Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Ich wundere mich selbst, wie ausserordentlich überzeugt ich klinge


 

Die Schergen vom Ordnungsamt, diese Gangstertruppe, immer im gleichen harten metallischen Singsang der Straße:

“Anleinen den Hund!”

“Zigarette in den Aschenbecher!”

“Den Regenwurm zusammenkleben!”

 

*

“Manchmal hab ich Hoffnung, die Menschheit findet doch noch ihren Weg zurück.”

Vor ihr liegt ein Prospekt von Woolworth, in dem ausdrücklich für Matschjacken und Buddelhosen für Kinder geworben wird, in den aktuellen Herbstfarben.

“Matschjacken und Buddelhosen.. Was für schöne Worte.. Da keimt ja fast so was wie Hoffnung auf.

 

*

Ein ständiges Ärgernis im Haushalt ist, aus ihrer Sicht, mein anarchischer Umgang mit der Butter. Während sie möglichst akkurat und nur mit sauberem Messer ihre jeweilige Portion abnimmt, fahre ich wie ein Punk in den Halb-Pfünder und hinterlasse lauter vakante Stellen und Schmierspuren.

“Du Asi!”

 

*

Auf das knatschrote Plakat, das an der Litfass-Säule für die Erotik-Messe 2014 in Wuppertal wirbt, hat jemand ein ausgelutschtes Kaugummi geklebt, exakt in den Schritt der Dessous-Lady.

Davor steht ein warm eingepackter Elfjähriger, der detailversessen in der Nase bohrt und sich das Poster anguckt, als seine Frau Mutter aus dem Supermarkt schreitet, bepackt wie ein Sherpa des Kapitalismus.

“Yannick!” ruft sie ihren Sohn bestürzt zur Ordnung, “Yannick-Eberhard!!”


*

Das Gebell mancher Strassenköter klingt, als verschluckten, ja als verspotteten sie das eigene Gebell, als wollten sie es zum Ursprungsort zurückreiten, schnurstracks zurück in die See, wo alles Gebell beginnt, bei den Seehunden. Das sind die wahren Seelenhunde. Die Seehunde. Die Hunde. Man erkennt sie an ihrem Gebell.

 

*

Im Coppel-Park um die Ecke sind Goldwespen zu Hause, es gibt kleine Fledermäuse und Stockenten, und da ist dieser Fischreiher, ein junger Bursche noch, der nur sporadisch auf den beiden Parkteichen zu tun hat. Wenn er an sonnigen Tagen über einen hinwegsegelt, werfen die Flügel so gewaltige Schatten, als wäre ein Zeppelin in der Luft. Ein furchtloser Bursche, im Gegensatz zu seinem Vorgänger.

Der alte Fischreiher war bedächtig und vorsichtig, man durfte sich ihm nicht nähern, schon schwang er sich auf und verschwand beleidigt Richtung Wupperberge, wo er seine Ruhe hatte. Na schön, er flog nicht wirklich, er schlurfte eher gemächlich durch die Lüfte, der alte Flaneur und Froschpicker.

Einmal verfolgte ich seinen Flug.

Ich stand im Coppel-Park und sah zu, wie der Alte eine ausladende Runde über die Anlagen drehte und schließlich zur Landung ansetzte, auf einem der spitzgiebeligen Hausdächer am Pappelweg.

Komm, sagte ich zum Hund, den gucken wir uns mal aus der Nähe an.

Wir bewegten uns vorsichtig auf die Häuser am Pappelweg zu, deren Rückfront zum Park zeigt, es ging vorbei an Gartenparzellen, Blockhütten und Blumenrabatten, in denen der Wind saß und Pause machte.

Ich liess den Fischreiher nicht aus den Augen, bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfürst stand. Stolz zeichnete sich seine Silhouette gegen den klaren blauen Himmel ab. Den Kopf gereckt, den Schnabel eine Trompete.

Welche Pracht.

Erst als wir uns ihm bis auf wenige Meter genähert hatten und stehen blieben, erkannte ich, dass es nur ein scheiß Wetterhühnchen war da oben.

 

*

"Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte man schreiend fortlaufen", meinte sie zu mir. "Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen, als ich dich kennenlernte.."

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich bloß von dem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnete und der so geheimnislos nach Pisse stank.

 

*

"Meinst du, wir haben noch fünfzehn Jahre Zeit?"

Sie hat irgendwo gelesen, dass es 25 Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen.

Zehn Jahre sind fast um.

"Noch fünfzehn Jahre, hm, ja.. könnte eng werden", rechne ich durch, "aber wenn wir Glück haben.. viel Glück,  dann .. ja, könnte es klappen."

Doch sie ist schon woanders mit den Gedanken. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Gemüse.

"Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?"

"Wann? Jetzt?"

"Ja.. ab.. jeetzt!"

Drei Minuten. Fünfzehn Jahre, fünfundzwanzig Jahre. What a difference a day makes.

Das Blanchieren von Zeit.

 

*

“Sie kommen zurecht?” erkundigt sich der Chef des Künstlerbedarf-und Schreibwarenladens, als ich vorm Regal mit den schönen glänzenden Notizbüchern stehe. Manche sind aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie die riechen. Was die kosten.

“Ja.. ich komme zurecht”, gebe ich zurück, "o-ja", und wundere mich selbst, wie ausserordentlich überzeugt ich klinge.

1.8.14 11:59


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