentüten unter den NASA-Raketen und andere Vergleiche, die ein paar Meter weit humpeln und mit schiefgelaufenem Absatz tot und ausgelacht zusammenbrechen.

Ich mag es allein geboren zu werden, allein zu sterben und zwischendurch ein paar Leute zu treffen: wenn man Glück hat, nette.

Ich mag Jammern, Wehklagen und Meckern wie ein Weltmeister, dabei ist das erst der Anfang, das können wir Deutsche noch viel besser, und jetzt alle!

Ich mag den gut strukturierten Muskelschlamm im Oberkörper von Iggy Pop und die roten Bäckchen im Kripogesicht meines alten Freundes Karlos, (alte Tiefsee-Meduse, du Röhrenwurm!), die mich an romantisches Ballonglühen auf dem Flugplatzfest erinnern.

(Sich umzubringen im Kreise seiner Freunde – was gibt es Größeres, solange es Freunde gibt.)

Ich mag es, wenn mich alle im Stich lassen, wenn keiner mehr an mich glaubt, weil es dann im Schnitt nicht mehr allzu lange dauert und ich kann kommen.

(Eine Situation, die man gelegentlich künstlich herbeiführen muss, wenn es denn partout nicht anders geht.)

Ich mag Yogi-Tee am Abend, danach bin ich richtig rollig geworden, wie eine Katze, die Baldrian riecht.

Ab und an mag ich es, drei Wochen lang nicht zu scheißen - dann muss Hulk groß.

Ich mag achtlos weggeworfene Zipperbags mit winzigen Anhaftungen von selbstgezüchtetem, leichten, die Seele öffnenden Marihuana, nicht diesen chemischen Pfusch aus niederländischen Krafthäusern.

Ich mag Verlierer, ich hab ein Faible für Gesockse und andere verkommene Subjektive, ich mag skurrile Gewinner und schräge Personen, die müssen nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen, das ist nicht nötig, die können ruhig Orion Specht heißen oder Herr Billwitz, Randolph Stuttgard, Kinkerlitzchen Carmichael, Batzen Dill.

Alles kein Problem.

Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 0:10 auf die Mütze kriegen, das find ich gut. Mit Mitte Vierzig vor lauter Lachen in die Hose machen und dann mit kleinen staksigen Schritten nach Hause eilen, damit niemand die Pissflecken auf der Buxe sieht, das find ich auch gut. Sehr gut überhaupt find ich alle Sachen, die nicht so laufen wie geplant, ja, die sind immer gut. Nicht immer, natürlich. Null zu zehn untergehen ist wahrlich kein Coup. Aber notwendig bisweilen.

Wach werden und die Freundin pult dir lässig im Auge herum, weil sie nach dem Rechten sehen will, “wie es eigentlich dahinter aussieht, wenn du schläfst”, das tut weh, ein bisschen, geht aber in Ordnung. Super Sache. Steh ich jetzt nicht ganz so drauf.

Den ganzen Tag mit dem Geschmack des Traums durch die Gegend laufen, mit dem man wach geworden ist, von dem aber nur noch eine vage Ahnung existiert, finde ich, rein von der Atmosphäre her, gelungen.

Ich gebe es hiermit zu: ich mag die Welt, wie sie ist. Denn sie ist alles, nur eines niemals: belanglos.

Die Welt ist eine Kirche, in der das Volk niederkniet und so tut, als ob es betet, in Wahrheit reiben sich sich alle die Hände.

Ich liebe eine Szene im Finale der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko-Stadt, als Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf plötzlich stehen bleibt, sich bückt und den eigenen Füssen applaudiert. (Auch wenn ich anscheinend weltweit der einzige bin, der das gesehen hat.)

Ich mag es, zum Soundtrack eines Ballerfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt und konstruktiv mit dem Kugelschreiber zu quietschen.

Ich mag es, sehr früh am Morgen die Haustür zu öffnen und der Rubel rollt zur Stube hinein bis ich mit erstickter Stimme nöle, “ist gut, Viktor, lass gut sein.”

Ich mag Leute, die gleichzeitig reden und rauchen können, die es schaffen, die Kippe im Mund rotieren zu lassen wie einen Schraubenschlüssel, das ist genial. Mein alter Kumpel Pudding ist ein Meister darin, ich glaube, er lebt nicht mehr, er läuft mir nicht mehr über den Weg, was ist bloß mit Pudding los, ich glaub, der Pudding ist tot.

Ich mag es, im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört hab: er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station: Hoffnung.

Ich mag die Liebe zum Detail, ein zartes Hackebeil.

Ich mag Flure und Dielen. Flure und Dielen, die Zwischenwelten jeder Wohnung, die Orte, wo die Geisterwelt und die sichtbare Welt sich berühren, wo die Ahnen um Mitternacht zusammenkommen und auf die Knochenpauke hauen.

Ich mag Gott. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder nur eine vornehme Herzogin mit teurem Zobel und einem ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es ihr drunten auf der Erde zu trödelig vonstatten geht, zu wenig zobelig schick. Ist Gott aber ein Mann, was ich vermute, dann ist er Österreicher – ein österreichischer Metzger, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein gewaltiges Methadonproblem am Hals, er nuschelt ein wenig wie alle Wiener. Keine große Sache. Gott eben.

Ich mag es, der Gräfin eine Riesentüte Chips mitzubringen, wenn sie ihre Tage hat: Darling, deine Periodenkartoffeln!, welche Frau würde das nicht mögen.

Ich mag es, wenn plötzlich etwas schönes passiert, wofür man gar nichts kann, das ist sogar sehr schön.

Ich mag Menschen, dieses Winseln im All.

Ich mag Magie, manchmal merkt man nichts davon.

Ich mag mein Zuhause. Männer sind immer nur so gut wie ihr Zuhause.

Ich mag kalte Wintertage mit einem halben Meter Neuschnee, wenn das Erdgas aus Kasachstan durch die Heizkörper weht, wenn Kondensstreifen kreuz und quer am eisblauen Himmel stehen wie Sirtaki tanzende, aus den Händen gefallene Schreibstifte.

Ich mag Gedanken, extrakleine Vagabunden.

Ich mag Männer, in denen sich die Ruhe der Welt breit macht.

Ich mag es, wenn die Gräfin beim Spaziergang am heiligen Sonntag einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht und ich das Notizbuch so oft zücke, dass wir in zwanzig Minuten nicht einen einzigen Meter vorankommen, weil sie stets einen neuen Satz erfindet, den ich mir nicht entgehen lassen kann.

Sag das noch mal.

Ich mag es, mitten in der Nacht aufzuwachen und die Brille aufzuziehen, damit ich was zu sehen kriege im Traum und nicht etwa jemanden grüße, den ich gar nicht kenne, womöglich.

Es gibt Tage, an denen ich an mir runterblicke und denke, Junge, was hast du heute große Hände, ich mag solche Tage.

Ich mag Männer im Unterhemd, die sind stets auf dem Sprung.

Als ich jung war fand ich Typen cool, die Moped fuhren ohne Helm und dabei noch Debatten führten mit dem Hintermann. Das fände ich heute auch noch cool, sieht man aber nicht mehr.

Ich mag Propellerflugzeuge, die an späten Sommernachmittagen in dreihundert Metern Höhe träge ihre Runden drehen, weil es sonst auf der Welt keinen Klang gibt, der die Hitze eines späten Sommernachmittags besser ausdrücken könnte.

Ich mag die Tatsache, dass einem die wichtigsten Dinge im Leben oft erst dann klar werden, wenn man sie beiläufig erwähnt.

Den ganzen Tag vor sich hinsummen, als habe man eine gut bestückte original Wurlitzer-Musikbox verschluckt – kann gut sein, muss nicht. Eine Innenstadt-Taube, die beschwipst durch die Fußgängeroase torkelt wie eine Weinkönigin, knorke. Schummrige Wangen kriegen, nur weil man dieses eine Wort aufgeschnappt hat, Ohio, hat Klasse.

Gut finde ich auch die Einsamkeit, mit der manche Leute Dinge tun, die andere Leute nicht mal in Gesellschaft wagen. Zum Beispiel: Heimlich ne Wolke essen. Macht satt, sieht gut aus.

Ich kenne Leute, die mögen den Instrumental-Einstieg von Come Together der Beatles so sehr, dass sie ihn nachzuahmen versuchen, indem sie eine unter Stress stehende Flasche Coca Cola:

köpfen.

Ich mag es, wenn einem mitten im Pfiff die Luft ausgeht und man noch einmal ansetzen muss, weil einem danach vielleicht der Pfiff der Jahrhunderte gelingt, kann doch sein, wer weiß das schon.

Ich mag es, das Notizbuch eng am Mann zu führen wie den Lederball.

Sachen, die die Gräfin sagt, finde ich auch nicht schlecht. Sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie. Auch nicht vor der Gegenwart. “Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit”, sagt sie. Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich hab keine Ahung. Ich frage sie nicht. Sie hat es schon mal gesagt.

Ich mag einsame Nächte, an denen ich so grau aussehe, als habe man mir die eigene Oma ins Gesicht reinoperiert. Aber sieht ja keiner zum Glück.

Außerdem mag ich: Doppelpunkte. Ein Doppelpunkt hat etwas Militärisches, hat etwas von Krieg, STILL GESTANDEN! Das ist manchmal nötig.

 

Ich mag Mütter, denen klar geworden ist, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, doch was sollen sie tun, die Pille für 37 Jahre danach ist nicht in Sicht.

 

Ich mag es, wenn jemand ein Schoss raus hat, die Parterre sowie die zweite Etage incl. Sonnen-Loggia: da hängt alles reichlich im Wind.

 

Ich mag Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, das muss ich nicht erwähnen.

 

Ich mag die ewige Suche nach dem angenehmsten Zustand, keine Frage, das Optimum sollte es schon sein, was denn sonst.

Ich mag es, aus dem Schatz zu schöpfen, ohne ihn ganz und gar zu heben.

Ich mag die Rückkehr der Ohrfeige und den Trommelwirbel in Hound Dog von Presley, ich mag guten alten Rock’n Roll. Ich mag seit langer Zeit Curtis Mayfields People get ready in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Ur-Version der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone.

Ich mag es den Hund im Wald auszutricksen, indem ich einen Stöckchenwurf nach links antäusche, den Übersteiger bringe, in falschen Zungen rede und dann vergesse, was ich dem Hund eigentlich sagen wollte.

Was ich nicht mag, sind Tage, an denen man an allem etwas auszusetzen und zu nörgeln hat, selbst aber den allergrößten Mist baut, nichts gebacken kriegt und dann noch einen draufsetzt.

Ich mag es auch nicht dem Jetzt zuviel Stellenwert einzuräumen, weil dann nicht genug Platz bleibt für Erinnerung.

Und wenn das ganze Leben mal wieder nur aus Warten zu bestehen scheint und man trotzdem zu spät zu jedem Termin erscheint, das mag ich auch nicht.

Und wenn mir plötzlich schwarz wird vor Augen und ich seh überall Sternchen, Lichtschiffchen und Stichlinge, obwohl.. so gesehen, find ich auch nicht soo schlecht.

Außerdem hab ich vor so lange wie möglich zu existieren, ohne durchzudrehen.
5.4.14 15:41


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