Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Buh-Rufe aus dem Sanatorium / Party-Report 2006


Klar, einen Kater zu haben mit Mitte Vierzig ist nicht wirklich dasselbe wie mit Neunzehn, wo man morgens nach einer Party auf der Gartenbank wach wird, splitternackt und mit giftgrüner Zunge. Ich weiß bis heute nicht, was in dieser Nacht passiert ist. Nach vorsichtig-schmierigen Andeutungen der Gastgeberin hab ich nicht weiter nachgefasst. Ich wollte gar nicht mehr wissen, was so alles dazu führen kann, dass man mit grüner Zunge aufwacht.

Stutzig machte mich allerdings, dass selbst mein bester Freund Karlos mich komisch von der Seite anguckte, eine Woche lang. Irgendwie war er in die Sache mit der Zunge verwickelt gewesen.

Na, jedenfalls.

Danach hatte ich den schwersten Kater meines Lebens. Ich war 48 Stunden Alle Farben Ausser Grün-blind. Ich konnte alles nur noch absinthgrün sehen, und grob gehäckselt. Dagegen ist mein jetziger Kater ein Kätzchen, das heißen Wind bläst und mich kitzelt mit langem Barthaar. Das schnurrt geradezu, so ein Bierschädel mit Mitte Vierzig.

"Du redest nur Blödsinn, weißt du das."

Ja natürlich weiß ich das. Ich vertrage keinen Alkohol mehr, daran liegt das. Da redet man automatisch mehr Unfug. Mit Gongschlag Mitte Vierzig ist mein altes Leben vorüber. Was nun nicht bedeutet, dass ich gleich damit aufhöre, mit dem alten Drogenleben. Eine Weile läuft das noch weiter. Weiter, immer weiter. Trink-und Sitzmaschine: ein.

Und weiter.

"Bis du tot umfällst."

Ja ja ja ja - ist ja schon gut. Ich hör ja schon auf. Morgen.

Aber wie mach ich das mit dem Aus-mir-rausgehen, wenn ich nicht mehr trinke? Wie bewege ich mich in Gesellschaft, nüchtern? Dafür nimmt man doch Drogen. Um zu kommunizieren. Um zu bestehen.

Heroin-Blabla ist der Blümchenkaffee unter den Drogengesprächen, man pennt sofort ein vor lauter Bravheit. Unter dem Einfluss von Kokain fahndet man nur ununterbrochen nach den geilen Wörtern, die wenigstens entfernt die super Stimmung ausdrücken, auf der man unterwegs bist. Bekifftes Gequatsche ist einfach nur lästig, besoffen macht man sich lächerlich, auf LSD redet niemand.

Dazu der Mitsubishi Boy: 

Ich muss das Rauchen aufhören und das Saufen sowieso. Am besten alles in eine Mülltüte und weg damit. Und dann noch mal neu anfangen, alles von vorn. Du Scheiße, wird das anstrengend..! Nee!!

"Und die Party? Wie war die Party?" frag ich die Gräfin, ich kann mich nämlich an nichts erinnern, nicht mal an Szenenapplaus oder Buh-Rufe aus dem nahen Sanatorium. Die Party fand auf der sonnengelben Hazienda meines Bruders statt, schräg in die Bergischen Wälder geschnitzt. Achtzig Gäste waren geladen und ein Bierzelt. Die Ska-Kapelle, die zum Tanz aufspielen sollte, hatte abgesagt, weil der Saxofonist urplötzlich in U-Haft geraten war.

"Den haben sie rausgeschmissen", korrigiert mich die Gräfin. "Aber nicht urplötzlich."

"Hm. Und sonst, wie war die Party?!"

"Da.. also, da waren jede Menge Wesen.. fremde feiernde Wesen. Ich und die Anderen."

Ich erinnere mich. Ja, es war nicht ihr Abend gewesen. Meist saß sie still und verloren auf der langen Bank, den Blick im nächtlichen Sternenhimmel, wenn ich mich zu ihr gesellte. Und wenn sie doch mal den Mund aufmachte, kamen die Sätze allzu scharf heraus. Wie das so ist, an manchen Tagen. Man will niemanden beleidigen, hat aber den Köcher voll giftiger Pfeile.

"Ich hab ne Menge Leute beleidigt", fürchtet sie."Den Roberto zum Beispiel."

"Den Roberto..? Den kann man beleidigen?"

"Na, brüskieren. Er war nicht so gut drauf, glaub ich. Er ist den ganzen Abend so steif übers Gelände gestiefelt, als hätte er ne Schippe im Hals. Und dann hab ihn auch noch gefragt, ob er seine Zweit-Perücke aufgesetzt hat."

Ich breche in schallendes Gelächter aus. Robertos Haar war frisch geföhnt gewesen, das war selbst mir aufgefallen. Es duftete nach Apfelshampoo wie eine Maxi-Tüte Colorado. 

"Wen hast du noch beleidigt? Zum Beispiel."

"Dich. Zum Beispiel."

"Mich hast du beleidigt? Kann mich nicht erinnern."

"Natürlich nicht. Du warst ja auch voll. Ich hab dich einen stinkenden alten Monobock genannt, der nur eine einzige stinkige alte Schnulze drauf hat."

Es knackt in meinem Hinterkopf.

"Nein!" ruf ich. "Peter Kraus..? Hab ich etwa Peter Kraus gesungen?"

"Na sicher. Was sonst."

Ich hab es doch wieder getan: Im besoffenen Kopf Strasse der Sehnsucht gesungen. Du bist allein. Einmal glücklich sein auf Erden, einmal nicht beiseite stehen, ja. Das wär schön. 

"Weißt du, was dich rettet, wenn du so peinlich bist? Dein Auflachen. Wenn es so rausplatzt aus dir, aus deinem breiten Kiefer. Dann verzeiht man dir fast alles."

Sie seufzt.

"Ich hab gestern noch mal gemerkt, wie das ist, wenn nicht jeder Satz ein Knaller ist, den man raushaut. Wenn alles falsch rüberkommt. Na, ist doch so. Ich schreib mich demnächst zur Studie aus. Echt."

Gegen den Schädel spazieren wir an den Pferde-und Kuhwiese vorbei zum Treppenbach.

"Der Mensch ist am schönsten, wenn er den ganzen Tag unterwegs ist. Dafür sind wir Menschen gebaut, zum Unterwegssein." (Die Gräfin)

Unterwegs begegnet uns Frau Heller, mit ihrer Rehpinscherdame Kara. Frau Heller, Rentnerin, hat laubrotes Haar und trägt merkwürdiges Schuhwerk, eine Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Sie berichtet uns von ihrer 57jährigen Tochter, der man letzte Woche den halben Magen wegoperieren musste.

"Oh, sieht die schlecht aus. Die raucht zuviel. Vier Packungen am Tag. Ist doch nicht normal, oder? Und dann alle die Türken, mit denen sie rummacht. Das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen."

Frau Hellers Handtasche ist in Hundekreisen für die selbstgebackenen Leckerchen berühmt. Allerdings verfüttert die alte Dame ihr Gebäck nicht auf die traditionell liebevolle Weise älterer Damen. Im Gegenteil. Frau Heller schmeißt die Getreideplätzchen nach den Hunden wie Kamelle. Als stünde sie oben auf dem Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich sehr vorsehen.

Wir schlagen den Heimweg ein. Das bringt nichts heute. Wir sind platt. Als wir aus dem Wald heraustreten, fällt mir etwas ein. Ich saß zuletzt auf der langen Festbank im Hof, schon reichlich knülle, als sich Lonnie lautstark über die Tage seiner Kindheit beschwerte.

"Ach komm, unbeschwerte Kindheit, hör mir auf damit! Wie ich als Kind von meinem Bruder durch den Wald gezwungen wurde, auf dem Dreirad, mit dem Rässelchen und die ganze Zunge grün und blau vom Bubble Gum Blasen..! Horror!"

23.10.14 16:21


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung