Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Mit ein paar tausend Mann *

Dienstag, früher Abend. Ich stehe im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Im Hof jätet der knorrige alte Sizilianer sein kleines Gemüsebeet. Er ist so versunken in die Arbeit, dass er nicht mitkriegt, was um ihn herum geschieht, während Frau Fischer, die über uns wohnt, sich lautstark beschwert, sie habe sich beim Husten eine Rippe angebrochen. Frau Fischer hat schweres Asthma, und sie trinkt zu viel. Die Mülltonne ist nach dem Wochenende grundsätzlich ein Hort leerer Apfelkornflaschen.

"Nicht mal husten darf man noch..! Was ist das denn für ein Leben.."

Mit wem sie wohl redet, frage ich mich, da ihr niemand antwortet, und den knorrigen alten Sizilianer wird sie ja kaum meinen. Und was mich betrifft: Um sechs ist Fußball. Ich schaue mir ein Zweitliga-Spiel an. Ich liebe Flutlichtspiele, besonders jetzt im Spätsommer, wenn es noch nicht kalt ist auf den Rängen. Und das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über den Rasen läuft, klingt nur am Abend nach 20 Uhr so tief und satt, so tiefensatt, so aristokratisch grün.

So grünblütig.

Union spielt gegen Blau Weiß Berlin.

Das letzte Mal am Hermann-Löns-Weg war ich letzten Sommer, als Schalke zu Gast und das Stadion ausverkauft war. Bei der Taschenkontrolle am Eingang wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, die wie immer im Kleingeldtäschchen der Jeans auf ihren Einsatz wartete. Der Ordner wusste zwar nichts anzufangen mit dem Pfeifchen, aber die Tatsache, dass es aus Metall war, machte ihn nervös. Es dauerte bis ich ihn überzeugen konnte, dass sich mit dem kleinen, keine fünf Zentimeter kurzen Ding nicht viel Unheil anrichten ließ im gegnerischen Fanblock, außer vielleicht einer diffusen kleinen Haschisch-Psychose.

Frisch rasiert steige ich in die Linie 82 nach Ohligs. Es riecht lecker nach Rasierschaum und Frühherbst. Ein paar Union-Anhänger in den letzten Reihen, in voller Kutte, mit meterlangem Schal. Anstoß ist zwanzig Uhr. Da ist noch genug Zeit für die erstbeste Frittenbude in der Ohligser Fußgängerzone.

"Frikadelle mit Pommes. Und ne Dose Bier."

"Bier aber nich hier trinke", klärt mich der Inhaber auf, "is verbote, Gastestättegesetz."

"Dann nehm ich das hier."

Ich wähle eine Capri-Sonne mit Kirschgeschmack. Es gibt eine markierte Stelle an dem prallen Aluminiumsäckchen, an der man den Strohhalm einstechen muss, doch der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus, Kirschsaft kleckert auf den Boden.

"Klappte nich?" ruft der Türke hilfsbereit und kommt gleich mit dem Lappen rüber.

"Nee", sag ich. "Klappt nicht."

Er rammt den Halm weiter unten ins Alu-Säckchen als vorgegeben, drin ist der Zapfhahn, es funktioniert, die Suppe kriecht den Strohhalm hinauf, als ich dran ziehe, ich bedanke mich.

Nach einer Verdauungszigarette an frischer Luft gehe ich rüber in den Bierbrunnen und trinke drei Kölsch. Ein älterer Mann kommt rein, bestellt ein Bier und fängt sofort an zu lamentieren. Er spricht so undeutlich, ich verstehe seine Worte nicht, bis auf den letzten Satz: "Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!" Interessiert aber ohnehin niemanden. Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, mein Engel, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch Finger.“

Ich mache mich auf in Richtung Hermann Löns-Weg. Weil noch Zeit ist, schlage ich den Fußweg ein, der an einem Nebenplatz des Union-Stadions entlangführt. Gerade ist Training. C-Jugend, schätze ich. Fünfzehn Jungs, fünfzehn Jahre alt. In der Mitte ein schreiender Trainer, der einen Spieler abkanzelt, dessen Schuss aufs Tor auf der schweren roten Asche liegen geblieben ist.

"Die verhungert ja, die Pille!"

Sofort spüre ich Bewegung im Darm. Da ist was unterwegs. Ein verdammt dicker Junge. Das ist nicht immer so. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir eine Umwälzpumpe im Darm, damit Bewegung reinkommt. Schnell durch die Siedlung zurück und rein in die nächstbeste Kneipe mit dem nächstbesten Männerklo. Ich bestelle ein Not-Kölsch und verziehe mich aufs Klo, aber der dicke Junge hat sich seinerseits auch verzogen.

Dann eben noch ein Kölsch. Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt noch am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen habe.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!“

Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille, weißer Stock. Jedem Gast, der sich verabschiedet, ruft er ein kehliges "Wiedersehn!" hinterher, ohne aufzuschauen. Als er sein Bier hebt und zum Mund führt, erkenne ich einen Kranz an Strichen auf seinem Bierdeckel, immer in Fünfer-Päckchen, es sind mindestens dreißig Striche. Junge, wenn ich dreißig Bier intus habe, rufe ich auch jedem Gast Auf Wiedersehn hinterher ohne aufzuschauen.

Ich verschwinde aufs Klo. Es gibt Tage, da will der Herrgott einen zweiten Anlauf. Die Kneipe hat ein seltenes Spezialklosett. Für die besondere Hygiene. Am Spülkasten ist seitlich ein rotes Knöpfchen angebracht, wenn man das drückt, zieht sich automatisch ein desinfizierender Film über die Klobrille. Ich teste die Neuheit aus, aber erst nachdem ich geschissen habe.

Halb acht vorm Stadion. Als ich am Kassenhäuschen anstehe und Schlagermusik aus den Lautsprechern schallt, entscheide ich mich spontan, noch ein Bier trinken zu gehen. Ist ja noch Zeit, eine halbe Stunde. Außerdem, was soll ich hier rumstehen mit ein paar tausend Mann. Bringt doch nichts.

Zurück in die Kneipe, direkt durch aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich diesmal nur eine Purpfeife ziehen. Die kleine Freundin. Die erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da plötzlich Onkel Fitting, mein Patenonkel. Das graue Haar an den Schädel geklatscht, mit Unmengen Birkenwasser. Das ist Tradition in der Familie, wenn man älter wird und den Sektor der Attraktivität hinter sich lässt.

"Och, was machst du denn hier? Gehst du zur Union? Bist du allein hier? Wenn du willst, kann ich dich später mitnehmen, nach dem Spiel, kein Thema. Kannst du dir den Bus sparen."

Er hat in einem Satz alles klargemacht, wofür andere Leute den halben Abend brauchen. Er ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt, allerdings dachte ich, der wäre längst tot. Na, ist wohl ein anderer gewesen. Irgendjemand ist ja immer tot.

Mit einem Mal ist alles zu viel für mich. Ich spüre es nicht komme. Es grätscht einem in die offene Flanke, und du musst zusehen, wie du damit zurechtkommst. Wenn du drinsteckst, tut es weh. Es liegt an der Purpfeife. Es liegt an den paar Bier, die ich getrunken habe, ich hab noch ein großes Kölsch geordert. Es liegt an mir.

Es sind die Drogen.

Wenn ich mich jetzt hier sehen würde, wie ich am Tresen stehe, ich würde denken, ist der Kerl verstockt. Warum geht der nicht besser nach Hause. Was will der in der Kneipe. Was will der beim Fußball.

Was will der überhaupt.

Gestern hat Lena angerufen und mir nachträglich zum Geburtstag gratuliert.

"Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung, du bist ein blödes Arschloch! Mach doch ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich deine Desillusion ja noch verstehen, aber du bist gesund, du kannst gut deutsch schreiben, krieg doch endlich deinen dämlichen Arsch hoch!"

Nichts Neues eigentlich, eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht den Hauch einer Ausrede gesucht hab, auch gar nicht mehr suchen wollte.

"Du bist ein Feigling", hat sie gesagt, "Du denkst die Sachen nicht zu Ende, warum? Weil es dann zu bitter wird für dich."

"Jim Morrison ist auch mit 27 gestorben", hab ich zwischendurch eingeworfen, es war ironisch gemeint, aber das hat sie endgültig auf die Palme getrieben.

"Du mit deinem blöden Jim Morrison, das ist doch wohl nicht dein Ernst!? Außerdem bist du 28 geworden, deine Ausreden funktionieren nicht mehr!"

Darauf ist mir nichts mehr eingefallen. Dabei meine ich das mit Jim Morrison schon lange nicht mehr ernst. Aber wenn man den Leuten etwas zu lange aufgetischt hat, wird einem den Schwenk hin zur Ironie nicht mehr abgenommen. Dann muss man plötzlich ganz allein über sich lachen.

Onkel Fitting hat es plötzlich eilig, zum Stadion zu kommen.

„Das Spiel fängt gleich an! Ist schon acht!“

Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursiert die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er in den Sechzigerjahren als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus reichem Hause, der Vater Präsident des FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte der Vater Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und präsentierte die Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte fast, einem Hochstapler aufzusitzen – bloß, warum sollte der so einen Wirbel veranstalten? Für ihn, einen armen Schlucker aus dem Bergischen Land?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung insgesamt merklich ab. Man hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. "Ich war ja nur ein armer Gardinen-Dekorateur." Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine ihrerseits nach Solingen einzuladen und einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er draufhatte.

Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das windschiefe kleine Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden so lange mit Deko-Fix präpariert, bis sie nach echtem Tropenholz aussahen. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten Küche und Baumhof. Fitting und seine Freunde schufen eine so wunderliche Varieté-Stimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch dreißig Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Dekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Neben mir am Tresen erregt sich ein Männlein darüber, dass beim diesjährigen Flugplatzfest in Wiescheid das Bier in Pappbechern ausgeschenkt wurde: "In Pappbechern!! Trinke ich nicht, hab ich nie getrunken, werde ich nie trinken!"

"Jawoll, Sir!", sage ich.

Manchmal stehe ich in einer Altherrenkneipe und beobachte die Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, weil der letzte Griff zum Bierglas noch nicht lange genug her ist, um den nächsten Griff anzugehen. Männermomente im Ungefähren.

Viertel vor acht. Kurz bevor ich aufbrechen muss, sonst verpasse ich den Anstoß, lerne ich den einen Interessanten kennen, den man immer kennenlernt, wenn man es lange genug aushält. Er ist im Alter meines Onkels und lebt in Scheidung, wie er ohne Umschweife erklärt.

"Ich hatte schon Kontoverfügungen ausgestellt für meine ex-Frau, ich meine, dass die Zahlungen weiterlaufen, wenn ich tot bin, so schlecht ging es mir. Soll ich dir was sagen, Jochem? Hast du was dagegen, wenn ich dich Jochem nenne?"

"Nur zu", sage ich.

"Mein Neffe heißt nämlich Jochem, an den erinnerst du mich. Der guckt genauso abgeklärt aus der Wäsche wie du. Ähh wo war ich..?"

"Ich glaub, du warst bei den Kontoverfügungen.."

"Ja, richtig, so am Ende war ich. Ich hab nicht mal mehr Spaß gehabt am Geldverdienen, verstehst du?!"

Der Mann schafft es nicht mehr, die aufgebrachten Worte in die passende Mimik zu kleiden, dafür hat er sich schon zu oft ausgekotzt an diesem Tresen.

"Die Depression hatte mich so in den Klauen, mein Junge, ich saß nur noch zu Hause und hab die Wände angestarrt, vollgepumpt mit Tranquilizern. So eine Depression springt einen an wie ein Tier aus dunkler Ecke.."

Kurz nach acht, Hermann-Löns-Weg. Klein und provinziell ist das Stadion, von Bäumen umstellt. Keine dieser neuen Schüsseln, wo man als Zuschauer nie genau weiß, ob man nicht gleich abhebt und davonfliegt. Ich kaufe eine Karte für die Gegengerade. Stehplatz.

Flutlicht.

Ich liebe Flutlicht, ich liebe den satten grünen Strahle-Rasen. Hinter einem rauscht der Wind in den Bäumen, am Spielfeldrand liegt erstes Herbstlaub. Der Fan vor mir stellt seine Umhängetasche ab, holt eine Flasche Rotwein heraus und entkorkt sie, unter Mühen. Dann verschließt er sie wieder, ohne einen Schluck genommen zu haben. Recht so. Hauptsache, die Pulle ist auf, mein Freund.

Zweitausend Zuschauer, ich verliere mich im Spiel.

*

21. September 1988

Union Solingen - Blau-Weiß Berlin 0:2
16.10.17 16:59


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