Seit 2005: Andreas Glumm erzählt vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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A Town with no Cheer

 


Sie wohnte in einem Gründerzeitbau an der Friedrichstraße, gemeinsam mit ihrer besten Freundin und Sahir, ihrem Ex-Lover, der noch keine neue Bleibe gefunden hatte. Bis dahin wurde er quasi geduldet in einer Wohnung, die mit hundertzwanzig Quadratmetern groß genug war, um sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen.

Es gab einen Balkon, der auf einen finsteren Innenhof hinausführte und in stürmischen Nächten von einem geheimnisvollen Perlenspiel erfüllt war. Mehr als einmal untersuchte ich tagsüber den Balkon nach Glöckchen oder alten Blechdosen, niemals fand ich etwas. Doch sobald nachts Wind aufkam, schlugen unbekannte Glasperlen aneinander, und ich fühlte mich in den Tom Waits-Song A town with no cheer versetzt. 

Sahir hatte ich vielleicht zwei, dreimal gesehen, ein in Deutschland geborener Türke. Er sah nicht besonders türkisch aus, von den Augen und dem feuerspeienden Gang mal abgesehen.

“Kann der überhaupt türkisch?” fragte ich.

“Na klar kann der Türkisch, aber nur einen einzigen Satz: Guten Morgen, Tante, ich brauche Geld."

Wir hatten eine Art stille Abmachung. Solange Sahir auf der Friedrichstraße wohnte, übernachtete sie bei mir. Wir hatten nie wirklich darüber gesprochen, aber es war klar, dass es nur so laufen konnte. Es sind die stillen Übereinkünfte, die wie Leitsterne über unseren Wegen stehen, und niemals fällt ein Wort.

In dieser Sommernacht war es anders. Wir kamen spät von einer Party und standen vor dem Haus an der Friedrichstraße. Ich drängte sie, mit zu mir zu kommen, doch sie wollte diese Nacht unbedingt im eigenen Bett verbringen, mit mir. Später sagte sie, sie habe wohl unbewusst eine Entscheidung herbeiführen wollen..

“Damit der Schädel endlich schnallt, dass ich nichts mehr von ihm  will, damit der sich endlich trollt und eine neue Bude sucht.”

Schädel, Sahirs Spitzname. Er mochte ihn nicht. Das ist natürlich schlecht, wenn man den eigenen Spitznamen nicht mag, schliesslich kann man den eigenen Spitznamen nicht einfach fortwischen wie Kreide von der Tafel, ein Spitzname muss sich von allein auswaschen. Das kann dauern. Spitznamen sind eine organische Angelegenheit, wie Grünzeugs oder so.

Ich hatte in der Jugend selbst einen Spitznamen gehabt, Glummi, aber das ist keine große Sache, wenn dem Nachnamen bloß ein winziger Vokal angehängt wird, ein kleines i, ist das wie ein überflüssiger Hilfsmotor, ohne den man genauso gut voran kommt.

Der Spitzname Schädel passte nicht zu ihm. Er war ein eher sanftmütiger Typ, mit braunen Augen. Er studierte Sozialwissenschaften und stieg während eines Praktikums im Haus der Jugend ein, wo er mit den Kids gut zurecht kam. Sie waren begeistert von seiner Aufrichtigkeit. Er war ein sanfter Schädel.

Wir standen unten am Gartentörchen. Oben in der Wohnung war kein Licht. Es war stockdunkel. Auch die beste Freundin schien schon zu schlafen.

“Ach, komm schon, es passiert nichts”, zerrte die Gräfin an mir. “Das kriegt der Schädel gar nicht mit, wenn du mitkommst, der ist bestimmt besoffen. Wahrscheinlich ist der nicht mal da..”

Wir waren seit einigen Monaten zusammen, es war immer noch Neuland. Sie verdrehte mir den Kopf, aber nach vorn. Ich konnte plötzlich wieder sehen, wo das Leben spielte – es war, als wäre ich nach langer Dunkelheit auf eine Lichtung gestoßen.

“Ach, nun komm schon mit hoch.. Sei doch nicht so. Sei doch kein Frosch.”

“Wir können doch zu mir”, sträubte ich mich, “zum Frosch.”

“Ja, aber das ist noch so weit, und ich bin so müde. Komm..”

Zum Schluss war es ein warmer langer Kuss, der mich überzeugte. Der nach Pflaumenwein duftete und mich zur Haustür hinein schubste, immer die Treppenstufen hoch. Leise öffnete sie die Wohnungstür.

“Geh schon mal vor”, flüsterte sie. “Ich guck mal eben in sein Zimmer.. Ob er zuhause ist.”

Eine Minute später stand sie im Türrahmen.

“TA -TA! Der ist nicht da! Wir sind allein!”

Am nächsten Morgen. Wir trödelten lange im Bett herum. Irgendwann stand sie auf, um Kaffee aufzusetzen. Als sie zurückkam, war sie bleich.

“Der Schädel liegt hinten im Wohnzimmer und schnarcht.”

“Im Wohnzimmer..?”

“Ja, auf dem Sofa. Neben ihm ne leere Flasche Whisky. Hab ihn gestern nicht gesehen.”

“Na schön, ich bin ja gleich weg”, beruhigte ich sie.

Die Vorstellung, dass er die ganze Nacht nur ein paar Wände entfernt geschlafen hatte, war allerdings prekär. Genau genommen hatte ich hier nichts zu suchen. Er wohnte hier, nicht ich. Das Problem: die Gräfin und er hatten nie wirklich Schluss gemacht. Die Beziehung hatte sich einfach totgelaufen, doch je nach seelischer Verfassung stellte Sahir immer noch Ansprüche, auch wenn es längst vorbei war mit den beiden.

Nun war ich ja selbst ein Mann, der von einer Frau verlassen worden war, zugunsten eines Anderen. Aber nun war ich dieser Andere, und Sahir war ich. Was ich sagen will: Ich konnte ihm nachfühlen, wie er da im Wohnzimmer lag, in Schwaden von Schnaps und Nikotin gehüllt. Ich stank ja selber nach Schnaps und Nikotin, obwohl es mir besser ging.

“Ich hol mal den Kaffee”, sagte die Gräfin.

Während es mir besser ging, ging sie in die Küche, und plötzlich hörte ich Stimmen, Geschrei. Ein wütendes Schnauben – dann schnelle Schritte über den Flur, die Zimmertür wurde aufgerissen. Ich versuchte noch von der Matratze hochzukommen, doch zu spät – sein Fuß war schon an meiner Kehle.

“Damit hättest du rechnen müssen!!”

Die Gräfin kam von hinten und umklammerte ihn. Ich lag auf der Matratze, seinen Fuß am Hals, ich war wie gelähmt. Ich konnte nichts tun. Ich lag unten, ich war nichts als Beute. Seine Augen flimmerten.

“Was ist denn hier los!??” Es war die beste Freundin der Gräfin, die aus ihrem Zimmer gestürmt kam, vom anderen Ende des Flurs. "Bleibt cool!"

Cool bleiben? Ich hatte einen strammen Fuß am Hals, ich spürte Sahirs verschorfte Reptilienhaut. Er bebte vor Wut. Er hätte zutreten können, er hätte mich töten können in diesem Augenblick. Er hätte mir den Kehlkopf eindrücken können wie eine faulige Walnuss, doch ganz plötzlich liess er von mir ab und trat der Gräfin, die hinter ihm stand und ihn nicht aus dem Klammergriff liess, auf die Füße.

“Du Hure!!”

Die beste Freundin fuhr dazwischen wie ein furioser Ringrichter, und auch ich ging von der Matratze hoch.

“Lass sie in Ruhe!”

“Sag mal, spinnst du, Schädel?” Die beste Freundin fasste Sahir am Kragen. Zu viert standen wir in dem kleinen Zimmer am Ende des Gangs. Vier Figuren in Unterwäsche und Strümpfen, zwei T-Shirts, ein BH. Eine Menge Haut, weiße Titten, zwei Becher Kaffee, Whiskydunst. Zorn. Geschrei. Sonntagfrüh.

“So läuft das nicht!!” schrie Sahir.

Ich stand da wie ein Boxer, bereit zum Kampf, Sahir wie ein Kick-Boxer, bereit zum Tod. Fäuste, die auf den letzten Funken warteten, der alles in Brand setzen würde, wären nicht die Gräfin und ihre beste Freundin dazwischen gegangen.

“Der soll verschwinden!” kochte Sahir. “Was macht der hier!!?”

“Ruhig, Junge”, sagte ich. "Ich bin schon weg."

Er war im Recht. Ich hatte hier nichts zu suchen. Ich hätte tot sein können. Es war meine Schuld. Ich hätte besser nachdenken sollen. “Ich zieh mich an, und dann bin ich.. weg.”

Ich packte meine Jeans und stieg ins erste Hosenbein. Ich roch meine Zigaretten.

“Willst du ihm jetzt beim Anziehen zugucken, oder was!?” Die beste Freundin fuhr Sahir an, mit ihrer rauen Soul-Stimme, so viel mehr Blues als Soul an diesem Morgen. Sahir machte auf dem Absatz kehrt.

Wir blieben zu dritt zurück. Die Gräfin zitterte, den Kaffee in der Hand, die beste Freundin zitterte, ich zitterte. Sahir zitterte irgendwo in der Tiefe der Wohnung. Ich zog mich an. Leichtes Diplomatengepäck.

“Scheiße”, sagte ich.

"Okay", sagte sie. “Bis heut Abend.”

23.4.15 15:47


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