Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Bora Bora

 

 

Es gibt Tage, da fällt meine Sozialbilanz verheerend aus. Ich spreche mit kaum einer Menschenseele, selbst mit der Gräfin nur das nötigste.

Es sind nicht die schlechtesten Tage.

An anderen Tagen bin ich unterwegs. Da ist dieser Typ, etwa mein Alter, der mir neuerdings auffällt, wenn ich in der Stadt zu tun hab. Der Typ ist auf einem Tretroller unterwegs, diesen Dingern, die vor Jahren populär waren, mittlerweile aber fast schon wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind.

Ich bin mit dem Oberleitungsbus der Linie 683 unterwegs, von Gräfrath in die Stadtmitte, als er am Central zusteigt, mit seinem Roller. Der Bus ist so voll, es ist kein Sitzplatz frei. Nur in der Busmitte, wo sonst Kinderwagen parken oder die Doppelwagen schlechtgelaunter Postboten, ist noch Platz zum Stehen.

Der Tretrollertyp blickt mich an.

"Was soll ich groß zu Fuß zu gehen", lacht er.

"Hm", sag ich. "Sicher."

"Ist ein Cityroller. Mein kleiner Flitzer."

Er streichelt den Lenker.

Neben uns halten sich zwei Frauen in den Halteschlaufen fest. Eine hat rotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thailänder in Elberfeld, wo sie gestern Abend eingeladen war. "Aber tootal lecker!" "Der Koch war am Singen bei der Zubereitung, konnte man bis an unseren Tisch hören!" "Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich mein, bei einem Thai, also ehrlich!" "Das Essen war so scharf, ich musste mr ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette."

In Elberfeld, Calvinstrasse, erste links. (Für Interessenten.)

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall - der Bus stoppt. Eine der Stangen auf dem Fahrzeugdach, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird, hat sich gelöst. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batterie um und kriecht den Rest der Strecke mit 30 Stukkis durch die Hauptverkehrsstraßen, oder der Mann zieht sich Arbeitshandschuhe an, verlässt den Bus und und führt die sechs Meter langen Stangen wieder ans Stromnetz. Er entscheidet sich für die Arbeitshandschuhe und das Kunststück. Ein Aufatmen schwappt durch den Bus. Keiner will Batteriebetrieb.

Danach kommt Funkverkehr.

"Hier Linie 683 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 682 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber."

"Das alte Schwein", lacht der Typ mit dem Roller, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück. "Hat der seine Stange verloren."

Warmer Fleischsalat. Er trägt eine College-Kappe, falschrum aufgesetzt. Eine gute Blue Jeans, gute saubere Zähne. Wir fahren gemeinsam bis zum Mühlenplatz, steigen aus und bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Sparkasse stehen.

Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich hör mir an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger eine ausgeklügelte Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist für Macher. Ich bin 1 Lasser.

Jeder ist seine eigene Soko. Auch ich wurde speziell zusammengestellt für mein Leben.

Ich mag es, Leuten zuzuhören, ich lass sie reden. Was sie alles in eine Viertelstunde packen, erstaunlich. Dinge aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten des Daseins, Geburt und Niedergang, mit wem sie Strecke machen, mit wem nicht.

Ich lebe von Viertelstunden.

Dass in Zukunft jeder 15 Minuten weltberühmt sein wird, wusste schon Warhol. Dass die Zukunft jetzt ist. Und jetzt haben Pommeswissenschaftler nachgewiesen, dass man nach einer Viertelstunde satt ist, egal, was und welche Menge man vertilgt hat.

Eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die reicht, um unseren Hunger zu stillen, eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die wir im Vollbesitz unserer Kräfte sind, eine Viertelstunde ist genug Ruhm.

DAGEGEN DIE GRÄFIN:

"Nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Dreiviertelstunde. Weil der ganze Körper mit Verdauen beschäftigt ist, auch das Gehirn."

Der Tretrollermann, Baujahr 60 wie ich, ist geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, bevor der Unfall geschah.

"Mich hat voll ein Pole überfahren."

"Wo, in Polen?"

"Nee, an der Foche. Ich hatte die Beine mehrfach gebrochen, die Hüfte gebrochen, ich war zwei Monate im Krankenhaus. Seitdem bin ich Frührentner, 100 Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?"

Ich seh aus wie ein Sozialkontrolleur. Ich wusste es. Ich möchte gerne den Ausweis sehen.

Er war mit dem Motorrad unterwegs gewesen an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole, ohne Führerschein, ihm die Vorfahrt nahm, in einem gestohlenen Wagen, dessen Kennzeichen gefälscht waren, unten an der Foche, nahe dem Hallenbad.

"Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich bau nie wieder ein Haus mit Keller, Fußbodenheizung reicht. Einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne. Die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, war sie weg. Hat diesen Kerl kennengelernt, diesen Doktor Doktor. Der freut sich heute über das Haus. Der wohnt da. Nicht ich."

Es leuchtet wieder in seinen Augen, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, Unternehmer in Guatemala, im Hochland, richtig mit Pferderanch und Kaffeeplantage, so wie man sich das vorstellt da unten. Ein gemachter Mann, vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

"Warum gehst du nicht nach Guatemala?"

"War ich doch schon! Schon vier mal!"

"Na ja, ich mein, warum lebst du nicht da, kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten.."

"Mach ich doch vielleicht. Nächsten Sommer fliegt erstmal mein 16jähriger Sohn rüber, für ein halbes Jahr."

Die Viertelstunde ist gleich um. Weil Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die S-Card in den Kontoauszugsdrucker, um zu gucken, ob die Sozi-Kohle drauf ist. Eine Menge schlechter Laune schleicht am 31. in der Innenstadt herum.

"Vor dem Unfall bin ich Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein ganzes Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt bin ich in Schottland Squad gefahren.."

Am schönsten war seine Weltreise 1982, AROUND THE WORLD, wie er in schönstem Hauptschulenglisch betont.

"Ich hatte ein Weltticket für 3200 Mark, damit konnte ich jedes Flugzeug in der Welt besteigen, ein Jahr lang. Ich war in Amerika, Australien, Asien.. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht Thailand, sondern Indonesien. Die Inseln."

Zuletzt flog er in die Karibik.

"Bora Bora", sagt er. "Bei Tahiti."

"Bora Bora..?" sag ich. "Woher kenn ich das denn nochmal...?"

Er ist auch nicht sicher. "Aus.. einem Film..?"

"Kann sein. Ja.. Ist das nicht die Insel, auf der die Meurerei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?"

Er trägt eine College-Kappe, falschrum aufgesetzt. Eine gute Blue Jeans, gute saubere Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall. Die Hüfte steht an einer Seite ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt.

"Ja, mit Marlon Brando." Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber ich bin noch im Erzählgeschäft. "Der hat doch bei den Dreharbeiten so ne Eingeborne kennengelernt und später geheiratet. War das nicht auf Bora Bora?"

"Weiss nicht.. Aber solange es irgendwie geht, fahr ich mit dem Roller durch die Gegend. Was soll ich groß zu Fuß gehen.. So, machs gut. Schönen Tag noch."

Hm.

"Ist Kohle schon drauf?" frag ich den Russen, der seit langem an Krücken humpelt und wie Käptn Trübsal persönlich rüberkommt. Eine vereinsamte abgedunkelte Figur mit einer eigentümlichen Narbe im Gesicht, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, welche Art Unfall oder Unglück solch eine Narbe hinterlässt, bis mich eine Landsfrau von ihm aufklärte. Die Narbe wurde ihm extra zugefügt, es ist ein Zeichen, das unter Russen Bedeutung hat: Der Typ ist ein Zinker. Eine Hafenratte. Er hat Kameraden bei der Polizei verpfiffen. Er ist mit Vorsicht zu geniessen. Du darfst ihm in die Fresse treten.

"Nee, is noch nix drauf."

Dann kann ich auch nach Hause gehen.

31.10.14 16:45


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