Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Februar: Ausstellung Claudia Sonntag & Susanne Eggert



"Manchmal glaube ich, ich bin nur auf der Erde um rauszufinden, warum ich auf der Erde bin."

- Susanne Eggert -

Kann man zugucken. Wo? Galerie City Art
26.1.12 15:00


Ruhe im Bau

Ich rubbelte den Hund mit dem Handtuch ab.
"Bäh.. das stinkt wie die beiden Popohälften von King Kong", schimpfte ich.
Er hatte sich auf dieser alten Kuhwiese gewälzt, die nicht gerade für koschere Hinterlassenschaften bekannt ist.
Und später, als der Hund unterm Schreibtisch hervorgekrochen kam, fand ich diese dicke Zecke auf dem Teppichboden. Erst dachte ich, es wäre ein Steinchen, das Frau Moll aus dem Pelz gefallen war, doch es fühlte sich nicht an wie ein Steinchen, eher wie eine dicke Bohne, noch warm und ein bißchen taumelig, fast wie besoffen. Es war, als hätte ich einen Anruf gekriegt, "Ihre kleine Frau liegt stinkevoll unterm Tresen und streckt alle viere von sich", und nun war ich da, um sie einzusammeln. Na ja, so ähnlich. Ich nahm ein Taschentuch, wickelte das graue Insekt darin ein und schmiss es in den Mülleimer.

Abends erzählte ich der Gräfin davon, und ab da hatte sie keine ruhige Sekunde mehr. Nicht etwa, weil dem Hund eine Zecke aus dem Fell gefallen war, die Anti-Zecken-Lotion, mit der Frau Moll im Sommer eingerieben wird, arbeitet in der Regel zuverlässig, und nur gelegentlich kommt ein Exemplar durch, sondern weil ich die Zecke einfach in den Müll geworfen hatte, so mir nichts, dir nichts.

"Und wenn die da rauskrabbelt?"
"Wie soll die denn da rauskrabbeln? Die kann gar nicht mehr krabbeln, so pappsatt und kugelrund wie die war."
"Du weisst doch gar nicht, wozu Zecken alles fähig sind. Das sind Überlebenskünstler. Das sind Strategen. Die hängen zwanzig Jahre tot am Strauch, und dann kommt ein Hund mit nackigen Beinen daher und schwupp, schmeissen sie sich ran und haken sich im Fell fest."
"Ja, wenn die Zecken hungrig sind, klar. Aber die war so pappensatt, der müsste man erstmal Blut absaugen, bevor die wieder aktiv werden kann."
"Dafür findet die auch noch nen Kollegen, der das macht. Der ihr das Blut absaugt. Sogar im Mülleimer. Jede Wette. Das sind Kannibalen."

In diesem Moment wurde auch ich unsicher.
"Verflucht!"
Ich holte das Taschentuch aus dem Müll, in dem ich die Zecke eingewickelt hatte, ging vor die Tür und fackelte alles auf dem Pflaster ab. Es knisterte wie eine kleine Texaspfanne.

Dann war wieder Ruhe im Bau.
4.2.12 15:58


Belgisch Kongo

Der lange Horst, der zu Höchstform auflief, wenn er die ersten paar Bier intus hatte, hatte die ersten paar Bier intus und lief zu Höchstform auf. Er prophezeite seinem Nachbarn am Tresen, wie das so wird mit dem modernen Leben. Demnächst.

"Heute sind Großrechner so groß wie ganz Belgisch Kongo, aber pass nur auf, im Jahr 2000 sind die Dinger so klein und so flach, die passen in deine Westentasche. Es lebe die weisse Technikrasse!"

Er äugte nervös rüber zu dieser kleinen indischen Micky Maus, mit der er mal wieder Stress hatte. Nicht, dass sie wirklich ein Paar waren, es war mehr ein Techtelmechtel, das sich hielt. Die indische Micky Maus turnte seit vielen Jahren durch die Stadt, sah aber immer noch aus wie ein Teenie. Sie trug bunte indische Tücher und vorn am Hemd einen Sticker: "Nieder Mit Dem Männlichkeitswahn!" Ihre Mutter hatte noch "Nieder Mit Dem Imperialismus!" gebrüllt, als sie selbst Teenager gewesen war, jetzt war sie Mitglied im Katholischen Gebetskreis, während die Tochter abgeschnittene Schwänze sammelte.

"Ich sammle abgeschnittene Schwänze."
"Hast du also Spass an abgeschnittenen Schwänzen, du blöde Kuh?!" meckerte der lange Horst sie an.
"Du blöder Wichser!", sie wieder.
"Wer verliert, kriegt in die Fresse!" mischte sich Leon ein, aus vollem Hals lachend, er wohnte in Dresden mittlerweile und war zu Besuch in der alten Heimat.

Ich stand überm Notizbuch gebeugt und konnte mich nicht richtig konzentrieren, weil ich am liebsten jedes verdammte Komma behalten hätte, das die Leute setzten, aber ich war schon zu blau und behielt nur die einfachen Sachen, Sachen wie "Flamencotanzen auffem Gullydeckel!" (Leon) oder "Wasserbetten und Backfisch, obwohl roher Fisch gesünder ist." (Unbekannt und unvollständig.)

"In Afrika ham die Leute dauernd neunzig Fliegen in der Fresse", hörte ich jetzt wieder den langen Horst von links, ja, er war immer noch in Hochform, doch das würde sich nicht mehr lange halten, dann ging er den Bach runter, "und bei uns in Westeuropa? Da wird jede Fliege einzeln erschlagen."

"Ich mag keine Fliegen, also schlag ich sie platt", gab die kleine indische Micky Maus zurück. "Ich mag auch keine Ameisen. Ameisen ertrage ich nur als Haufen. Wenn ich Ameisen einzeln seh, kann ich sie nicht leiden."

Und dann kam er, mittenrein, der Satz des Tages. Ich hab keine Ahnung, wer ihn produzierte, weil mir die Stimme nicht bekannt vorkam, und vom Notizbuch aufblicken ging auch nicht, sonst hätte ich es nicht notieren können.

Erst rief Leon: "Du musst dahin, wo dein Herz dich hinschlägt!", worauf jemand entgegnete, aus einer anderen Ecke des Mumms, "..und wenn es dich auf die linke Backe schlägt, halt ihm noch die rechte hin!" Und alles grölte. Später kam noch "Liften lassen und Abi machen" hinzu,"dann kann man nochmal anfangen mit dem Leben!"

So toll war die Ausbeute nun nicht, aber der ganze Tag war nicht toll, die ganze Beute, und dann schneite Karlos zur Tür rein, Karlos, dem neuerdings eine Narbe die Stirn runterlief, wie ein Canyon. Er hielt stracks auf mich zu und meinte: "Lass den blöden Kuli fallen, Glumm, wir trinken einen."

Mir doch scheissegal.
3.2.12 09:37


Nun.. also, hüstel..

.. ich bin ja gar nicht so arg anders als der Durchschnitt, mit einer Ausnahme: Ich mag keinen Herdentrieb.

Wenn jeder Internetheinz glaubt, ohne Facebook-Account keine Daseinsberechtigung mehr zu haben, dann hab ich eben keine Daseinsberechtigung mehr, auch egal, jede Lizenz läuft mal ab, Facebook kriegt mich jedenfalls nicht.

Und wenn alle Welt losrennt und mobil telefoniert, bin ich unter Garantie der Letzte, der sich ein Handy in die Tasche stopft, um ja stets erreichbar zu sein und damit auch das allerletzte kleine Geheimnis einzubüßen, das Geheimnis, wo ich mich gerade aufhalte. (12 Grad minus am Morgen. Über mir sitzt ein Specht im Baum und spielt Kastagnetten.) Na logisch lässt sich so ein Handy auch ausschalten, doch das schürt sofort Mißtrauen und hat mit Geheimnis nichts zu tun.

Wenn 99 Prozent der Leute, die gerne fotografieren, ihre alten Apparate für schmales Geld verschleudern, um die nächste 100-Billionen-Pixel-Power-Digitalkamera anzukaufen, dann hol ich mir erst recht eine analoge Reflex und bunkere auf Vorrat eine Palette Silberfilm von Kodak.

Wenn die Deutschen sich mit einem Mal alle einen Schal um den Hals legen, weil es gerade Mode ist, muss ich an mich halten, dass ich nicht losbrülle vor Lachen und Wolle kotze.

Und wenn die TV-Zuschauer, weich gekocht von der xten Kochshow, endlich auf Wachteleier und blutigen Lungenpüree umsteigen, nasche ich dicke Kartoffeln aus der Erde.

Nur wenn die ganze Herde plötzlich anhält, um sich am Wasserloch frisch zu machen, bin ich mit dabei. Sogar ganz vorne. Und schon kommt das Schnappkrokodil.

Punkt 12 Uhr 22.
1.2.12 12:22


Schulschluss

Dass Solingen, modisch gesehen, Sumpfgebiet ist, geschenkt, nichts Neues. Aber dass sich Montagmittags, nach Schulschluss, ein 300köpfiger pechschwarz gekleideter Pulk über die Wupperstrasse wälzt, aus Richtung Gesamtschule kommend, das ist schon gruselig. Der farbigste Punkt in dieser Masse ist der quietschgelbe Briefkasten, der unterhalb der Ex-Filiale von Schlecker hängt und nur 2mal am Tag geleert wird. Daher hat er auch keinen roten Punkt. Das wäre ja der Knüller gewesen!

"Sind die alle depremiert?" sorgt sich die Gräfin.
31.1.12 11:57


Schlangenbrut

Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Nicht mal ein Hintern. Glitschig. An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Kein Baum. Abschüssig. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da. Ostern.

..neun, zehn! Ich komme!

Keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte.
"Eine Schlange!" schrie Patrizia, die Sommerkleidchen trug und immer die Knie auf hatte. Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln! Störrische Halme knickten beim Laufen, Gräser rissen, Schürfwunden - Nattergetrappel.

Ich war der erste, der die Strasse erreichte.
26.1.12 14:58


Es gibt Tage

Es gibt Tage, da ackert man von früh morgens bis spät in die Nacht, man macht und macht, und das Ergebnis ist, gelinde gesagt, eine horrende Null. Und dann gibt es Tage, da lässt man sich am Schreibtisch nieder, baut drei Sätze und ist eine Sensation.
25.1.12 07:09


Große Sachen, kleine Sachen

Große Sachen haben es so an sich, dass sie selten geschehen, kleine Sachen fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.
24.1.12 11:47


Kann mir keiner erzählen

Mann, was brüllen die Leute sich selbst an, nicht zu fassen. Die haben zwar alle ein Handy am Ohr und tun so, als würden sie telefonieren, aber das kann mir keiner erzählen, dass es soviele Leute gibt, die zuhören!
23.1.12 07:03


Das Glück ist kurzatmig

Kurzatmig ist das Glück, ein schnell schrumpelndes Gefühl. Und niemals kriegt man genug, wie bei einem verdurstenden Mann, dem man einen feuchten Aufnehmer hinhält.
21.1.12 15:32


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