Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ballroom Blitz

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: die Siebziger. Was alles dazwischen lag und im Nachhinein schrill und farbig klingt, nach plappernden Plateausohlen und Teenage Rampage, war in Wirklichkeit ein graues und fremdes, ein langweiliges Jahrzehnt. Das spannendste waren noch der große Nuss-Joghurt von Bauer und die Revierkämpfe nach Schulschluss. In den Bussen traf man noch auf schlecht gelaunte Altnazis, die dreißig Jahre zuvor den Krieg verloren hatten und nun mitansehen mussten, wie ihnen Langhaarige und andere Haschgetüme den Sitzplatz streitig machten. Da konnte auch der Gehstock der Waffen-SS wenig ausrichten.

Nachts zogen wir durch die Stadt und hatten nichts besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es stockdunkel war in den Gassen. An jeder Laterne gab es diesen exakt definierten Punkt, den man treffen musste, damit das Natriumlicht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß. Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, trotz all der Tritte, die trafen. Da waren wir dann als Gang gefragt, als Gesamtveranstaltung. Wie eine Herde Bullen tanzten und sprangen wir nacheinander den Mast an, ein Trommelfeuer an Sohlen und Absätzen ging auf den Punkt nieder, eine grimmige Kung Fu Choreografie, RATAKK! RATAKK! RATAKK! RATAKK!, bis es geschafft war. Endlich Finsternis. Endlich Nacht.

Für Slade brauchte es dicke Wände im Kinderzimmer, sonst gab’s Ärger mit der Nachbarschaft. Vor allem, wenn eine neue Single rauskam, die zehnmal hintereinander gespielt werden musste, bis sie saß. Slade waren roh und rotzig, Slade waren laut, Slade kamen aus Nottingham. Ich hatte sechs oder sieben Singles von Slade. Von ihren größten Kontrahenten, Sweet, schaffte es nur "Ballroom Blitz" auf meinen Plattenteller.

Sweet oder Slade – man hatte sich zu entscheiden Mitte der Siebzigerjahre. Im Pop gab es sie immer, die Zweikämpfe, das Ringen um den Lorbeerkranz, das definitive Armdrücken.

Beatles oder Stones.
Michael Jackson oder Prince.
Mods oder Rocker.
Punks oder Popper.
Oasis oder Blur.
Geha oder Pelikan.
American Dad oder Family Guy.
Ernie oder Bert.
Van Halen oder AC/DC.
Pearl Jam oder Nirvana.
Little Richard oder James Brown.
Sean Combs oder Puff Daddy.
Eminem oder Slim Shady.
Hooligan oder Ultra.
Rechts oder links.
Radierung oder Kupferstich.
Jetzt oder nie.
East Coast oder West Coast.
Tribüne oder Stehplatz. 
Wrangler oder Levis.

Oder Lois.

Ständig hatte man Farbe zu bekennen. Es gab keinen Mittelweg, keinen goldenen Standard, keine Einigung, auf die man sich zurückziehen konnte. Es ließ sich nicht zwischen zwei Stühlen sitzen, ohne voll auf dem Hintern zu landen. Entweder du warst heiß oder du warst kalt.

Entscheide dich, Gringo!

1973/74, auf dem Gipfel des Glam-Rock, als meine Generation, die zu Beginn der Sechzigerjahre Geborenen, im Teenageralter war, fand der Feuerwechsel hauptsächlich zwischen Slade- und Sweet-Anhängern statt. Beide Bands kamen von der Insel und versammelten Kids hinter sich, die mit dem anderen Lager auf dem Kriegsfuß standen.

Natürlich konnte es passieren, dass einem die neue Single des erklärten Feindes ausnahmsweise gefiel, aber dann hatte man mit seiner Meinung gefälligst hinterm Berg zu halten. Ich erinnere mich, das schwuchtelige "Co Co" von Sweet im Strandbad gehört zu haben, aus einem Kofferradio, eine Nummer, die ich toll fand, aber ich durfte es nicht zeigen. Ich war erklärter Slade-Fan, ein Noddy Holder-Anbeter, ein Working Class Kid.

Slade bedienten die arbeitenden Massen. Slade machten Musik für Lastwagenfahrer, die sich beim Fahren auf der Überholspur der Autobahn einen runterholten und gleichzeitig eine Pall Mall rauchten, ohne Filter, während Sweet-Kids beim Masturbieren streng darauf achteten, nur ja nichts einzukleckern in Papas Hobbykeller.

Nein, ich mochte Sweet nicht, und ich mochte die Jungs nicht, die Sweet mochten. Die waren genauso ölig wie die Knilche von der 1. Sportvereinigung, die in schneeweißen Trikots aufliefen und nach Spielschluß immer noch keinen Schmutzfleck auf der Hose hatten, obwohl ihr Platz aus roter Asche bestand. Das musste man erstmal hinkriegen. Ich meine, ich war ja schon eingesaut, wenn ich morgens die Augen aufschlug und nicht schnell genug die Finger über die Decke kriegte.

Slade waren anders. Slade waren dreckige Prolls, Viehzeugs fast, Slade kamen aus Nordengland. Der Frontmann Noddy Holder war ein Shouter vor dem Herren. Sein UFO-Haarschnitt kam vom beklopptesten Planeten, der 1974 durchs Weltall trieb – und das zu einer Zeit, als das Universum im Minutentakt durchzudrehen pflegte, in hohen Bühnenstiefeln und Prinz Eisenherz-Anzügen.

Ich weiß nicht, ob ich es verraten soll, aber ich kann es nicht länger bei mir behalten: In Wahrheit war Noddy Holder unser Kommandant, und nicht Major Tom!

Slade hatten eine Reihe großartiger Hits, die heute noch durch die Jeans-Werbung geistern. Das unschlagbare COZ I LOVE YOU, das Mississippi-Lagerfeuer-Epos FAR FAR AWAY usw.. Die Nummer aber, die mich in ihre Arme trieb, war das programmatisch harte CUM ON FEEL THE NOIZE. Seither bin ich gezeichnet, genoddyholdert, in alle Ewigkeit.

Amen.

Und dennoch. Wenn ich ehrlich bin, und wofür sollte ein kleiner Rückblick wie dieser sonst gut sein, überstrahlte der Song "Ballroom Blitz" von Sweet alles andere, was damals auf den Markt kam. Schon die Eröffnung ist eine Klasse für sich. Ich erinnere mich, wie wir Jungs die Reihen geschlossen durch die Straßen zogen, den Anfang von "Ballroom Blitz" nachahmend. Und jeder wollte der Leadsänger sein, der surfbrettblonde Brian Connolly, und dieses eine Mal hängte er Slade und Noddy Holder tatsächlich ab.

Are you ready, Steve ? Uh-huh !
Andy ? Yeah !
Mick ? OK !
All right, fellas …
LET’S GOO !!!

Der Song war primitiv, er war verrückt, er war completely nuts. Er war genauso verdammt einfach wie die Zeit, damals, als wir vierzehn waren und die Frage aller Fragen lautete: Warst du Tina schon unter der Bluse? Was mich im Nachhinein erstaunt: Woodstock war zwar erst fünf Jahre her, erschien uns aber wie ein Ereignis von einem fremden Stern. Nein, die Hippiezeit war tot und vorbei, Maggie und nicht Tina ging mir in die Hose und ich verärgerte die Nachbarschaft mit britischem Blitzkriegpop.
6.11.17 17:54


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