Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ich möchte Hilfe schreien, doch ich sage hallo



Es ist ein ständiges Vabanquespiel, den richtigen Ton zu treffen im eigenen Leben.

„Es ist doch nicht mein Mund, der die falschen Worte wählt, es ist dein Ohr, das mich falsch versteht..!“

„Sehr poetisch“, spottet sie.

*

Ein bisschen merkwürdig ist das schon, wenn einem im Backshop eine alte Bekannte über den Weg läuft, die man lange nicht gesehen hat. Das Wiedererkennen dauert seine Zeit. Es ist, als habe man einen Duft in der Nase, den man zwar irgendwie kennt, aber nicht einordnen und benennen kann. Lediglich die Richtung, aus der der Duft kommt, ist bekannt: früher.

Weit weit früher.

Dann, als es klick macht, ist man verstört, wie sehr das Alter diesem Gesicht zugesetzt hat, wie brüchig die Haut den Hals runterkrümelt und sich in Jahresringen ablegt, die, grob überschlagen, vier Dutzend ausmachen müssten, wenn ich richtig rechne, doch es dauert keine halbe Minute bis die Schlacke sich allmählich lichtet und das Gesicht, das man von früher kennt, aus den Goldenen Tagen, sich aus dem Trott der Jahrzehnte herausschält und wieder jung wird. Wieder SIE wird. Jung und frisch und schön = reich.

Peggy.

Sie hat in den 80ern als Flugbegleiterin gearbeitet und sie arbeitet immer noch als Flugbegleiterin. Aktuell hat sie einen Mordshusten aus Vancouver mitgebracht. Sie hüstelt ununterbrochen, während wir uns am Back-Shop unterhalten, es klingt nicht gut. Es klingt wie eine Serie von zuschnappenden rostigen Mäusefallen.

"Und morgen muss ich für drei Tage nach Austin, Texas. Weißt du, wie heiß es da ist? Da ist 38 Grad."

Und das bei ihrem Husten.

"Im Moment verfällt oben in der Luft alles in Hysterie, wegen Ebola", ächzt sie. "Es reicht, wenn ein Fluggast aus Afrika kommt und aussieht, als kriegte er gleich Nasenbluten, schon verschanzen sich alle Kolleginnen in der Bordküche."

Sie starrt auf das Handy in ihrer Hand.

"Ich versuche gerade mit einer Kollegin zu tauschen. Irgendwie muss ich aus der Austin-Nummer rauskommen. 38 Grad, das geht gar nicht..."

Sie fliegt seit dreißig Jahren für die Lufthansa, sie hat die Faxen dicke.

"Ich bin so dermaßen abgeflogen..!" stöhnt sie.

Sie ist berühmt gewesen für ihre spitze Kleopatra-Nase, die noch spitzer war als die von Uderzo gezeichnete Kleopatra-Nase im Asterix-Heft. Peggy war blond und ein wenig unfreundlich, kratzbürstig. Eine Künstlerin eben. Sie trug gern schwarze Klamotten und zeigte gern eine kalte Schulter. Dabei war sie gar keine Künstlerin. Sie tat nur so. Aber sie tat es perfekter als die meisten Künstlerinnen, die ich später kennenlernen sollte und die entweder eingebildet waren, obwohl sie keinen Deut Talent erkennen ließen, oder die sich zu klein machten, trotz ihres Talents. Peggy war eine Frau mit spitzer Nase und einem festen Willen, sich im Leben zu holen, von dem sie glaubte, dass es ihr zustand, also alles, worauf es ankam. Und durch die Welt fliegen ist schon mal ein Anfang, dachte sie am Anfang.

Im Back-Shop des Discountermarktes, wo die Kamerafallen lauern, die automatischen Dokumentarfilmer, die Aufzeichner, da treffe ich sie wieder. Wie ins Bild geplumpst stehen wir uns gegenüber.

Überrascht.

„He..! Gut siehst du aus“, sagt sie, eine Spur zu schnell, um als aufrichtig durchzugehen.

„Ja. Du auch“, lüge ich.

„Was machsten so?“ fragt sie.

„Ich? Äh.. Ich lass mich treiben.“

„Von der Masse?“ grinst sie

„Nee. Von Einzelnen.“

So cool ich auch wirken mag, (sicher bin ich mir da nicht), ich bin arg nah am Schockmoment. Es ist ihre Nase. Die Nase ist nicht mehr spitz. Sie hat an Spitze verloren. Die Nase ist total entspitzt. Die ganze Frau ist ohne ihre frühere Spitze. Sie ist eine runde Geschichte geworden. (Uderzo wäre entsetzt.) Sie ist um die Welt geflogen, hunderte Mal.

Ich will Hilfe schreien, doch ich sag Hallo.
21.2.18 11:54


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