Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Nicht mal ein Hintern. Glitschig. An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Kein Baum. Abschüssig. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da. Ostern.
..neun, zehn! Ich komme!
Keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte. "Eine Schlange!" schrie Patrizia, die Sommerkleidchen trug und immer die Knie auf hatte. Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln! Störrische Halme knickten beim Laufen, Gräser rissen, Schürfwunden - Nattergetrappel.
Es gibt Tage, da ackert man von früh morgens bis spät in die Nacht, man macht und macht, und das Ergebnis ist, gelinde gesagt, eine horrende Null. Und dann gibt es Tage, da lässt man sich am Schreibtisch nieder, baut drei Sätze und ist eine Sensation.
Große Sachen haben es so an sich, dass sie selten geschehen, kleine Sachen fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.
Mann, was brüllen die Leute sich selbst an, nicht zu fassen. Die haben zwar alle ein Handy am Ohr und tun so, als würden sie telefonieren, aber das kann mir keiner erzählen, dass es soviele Leute gibt, die zuhören!
Kurzatmig ist das Glück, ein schnell schrumpelndes Gefühl. Und niemals kriegt man genug, wie bei einem verdurstenden Mann, dem man einen feuchten Aufnehmer hinhält.
Ich komm in die Küche. "Weisst du was?" "Nee." "500beine ist sieben Jahre alt. Am 11. Januar 2005 hab ich angefangen." "Na, isses wahr.." Sie gibt mir einen Klaps auf die Backe, so wie Lieutnant Kojak das immer gemacht hat, wenn er sich über einen Assistenten lustig machte. "Heute ist doch der zwanzigste, oder? Dann sind das ja schon sieben Jahre und sieben Tage.." "Neun Tage, Liebes", sag ich. "Sieben Jahre, neun Tage." "Korinthenkacker." "Genau. Meinst du nicht auch, es reicht langsam? Es ist alles gesagt? Alles erzählt?" "Ach was. Guck dich doch an. Schon dein Gang. Du gehst immer noch so, als wärst du fünfzehn und kämst gerade vom Sportunterricht, aus der Umkleidekabine. Männer in deinem Alter gehen anders. Die sind gezeichnet." "Ich nicht gezeichnet?" "Nee. Du fünfzehn." "Und was hat das jetzt mit sieben Jahre 500beine zu tun?" "Wir sagen dir schon Bescheid, wenn es soweit ist. Wenn du verkackst." "Wir? Wer, wir?" "Na, ich und.. irgendwer da draussen.."
Ich bin mir nicht sicher, ob es hinhaut, ob das wirklich stimmt, aber ich schätze, ja, das Leben ist ganz in Ordnung, solange einem der Schiedsrichter die Weiße Karte zeigt: Weitermachen, wie bisher!
Montagfrüh, strömender Regen. Bin mit dem Obus unterwegs und muss am Zentral umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Zentral sucht, oder Central, wird vom Navigationssystem zu einem eher unspektakulären Knotenpunkt zwischen den Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst.
Ich steige aus, um die Fahrtrichtung zu wechseln, dummerweise sind es mehr als hundert Meter zur Haltestelle, hundert Meter im strömenden Regen. Die Böen fallen seitlich ein, kräftige Westgeschäfte, da kann auch der begabteste Regenschirm der Welt nichts reißen. Und doch bleib ich plötzlich stehen. Das lass ich mir nicht entgehen, trotz nasser Beine, dafür bin ich Passant geblieben, Spazierkind, wenn zwei Schritte entfernt das Wasser von der Dachrinne herunterprasselt, ein gebündelter kleiner Zopf, der hart aufs Pflaster schlägt.
Ich drücke mich an der Hauswand entlang bis ich lotgenau unterm Wasserfall bin und das Regenwasser auf den Schirm trommeln höre; vierzig pinkelnde Muskelprotze, die sich kaputtlachen.
Es bleibt keine Zeit. Hinter mir kriecht schon der Oberleitungsbus heran, los jetzt, bei rot über die Ampel, und ich bin nicht der Einzige, in meinem Schlepptau wackelt ein xbeiniges Mütterchen über die Strasse, zwingt den Berufsverkehr zum Mitdenken.
"Wir sind ja schöne Vorbilder", schnauft sie an der Haltestelle.
"Ja natürlich", keuche ich.
Es stellt sich heraus, es war der falsche Bus, er biegt an der Kreuzung rechts ab, Richtung Gräfrath. Umsonst bei Rot und so.
"Hätten wir uns gar nicht so sputen müssen", feixt sie. Ein bißchen ähnelt sie einer Kaulquappe, das kann aber auch an der Witterung liegen. Sie reicht mir gerade bis zur Schulter, trägt Hut und Schal und grüne Loden zum Regenschirm.
"Das wird überhaupt nicht richtig hell heute."
"Wird es seit Tagen nicht", sag ich.
"Ja stimmt", sagt sie. "Seit Tagen schon."
Die Haltestelle liegt keine fünf Schritte vom überwucherten Gelände entfernt, auf dem das Geburtshaus von Pina Bausch gestanden hat. Das baufällige Fachwerkhaus wurde abgerissen gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung, weil niemand wusste, wer Pina Bausch ist. Ein Jahr später war sie tot, und plötzlich wusste das ganze Viertel, wer Pina Bausch gewesen war. Brachgelände jetzt, zu spät fürs Denkmal. Wilder Weizen. Regentag. Kein Zaun.
Hier also holte Pina Bausch als zehnjähriges Mädchen sonntags den Kuchen, am Zentral, im benachbarten Cafe Müller. Immer in Bewegung, immer am tanzen.
"Stellen Sie sich vor, der Regen der letzten Wochen wäre als Schnee runtergekommen", sagt das alte Mütterchen, unterm Schirm geduckt.
"Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken", sag ich.
"Als Kind war ich mal mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hat mein Bruder gesagt, der Schnee liegt hoch, ich buddel dich da nicht mit bloßen Händen raus. Aber was tut die kleine Schwester? Springt aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht richtig sehen, wie hoch der Schnee lag. Wupp, war ich weg. Bis zur Nasenspitze.. Was hab ich geschrieen. Ich dachte, ich ertrinke."
"Und dann hat der große Bruder Sie doch ausgegraben.."
"Ja natürlich. War ja mein großer Bruder. Der war zehn Jahre älter und einen Kopf größer."
"Na, dann musste er das ja auch tun."
"Ja sicher. Da kommt der richtige Bus.."
Sie zieht den Schirm ein und wankt beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich dreh mich kurz um und seh die kleine Pina, wie sie mit einer Papiertüte voll Gebäck über den Bürgersteig tänzelt, auf Zehenspitzen, Von den blauen Bergen kommen wir summend. Ich verzieh mich nach hinten in die letzte Sitzreihe. Der Regen pleestert gegen die Panoramascheiben.
Unterwegs von Ohligs in die Innenstadt, nachmittags halb fünf, Feierabendzeit. Das Konzept, in der Masse unterwegs zu sein, hat sich mir nie eröffnet. Die Großraumabteile im Zug sind brechend voll, die Leute stehen in den Durchgängen, in Halteschlaufen eingeklinkt, weggetreten. Immerhin hab ich mir einen Sitzplatz erdrängeln können, todmüde, Grauwacke im Gesicht. Der Jobcenter-Kurs geht mir an die Substanz. Ist zwar nur zweimal die Woche, ist nicht mal besonders anstrengend, vielleicht gerade deshalb.
Hinter mir das muntere Geplapper einer Frau, ich sitze mit dem Rücken zu ihr. Ich kann sie nicht sehen, da ist nur ihre Stimme, die eine Färbung hat, die mich an irgendwen erinnert.
"Und was ist mir gestern passiert? Ich geh nach Aldi rein ohne Einkaufswagen." Sie spricht mit einem Arbeitskollegen, aber ich schnappe nicht mal die Hälfte auf, es ist zu voll an Bord, zu viele Stimmen, das Rumpeln der Bahnräder, Musik aus Kopfhörern. "Dabei wollt ich fünf Dosen flüssige Margarine kaufen, konnte ich mir nur zwei holen. Mehr hab ich nicht geschafft. Wahnsinn."
Und dann, mitten in den Feierabend rein, ihr jähes Lachen. Ein Lachanfall fast. Laut und freundschaftlich, ein angenehmer Stich ins Herz, frohes Aushusten. Ich sitz da wie hingebeamt, Nahverkehrsbereich, Wabe 450, ganz verstört, weil es genau, ich meine: haargenau! die gleiche Lache ist, wie ich sie im Alter von 15, 16 Jahren gehört habe, als ich mit Cilli zusammen war, Cilli, meine blonde Teeangerliebe.
Cilli hat immer so gelacht. So wundersam japsend, sich voll verausgabend, ein Peitschen, das stets so klang, als stünde sie kurz davor, sich in die Hosen zu machen. Dazu ihr "Wie kannst du nur!?"-Blick aus januarblauen Augen, wenn ich mal wieder für einen Lacher eine Sache auf die Spitze getrieben hatte.
Wie lange hab ich dieses Lachen nicht mehr gehört, wie lange hab ich nicht daran gedacht, dass dieses Lachen mal zu meinem Leben gehörte. Wie mein Herz hopste, wenn Cilli lachte. Und jetzt.. drehe ich mich um. Will wissen, welches Gesicht zu der Lache gehört. Was nicht nötig gewesen wäre. Wir sind Haltepunkt Mitte angekommen, ich steh auf, sie steht auf und verabschiedet sich von ihrem Kollegen, "vielleicht bis morgen, wenn du keinen Gelben einreichst..", ruft sie und lacht schallend auf.
Eine burschikose junge Auszubildende um die zwanzig, blaue Handwerkerklamotten, Zollstock im Hosenbein, glühende Bäckchen vor Erregung, blonde Kurzhaarfrisur. Wir steigen nacheinander aus.