Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus.
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20 Hilferufe aus der Innenstadt

1
"Als ich zum ersten Mal das Ding eines Mannes gesehen hab, war ich richtig erschrocken. Ich dachte, das wär ein Organ, das sich verlaufen hat."

(Die Gräfin)


2
"Herr Doktor, Herr Doktor! Ich hab ne fette Anglizyste am Hals! Ich quatsch nur so englisch!"
"Ist nicht schlimm, mein Freund. Das hat ganz Deutschland."

(Man beachte beim Joke der Woche: Es gibt Brüller, und es gibt Schnauferl.)


3
Fortziehen aus der Heimat war nie ein Thema, aber nachdem ich die Bücher von Richard Brautigan, John Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden, in Los Angeles, oder in den Wäldern von Montana, und hätte dort bleiben können.


4
Hilferuf aus der Innenstadt: Älter werden ist nichts anderes als Weiterbauen an dem Haus, das eines Tages fertig ist, und abgerissen wird.


5
"Erdgeschoss-Wohnungen bringen einen zur Räson. Das ist deren Mentalität."

(Die Gräfin)


6
Ich bin nicht der Meinung, dass die Reichen dieser Welt auf ihrem Geld sitzen. Sie haben es sich längst einverleibt. Die Penunse zirkuliert in ihren Gedärmen. Die wahre Weltwährung ist der Darm-Taler.


7
Zeltplatzwetter, 19° am Morgen. Der Regen klopft auf den Schirm, als säßen Nähmaschinen in den Bäumen. Eine Reiterin führt ihr Pferd nach Hause, im leichten Morgentrab, im Regencape, es äppelt freundlich. Meine Gummistiefel, halbe Nummer zu groß, flappern über den Waldasphalt wie angetrunkene Flip Flops. Ist kühl geworden über Nacht, nach dem großen Gewitter. Wo gestern noch der Dschungel dampfte, dreißig Grad, kriechen heute schon wieder die Nacktschnecken hervor, flappern die Stiefel, Regencapes - ist doch normal.


8
"Eines Tages wird alles so sein, wie ich das möchte. Nur ich werde nicht so sein, wie ich das möchte. Weil es dann zu spät ist, verflucht." (Die Gräfin)


9
Wenn wir als Kind vorm Handwaschbecken standen und Schiffchen spielten, hieß das bei uns: Quasen.
"Hör mit dem Quasen auf", rief meine Mutter, wenn das Wasser mal wieder zu sehr spritzte.
Nicht weit entfernt, zwanzig Kilometer vielleicht, Richtung Rhein, schimpften die Mütter: "Hörst du wohl endlich mit dem Püttgern auf! Du alte Püttger-Liesel!"
Der Unterschied zwischen quasen und püttgern war der Unterschied zwischen rhein und wupper und zwanzig Kilometern.


10
"Frauen haben viele Augen, wenn sie weinen. Vermutlich sind die Tränen der Frauen nur viele Augen."

(Die Gräfin)


11
Hilferuf aus der Innenstadt (11)

Gestern hat sie gemeint, sie wolle mal eine Liste aufstellen von den Dingen, die sie vermissen wird, wenn sie tot ist. Heute ist sie sauer.
"Das ist gemein!"
"Was ist gemein?"
"Ach komm, du weißt doch nur zu gut, wie es wird, wenn wir beide tot sind: du sitzt bequem oben im Himmel und hast Kuchen, Sex und wunderschöne Sätze, und ich schmore unten in der Hölle und muss mit heissen Fingern ein Bild nach dem anderen fertig malen!"


12
Ironie, die letzte Waffe, ist out, Ironie ist nicht mehr. Und so bleibt dem modernen Menschen zuletzt nur, womit er auch schon angefangen hatte, damals, als es losging: der aufrechte Gang.


13
"Weißt du, Stadttauben sind quasi die Kühe unter den Vögeln. Sie sind von Menschenhand gezüchtet, sie kommen in der Natur gar nicht vor. Nicht so. Die kommen aus Gelsenkirchen." (Die Gräfin)


14
Ölpest. Die USA ersaufen in ihren Pfründen.


15
Im Zeitalter des permanenten Desasters schrumpft der Überlebenswille des Menschen auf die Größe eines Bündels Dollarnoten zusammen.


16
Ich hatte sie lange nicht gesehen. Ihr Haar stand so wirr ab, als habe jemand Spaghetti direkt aus dem Kochtopf über ihren Schädel ausgekippt. Sie sah verhärmt aus, abgemagert: im Alter bekommen wir endlich das Gesicht, das uns zusteht. Ihr Stimme jedoch schnarrte so metallisch und herrisch wie eh und je.

"Ich hab nur noch schlechte Laune, seit ich nicht mehr saufe. Vor allem wenn ich unter Leuten bin und alle quasseln und quasseln, das hältst du einfach nicht aus. Ich glaub, ich fang das Saufen wieder an. Aber nicht mit Bier und Wein, nee, hier, direkt Schnaps saufen."
"Mh..? Nur um blöde mitquasseln zu können?"
"Nee, bloß nicht! Ich mein, die können mich dann vollquasseln, wie sie wollen! Mir doch egal. Die sollen mich bloß in Ruhe lassen mit meinem Schnaps!"


17
Raben, so frech, als wären sie huckepack auf Geiern unterwegs.


18
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde? Ja Himmel! Wasn das für ne Uhrzeit.


19
Studio Glumm zeigt Neue Religion aus dem Geheimen Hausbuch der Susanne Eggert, XI
7.6.10 15:56


Gefährlich

Solange 15 Uhr am Nachmittag ein anderer Kontinent ist als 8 Uhr morgens, bleibt man Kind.


*
"Find ich super", sagt sie, und fährt mit dem Finger durch den Atlas. "Wenn du von uns aus Richtung Osten läufst, bist du irgendwann in Russland, im Herzen von Russland, mittendrin, brauchst du gar kein Schiff, nicht mal ein Auto, nur deine Beine, und wenn du noch weiter latscht, landest du in China, kannst du die Richtung direkt beibehalten, find ich klasse, Richtung Osten, immer Osten."


*
"Danke, dass ihr mit mir alt werdet", flüsterte sie gerührt, als sie abends vorm Zubettgehen auf dem Bettrand hockte und ihre alte, fadenscheinig gewordene Trainingshose streichelte, die berühmte Jackie Joyner-Kersee-Hose von damals, als sie noch Sport getrieben hatte, etwas Milchsäure verschüttet.


*
"Hast du eigentlich ne Ahnung, warum du früher so viel gesoffen hast?"
"Keine Ahnung", sag ich.
"Weil du dich so schwer getan hast mit Nähe. Du hast dir die Distanz zum Leben regelrecht weggesoffen."
"Ach so. Und heute?"
"Säufst du nicht mehr."


*
Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Glitschig. An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da.

..neun, zehn! Ich komme!

Und keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte.
"Eine Schlange!" schrie Patrizia.
Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen! Störrische Halme knickten, Gräser rissen. Dreckige Knie - Getrappel.

Ich war der erste, der die Strasse erreichte.


*
Mittags in der Apotheke. Vier Leute vor mir, und ein einziges weißes Arzneimütterchen hinterm Verkaufstresen. Das kann dauern. Ich stell mich mal auf die Personenwaage, in voller Montur. Jacke, Weste, Tabak und Feuerzeug dabei, Notizbuch, Schuhe. Macht insgesamt 81 Kilo. Ohne Klamotten, sagen wir, 77. Wie ist das mit dem Notizbuch? Das ist noch leer. Frisch angebrochen. Angenommen, es wäre voll. Ist man schwerer mit vollgeschriebenem Notizbuch? Und wenn ja, was wiegen Worte? Ein Buchstabe, mit Kuli hingepinnt, ein Gramm? 1000 hingepinnte Buchstaben 1 Kilo? Bin ich mit 77 Kilo, ohne Klamotten, schwer wie 77.000 hingepinnte Buchstaben? Wie eine kleine Erzählung?

Ich bin eine kleine hingepinnte Erzählung.


*
Pfingstmontag. Mitten auf dem kleinen Parkteich unter der gewaltigen, ausgehöhlten Trauerweide schwimmt ein weißer Fußball.
Ein Lederball.
"Sieht noch richtig neu aus."

Mann, Mann. Wäre uns das früher passiert, wir hätten alle möglichen Stöcke, Astgabeln und andere Hebel in Bewegung gesetzt, um die Pille wiederzuholen. Aber haben die Kids von heute ja nicht mehr nötig - nääh! Mutti, Ball ist futsch, Vati, neuen kaufen! Ja natürlich, Hans-Cedric! Reicht es denn, wenn Papi Montagfrüh ins Sportgeschäft..? (Gemurre im Kinderimmer, als hätte eine dicke Taube Bauchweh.)

Die Sache nimmt insgesamt dramatische Züge an: ich mit meinen fast 50 ("wenn du läufst, ist dein Rücken so steif. Hast du Schmerzen?") Jahren durchforste den Park nach einem passenden Stock, und, was soll ich sagen? finde einen abgebrochenen Kandidaten, der sich beim Fall aus der Krone in der unteren Region eines nordamerikanischen Amberbaums verfangen hat. (Der im Herbst feurig leuchtendes Laub abwirft, wie Blutplättchen auf der Intensivstation.)

"Hier. Der geht."
"Meinst du, der ist lang genug?"
"Na klar, der geht."

Wir brauchen vier Anläufe und etwas Eigendynamik des Wassers, das, einmal in Bewegung gesetzt, den Ball in meine, in unsere Richtung treibt, ans Ufer, super Sache!
Da isser.
"Der hat dicke 40, 50 Euro gekostet", sag ich mit dem Kennerblick des Alt-Internationalen, als ich das handgenähte Exemplar, empfohlen von Paul Breitner, beschichtet, in der Hand halte.
"9, 99", meint die Gräfin.
Das Preisetikett ist noch dran.

Wir bleiben im Park und verbringen den Rest des Nachmittags mit Fußballspielen zu dritt. Sanne und ich, krebsrot von der Sonne, "du siehst aus wie ein Senioren-Pumuckl!" ruft sie heiter.

Frau Moll, mit ihren verwirrend vielen Pfoten eine geschickte Dribblerin, geht wie immer zu forsch ans Werk, was das Apportieren des Balls angeht, schafft es aber trotz größter Anstrengung nicht, die Hauer so tief ins weiße Kunstleder zu treiben, dass die Luft aus der Blase entweicht und der Ball in sich zusammenfällt, wie sie es sonst immer schafft, wenn wir eine schöne Pille finden und übrig bleibt etwas Lederhaufen, schlaff.

Die Pille bleibt erstaunlich intakt.
"War ja auch schwer erarbeitet", sagt Sanne.
Tags drauf hat sie Muskelkater, und das Knie verdreht.


*
Eine Geschichte vom Fotografieren im Studio Glumm
27.5.10 17:52


Tu doch noch mal paar Fotos rein



Gott, Glumm 2005



Glumm am Ende, das Herz geixt, Glumm 2004



Furz, Glumm 2005
27.5.10 11:38


Maria

Schon als Welpe war sie vom Temperament her wie dunkler schwerer Wein, eine Traube aus dem Alten Testament. Eine späte Mädchentraube. Und so begab es sich, dass wir sie Maria tauften, Maria Moll, Frau Maria Moll. Zudem zeichnete sich im dichten schwarzen Fell am Brustkorb ein imposantes weißes Kreuz ab, das schon früh verfilzte: Jessas, Maria schien gesegnet.



Und dass sie wahrhaftig erleuchtet ist, stellten wir eines Abends im April 2005 fest. Sie begann zu junkern, gegen 21 Uhr. An sich nichts besonderes. Frau Moll junkert, wenn Rinderpansen aus dem 10 Kilo-Vorratsbeutel in den Napf rauscht, sie junkert, wenn es ENDLICH vor die Tür geht, sie junkert, wenn sie nach dem Essen ihr Köpfchen in meinen Schoß bohrt, um sich ordentlich kraulen und durchkneten zu lassen, sie junkert, wenn sie heiß ist und die Umgebung mit Kontaktanzeigen markiert: BERGISCHE KLIPPENWÖLFIN, TOP IN FORM, SUCHT BIG BOY.

An diesem Abend aber im April 05 war es anders. Das Junkern. Nicht so forsch. Eher kleinlaut.
Ein Wimmern fast.
"Was ist denn mit der los?" fragte ich die Gräfin, als ob die das gewusst hätte.
"Keine Ahnung."
Wusst ich's doch.

Es ging auf 21 Uhr 30 zu, da änderte Maria Moll die Taktik. Zwar junkerte sie weiterhin, nun aber in kurzen Stößen und mit einer leisen Dringlichkeit, die nichts Gutes vermuten ließ.
"Meinst du, die muß kotzen?"
"Mh. Kann sein."

Ich öffnete die Haustür und ließ sie in den Garten hinterm Haus. Doch anstatt zu kotzen, oder sich wenigstens über die Wiese zu wälzen, wie sie es sonst gerne tat, durch irgendwelches Aas, spazierte die Hündin still umher, beinahe sittsam, das Köpfchen in Würde erhoben.
"Und? Ist sie am kotzen?" rief die Gräfin, die vorm Fernseher lag, es war Sonntagabend.
"Nee. Unsere Hochwohlgeborene flaniert im Dunkeln."

Es war exakt 21 Uhr 37. Um 21 Uhr 40 erschien auf dem TV-Bildschirm ein Laufband mit einer brandaktuellen Sondermeldung: Papst Johannes Paul II. war soeben von uns gegangen. Wir hörten einen schweren katholischen Seufzer, aus dem Hinterhof.


*
Mehr bei
Sugar
26.5.10 12:35


Aus der Asservatenkammer der Kopfbehörde

1
"Ruhe ist das Schlimmste, was ich nicht finde."
(Die Gräfin)


2
Natürlich kann man mit vier Beinen doppelt so viel Schuhe anziehen wie normale Leute. Und hätten wir an jeder Hand 10 Finger, man könnte die Klaviere kleiner bauen und einhändig bespielen.
Sie verstehen.


3
"Mir tut das Knie weh. Mal was neues. Lenkt ab von den Rückenschmerzen. Herrlich."


4
"DAS SIND KEINE HAARE, DAS SIND STRENG VERKNOTETE STROHBALLEN! DAS SIND ALL DIE WIDRIGKEITEN DES LEBENS, DIE SICH IN MEIN HAAR VERKRALLT HABEN!"
(Sie, morgens vorm Badezimmerspiegel)


5
Es gibt so kleine Widerlinge, eklige Männer, die leben von Angeberworten wie "sukzessive" und lispeln dabei auch noch das "s".


6
Dürfen kleine Herren, die Salz verstreuen, nuttig aussehen?


7
Früher wünschte ich mir eine Kamera auf der Stirn, die alles aufzeichnete, alles dokumentierte, was mir unter die Augen kam. Damit dieses häßliche, alles verfälschende Erinnern endlich aufhörte, dieses vergebliche Monstrum. Damit ich endlich Beweise sammeln konnte, was für ein unzumutbares Dasein ich führte. Pro Drehtag rechnete ich mit 16 Spielfilmen á 90 Minuten, die live ins Kino gespült würden. Überall in den Metropolen dieser Welt würde es eigene Glumm-Kinosäle geben, die das neueste aus meinem erschreckend dürftigen Leben zeigten, Monate im voraus ausverkauft. Es würde in Zukunft Milliarden solcher Kinosäle geben.
Ich wußte auch nicht, warum.


8
Wenn ich tot bin, gehöre ich endlich mir.


9
"Stell dir vor, du wärst ne Spinne und könntest Seile scheißen, auf denen du dann abzischeln kannst. Genial, oder? Oder kommen die Seile aus dem Mund? Egal. Man wäre nie wieder auf feste Wege angewiesen."
(Die Gräfin)


10
"Hör mal, du Arsch, mit dir kann man sich Samstagabends nicht gerade gepflegt über Hunde-Menstruation unterhalten, oder über Mississippi in England."
(Sie)


11
Sie ist an einem Mittwoch geboren. Ist es da ein Wunder, dass sie mittwochs immer müde ist und schon morgens zurück ins Bett will.



Inneres Selbstportrait, Susanne Eggert, 2009


12
"Nichts ist so sehr auf der Strecke geblieben wie die Poesie", klagt sie. "Dazu gehört auch, dass Jungs und Mädchen im Regen stehen und knutschen. Sieht man auch nicht mehr."


13
"Es gibt viele Leute, wenn ich wüsste, ich wäre so wie die, ich würde mich umbringen, bei aller Liebe."


14
Einer Steinmetzin kann man ruhig Steine in den Weg legen.
"Ich bitte darum!"


15
Der Elefantenpark hieß Elefantenpark, weil da ein großes Klettergerüst in Form eines Elefanten stand, mit Stoßzähnen und einem langen Schwanz zum Entlanghangeln.

Von den drei Stadtparks war der Elefantenpark der kleinste, von Dickicht und hohen Bäumen umgeben taugte er perfekt zum Kiffen. Und wenn mal nichts zu Kiffen da war und alle Mann pleite, suchten wir die Kifferbänke nach achtlos weggeworfenen Jointstummeln ab, oder wir gruben die Büsche um.

Jahre zuvor hatte ich nämlich, wenn auch an anderer Stelle, eine Haschischpfeife samt Inhalt vergraben, sauber verpackt in Haushaltsfolie. Seither war ich fest davon überzeugt, dass auch andere Jungs an irgendwelchen Stellen vollgestopfte Haschischpfeifen vergruben, um eventuellen Fragen aus dem Weg zu gehen, sei es von den Eltern oder den Bullen.

An einem Abend buddelten wir uns von einer der Kifferbänke bis unter den Elefanten, ein richtiger Stollen wurde daraus. Alle Mann vertrauten mir, mir und meiner Intuition. Tja. Pech.


16
Stellt man dem Leben keinerlei Fragen, kommen die fettesten Antworten.


17
Man muss gar nicht unbedingt gegen den Strom schwimmen. Es reicht vollkommen aus, stehen zu bleiben und nicht mitzuschwimmen. Das ist gar nicht so schwer. Man muss nur ein bißchen robust sein, 98 Kilo wiegen, eine Bleiweste tragen. Und wenn der Mainstream dann vorüberzieht: lässig winken.

Tückisch wird es nur, wenn man vor lauter Standhaftigkeit im Schlamm des Flußbetts versinkt und zu ersaufen droht.


18
"HERR DOKTOR! HILFE! ICH BRAUCHE LICHT-TABLETTEN!"
"Hm?"
"ICH BRAUCHE LICHT IM GEHIRN!"


19
Heroinsüchtige sind Showstars, die ihre Bühne knallhart nach innen zimmern.
Kokser sind keine Stars. Die wollen bloß welche sein.


20
"Manchmal guckst du wie ein Baby, das schon zuviel gesehen hat."
(Die Gräfin)




21
"Gekochter Fenchel quietscht wie ein Bett im Mund."
(Sie)


222
"Der oberste Gerichtshof der USA, der Supreme Court..", beginnt die Tagesschau.
"Och, die Supremes!" ruft sie. "Find ich gut, wenn eine staatliche Institution wie eine taffe Soulband aus den 60ern heißt! Das geht mal in Ordnung!"


23
Wir waren der letzte reine Jungen-Jahrgang auf dem Gymnasium, wir waren ein Auslaufmodell und wir ließen es nochmal richtig krachen. Manche Lehrer taten mir regelrecht leid, nicht erst im Nachhinein, auch mittendrin, während ich zur Tat schritt.

Da in naturwissenschaftlichen Fächern Lehrermangel herrschte, wurde auch Quereinsteiger beschäftigt, aus Industrie und Wirtschaft. Theoretisch mochten sie was auf dem Kasten haben, im Umgang mit Schülern hatten sie meist keinen blassen Schimmer.

Der schwammige Physiklehrer ließ uns Schulfernsehen gucken, wenn er nicht mehr weiter wusste. Wir pokerten um Geld im Unterricht, wir maßen unsere erigierten Schwänze mit dem Lineal, es gab Wettbewerbe im Langsamfurzen.

Der Physiksaal war wie ein Hörsaal in der Uni, mit aufsteigenden Sitzbänken und Pulten. Oben, unterm Dach, saßen die Honoratioren der Klasse. Der lange Hütter, der Mitsubishi Boy, Porno-Roger, der dicke Hansen, Karlos, ich.

Zu Unterrichtsbeginn wurden die elektronisch gesteuerten Vorhänge zugezogen, bis es finster war und nur noch der TV-Apparat leuchtete. Das war der Startschuß. Wir stürmten, meist zu zweit oder zu dritt, nach vorne und trieben den schwammigen Lehrer vor uns her, begleitet von Geheul und Tumulten, bis einer den Pauker zu fassen bekam und ihm einen Tritt in den Arsch verpasste. Er bekam es mit der Angst, konnte aber in der Dunkelheit niemanden identifizieren, und wir machten uns dünne. Wenn das Licht anging, saßen wir längst in unseren Bank und wetteten, wer den dickeren Pimmel hat, der lange Hütter oder Porno-Roger.


24
Man könnte manchmal meinen, 500beine und John Sugar hätten irgendwas miteinander zu schaffen: 1972, Mittagszeit
18.5.10 14:48


Der Stadt wahrstes Graffiti



"Da die Menschen im Westen nicht aufeinander angewiesen sind, spielen wir nur Gesellschaft."

*
"Ich bin ein Mensch.. manchmal."

(Die Gräfin)



Susanne Eggert, Der rote Stuhl, 2010
12.5.10 11:22


Drachen

"Komm, wir lassen den Drachen steigen", ruft die Gräfin. Zu Ehren von Ringo. Der hatte kurz vor seinem Tod zu seiner Freundin gesagt, sein letzer Wunsch sei es, nochmal einen Drachen steigen zu lassen.

Und kurz darauf hat die Gräfin beim Waldspaziergang mit Frau Moll einen selbstgebastelten Drachen gefunden, im wilden Karnickelgebüsch an der Hasseldelle. Er hatte sich in einer Tanne verfangen.
"Hoffentlich ist der noch da."
"Bestimmt ist der noch da. Hierhin verirrt sich niemand."

An der Hasseldelle bin ich aufgewachsen, nahe den weiten Feldern, auf denen ich schon mit meinem Vater den orangefarbenen Schicksalsdrachen steigen ließ. Der war aus Stoff. Es weht ein guter Wind. Wolken ziehen vorüber wie Servietten in einem böigen Riesen-Hotel, unten auf der Erde geht das Laub spazieren.
"HIER ISSER!"

In der Tannenschonung befreien wir den Drachen aus seinem nassen Versteck. Ein Mordsteil. Besonders der fünf Meter lange Schwanz, aus zerschnittenen Plastiktüten zusammengeknüpft, imponiert. Bevor wir loslegen können, muss die Schnur schnell entwirrt werden. Eine mühevolle Geduldsarbeit. Ist mehr was für die Gräfin. Ich spiele solange Zuschauer, in der Hocke neben Frau Moll, die Ringo Starr spielt: Bin ich Hund? Bin ich Beatle?
"Ich bin die Beatles", sag ich.
Dann sind wir soweit.

Ich renne los mit dem Drachen in der Hand über die matschige Wiese, den kläffenden Hund am Hosenbein, der eifersüchtig ist, und schieße den Windvogel hoch in den Wind als wären meine Finger ein Flitzebogen - und:
ER STEIGT! TATSACHE!
"NUN BLEIB OBEN, DU SAU!"

Die Gräfin, die Philosophin an der Leine, hält den Drachen in der Luft.
"Wenn die Leine Spannung verliert und schlaff durchhängt, wird man richtig traurig."
Zwischendurch füttere ich sie mit Mandarinen aus meiner Manteltasche. Damit sie Kurs hält. Auch Frau Moll profitiert davon.

"Das hat am meisten Spaß gemacht."
Wie der Lümmel ruhig am Zenit stand, und unten ging das Laub spazieren.
Meine Hände sind ganz orange.
11.5.10 17:32


Ist ja genug Zeit

Es gibt Gesichtsausdrücke, wenn man damit zum Intelligenztest erscheint, ist direkt schlecht. Und es gibt Torhüter, da kannst du zwischen die Beine donnern, passiert nichts. Was ich sagen will: 500beine.

*
Ich bin kein großer Schläfer, ab und zu lege ich einen Schlaftag ein und schlaf mich richtig aus, das muß reichen.

Nach dem Frühstück bis halb zwölf gepennt, dann nach dem Mittagessen noch mal hingelegt, von halb drei bis halb fünf. Um sechs weckt mich die Gräfin, weil ich wieder eingenickt bin.

Ich geh mit dem Hund Richtung Kolonialwarenladen Penny-Markt (ex-PLUS), paar Sachen einholen. Auf dem Weg dorthin mache ich im alten Botanischen Garten erstmal ein Päuschen, auf der schattigen Parkbank. Mehr als fünf, sechs Minuten Sonne am Tag ist ja nicht gesund, schon mal gar nicht mit fast fünfzig, wo man froh sein kann, wenn man am Abend ohne große Blessuren ins Gehöft kommt.

Der katholische Sound der Kirchenglocken weht rüber, die Spanier feiern Messe. Es ist Samstag. Oder die Portugiesen. Altenstift Maria. Zwei pubertierende Jungs, schwarzes Shirt, schwarze Baggypants, lassen sich im Gras nieder, (im Schneidersitz der eine), sie saufen so Vodka aus Pappbechern. ("Alter, hömma, weißt du, was ich zu der Alten sage? Leck mein Arsch, hömma, sag ich zu der Alten, Alter, hömma!")

Auf der gegenüberliegenden Parkseite klappern Vater und Sohn die Bänke ab. Sie suchen was sauberes. "Ist auch ne Schmuddelbank", stöhnt der Vater, und sie ziehen weiter. Ich guck mir die Bank an, auf der ich mit dem Hintern sitze. Ne saubere Papibank. Hm, willst du pachten, Meister? Mit nem schönen Zwanni bist du am Start. "Nein. Der Papi möchte das nicht, Chris."

Und dann hat er doch was gefunden. "Hier ist ein schönes Bänkchen, Christopher." Weiter unten, wo die Bänke im Halbkreis zusammenstehen und wo normalerweise Glasscherben noch jeden Sitzspaß ruinieren. Na dann. Kann. Ich ja auch langsam mal hoch zum Penny-Markt: Milch, ein Netz Orangen, Chips. Bevor ich hier wegratze.

Als ich zum Bezahlen anstehe, seh ich draußen vorm Laden die 2-Euro-Frau in schwarzen Pluderhosen auf und abschreiten, wallendes Haar, die Finger voll Klunkern und ein Schoss raus. Eine noble Irre. Sie fragt jeden Passanten nach zwei Euro. Sie nimmt auch nur 2-Euro-Stücke entgegen. "Dabei hat die genug Geld", meint die Kassiererin mürrisch. "Stand mal in der Zeitung. Die fährt BMW."

Zu Hause kratze ich mir weiche, weiße Vogelkacke vom Hosenboden.


*
"Apokalypse?? Hm.. Das zieht sich aber ganz schön hin."
(Die Gräfin)


*
Als Pulp Fiction 1994 in die Kinos kam, liehen wir uns einen klapprigen alten VW Variant und fuhren zur Mitternachtsvorstellung ins Bambi nach Düsseldorf. Ich war total scharf auf John Travolta als Gangster. Der Film hielt, was die Ausschnitte im TV versprochen hatten. Bis Travolta nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit von Kugeln durchsiebt zusammensackte.
Da war ich schwer verstimmt.
"So ein Scheiß! Travolta ist tot!"
"Ja", sagte sie. "Ich sehs."


*
Schräge Vollmondepisoden im Schlaf. Sie träumt, man hätte ihr eine neuartige Biene vorgestellt, die kann man küssen, ohne dass sie einen sticht.
"Ich konnte gar nicht genug kriegen, mit ihr zu spielen."


*
Anfang des Monats hat man oben auf der Wupperstrasse in der Lottobude der beiden Tanten Zeit, sich umzugucken. Es hat Geld gegeben, die Leute wollen Lotto spielen und Sofortgewinne rubbeln. Es herrscht ein Riesengedränge und Reißen in dem kleinen Laden. Ich hol mir das neue Micky Maus-Heft aus dem Ständer und schau mir den neuesten Gimmick an: Ein Elektrischer Klirr-Hammer! Mit original Einbrecher-Sound! Ist ja genug Zeit.


*
Selbst der Herrgott braucht Unterhaltung, wenn er einen schlechten Tag hat. Oder warum sonst hat er die Luft-und die Speiseröhre so eng nebeneinander bauen lassen, dass einem dauernd was in die falsche Tröte gerät und man fast erstickt?


*
Sie freut sich über Zeitlupe im TV, am besten Superzeitlupe. Das ist Honig für ihr Nervenkostüm. Da kommen ihr vor Freude schon mal die Balsamtränen. Dass es so was noch gibt in der Welt, so was langsam vor sich hin Dräuendes.


*
Na klar. Man meint manchmal, es wäre nicht viel los im Alltag, aber das stimmt nicht. Es gibt eine ganze Menge Details, die ein Leben erst rund machen. Achte mal drauf.


*
Pepe hatte das Haus mit seinem großem Bruder und dessen Freundin Maria gemietet, einem launischen Flittchen, das immerzu im Haus herumwuselte und Muttizeugs plärrte, “Kifft nicht soviel! Hebt euren Hintern hoch!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war.

(aus Karpaten! schrie Karlos bei John Sugar)

**
I AM AIREN MAN, Airens neuer Roman
7.5.10 18:31


Von wegen Mobiltelefon

Da ich es nicht mal zu Hause hinkriege, ans Telefon zu gehen, habe ich mir bis heute kein Handy zugelegt. Es wäre bloß weiterer Ballaststoff von der Sorte, von der sich nicht mal besser scheißen läßt. Wozu also ein Mobiltelefon. Nachteil: es bleibt einem einiges verborgen, was für Andere selbstverständlich ist. Mir war zum Beispiel immer schleierhaft, warum die Leute so fasziniert aufs Display starren, sobald sie aus der Tür treten und das Handy aus der Tasche ziehen. Was zum Teufel gab es da irres zu sehen? Erst jetzt bin ich mit Hilfe der Gräfin und ihren Bussardaugen auf die Antwort gestoßen: DAS IST ÜBERHAUPT KEIN TELEFON, WAS DIE LEUTE DA IN DER HAND HALTEN! DAS IST EIN HANDSPIEGEL! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen sms-Nachrichten ab. Stattdessen: "Sitzen meine Augen auch richtig?" "Herrje, hab ich mir heut Morgen wieder ein Blasmaul gemalt!" "Und was glimmt da zwischen meinen Lippen? Ich dachte, ich wär Nichtraucher!" etc. Die ganze weltweite Milliarden-Handy-Bande hat mich drangekriegt. Irre.


*
Bei John Sugar, dem Meister der Wiederholung, Die Sachbearbeiterin (Mir persönlich gefallen ja Leute, die vom Klo kommen, besser als Leute, die gerade beim Frisör waren.)
4.5.10 11:29


Oh mein Gott!

20 März 2007

..oh mein Gott! Jetzt ist es soweit. Jetzt lauf ich schon nüchtern gegen Glastüren!

Heute im Comuterlabor. Ich dachte, die Tür wäre offen, und das war sie ja auch gewesen den ganzen verfluchten Vormittag lang, aber dann bin ich runter in die Bibliothek und hab ein halbes Stündchen in der Nase gebohrt, und in dieser Zwischenzeit muss irgendjemand die Tür geschlossen haben.

Ich mein, hier schließt ja immerzu irgendwer irgendeine Tür ab, wie im Knast ist das hier, jeder Mitarbeiter ein Schließer, denn als ich wieder oben im Institut bin und zum Rechner marschieren will, wie immer in Gedanken, ich bin ja immer in Gedanken, immerzu verstrickt, ICH BIN NIEMALS DA, WO ICH BIN, ICH SCHEISS HANS-GUCK-IN-DIE-LUFT, ICH! da: RAMMTZZ! pralle ich mit der Fresse frontal ins! GONGG! ins Glas! als hätte mir jemand ein Überraschungs-Schaufenster auf die Nase geschmissen, HIER, NIMM! und aufs Kinn: Auf die Stirn aber auch!

Das gibt Höcker.

Kollege U. saß gerade am Telefon und muss die Szene von innen mitgekriegt haben. Sah bestimmt schön dämlich aus: Der Glumm will ins Computerlabor und rennt volle Lotte gegen die zue Tür!
Hähä.
Scheiße.

Zum Glück hab ich einen Schädel wie Hartkrom. Da muss schon ein Tresor voller Münzgeld draufknallen, bevor ich Piep mache.

(pip.)

Mir tut die Fresse weh, Mann.

"Wieso passiert mir so etwas, eigentlich bist du doch hier die Edel-Irre", jammere ich abends der Gräfin einen vor, als ich ihr von meinem schönen Tag im Institut erzähle.
Die lächelt entrückt.
"Edel-Irre.. Ja, du weißt, was Frauen hören wollen."

Meine Fresse, das hat aber auch gegongt.
Wie Ring frei.

Am nächsten Morgen läuft mir Kollege U. über den Weg.
"Ein Wunder eigentlich, dass du dir gestern nicht das Nasenbein gebrochen hast", meint er. Und dass er mir den Glasreiniger schon rausgestellt habe.
"Den.. Glasreiniger?! Wieso? Ist mir doch was rausgerotzt?"
"Nee. Aber da ist ein Riesen-Fettfleck an der Tür oben."
30.4.10 17:32


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