Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Bora Bora

 

 

Es gibt Tage, da fällt meine Sozialbilanz verheerend aus. Ich spreche mit kaum einer Menschenseele, selbst mit der Gräfin nur das nötigste. Es sind nicht die schlechtesten Tage.

Fellpflege findet nicht statt.

Alleinsein ist nicht bloß Bedingung, um zu schreiben, Alleinsein ist des Daseins Krone. Dem sozialen Tier in dir nur die Notration gönnen. Immer ein bißchen hungrig bleiben -

und im Alleinsein prassen.

*

Ich bin mit dem Bus unterwegs. Da ist dieser Typ, etwa so alt wie ich, der mir neuerdings auffällt. Der Typ kurvt auf einem Tretroller herum, einem dieser Dinger, die vor Jahren populär waren, mittlerweile aber schon wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind. Und wenn man doch mal einen Tretroller sieht, dann an den Füßen von Kindern, nicht von Knaben um die Fünfzig.

Ich fahr mit dem Oberleitungsbus von Gräfrath in die Stadtmitte, als er am Central zusteigt, den Roller zusammengeklappt. Der Bus ist voll, es ist kein Sitzplatz frei. Nur in der Busmitte, wo sonst Kombikinderwagen, Sport-Buggys und Doppelwagen schlechtgelaunter Postboten abgestellt sind, ist Platz zum Stehen.

Der Tretrollertyp quetscht sich zu mir durch und lacht.

"Was soll ich groß zu Fuß zu gehen, wa!"

"Hm", sag ich. "Sicher."

"Ist ein Cityroller. Mein kleiner Scooter."

Hallo Scooter. Neben uns drängeln sich zwei Frauen an den Halteschlaufen. Eine hat rotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thailänder in Elberfeld, wo sie gestern Abend eingeladen war.

"Aber so was von tootal lecker!"

"Der Koch war am Singen bei der Zubereitung, konnte man bis an unseren Tisch hören! So Opern!"

"Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich mein, bei einem Thai, also ehrlich! Geht gar nicht!"

"Das Essen war so scharf, ich musste mir ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette."

"Aber toootal lecker!"

In Elberfeld, Calvinstrasse, erste links. (Für Interessenten.)

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall, der Bus stoppt, oben am Wasserturm. Eine der Stangen auf dem Fahrzeugdach, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird, hat sich gelöst.

"Wie ne Granate, wa!"

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batterie um und kriecht den Rest der Strecke mit 30 Stukkis durch die Hauptverkehrsstraßen, oder der Mann zieht sich Arbeitshandschuhe an und führt die sechs Meter langen Stangen wieder ans Stromnetz. Er entscheidet sich für die Arbeitshandschuhe. Ein Aufatmen schwappt durch die Sitzreihen. Niemand will Batteriebetrieb. Es folgt Funkverkehr.

"Hier Linie 3 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 2 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber."

"Das alte Schwein", lacht der Typ mit dem Roller, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück. "Hat der seine Stange verloren."

Wir fahren gemeinsam bis zum Mühlenhof, steigen aus und bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Sparkasse stehen. Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich hör mir erstmal an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger ausgeklügelte Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist für Macher. Ich bin 1 Lasser.

Jeder ist seine eigene Soko. Auch ich wurde speziell zusammengestellt für mein Leben.

Laissez-nous faire.

Ich mag es, Leuten 15 Minuten zu schenken, ihnen zuzuhören. Ich staune immer wieder, was so alles in eine Viertelstunde reinpasst aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten unseres Daseins, Geburt und Niedergang: mit wem man Strecke macht, mit wem nicht, Todesküsse, Variationen von Wahrheit, Autounfälle, Skiunfälle, Unfälle.

Ein Leben in 15 Minuten.

Dass in Zukunft jeder 15 Minuten weltberühmt sein wird, wusste schon Andreas Warhol. Dass die Zukunft jetzt stattfindet und nicht später - auch klar. Dass aber Nahrungswissenschaftler nachgewiesen haben, dass der Mensch nach einer Viertelstunde satt ist, egal, was und welche Mengen er vertilgt - das ist mir neu.

Eine Viertelstunde reicht, um unseren Hunger zu stillen, eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die wir im Vollbesitz unserer Kräfte sind, um Dinge zu tun, eine Viertelstunde ist genug vom Ruhm.

Die Gräfin sieht es so:

"Nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Viertelstunde lang. Weil der ganze Körper mit Verdauen beschäftigt ist, auch das Gehirn."

Der Tretrollermann ist Baujahr 60 wie ich, geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, bevor der Unfall geschah.

"Mich hat ein Pole überfahren."

"Ein Pole.. Wo, in Polen?"

"Nee, an der Foche unten. Ich hatte die Beine mehrfach gebrochen, die Hüfte gebrochen, ich war zwei Monate im Krankenhaus. Seitdem bin ich Frührentner, hundert Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?"

Er war mit dem Motorrad unterwegs an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole ohne Führerschein ihm die Vorfahrt nahm in einem gestohlenen Wagen.

"Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich bau nie wieder ein Haus mit Keller, Fußbodenheizung reicht. Einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne, wa. Die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung, das reicht. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, hat sie diesen Kerl kennengelernt, diesen Doktor Doktor. Der freut sich heute noch über mein Haus. Der wohnt da. Nicht ich."

Es leuchtet in seinen Augen erst wieder, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, Unternehmer in Guatemala, im Hochland, so richtig mit Pferderanch und Kaffeeplantage. Ein gemachter Mann, vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

"Warum gehst du nicht nach Guatemala?"

"War ich doch schon! Schon vier mal!"

"Na ja, ich mein, warum lebst du nicht da, kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten."

"Mach ich doch vielleicht! Nächsten Sommer fliegt erstmal mein Sohn rüber, wa."

Da es Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die Karte in den Kontoauszugsdrucker, um zu schauen, ob die Sozi-Kohle schon drauf ist. Eine Menge übler Laune und verdruckster Sozialbilanzen schleicht am 30. und 31. in den Innenstädten herum. Es müffelt nach nicht gewechselter Wäsche, fehlenden Zähnen, fehlendem Essen.

Ganze Bereiche sind wie verödet.

"Vor dem Unfall bin ich jedes Wochenende Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein ganzes Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich 1989 noch einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt war ich in Schottland, Squad fahren. Mein Motorrad war mein Leben."

Er macht den Scooter startklar. Drei Handgriffe. Klapp, klapp, klapp.

"Am allerschönsten war meine Weltreise 1982, AROUND THE WORLD. Ich hatte ein Weltticket für dreitausendzweihundert Mark, damit konnte ich jedes Flugzeug besteigen, ein Jahr lang, weltweit. Ich war in Amerika, Australien, Asien. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht Thailand, sondern Indonesien. Die Inseln."

Zuletzt flog er in die Südsee.

"Bora Bora", sagt er.

"Bora Bora..?" sag ich. "Woher kenn ich das denn nochmal...?"

Er ist sich auch nicht sicher. "Aus.. einem Film..?"

"Kann sein. Ja.. Ist das nicht die Insel, auf der Die Meurerei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?"

Er trägt eine College-Kappe, falschrum aufgesetzt. Eine gute Blue Jeans, gute Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall. Die Hüfte steht an einer Seite ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt.

"Kann sein. Ist bei Tahiti, Bora Bora", sagt er.

"Ja, mit Marlon Brando." Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber immerhin, ich bin im Erzählgeschäft - ein, zwei Sätze lang buttere ich die Sozialbilanz. "Der hat doch bei den Dreharbeiten so ne Eingeborne kennengelernt und später geheiratet. War das nicht Bora Bora?"

"Weiss nicht.. Aber solange es irgendwie geht, flitzen Scooter und ich durch die Gegend. In der großen weiten Welt war ich schon. Was soll ich jetzt groß zu Fuß gehen.. So, machs gut. Schönen Tag noch, wa."

Hm.

Ich glaub, das war ne andere Insel. Das war nicht Bora Bora. Die heißt anders.

"Ist Kohle schon drauf?" frag ich den Deutsch-Russen, der aus der Sparkasse kommt. Er humpelt an Krücken. Eine vereinsamte abgedunkelte Figur mit einer eigentümlichen Narbe im Gesicht, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, welche Art Unfall oder Unglück solch eine Narbe hinterlässt, bis mich eine Landsfrau von ihm aufklärte. Die Narbe wurde ihm im Knast zugefügt, es ist ein Zeichen, das unter Russen Bedeutung hat: Der Typ ist ein Zinker. Eine Hafenratte. Er hat Kameraden bei den Bullen verpfiffen. Er ist mit Vorsicht zu geniessen. Du darfst ihm in die Eier treten. Er ist weniger wert als ein Junkie mit Hep C und doppelt HIV.

"Nee, is noch nix drauf."

Dann kann ich auch nach Hause gehen.

31.10.14 16:45


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