Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Der Blueshund



 

Morgens um halb neun, gleich nach dem Nachtdienst, nahm ich den Oberleitungsbus Richtung Hästen. Am Pfaffenberg stieg ich aus und trödelte durch den Wald runter ins Schellbergtal, ein großes weißes Hotel-Handtuch unterm Arm, die Badehose drunter. Ich hatte Lust auf Schwimmen. Was heißt Schwimmen. Im Freibad auf der Decke liegen, Bier trinken und zwischendurch ins blaue Wasser fallen.

Stattdessen war alles verrammelt.

Öffnungszeiten in der Woche:
11-20 Uhr

Schon beim Näherkommen hatte ich mich über die ungewohnte Stille gewundert. Kein Kindergekreische, keine Bauchklätscher, nichts. Was jetzt? Etwa bis elf Uhr vorm Freibad rumlungern?! Wieder den ganzen Weg zurück, für lau?

Ich stand vor dem Drahtzaun. Das Wasser schimmerte mich teenagerblau an, ich sah Libellen, die über die Wasseroberfläche rotierten und Loopings zeigten, ein zackiges Geschwader. Und dann war da dieser Mann im Trainingsanzug. Er marschierte weit hinten auf der Liegewiese auf und ab, in den Händen so etwas wie einen riesigen überdimensionierten Frittenpieker. Ich rüttelte am Gitter.

“Halloo!?”

Keine Reaktion.

“HALLOOO!!”

“JA..??”

“SAGEN SIE, KÖNNTEN SIE MICH REINLASSEN?”

“Ist geschlossen!”

“WAAS?!”

“IST GESCHLOSSEN! WIR MACHEN ERST UM ELF AUF!”

“JA , WEISS ICH, HAB ICH GERADE GELESEN.. ABER ICH BIN EXTRA ZU FUSS RUNTERGEKOMMEN..”

Er stierte zu mir rüber.

“ZU FUSS, ICH BIN EXTRA ZU FUSS..!“ wiederholte ich.

“SCHON GUT. ICH KOMME..”

Er ließ sich Zeit. Er trottete an den Umkleidekabinen vorbei, in die der Mitsubishi Boy viele Jahre zuvor mühsam Löcher gebohrt hatte, in Muschihöhe, mit dem Handbohrer, aus Versehen bei den Knabenkabinen. Ich wartete am Eingang. Der Bademeister rief etwas. Ich verstand ihn nicht. Ich solle zu einem anderen Tor kommen. Dem um die Ecke, dem Tor.

In Ordnung.

Ich ging um die Ecke, und da stand er plötzlich mit einer Töle, die er stramm und kurz an der Leine hielt. Wo kam die denn so schnell her? Ein Boxer-Mix. Ein Mordsvieh. Hektor. Unter Garantie. 

“Was gibt’s?”

“Können Sie mich reinlassen?”

“Wir machen erst um elf auf.”

“Schon, aber ich komm direkt vom Nachtdienst.. ich bin vom Pfaffenberg zu Fuß runter.. den ganzen Weg. Ich dachte, es wäre um acht auf.. Können wir nicht eine Ausnahme machen?”

Die Töle hechelte und sabberte. Wuppertaler SV las ich auf dem blau-roten Trainingsanzug des Bademeisters. Ein abgewetztes Teil, so aus der Nähe. Ich sagte nichts mehr. Ab jetzt war jedes Wort zu viel. In kniffligen Momenten sollte man dem Gegenüber das Gefühl geben, er selbst habe zu entscheiden.

“Na gut, aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt.”

“Okay! Kein Problem. Ich will mich nur was auf die Wiese legen..!”

Er öffnete das Tor, ich drückte ihm das Eintrittsgeld in die Hand, drin war ich. Ganz allein im Schellberger Strandbad, Montag früh, August 1986, neun Uhr. Nur das Plätschern der Brunnen im Kinderbecken war zu hören, und das Knistern der Stromleitungen, die sich übers ganze Gelände schwangen, von Strommast zu Strommast.

Das Gras, noch feucht von der Nacht. Völlig übermüdet breitete ich das Handtuch aus, zog das T-Shirt aus und schlief auf der Stelle ein.

Ein windiger Schlaf.

Der Himmel bedeckte sich, ich spürte es auf der Haut. Unter den Strommasten sammelten sich erste Stechmücken und machten sich ausflugfertig für elf Uhr. Für die erste Tombola des Tages. Einmal wurde ich wach und glaubte den Bademeister schimpfen zu hören, “ja, gottverdammich! Wieso springt der nicht an?!” Kurz darauf startete ein Auto und entfernte sich knatternd den steilen engen Schellberg hinauf. Vielleicht fuhr der Chef Würstchen kaufen, dachte ich. Für den Kiosk.

Für um elf.

Es dauerte keine Minute und ein paar prüfende Blicke, schon war ich unten am Becken und mit einem sportlichen Köpper im Wasser. Ich machte einige erfrischende Tauchgänge, schnappte nach Luft, und hörte Gebell. Boxergebell! Hektor! Es dauerte keine Minute, und ich lag wieder auf meinem Handtuch in Hanglage, und schlief weiter.

“He – woher kenn ich dich denn?!”

Die Frage kam von weit her, wie durch einen Holzperlenvorhang. Ich schob die Augen auf. Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt und Bierplauze stand direkt über mir, ein Bier in der Hand. Geh mir aus der Wolke, knurrte ich in Gedanken.

“Ich kenn dich doch”, wiederholte er. “Woher kenn ich dich?”

Hatte der noch was anderes auf Lager? Ich stütze mich auf und guckte mir den Knaben näher an. An seiner Schläfe wuchs eine dicke braune Warze, darauf stand ein langes einzelnes Haar – er sah aus wie ein Hexer, aber mit zu viel Kilos drauf.

“Vielleicht kennst du mich aus dem Mumms”, murmelte ich. “Die meisten Leute kennen mich aus dem Mumms.”

Er setzte sich zu mir auf die Wiese. Ein bisschen zaghaft, weil ich ihn nicht eingeladen hatte, ein bisschen unentschieden. Allerdings machte ich auch keinen abwehrenden Eindruck. Man muss die Leute nehmen, wie sie kommen. Trotz seines immensen Bauches bewegte er sich erstaunlich flink. Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Es war Malzbier.

“Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde?”

“Schon mal gehört, ja..”

“Das ist meine Band!”

Den Namen kannte ich von diversen Plakaten. Wenigstens kein blöder englischer Bandname.

“Dann bist du Rolf..?”

“Rolf, der Wolf, genau. Sänger und Songschreiber. Willst du auch nen Schluck?”

“Nee. Danke.”

Dann erzählte er. Ohne Umschweife. Von Lymphdrüsenkrebs. Von der Chemotherapie. Von der Psychose.

Vom Blues.

“Manchmal höre ich meine eigene Stimme im Radio, als Nachrichtensprecher. Dann denk ich, hey – seit wann bist du im Radio?! Ich ruf bei meiner Schwester an und sag ihr, sie soll das Radio anmachen, ob sie das auch hört. Sie sagt dann natürlich, das ist nicht deine Stimme, das bist du nicht, Blödsinn alles, aber sie kann sagen, was sie will, ich glaub ihr nicht, ich bleib dabei, ich bin im Radio.”

Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle.

“Wenn es ganz schlimm kommt, glaube ich, ich könnte das Fernsehprogramm manipulieren. Dann laufen den ganzen Tag nur Sendungen, wie ich sie will.”

“Komisch. Das hat mir schon mal einer erzählt”, sagte ich.

Aber davon wollte er nichts hören. Wenn er mich schon vereinnahmte, dann sollte es auch ein Sololauf bleiben. Dann ging es nur um ihn, um Rolf den Wolf von den Blueshunden, und nicht um irgendein Gelumpe, das er nicht kannte.

“Manchmal glaub ich sogar, ich bin Jesus. Dann springen alle Ampeln auf grün, wenn ich auf dem Moped unterwegs bin.”

“Oh, wie praktisch”, warf ich ein.

Je mehr Rolf erzählte, desto kurzatmiger wurde er. Seine Nikotinfinger glänzten. Es duftete nach frisch gepresstem Angstschweiß.

“Setz mich fünf Minuten an irgendeine verdammte Bushaltestelle und ich sage dir, was los ist in der Welt.”

Jetzt war ich voll da. In seiner nervös nestelnden Art erinnerte er mich an diese verrückten Mods in alten Top of the Pops-Ausgaben, Typen, die immer einen Tick zu aufgeregt waren im Scheinwerferlicht des Studios. Sie meinten es gut, sie hatten einen ersten Hit im Gepäck, und doch hätten sie beinah alles vermasselt. Sie waren ständig zu aufgeregt. Sie kamen ständig zu früh, und die Manager wetterten hinterher in der Umkleide, wie könnt ihr nur, nächstes Mal habt ihr nicht so viel Glück.

Und die Mädels waren auch sauer.

Auf dem Höhepunkt der Psychose sprang Rolf, der Wolf, splitternackt über die Autobahn – da nahmen sie ihn fest und steckten ihn ins Irrenhaus, wegen fortgesetzten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

“Ich war fünfzehn Mal bis jetzt im Irrenhaus. Ich sag immer Irrenhaus. Hier.”

Er zeigte mir seinen Handrücken, auf dem drei Buchstaben eintätowiert waren: L.K.H. Darunter 15 blaue Pünktchen. Er zählte sie ab, damit ich auch sehen konnte, dass es stimmte. Niemand liess sich fünfzehn knastblaue Punkte stechen, wenn er nur zehn Mal im Landeskrankenhaus gewesen war. Logisch.

“Was willst du machen. Alle vierzehn Tage krieg ich jetzt eine Depotspritze, gegen die Jesus-Euphorie. Die ist am schlimmsten. Da dreh ich voll ab.”

Er blickte mich triefäugig an.

“Wusstest du, warum Jesus so früh sterben musste, mit Siebenundzwanzig? Er hätte es nicht länger auf der Erde ausgehalten, bei all dem Ärger, sonst wäre er doppelt so dick geworden wie der Herrgott selbst, und die Leute hätten ihn ausgelacht. Kein Jünger wäre einem Fleischklops gefolgt.”

“Wie – ist Jesus auch mit Siebenundzwanzig gestorben?”

“Ja, der auch.”

Weil Rolf so kurzatmig war, erkundigte ich mich, wie er das mit dem Singen hin bekam auf der Bühne, wie er das geregelt kriegte.

“Mit Singen hab ich kein Problem, live bin ich grundsätzlich voll. Der Bassist ist auch voll, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der trinkt nicht, der ist link. Der will nach jedem Konzert bar ausbezahlt werden.”

“Die linke Sau”, stimmte ich zu.

“Die Psychose liegt in der Familie”, fuhr Rolf fort. “Außer meiner mittleren Schwester haben alle einen an der Klatsche bei uns. Auch meine Mutter. Die sowieso. Die ist der Vollhonk.”

Dann war das Malzbier alle, und die Mittagssonne kam durch. Der Schweiß floss durch Rolfs Gesicht wie nach einer spontanen Wurzelbehandlung ohne Betäubung an allen Zähnen.

“Aber mit dem Krebs ist gut. Ist besser geworden. Stillstand.”

Elf Uhr 15. Das Freibad füllte sich. Stechmücken rieben sich den Rüssel im Erkundungsflug, Rolf, der Wolf, seinen Bauch.

“Gleich geh ich mal ins Wasser, was gegen die Wampe tun”, sagte er und klopfte dreimal aufs Fett.

Stattdessen blieb er hocken, in seiner speckigen Jeans, und rauchte.

“Mann, ich schwitze wie eine Sau. Weißt du, woher das kommt? Vom Saufen. Ich sauf zuviel. Das ist das Dilemma in meinem Kopf. Ich will auch mal frei sein, nicht immer nur Zwang, Zwang, Zwang. Die letzten zwei Wochen war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war so ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen aus dem SPAR?”

“Moment.. Die weißen, wo nur BIER draufsteht – und sonst nix..?”

“Genau die. Achtundsiebzig Pfennig die Büchse. Von morgens bis abends, eine nach der anderen, bis ich Wölfe gesehen hab am hellichten Tag. Ha ha – gut, ne? Die Kur hat mich ruiniert.”

Er rauchte Schwarzer Krauser. Kaum war eine Kippe ausgedrückt, drehte er die nächste.

“Hast du vielleicht mal ne Aktive?”

“Nee, ich rauch auch Tabak”, sagte ich.

“Ach so, stimmt, da liegt er ja. Schade. So zwischendurch mal ne Aktive.. Ich bin ja nicht mehr so viel unter Leuten, seit ich wieder mit ner Frau zusammen bin, wir gehen kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zu Hause. Maria hab ich im Psychosozialen Verein kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst vielleicht wieder eingestellt wird.”

“Na Moment. Aber Geld kriegt sie doch dafür..”

“Maria?? Keinen Pfennig. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen.”

“Und das nennt sich sozialer Verein!”

“Psychosozialer Verein”, verbesserte mich Rolf. “Ist aber egal. Ist alles der gleiche Schweineverein, wo du auch hinguckst.”

Er rotzte ins Gras.

“So, ich dreh mal weiter meine Runde, mal sehen, ob ich noch wen treffe. Machs gut.”

Am späten Nachmittag, ich brach gerade meine Zelte ab, hörte ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.

“Die Kinder, die sich mit Müllaufsammeln eine Mark verdienen wollen, bitte am Kassenhäuschen melden.”

Es bildete sich eine ziemliche Schlange beim Bademeister. Er verteilte lange Müll-Pieker und Handgreifer an die Kinder. Ich drehte mich noch mal um und sah zufällig Rolf, den Wolf, wie er mit einem Bier am Beckenrand saß, die käsige Haut sonnenverbrannt, als säße er im Fegefeuer. Mittendrin. In der Endlosschleife.

Ich winkte, doch er sah mich nicht.

15.10.14 14:29


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung