Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Die Fischangst meiner Hände

Im April 83, kurz bevor Karlos und ich nach Portugal reisten, erschien im Tageblatt eine winzige Vorankündigung unter Vermischtes: "Andreas Glumm liest Gedichte in Kennies Antiquitätenladen, Wupperstraße." Das war aber nur die halbe Wahrheit. Die Gedichte stammten zwar von mir, gelesen wurden sie aber von Karlos. Als Bühnenschauspieler hatte er die besseren Nerven, während schon eines meiner frühen Gedichte den programmatischen Titel DIE FISCHANGST MEINER HÄNDE trug.

Ich finde es nicht mehr. Das Gedicht ist verloren. Ich habe auf dem Speicher gesucht, ich habe den staubigen alten Koffer geöffnet, der unter meinem Schreibtisch liegt und eine Menge loser Manuskripte enthält, ich hab die Regale auseinandergenommen - nichts zu machen, das Gedicht ist weg. Ich entsinne mich, wie es endet: Es endet damit, dass ich in der Früh wach werde und einen Fisch reite mit einem großen Busen. Daran erinnere ich mich. Das Ende war gut.

Eine Handvoll Freunde und Angehörige erschien an diesem Nachmittag im Frühsommer 1983 in Kennies Antiquitätenladen auf der Wupperstraße.

Die Wupperstraße war berühmt für ihren Doppelcharakter. Es gab zwei Frisöre, zwei Supermärkte, zwei Büdchen, zwei Bäcker, zwei Dealer, zwei Blumenläden, zwei Imbissbuden, eine Lotto-Annahmestelle, zwei Kneipen, zwei Generalvertretungen von Versicherungen und eine Weile sogar zwei Kindermodegeschäfte, die sich aber nicht halten konnten und schnell dichtmachten.

Eine turbulente Straße, von zwei Schulen gesäumt, einem Kindergarten und einer Lotto-Annahmestelle, die nach Schulschluss oft dermaßen überfüllt war, dass die Inhaberinnen, zwei stieselige, aber geschäftstüchtige alte Jungfern, sich regelmäßig gezwungen sahen, die Notbremse zu ziehen.

"NUR REINKOMMEN, WER GELD HAT! DIE ANDEREN WARTEN DRAUSSEN!"

In den Neunzigerjahren zeigte die Wupperstraße ein gänzlich anderes Gesicht. Es gab nur noch einen Frisör, einen Billigbäcker, 1 Supermarkt und 1 Kneipe, aber insgesamt vier Imbissbuden, zwei griechische und zwei türkische. Das Gleichgewicht war innerhalb eines Jahrzehnts komplett aus dem Ruder gelaufen, und die Straße hat sich bis heute nicht wirklich davon erholt.

(Wobei es neuerdings zwei Läden gibt, die einem die Fußnägel verlängern, oder so.)

Kennies Antiquitätengeschäft, Samstagnachmittag 1983, die erste Lesung meines Lebens. Proppenvoll war es nicht gerade. Der dicke Hansen war gekommen, sein Bruder, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager. Fleschkönigs ließ sich blicken, Lena war da, Pepe, Pepes Bruder, der kleine Bruder von Karlos, und Schnaat, der hatte keinen Bruder. Nur zwei Schwestern. Die waren aber nicht da. Die waren woanders. Die waren ständig woanders. Sie waren mehr ein Gerücht, Schnaats Schwestern.

Dafür war Kennie da, logisch. Kennie, der Gastgeber, Einzelkind, Altjunkie, 2007 gestorben im Alter von fünfzig Jahren.

Ein paar Tage vor seinem Tod habe ich ihn noch in der Stadt getroffen. Er sah gut aus, wie lange nicht. Er hatte beide Hände voll zu tun. Links einen Strauß Rosen in zartgrünem Blumenpackpapier, rechts einen frischen Fisch vom Markt, in Fischeinwickelpapier.

"Kennie! Wohin?"

"Nach Hause", gab er gutgelaunt zurück.

"Oho… Machst es dir gemütlich, wie?"

"Sicher", leuchtete er. "Den Fisch in die Blumenvase, halben Liter Wasser dazu, die Vase auf die Heizung, volle Pulle aufdrehen, fertig ist der Budenzauber."

Budenzauber war das letzte Wort, das ich aus seinem Mund gehört habe. Für mich ist Budenzauber seither Kennies Wort, und wird es bleiben bis in alle Ewigkeit. Ein schönes Wort, wie Henrystutzen. Oder Admiral Benbow. Manchmal reicht ein einziges kleines Wort, und man taucht ab in den Tod eines Bekannten.

Paar Tage später brach Kennies Kreislauf zusammen, abends vorm Fernseher. Er saß neben seiner Mutter, bei der er zu Besuch war. Er muss sofort tot gewesen sein.

1983 bauten wir genau in der Mitte seines Antiquitätenladens eine hellblaue Werkstatt-Leiter auf. Karlos hockte auf der obersten Sprosse und verkündete mit ritterlicher Stimme meine verschwurbelten kleinen Jungs-Gedichte, in denen die Utopie ihrer inneren Blutung erliegt und wo ich durch den Weltraum spaziere, in dessen Gemäuer die Ewigkeit nistet. Einmal stehe ich in der Pommesbude, als meine Ex auftaucht, im Schlepptau ihren neuen schnieke Fritz. Am Ende blutet mein Herz und im Bauch die Currywurst. Das Ende war gut.

Nach dem letzten Gedicht stieg Karlos von der blauen Leiter. Die Leute klatschten erleichtert, weil nichts schiefgegangen war. Meine große Schwester kam zu uns rüber und machte eine Riesenpulle Sekt auf, von der ich in gewisser Weise noch heute saufe.
18.8.17 16:03


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