Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Mit Vater beim Urologen


Die Brieftasche war weg. Verschwunden, nicht mehr aufzutreiben. Pfleger und Pflegerinnen hatten das Zimmer auf den Kopf gestellt, waren unten in der Wäscherei und beim Pförtner gewesen, doch nichts zu machen, sie blieb verschwunden.

Für Vater war ohnehin klar, wer dahinter steckte.

“Die verdammten Transportarbeiter!” wetterte er, als ich gegen halb elf im Altenheim ankam. Er hatte seinen Stammplatz im Essensraum eingenommen, die Sonne im Nacken, vor sich eine kalt gewordene Tasse Kaffee. Er sah aus, als erwartete er jeden Moment das Mittagessen, auch wenn bis dahin noch anderthalb Stündchen Zeit war. “Verbrecher sind das, die kommen alle aus der Ostzone. Die halten zusammen, die Brüder. Die sind raffiniert.”

Dass man ihn im Altenheim bestehlen würde, war für ihn nur eine Frage der Zeit gewesen. Er hatte vom ersten Tag an damit gerechnet. In gewisser Weise hatte er sogar darauf hingearbeitet – er hatte sozusagen Einladungen hinterlegt, für potentielle Täter: Vaters Portmonee war Tag und Nacht auf dem Nachtschränkchen zu finden, sie brauchten nur hinzulangen, die Brüder aus der Ostzone.

“Die kommen in der Nacht, die Ganoven, wenn ich nichts höre. Bei meinem tiefen Schlaf könnte ein Flugzeug auf meiner Nase landen, ich würde weiterschlafen.”

(Up minner Nas.)

Vater vergaß zu erwähnen, dass er nicht unbedingt tief schlafen musste, um nichts mitzukriegen. Selbst im wachen Zustand erreichte man ihn am besten, wenn man sich zentral vor ihm aufbaute und anbrüllte. Der Dieb hätte seine Tat schon mit Signalraketen und hochklassigem Durchsage-Megafon anzeigen müssen, um Vater aufzuwecken.

Was die kriminelle Bruderschaft der Transportarbeiter betraf, hatte Vater seine eigene Theorie. Wo viele Menschen zusammenkommen, so seine These, sammeln sich automatisch viele schlechte Gedanken, die irgendwann auch den gutmütigsten Geist infizieren und sich durchsetzen. Der schlechte Gedanke behält die Oberhand. Die Option, dass er die Brieftasche eventuell verlegt oder verloren haben könnte, schied für ihn kategorisch aus.

“Dass hätte ich doch gemerkt.”

“Na ja klar..”, lachte ich, und da musste auch Vater lachen, was aber nichts an seiner entschiedenen Haltung änderte: Die Transportarbeiter waren es gewesen, sie hatten ihn beklaut. Dunkle Gestalten aus der Ostzone, die mit langen dunklen Fingern und noch dunkleren Gedanken die Essenswagen zwischen Küche und Station hin und her kutschierten und sich naturgemäß gut auskannten in den Räumlichkeiten – auch wenn Vater dabei das Städtische Klinikum im Kopf hatte und nicht das Altenheim, in dem er seit zwei Monaten untergebracht war und wo es überhaupt keine Transportarbeiter gab.

Doch was sollte ich das Vater groß auseinanderlegen. Seine Demenz nahm ihn immer öfter unter Dauerbeschuss. Kaum hatte ich ihm etwas erklärt, hatte er es auch schon wieder vergessen. Da konnte man es auch gleich sein lassen, es kam aufs gleiche raus und man sparte Energie und Nerven, die man an anderer Stelle besser gebrauchen konnte.

“Die warten nur auf eine Gelegenheit, und bums!, ist das Portmonee weg. Die sind schwer auf Zack, die Brüder..”

Natürlich hatte ich versucht, ihm klar zu machen, dass es im Altenheim gar keine Transportarbeiter gab, sondern nur Pflegepersonal, Büro- und Reinigungskräfte und Sozialarbeiterinnen, doch das nahm Vater mir nicht ab. Er blickte mich mit einer Skepsis an, als hätte ich ihm gerade allen Ernstes weismachen wollen, die Russen hätten 1954 eine Hündin in die Erdumlaufbahn geschossen. 

“Zum Glück waren nur ein paar Euro in der Brieftasche”, erwähnte ich im Gespräch mit einer Pflegerin, was aber nicht stimmte. Als ich nämlich am gleichen Abend mit meiner Schwester telefonierte, erfuhr ich, dass es immerhin fünfzig Euro gewesen waren, die sie tags zuvor in Vaters Brieftasche gesteckt hatte. Scheisse, sagte ich zu ihr am Telefon, und es war nicht das erste Mal, dass ich Scheiße sagte an diesem Tag. Unser alter Vater war so durch den Wind, dass selbst die Mitarbeiter des Altenheims konsterniert waren. So desolat hatten sie ihn noch nicht erlebt. Bis dahin war Vater für sie ein humorvoller, leicht tüdeliger alter Herr gewesen, der sich ungern an Gemeinschaftsaktivitäten beteiligte.

“Manchmal ist er wie von Sinnen. Dann sieht man ihn mit dem Rolli über den Gang sausen wie ein Formel 1-Fahrer, und er fliegt hinterher”, so beschrieb es Marcel einmal, ein jüngerer Pfleger Mitte Zwanzig. “In solchen Momenten scheint ihr Vater überhaupt nicht zu wissen, wo er sich aufhält und warum.”

Ja, so ist das mit den Glumms.. jawohl. Das kann passieren. Dass ein Glumm keinen Schimmer hat, wo er sich befindet und warum und wie lange schon und wer das dahinten eigentlich sein soll, die Abordnung Weißkittel, die sich langsam nähert.

Marcel erinnerte mich an irgendwen, aber mir fiel nicht ein, an wen. Aber vielleicht hatte ich ihn bei unserer ersten Begegnung auch nicht richtig wahrgenommen und glaubte seither jedes Mal, wenn ich ihn sah, na Moment, den kennst du doch irgendwoher, den hast du doch schon mal irgendwo anders gesehen.

Aber selbst wenn der Pfleger etwas übertrieben hatte, im Kern lag er mit seiner Beobachtung richtig: Vater hatte den nächsten Gipfel erklommen auf seiner Berg- und Talfahrt durch die Demenz. Es ging bergab, indem man höher stieg – eine der vielen Widersprüche der Altersdemenz.

Am Tag zuvor, so meine Schwester am Telefon, hatte er in seinem Zimmer am Fenster gesessen, untenrum pudelnackt. Er hatte sich gerade den Katheter aus dem Pimmel gezogen, als meine Schwester anklopfte und eintrat. Und gleich wieder kehrtmachte, um jemand vom Pflegeteam zu holen.

Das Problem lag auf der Hand. Gerade hatte unser alter Vater den Umzug ins Altenheim so halbwegs verarbeitet, da machte die Prostata Scherereien. Sie hatte sich auf eine Größe ausgedehnt, dass sie auf die Harnleiter drückte und er kein Wasser mehr lassen konnte. Eine schmerzhafte Angelegenheit, zumal er ständig das Gefühl hatte, aufs Klo zu müssen, selbst wenn er gar nicht musste.

Man brachte ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus, da kein niedergelassener Urologe bereit war, im Altenheim Hausbesuche zu machen. Dafür gab es zu wenig Geld von der Krankenkasse.

“Krankenhaus ist für meinen Vater aber ganz schlecht”, sagte ich zu Marcel, dem Pfleger, “selbst, wenn es nur für eine Stunde ist, Krankenhaus ist immer Katastrophe.”

Im Klinikim bekam Vater einen Katheter gelegt, man schöpfte allen Urin aus der Blase, der sich angesammelt hatte, einen ganzen Liter. Seit diesem Tag trug er einen Urinbeutel und bekam Medikamente gegen die Prostatavergrößerung. Dass er nun zum Pinkeln nicht mehr extra aufs Klo musste, eine Weile jedenfalls, war ihm nur schwer zu vermitteln.

“Du kannst einfach laufen lassen..”, wiederholte ich. “Du brauchst keine Angst zu haben, dass du in die Hose machst..”

“Ich mach in die Hose?”

“Nein, eben nicht. Du bist an einen Beutel angeschlossen, der hängt da unten, siehst du, hier, da läuft alles rein, von ganz allein..”

“Ja, da sagst du was..”, sagte Vater leise und nickte mir zu, als hätte er endlich begriffen, wie der Hase läuft.

Keine zwei Minuten später hörte ich ihn wimmern und wehklagen.

“Ich muss pinkeln..”

Meine Schwester meinte, es wäre bei ihm mittlerweile so ungefähr wie in Und täglich grüßt das Murmeltier. “Wenn er das Gefühl hat, aufs Klo zu müssen, steht er jedes Mal vor einer neuen Situation, egal, was man ihm zuvor alles erklärt hat. Er ist ständig mit einer neuen Situation konfrontiert, für die er keinen Abgleich im Gehirn findet.”

Ich begleitete ihn zum Urologen. Die Stationsleitung hatte ein Taxi gerufen. Nun war aber dummerweise sein Portmonee weg mit den 50 Euro, die unter anderem für die Taxifahrt gedacht waren, und ich hatte kaum Geld dabei. Also musste ich runter zum Empfang, wo Taschengeld für Vater hinterlegt war. Er saß bereits im Taxi, samt eingeklapptem Rollator, und die Uhr lief im Stand by-Modus. Als ich endlich das Geld hatte und zum Taxi kam, unterhielt Vater sich mit dem Fahrer, den er für den Doktor hielt.

“Das ist nicht der Doktor”, sagte ich, “da fahren wir jetzt erst hin. Das ist der Taxifahrer neben dir.”

Vater schaute verstohlen nach links. Unterwegs erkundigte er sich drei Mal, wohin die Reise geht.

“Zum Doktor”, sagte ich.

“Ja?”

“Ja.”

Pause.

“Wo ist der denn?”

(Wieder ein verstohlener Blick zum Fahrer.)

“Am Neumarkt”, antwortete ich.

“Der Doktor..?”

“Ja, der Doktor.”

Pause.

“Aber wohin fährt der Mann? Der fährt doch Umwege!”

“Nee, Papa, du vertust dich. Der fährt den direkten Weg zum Neumarkt.”

Pause.

“Zum Neumarkt? Was will der denn da?”

“Da ist der Urologe.”

“Uro..loge..!??”

“Ja. Das ist ein Arzt.”

“Weiß ich doch. Für Pimmel. Ich bin doch nicht blöd.”

Wir lachten.

Als wir am Ärztehaus ausstiegen, polterte eine Gruppe Grundschülerinnen über den Bürgersteig, allesamt das Handy am Ohr und einen schicken Roll-Schulranzen hinter sich herziehend. Es wirkte, als kämen die Mädels direkt vom Flughafen, als wären sie zurück von einem Städte-Trip nach Barcelona, nur für Zweitklässlerinnen. Manchmal wusste ich nicht, ob das hier noch meine Welt war, oder ob ich meinem Vater schon folgte, auf dem Fuße, weil ich nichts mehr kapierte.

Die Praxis war brechend voll, nur ein einziger Stuhl frei im Wartezimmer.

“Da kann mein Vater aber nicht sitzen, das ist zu eng für ihn. Er ist 87 Jahre alt”, erklärte ich den vier blonden Grazien hinter der Rezeption, wo es so geschäftig zuging wie in einer Voliere. “Mein Vater ist leicht dement, er kann nicht so lange stehen. Das geht nicht.”

“Schon klar. Nehmen Sie gleich hier vorn Platz, wir nehmen Ihren Vater ran, sobald es geht.”

Im Gang stand eine EKG-Pritsche. Ich half ihm hinauf, unter den Blicken der vielen Wartenden. Leicht dement, hallten meine eigenen Worte in mir wider. Leicht dement, das ist gut. Die Sache mit der entzündeten Prostata hatte sein Krankenhaus-Trauma so sehr angefüttert, ich musste ihm jeden einzelnen Meter erklären, den es zurückzulegen galt, so sehr verwirrte ihn die Situation in der Praxis.

Nach ein paar Minuten ging es ihm besser. Sein Blick wurde fester und er ließ die Beine von der Pritsche baumeln, wie ein Bub. Auf einem Stuhl neben ihm saß ein Sportstudent, cremefarbene Segeltuchschuhe, Ralph Laurent-Pulli, darunter ein weißes Polo-Hemd mit hochgestelltem Kragen; Schlackegehalt im Harn: niedrig. Vater beobachtete ihn unablässig, und ich beobachtete Vater.

“Ich muss aufs Klo”, sagte er.

“Nein, das denkst du nur”, entgegnete ich geduldig, “du hast da unten einen Beutel, du kannst ruhig laufen lassen.”

“Nein. Ich muss groß.”

“Ach so.”

Ich führte ihn zum WC. Es roch schon ein bisschen in seiner Nähe.

“Ruf mich, wenn irgendwas ist”, sagte ich, als er in der Kabine verschwand.

“Was soll denn sein?”

“Na, wenn du.. nicht weiterkommst.. Keine Ahnung.  Ruf einfach, wenn was ist..”

Ich blieb draußen vor der Türe stehen. Man hörte ihn so laut stöhnen und furzen, die Arzthelferinnen kicherten, auch eine Patientin in seinem Alter hatte erkennbar Spaß.

“Alles klar da drin, Papa!??”

“WAS??”

“OB ALLES KLAR IST!”

“WER IST DENN DA?”

“NA, WER WOHL..!! ICH!”

Ich ging ins WC, nachschauen, was los war.

“Verdammt, ich krieg das nicht.. zu", schimpfte er in seiner Kabine. "Es geht nicht zu.”

“Was geht nicht zu?”

“Die Helpen!”

(Helpen = Hosenträger auf Solinger Platt.)

“Moment, ich helf dir!”

Was gar nicht so einfach war. Dummerweise hatte Vater nämlich die Kabinentür von innen abgeschlossen, und als ich ihn nun bat, die Tür von innen zu öffnen, damit ich ihm in die Helpen helfen könne, bekam er die Tür nicht auf.

“Ist zu”, klagte er.

“Ja klar ist die Tür zu. Du hast sie ja auch zugemacht. Du musst sie einfach aufmachen. Da unten ist ein Riegel, den musst du umlegen..”

“WAS?”

“DA UNTEN IST EIN RIEGEL, DER MUSS.. UMGEDREHT WERDEN!”

Ich hörte ihn fluchen und fuhrwerken. “SCHEISSE! KLAPPT NICHT!”

Okay. Auch nicht schlimm. Ich disponierte um und betrat die leere Nachbarkabine. Ich stieg auf den runtergeklappten Klodeckel und meldete mich von oben.

“Huhu! Papa!”

Er drehte sich langsam im Kreis, in der engen Kabine, wie in einem Mini-St.Quentin.

“Ich bin hier oben!”

“Wo…?”

“NA, HIER OBEN!”

Ich tippte ihm von oben auf die Schulter, ich kam mir ein bisschen vor wie Gott, wenn er aus den Wolken tritt und seine verirrten Schäfchen einsammelt. Tatsächlich muffte es so streng, als hätte es drei Tage hintereinander Lamm mit Bohnen gegeben. Nun wusste Vater überhaupt nicht mehr, was los war, er verlor völlig den Überblick. Da war meine Stimme, die er nicht lokalisieren konnte, und jetzt tippte ihm auch noch jemand auf die Schulter. Das war zu viel für ihn.

Demenzkranke haben Probleme mit der Orientierung. Auch im Altenheim, wenn die Essenszeit nahte und wir in seinem Zimmer saßen, sprang er jedes Mal erschrocken auf, “ich muss runter in den Essensraum”, obwohl der Essensraum auf derselben Etage war.

“PAPA..! HIER OBEN!”

Ich tippte ihm behutsam auf den Kopf, auf die quer über den Schädel gekämmte weiße Dirigentenmatte. Endlich schaute er hoch.

“Ja.. was machst du denn da oben?”

“Dir helfen.”

“Wobei?”

“Na, dass du aus dem Klo kommst. Dass du die Helpen ankriegst.”

Er blickte mir belustigt in die Augen.

“Du siehst aus wie Dschingis Khan.”

“Ich? Warum?”

“Na, warum.. das weiß ich doch nicht..”

“Hörmal, du musst den Riegel an der Tür nach links drehen.”

Er probierte es, drehte aber in die falsche Richtung.

“Nee, so nicht. Du musst den Riegel nach links…”

“So?”

“Nein, zur anderen Seite..”

Es dauerte und dauerte, und als er spürte, dass ich ungeduldig wurde, geriet er in Panik.

“ICH KOMM HIER NICHT RAUS!”

“Papa, bleib cool, so schwer kann das doch nicht sein.. Einfach den Riegel nach links drehen..”

“HIER?”

“Ja.”

Endlich schaffte er es und entriegelte die Tür. Während ich ihn so betrachtete, ging mir durch den Kopf, dass man letzten Endes mit seinem Ich allein dasteht, ratlos, alt und von so viel nutzloser Vergangenheit angefüllt, dass es schon mal hochkochen kann in einem, was das eigentlich alles soll, dieses ganze verdammte Dasein. Alt werden bedeutet nichts anderes, als dass einem alles Schöne genommen wird, und übrig bleibt ein Beutel voll Pisse.

Ich stieg vom Klo der Nachbarkabine und empfing ihn am Waschtisch.

“Hat sich aber gelohnt, wa?” sagte ich.

“Was hat sich gelohnt?”

“Die Sitzung.”

“Ja, hat sich gelohnt”, strahlte er. “Ich muss nur schnell noch die Hände waschen.”

Als wir das WC verließen, empfingen uns Arzthelferinnen und Patienten mit Beifall. Dass wir so laut waren und die Leute die ganze Zeit mithören konnten, daran hatte ich nicht gedacht. Überall war lächelndes, leicht schinantes Publikum.

“Gehen Sie schon mal in Raum 1, der Doktor kommt sofort.”

Tatsächlich dauerte es keine fünf Minuten, und der Arzt war da. Er bat meinen Vater, mit dem Rücken vor der Behandlungsliege Aufstellung zu nehmen und sich zu bücken, mit runtergelassener Hose. Er wolle die Prostata abtasten. Als er den von einem Fingerhandschuh bewehrten Finger in Vaters Hintern schob und Papa wirklich allen Grund gehabt hätte, zu wimmern und zu wehklagen, blieb er erstaunlich gelassen.

“Was ist denn da hinten los..?” fragte er nur, trocken wie in einem gut abgehangenen Karl Valentin-Sketch.

Auf der Rückfahrt ins Altenheim, mit dem gleichen Taxi-Unternehmen wie bei der Hinfahrt, aber einem anderen Fahrer, jammerte Vater, wie sehr ihn der Pittermann quäle, er müsse dringend mal pinkeln.

“Du kannst einfach laufen lassen.”

Beim Aussteigen erst bemerkte ich, wie voll der Katheterbeutel war – so voll, er hing ihm schon unten auf den Fußknöcheln, lugte vorwitzig unterm Hosenbein hervor. Es sah aus, als trüge Vater eine dunkelblaue Busfahrerhose mit gebügelter Goldkante, ein Kleidungsstück, das ich an ihm noch nie gesehen hatte.

Es wurde verdammt noch mal Zeit, dass die Pfleger einen Blick darauf warfen.

25.1.16 06:25


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung