Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Bloß eine Schuhspitze entfernt

 

 

Frau Moll steigt aus dem Teich und schüttelt sich die Entengrütze aus dem Fell. Sie sieht aus wie eine Südsee-Sängerin in ihrem brackigen Hula-Hula-Röckchen. Hinter ihr steigt Taylor aus dem Wasser, ein bulliger schwarzer Labradorrüde aus der Nachbarschaft, der verrückt ist nach Frau Moll. Die Beiden hatten Nachlaufen in der prallen Sonne gespielt und waren mit einem Riesensatz in den Ententeich unter der großen Trauerweide gesprungen. Taylor schnuppert Frau Moll am Hintern, mit zittrigen Lefzen.

"TAYYYYY-LORRRRHH!"

Die Stimme von Taylors Herrchen rollt durch den Park. Ist mal wieder abgehauen, der Bursche.

"Du wirst schon gesucht, lauf, dein Herrchen sucht dich!"

Frau Moll und ich verlassen die Parkanlage, die schönste der Stadt, und schlagen den Weg Richtung Schillerstraße ein. Entlang alter Straßenbahnschienen, auf Schottersteinen - einsames vertrautes Terrain, Revier der Kindheitstage. Wo wir uns zu dritt die erste Zigarette unseres Lebens teilten, Pille Hilger, Wiwi Wupperbusch und ich, eine überwürzte Attika.

Einmal hing im Dornengebüsch dieser lange vollgewichste Pariser, der als Gesprächsthema für eine ganze Woche herhalten musste. Bis sich endlich herausstellte, dass ich es gewesen war, der das Präservativ aus der Schlafzimmerkommode seiner Eltern stiebitzt und mit Rotze aufgefüllt hatte.

Junge, hatte ich ein Trara veranstaltet.
 
Erst tat ich so, als hätte ich das Gummi gerade gefunden, von einem dünnen Zweig baumelnd: "Ha.. was ist das denn hier, guckt mal!" Aber das bekam niemand mit, die Jungs waren mit dem Pflücken von Brombeeren beschäftigt, also platzierte ich das Kondom an einer Dornenhecke und versuchte es ein weiteres Mal.

"WAS IST DAS DENN HIER..!!?"

"Fass das nicht an", sorgte sich Pille, ein rothaariger schwermütiger Junge, und auch Wiwi und die dicke Patrizia warnten mich, den gut gefüllten Pariser anzupacken, doch ich nahm ihn wagemutig in die Hand und - blies ihn auf, wie einen Luftballon! Sagen wir, ich versuchte es, wohlwissend, dass die Spitze des durchhängenden Säckchens nicht voller Sperma war, sondern meiner eigenen Spucke.

"HEYYHH, TU DAS NICHT..! BIST DU WAAHNSINNIG!??"

Sie blickten mich so entsetzt an, dass ich es plötzlich selbst mit der Angst bekam. Vielleicht hatte jemand meine geheime Aktion beobachtet und spielte mir nun seinerseits einen Streich - mit einem ausgetauschten Kondom voll echter Wichse! Das konnte nur die dicke Patrizia getan haben! Ich spuckte das Gummi weg so weit ich konnte. 
 
"Zu spät", meinte Pille und prophezeite mir rote Pusteln und Plaque am Maul. Mininum.
 
"Minimum", verbesserte ich ihn.
 
"Blödmann."
 
Es war Herbst 1969, da absolvierte die Straßenbahn ihre rumpelnde Abschiedsfahrt. Die ganze Strecke war mit Wimpeln und winkenden Menschen ausstaffiert. Wir Kinder saßen im Gebüsch und spielten Flaschendrehen mit der dicken Patrizia, danach wurde der Linienverkehr eingestellt, endgültig. Bald waren auch die meisten Schienen verschwunden, nur die Schottersteine blieben, bis heute. Wer sich mit der Schuhspitze durchs Geröll gräbt, kann es noch hören, lizenzfrei, das metallische Quietschen der Straßenbahnräder, das autoritäre Knurren der Schaffner, das Anfahrtsläuten. Die Vergangenheit ist bloß eine Schuhspitze entfernt.
 
Die Vergangenheit ist immer bloß eine Schuhspitze entfernt.

In einiger Entfernung kommt uns jemand entgegen, mit Hund. Der Typ sieht aus wie der.. Moment, ist der das nicht..? Ja klar ist der das! Das ist der blöde Malorney, den früher alle nur den Major nannten. Kommt uns übers Geröll entgegenspaziert, einen kleinen Hund an der Leine. Wohnt der immer noch hier! Der Major. Ab und an sehe ich ihn auf seinem Zehntonner-Diesel durch die Straßen brettern, dann grüsst er lässig, die Hand an der Schirmmütze, ganz der Kapitän. Er fährt für eine Tiefbaufirma.

"Ja hallöchen..! Was machst du denn hier?!" staunt auch der Major, hält sich aber nicht lange damit auf. "Was macht dein Bruder? Arbeitet der immer noch in der Lukas-Klinik?"

"Du meinst meinen Cousin. Mein Cousin ist Arzt, mein Bruder nicht. Der ist kein Arzt. Der ist IT-Spezialist."

Der Major ist irritiert. "Na.. der da."

"Also, wenn du meinen Cousin meinst, der arbeitet nicht mehr in der Lukas-Klinik. Der arbeitet woanders. Der hat seie eigene Praxis mittlerweile."

"Och, auch gut. Hauptsache Arbeit."

Der Major ist alt geworden, aber sein schiefes Gebiss ist aufdringlich wie eh und je, große und kleine Hauer purzeln lustig durcheinander. Als hätte der liebe Gott bei Malorneys Geburt eine Handvoll Zähne in seinen Mund geworfen wie in einen Würfelbecher.

Frau Moll beschnuppert den kleinen Hund, der brav beim Herrchen hockt, und verschwindet hochnäsig im Gebüsch, in den Resten  ihres grünen Südseeröckchens, während der Major eine langsame Pirouette im Geröll dreht. Mh..? Was.. macht der denn!? Hat der sie nicht mehr alle? Ob das vielleicht vom Lastwagenfahren kommt? Von den vielen Kurven?

"Hier geht doch alles den Bach runter", höre ich ihn klagen, und da erst geht mir auf, dass der Major schon die ganze Zeit redet. "Auf dem Bau ist tote Hose, in der Industrie, überall.. Sogar das Turm-Hotel hat dicht gemacht."

"Was..? Das Turm-Hotel??"  Ich bin baff.  "Seit wann das denn?!"

"Na, seit.. letztens", sagt er, überrascht von meiner Überraschung. "Stand doch überall in der Zeitung. Der Pächter hat das Handtuch geworfen. Geht doch alles den Bach runter hier."

"Ich hab da lange gejobbt im Hotel", sag ich, doch das interessiert den Major nicht. Er interessiert sich mehr für seinen Anteil an der Geschichte Kontinentaleuropas.

"Ich fahr wieder für den alten Konitzka", erzählt er. "Für den bin ich schon mal gefahren, fast acht Jahre lang. Und als ich mich da letztens wieder vorstelle, weisst du was der Alte zu mir sagt?"

"Hm.. nein, weiss ich nicht."

"Malorney, du weisst ja, wo der Schnaps steht! Hahaaa!! Gut, ne?"

"Ja, gut. Dann ist das Hotel also pleite", sinniere ich.

"Na klar. Stand doch überall in der Zeitung, im Internet, im Fernsehen überall. Wir haben ja auch Kurzarbeit. Ist nichts zu tun auf dem Bau. Geht alles.."
 
".. den Bach runter", fahr ich fort.
 
Da dreht der Major sich wieder um die eigene Achse, mit einem Einsatz, dass es im Geröll nur so knarzt. Jetzt verstehe ich! Ein Gerölltänzer! Nee, ist klar!

"Nee, klar", nicke ich zustimmend.

Wir stehen in Höhe von Potts Wiese, Bauer Potts Wiese genau gesagt, genau da, wo plötzlich ein Kondom im Baum hing. Und ganz in der Nähe zeigte mir die dicke Patrizia ihre Möse. Die dicke Patrizia war das erste Mädchen, das mir seine Möse zeigte, hier an den alten Straßenbahnschienen. Da, wo es runter zum Tunnel ging, den sie erst zugeschüttet und dann abgerissen haben. Wahrscheinlich hatte die dicke Patrizia an diesem Tag eher ein Tauschgeschäft im Sinn:  Ich zeig dir meins und du zeigst mir deins, aber irgendwie hatte ich das falsch verstanden. Vielleicht wollte ich es auch falsch verstehen. Jedenfalls zeigte ihr gar nichts. Ich hatte mir nur kurz ihren nackigen Spalt angeguckt, mich umgedreht und war verstört nach Hause gegangen.

"Morgen muss ich noch mal auf den Bock, dann ist Wochenende. Ich fahr Drei-Tage-Woche. Ist ja nix zu tun auf dem Bau. Ist ne ganz laue Nummer im Moment."

"Nix zu tun, klar", sage ich in Gedanken.

Das Turm-Hotel ist also dicht. Das olle riesige Einwegfeuerzeug. Ich lach mich schlapp.

Die dicke Patricia rief ich Jahre später an, aus einer Laune heraus. Morgens, ich lag noch im Bett.

"Ich wollte dich schon immer mal bumsen", sagte ich, da war ich dreiundzwanzig und immer scharf, wenn ich morgens aufwachte und Langeweile hatte. Ich hatte andauernd Langeweile mit 23, wenn ich aufwachte. Ich war andauernd scharf.

"Wer bist du?" fragte sie.

"Erkennst du mich nicht an meiner Stimme?" fragte ich.

"Nein", sagte sie unsicher. "Irgendwie klingst du bekannt, aber ich krieg kein Gesicht dazu.."

Wir telefonierten noch eine Weile, ich verstellte meine Stimme nicht, ich machte ein paar Andeutungen, doch sie kam nicht drauf, wer ich war.

"Komm doch mal vorbei", sagte sie schließlich. "Damit ich weiß, wer du bist."

Ein paar Wochen später besuchte ich sie. Ich hatte eine Trainingshose angezogen, ich war ein Jogger, der rein zufällig in der Nähe war.

"Ach, du bist das", sagte sie. "Hätte ich das gewusst.."
 
"Hättest du was gewusst..?"
 
"Dass du mich schon immer bumsen wolltest. Ich hatte ja keine Ahnung."

Sie lebte mit ihrem Macker in einem Mietshaus, wo der Balkon ums ganze Haus herum reichte, wie die Reling eines Schiffes, wie ein überlanger Gürtel. Es war Vormittag, ihr Mann bei der Arbeit. Das hatte sie mir schon am Telefon zu verstehen gegeben. Sie legte eine Platte von Tschaikowski auf.  Ein Klavierkonzert. Ich hatte noch nie Tschaikowski gehört. Ich kannte klassische Komponisten vom Namen her. Klassische Musik brachte mich zum Lachen, und Patrizia war noch dicker als früher. Es war absurd. Ich sah sie vor mir, wie sie als kleines Mädchen im Gebüsch gestanden und mit forscher Geste ihre kleine unbehaarte Möse präsentiert hatte. Und jetzt das Allegro c-moll. Tschaikowski.

"Rokko, komm", ruft der Major seinen Hund, der neben ihm wartet, und verabschiedet sich mit einer angedeuteten halben Drehung.

Der hat sie doch nicht mehr alle.
11.7.14 17:55


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