Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Ohrfeigengesicht


 

Ich fuhr mit der Linie 3 Richtung Innenstadt, als Jack zustieg. Oben am Zentral, wo Pina Bausch aufgewachsen ist. Hände wie ein Werkzeugmacher, eine Stimme wie ein Aufzug, der im Kellergeschoß hält und nicht mehr vom Fleck kommt. Also Jack jetzt.

Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso.

Na, der wäre ja jetzt auch tot.

Erst wusste ich nicht genau, wer mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte mich die Formulierung auch tot - wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt?

Immerhin, den Namen Ohrfeigengesicht hatte ich schon gehört, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht gehörte dazu? Ich kam nicht drauf. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer Grube, in der im Laufe der Jahre ganze Kasernen an Namen verschütt gegangen waren, Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleisten. Zurückgeblieben waren bloß Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne Verbindung, ohne Geschichte. Sinnlose Zeichen.

Und außerdem: Waren die Straßen der Stadt nicht voller Ohrfeigengesichter und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Leuten auffiel, die von außerhalb kamen und erschreckten, was sich hier alles tummelte im Stadtbild, ohne weggesperrt zu werden?

“Moment mal.. Ohrfeigengesicht. War das nicht der Typ mit Zopf, der Spüli vertickt hat als Codeinsaft..?”

“Nee, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder. Der saß immer steif auf dem Mofa, wenn er zum Hilten kam.”

“Hm. So kerzengerade, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam morgens auf seiner alten puffroten Zündapp zur Praxis von Doktor Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich wieder aufs Mofa und bretterte nach Hause. Was anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei etwas anderem beobachtet, außer Methadon schlucken und Mofa fahren.

Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und sich so steif bewegte, als wäre er jahrelang bei der Fremdenlegion gewesen, ohne je geschissen zu haben. Den wahren Grund seiner Steifheit erfuhr ich erst im Bus der Linie 3, in Höhe Wasserturm.

Jack erzählte, dass sich das Ohrfeigengesicht bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat gebrochen hatte. Seitdem musste er dieses medizinische Korsett unter der Kleidung tragen, das zu dieser ungemütlichen Körperhaltung führte.

“Der hätte nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen im Kreuz. Der war eine wandelnde Ruine.”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was nicht so einfach war, da der Bursche den Helm fast nie abgenommen hatte. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den fucking Helm ab!” hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht dich nicht!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Und wer ihn doch mal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben, und dabei gewaltig daneben gelangt. Die Stirn war so voller Narben und Katschen, dass Ohrfeigengesicht schon eine Untertreibung war, ein Kosename fast.

Das Ohrfeigengesicht starb im Spätsommer 2009, als außer ihm noch weitere Junkies ihr Leben ließen, alles geschwächte langjährige Konsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass es damit nichts zu tun hatte, jeder der Drei war seinen eigenen Tod gestorben, nur eben zufällig zur gleichen Zeit.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder ihre Organe versagen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Oder sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Oder sie ersticken, wie es Jack beinahe passiert war, der neben mir im Bus saß.

1999, nach der nächsten Strafanzeige wegen Ladendiebstahl, kleineren Drogenvergehen und Urkundenfälschung brummte ihm ein Richter dreißig Monate ohne Bewährung auf.

“Die Milleniums-Party findet für Sie in der JVA Bochum statt.”

Zur Feier wehten weiße Bettlaken aus den Zellenfenstern und wurden abgefackelt. Da dachte Jack, gerade in Bochum angekommen, ich zeig den Knackis mal, was eine Harke ist, und bereitete ein dickes Ding vor. Er nahm die Matratze, quetschte sie mühselig zwischen den Gitterstäben hindurch und zündete sie an. Nicht gerechnet hatte er mit der immensen Brennbarkeit von Matratzen und der Rauchentwicklung. Während die Matratze vorm Fenster lichterloh brannte und von den Gefangenen gefeiert wurde, zog der Rauch ungehindert nach hinten in die Zelle ein und raubte ihm den Sauerstoff zum Atmen und die Sicht. Er fand nicht mal mehr den Notschalter neben der Tür. Und wäre der Nachtschließer nicht gewesen, der Jacks Hilferufe ernst nahm, Jack wäre in der Silvesternacht jämmerlich erstickt, wie er mir zwischen zwei Haltestellen beteuerte.

Wahrscheinlich erzählte er nur Scheiße, irgendeine Legende, die unter Knackis die Runde machte.

Wie auch immer. Das Ohrfeigengesicht, so Jack, erwischte noch den klassischen Junkietod. Setzte sich einen Schuss zur Nacht und krepierte daran, das wars. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats, aus statistischen Gründen.

Mit der Linie 3 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mich die ganze Zeit bewegte.

“Sag mal, hieß der Kerl nicht schon Ohrfeigengesicht lange vor dem Mofa-Unfall?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Wahrscheinlich sah der Arsch schon vorher scheiße aus.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte mich nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, was sollte die Frage also. Und als ich mir sein Gesicht vorstellte, dieses übelgelaunte vernarbte Gelände, das sich hinter einem ewigen Mofahelm verborgen hatte, da musste ich Jack Recht geben. Verdammt, ja. Das Leben und seine Motive waren kompliziert und undurchschaubar wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht, fertig, aus.

4.7.14 11:11


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