Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Gästebuch
  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Alles nur Botenstoffe, alles nur Hormone - das ist alles bloß Chemie

I.
12. März 1986

Der dämliche Aushilfsjob in der Türklinkenklitsche nervt. Pausenlos schraube ich an irgendwelchen Scharnieren herum und muss meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzt mir zu. Aber ich liebe sie und hab sie wieder. Das ist die Hauptsache. Auch wenn Karlos skeptisch ist.

"Warum sollte sie so mir nichts, dir nichts zurückkehren? Ohne dass sich was ändert?"

Punkt fünf Uhr bin ich zu Hause. Vielleicht wartet sie schon vor der Tür. Nein. Tut sie nicht. Ich rauche und höre Radio. Mache mir ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein, denk ich. Überpünktlich. Aber vielleicht ist was mit Jacky dazwischengekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.

Ich stehe am Fenster und warte. Ich rauche. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fahren vorüber, Autos halten. Türen schlagen zu. Nur die Straße zählt. Um sieben ist sie immer noch nicht da. Ich tigere von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich gerate in Panik. Schreie: "Lina, was machst du mit mir?!" und raufe mir die Haare. Schleudere mich gegen die Wand. Bleib liegen. Stehe auf. Kann es einfach nicht fassen, wie ich verarscht werde. Was sie mit mir macht. Dass ich ihr so egal bin. Ich knalle mich gegen den Türpfosten. Es schellt. Nicht ihr Schellen. Es ist der lange Bruckner, mein Nachbar von der anderen Straßenseite. Ich zerre Poster von der Wand, trete eine Tasse durch die Küche. Sie zersplittert unter dem Spülstein. Bruckner begreift gar nichts.

"Du kommst wegen LIna so drauf? Ich dachte immer, die wäre so in dich verknallt.."

Ich lasse ihn stehen und renne zur Telefonzelle auf der Margaretenstrasse. Jacky hebt ab.

"Ist sie da?!"

"Was..? Ach so. Nein, die ist schon lange weg."

"Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?"

"Sie hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist."

Ich hetze durch die Straßen. Blicke in die vorübersausenden Autos, ob sie irgendwo drinsitzt, was natürlich Quatsch ist. Auch im Mumms ist sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms ist mein Wohnzimmer. Was soll sie im Mumms. Cobra hockt vorn am Tresen.

"Hallo."

Ist gar nicht lange her, da wollte Cobra mich anmachen, aber ich habe abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt bin ich heilfroh, sie zu sehen. Ich frage, wie es ihr geht und so. Was ihr Macker macht. Ob die beiden immer noch Stress haben. Ich spendiere Bier und Tequila. Geht-doch-um-nix-Klaus und seine neue Freundin trinken einen mit. Wir beschließen, aus dem Mumms zu verduften.

"Fahren wir zu mir", meint Klaus.

Mit dem Taxi zur Tankstelle, zwei Flaschen Ouzo gekauft, dann weiter zu Klaus, wo wir einen Joint drehen, krumm wie ein Ofenrohr und tief in den Ledersesseln versinken. Klaus erzählt von einer zerstreuten Patentante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hat, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.

"Das sind die Tanten, die wir brauchen!" wiehert Cobra. Sie und Klaus verstehen sich prächtig. Das gefällt mir nicht. Muss ich mich notgedrungen mit seiner neuen Flamme befassen, mit der ich rein gar nichts anfangen kann. Nicht, dass sie mir unsympathisch ist, doch sie redet noch weniger als ich. Dazu die Nase schief und spanisch, fast wie eine vergeigte Steinmetzarbeit. Ich versuche ein Gespräch über Musik in Gang zu bringen, während im Radio Bronski Beat gespielt wird. It ain't necessarily so. Muss doch alles nicht sein.

"Geht doch um nix!" brüllt Klaus.

Irgendwann in der Nacht liegen wir zu viert im großen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen sind zu viel für mich. Eine Frau ist zu viel für mich. Ich bin sturzbetrunken und habe Linas Körper im Kopf. Cobra und Klaus verschwinden ins Wohnzimmer. Während die beiden auf dem mächtigen Eichentisch vögeln, hantiere ich an dieser Frau herum. Die Musik scheppert irgendeinen amerikanischen Heckmeck. Cobra kommt ins Schlafzimmer zurück.

"Na, gut abgespritzt?!"

Ich sage gar nichts und penne auf der Stelle ein.

Als ich wach werde, erschrocken, dämmert der Morgen. Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich steh auf und suche im Halbdunkel das Telefon. Cobra folgt mir vom Bett aus mit den Augen.

"Vergiss es", sagt sie, "Telefon ist gesperrt."

Ich zieh mich an und mache mich in der Eiseskälte auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle. Lina, pocht es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause, hab eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß.

Zehn Grad unter null. Vereiste Dächer. Am Straßenrand türmen sich die Schneehaufen.

Endlich eine Zelle. Ich wähle die Nummer. Obwohl es so früh ist, meldet sich Lina meldet sich verschlafen.

„Ja..?“

"Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!" rufe ich in den Hörer. Sie braucht, nur einen Moment, um auf 180 zu sein.

"Es ging nicht..", stöhnt sie.

"WIESO GING ES DENN NICHT?"

"Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!"

Meine Stimme schnappt über. "IST DER TYP DA?"

"Ja", sagt sie. "Er ist hier."

"Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!"

Lina seufzt. "Ich weiß. Aber ich kann nicht."

"WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!"

"Weil du mich so gequält hast.."

Ich raste aus. Beschimpfe sie. Sie legt auf. Ich stapfe zurück zur Wohnung. Cobra öffnet.

"Ich muss mit dir reden", sag ich.

Wir holen Bier am Kiosk und fahren mit dem ersten Bus zu mir. Wir verstehen uns. Gleiche Wellenlänge. Ich spiele ihr Jonathan Richman vor. Sie muss lachen.

"Was ist das denn für einer?"

"Das ist einer, der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen."

Er gefällt ihr. Ich interessiere sie. Schade, dass ihre Titten so groß sind. Am nächsten Mittag geht Cobra nach Hause und ich ins Mumms. Karlos legt den Leuten die Karten. Hat er gerade erfunden. Mir prophezeit er, dass ich mein Leben lang Checkerei haben werde mit der Herz-Dame. Och, sag ich. Abends ist Cobra wieder da. Die Karo-Dame.

"Flüchtige Liebschaft", flüstert sie.

"Du hast mich verwirrt", sagt sie.

„Du bist ein Arschloch“, sagt sie.

Karlos ordert Tequila und entwickelt das Kartenlegen weiter. "Kreuz As und Pik As geben den Mofaführerschein." Cobra erzählt, sie habe schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben. Danach sei sie zusammengeklappt. Pik Sieben ist die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.

"Liebe ist nicht alles", tröstet mich Cobra. Ich bin geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lina. Cobra schleppt Tequila an. Tequila baut auf. "Liebe ist nur Spinnerei im Kopf", sagt sie. Zitronenscheiben rutschen unter den Tisch. Kreuz Zehn bedeutet Entziehungskur. Folgt darauf die Herz Zehn, wird man rückfällig. Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days. Ich ordere ein Tablett Bier und wendet mich Karlos zu.

"Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist."

Sturzbesoffen redet er auf mich ein. "Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur machen.. dann wirst du es schaffen."

„Machen? Was machen?“

„Schreiben, du Idiot!“

Ich hänge an seinen Lippen.

Samstagmorgen werde ich früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrt sich in meinem Gehörgang fest. Ich hol mir einen runter. Zünde eine Kippe an. Die erste von den nächsten Tausend. Draußen regnet es.

Tauwetter.


II.
17. März 1986

Cobra landet zwei Nächte hintereinander bei mir. Einmal ist sie so breit, dass sie in meine roten Fenstervorhänge fällt und damit die gesamten bunten Siebzigerjahre mit in die Tiefe reißt. Am nächsten Morgen ist es ihr erst etwas peinlich, aber nicht so richtig. Cobra ist kein Mädchen, das am nächsten Morgen wach wird und sich schämt für die Dinge, die sie in der Nacht getan hat.

"Das war ich, sagst du..? Sag bloß."

Sie ist die erste Frau, mit der ich bumse, die komplett rasiert ist. Sie gefällt mir, sie ist verrückt, aber ich habe den Kopf nicht frei für sie. Für keine Frau. Nicht mal für Lina habe ich den Kopf frei. Zu Cobras 23. Geburtstag spiele ich ihr Laurie Anderson vor.

You were born, so happy birthday.

"Zwei Leute in einem Raum, gut drauf!" ruft sie. und: "Ich hab Lust zu schreien."

"Du bist nicht die erste, die hier schreit", sag ich. "Also, schrei!"

Sie schreit. ICH FIND DICH GUT, schreit sie, ABER ICH WEISS, DASS ES KEINEN SINN HAT MIT UNS!! Junge, ist die laut. Ich fühle mich wie auf Trip. Ich rolle die Geschichte von Lina und mir und sechs Jahren Zusammensein auf und ende bei den Schuhen des toten Nachbarsjungen, die mir kein Glück gebracht haben.

Da ich seit Tagen keinen Schlaf finde, fliehe ich nachmittags aus dem Mumms vor der ganzen Sauferei und verdrücke mich nach Hause. Ausnahmsweise bin ich froh, allein zu sein. Das Schlafbedürfnis ist ein Traumbedürfnis. Ich träume kaum noch, seit ich konstant betrunken bin. Sobald ich im Bett liege und vor mich hindöse, taucht automatisch Lina auf, ihr kleiner Busen, ihre zarten Worte, ihre Schenkel, in die jetzt irgendein anderer Kerl eindringt.

Da heut Samstag ist frage ich mich, ob sie später am Abend ins Daddy kommen wird, und wenn ja, ob mit oder ohne ihren neuen Stecher. Oder ob sie kellnern muss im Nordpol. Ich bin nicht mehr beteiligt an ihrem Leben. Ich muss mir aus der Ferne meinen Reim machen.

Ich lasse mir ein Bad einlaufen. Ich weiß nicht, wie oft wir zu zweit Platznot hat in dieser Wanne, jetzt ist sie riesig und verschlingt mich. Kann mich nicht entschließen, ob ich zu Hause bleiben und versuchen soll zu schlafen oder ob ich mir lieber im Daddy die nächste Packung abhole.

Um halb zwölf mach ich mich auf ins Mumms. Es ist kein Schwein da. Nicht mal Karlos. "Der ist mit so ner Blonden weg", höre ich. Ich schwitze von den ersten Bier. Und jetzt? Was jetzt? Hobs, den ich von meiner Schulzeit kenne und den ich noch nie im Mumms gesehen habe, fährt runter nach Glüder ins Getaway, ich schließe mich ihm kurzerhand an.

„Legst du heut Abend nicht auf?“ frage ich, Hobs arbeitet im Daddy als DJ. Er macht nicht viel Worte, er schüttelt nur den Kopf. Er trägt immer noch Norwegerpullover, genau wie früher, als er auf der Helenenstraße wohnte und wir fast ein bisschen Freunde waren.

Im Getaway komme ich nicht klar. Es dauert geschlagene zwei Stunden, bis ich Hobs rumkriege, runter ins Daddy zu fahren, ans andere Ende der Stadt, schon auf Wuppertaler Seite. Ein Soul-Club, der am Wochenende aus allen Nähten platzt.

Als wir das Daddy betreten, sehe ich als erstes Karlos.

"Ich fall gleich um", sag ich.

"Ja, kann gut passieren", sagt er. "Weißt du, wer da ist?"

Wenn er das schon so sagt. Mich interessiert nur eins: "Mit oder ohne Typ?"

"Mit. So’n alter Sack."

Ich bleib zunächst vorn im Durchgang stehen, traue mich nicht bis zur Tanzfläche vor. Irgendwo dahinten tanzt sie oder knutscht rum. Mit einem anderen. Wird sie Dinge tun, die wir getan haben. Karlos und ich quetschen uns an die Bar und trinken Cognac. Dann kommt sie. Begrüßt Karlos. Als hätte sie ihn heute noch nicht gesehen. Mir schaut sie nicht in die Augen. Sie ignoriert mich. Sie ist betrunken. Sieht großartig aus. Ein älterer Typ kommt hinzu, flüstert ihr was ins Ohr. Ich hab keine Ahnung, wer das ist. Der Chef aus dem Nordpol ist es jedenfalls nicht.

"Lebenshunger", spotte ich und geh tanzen. Commodores, Treat her like a Lady. Es ist eng und stickig auf der Tanzfläche. Hab ich früher im Getaway noch regelmäßig getanzt, so hab ich es im Daddy nur noch sporadisch gewagt. Ein komisches Gefühl. So unrhythmisch. Ich bin ein Springpferd, das sich langmacht über den Oxer, bis die Stange fällt.

Lina zupft mich am Ärmel.

"Hey, du tanzt ja..! Das erste Mal seit bestimmt einem Jahr." Sie brüllt mir die Worte fast ins Ohr. "Hast du meinen Brief gekriegt? Danke, dass du mir die Sachen vorbeigebracht hast."

Ich bin mit meiner Mutter zu ihr gefahren, hab beim Nachbarn geklingelt, damit ich ins Haus reinkomme, und ihr den Sack Klamotten vor die Tür gestellt. Daraufhin lag am nächsten Tag ein kleiner Zettel im Briefkasten. Dass ihr alles so leidtue, aber sie könne nicht anders. Lina wirkt verstört. Ich habe sie noch nie so betrunken erlebt. Ich tanze noch auf ein paar andere Nummern. Dann zieht sie mit einem Kerl ab und ich rocke zu den Stones.

Start me up!

„Wieso sehen Frauen immer dann am besten aus, wenn sie gemein sind zu ihren Männern?“ frage ich Karlos.

Der winkt ab.

„Sind alles nur Botenstoffe, das sind alles nur Hormone. Das ist alles bloß Chemie.“
20.2.18 19:33


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung