Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Geht doch um nix

 

 

Den ganzen Tag irrte ich durch die Gegend und versuchte sie zu erreichen, ich nahm jede verfluchte Telefonzelle, die auf dem Weg lag. Die Route der Freizeichen begann vorm Mumms, führte übers York hoch in die Bienenhalle und wieder zurück in die Stadt, zuletzt nahm ich ein paar Bier und Gespritzte im Kotten. Und überall stand eine Telefonzelle, überall wählte ich die Nummer, überall ging sie nicht ran. 

Wir hatten seit einer Woche nichts voneinander gehört - komplette Funkstille. Und nun, am achten Tag, ertrug ich es nicht mehr. Je öfter ich das Freizeichen hörte, desto bedrohlicher klang es, ich verblutete in Freizeichen und Schweigen. Ich musste sie sprechen. Ich musste wissen, was los ist.

Am frühen Abend, ich kam aus der Kneipe in der Eislaufhalle, stand ich in der nächsten Telefonzelle, und endlich nahm sie den Hörer ab.

"..ja..?"

"Ich bin's..", sagte ich hastig.

Keine Reaktion. Weil die Tür sich nicht richtig schließen ließ, war es nicht nur laut im Telefonhäuschen, es war auch eisig kalt, das Licht eine Funzel.

"Wie gehts?" versuchte ich es betont beiläufig, fast ein bisschen desinteressiert, doch keine Antwort, nichts. Schweigen. Bloß das Radio war zu hören, leise, im Hintergrund. Ihr kleines Transistorradio. Mittelwellen-Sound. Radio Monaco. Und Geraschel. War da jemand, ausser ihr..?

Da war jemand.

Es machte keinen Sinn mehr, so zu tun, als wäre noch irgendetwas in Ordnung mit uns. Ich ging in die Vollen.

"Sag mal, sind wir eigentlich noch zusammen..??" hörte ich mich fragen, atemlos, wie von weit her. Das Echo einer tausend Mal nicht gestellten Frage.

Die Antwort: eine Durchsage. Sie zog an einer Zigarette. Ich hörte ihr Einatmen, ich hörte das Ausatmen. Dazwischen war Platz für eine ganze Welt.

"Ich glaube.. nicht."

"Du glaubst.. nicht?"

Wieder starrte mich dieses knatschgelbe Plakat an, mit schwarzer Balkenschrift: FUNKTAXI. Ich kapierte es nicht. Ich hatte das Plakat in jedem zweiten Telefonhäuschen gesehen, es hatte überall genervt. Hatte nicht jedes verdammte Taxi Funk?! Was zum Henker sollte das sein, FUNKTAXI!?

"Und warum..? Wegen einem anderen?"

Sie zögerte.

".. ja.."

"Ist der da?"

".. ja schon.. aber du.. kennst ihn nicht."

"Gib ihn mir mal!"

"Was, jetzt?"

"Natürlich jetzt!!"

Draussen stürmten die Autos vorüber, Schnee spritzte auf, dreckiger Schnee. Dunkelheit, Lichter, Gehupe. Ich wusste selbst nicht, was ich von dem Kerl wollte. Ich hatte keine Ahnung. Mein Herz raste. Die Scheiben der Telefonzelle beschlugen von meinem Atem. Was war das für ein Kerl?! Der Soldat, von dem sie kurz erzählt hatte? Der Junkie, der mit einer Knarre im Hosenbund rumgelaufen war und mich vorm Daddy abknallen wollte?

"Nussbaum", meldete sich eine Stimme, förmlich wie im Büro. Als hätte seine Sekretärin gerade durchgestellt. Was ein Spiesser!

Ich riss mich zusammen.

"Hör zu, Junge. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Hast du sie schon gefickt? Warst du schon mit ihr im Bett?"

"Spielt das ne Rolle?"

"OB DAS NE ROLLE SPIELT..?!" Ich war baff. "HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?"

"Spielt das ne Rolle?"

"WENN'S KEINE ROLLE SPIELT", äffte ich ihn nach, "DANN GIB'S DOCH ZU, DU FEIGLING!"

Lena war wieder am Apparat.

"He, bleib mal cool.."

"Ich soll cool bleiben..? ICH!?? Du hast sie wohl nicht mehr alle! Ich komm jetzt bei dir vorbei und wehe, du bist nicht da.."

Ich fühlte mich mitten auf der Straße, zwischen rollenden Lastwagen, im Aufblenden greller Scheinwerfer.

"DER TYP KANN MEINETWEGEN DA BLEIBEN!"

"Ja, komm vorbei", beschwichtigte sie mich, "aber.. soll der echt hier bleiben?"

"ER KANN AUCH VERSCHWINDEN! MIR DOCH.. EGAL!"

Ohne auf den Strassenverkehr zu achten, stürzte ich über die Kreuzung am Werwolf, Autos hupten mich an wie einen Wolf, der sich in die Zivilisation verlaufen hatte. War ich schon vorher nahe am Nervenzusammenbruch durch die Gegend gestiefelt, so drehte ich jetzt komplett durch. Jetzt hob ich ab. Ab sofort waren alle Kampfbomber in der Luft. Die Fenster abgedunkelt.

Rein in die nächstbeste Spelunke, grosses Kölsch und 103er auf ex. Und das gleiche direkt noch mal. Ich hatte den Namen der Pinte vergessen, hier hatten Pepe, Karlos und ich als Teenies Schlankheitstropfen in unser Bier gemischt und waren weggesackt, zum Geklingel der Glücksspielautomaten. Der Pächter sprach uns  Hausverbot aus, wenig später war er pleite und machte in Kältetechnik, der Penner. Jetzt gab es Videoclips zu sehen, auf dem großen TV-Bildschirm über der Bar. Madonna tanzte zu Like a virgin. Like the very first time.. With your heartbeat.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pochte es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen..?? Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen. Gleich würde sie mir sagen, was los ist, und ich würde ihr hilflos ausgeliefert sein.

Lena zitterte mindestens genauso wie ich. Wir saßen nebeneinander vorm lauwarmen Nachtstromspeicher und blickten uns kaum in die Augen. Der Typ war weg. Er war gegangen, kurz bevor ich kam. Dieser Affe, sagte ich.

Was Neues wolle sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden und am Sonntag bei meinen Eltern zu Mittag essen. "Immer der gleiche Streifen. Wir sind doch noch jung!" Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gäbe keine Zukunft für uns. Alles, was sie sagte, riss mich in Stücke, nur die Klamotten hielten mich beieinander.

"Wer ist der Typ?"

"Der ist nett."

"Ja schon, aber wer..? Der blöde Soldat? Der Fixer?"

Sie lachte. "Der Soldat."

"Bist du verliebt?"

"Ja.. Ich glaub. Ja.."

Ich spürte, es würde sich nicht wieder einrenken wie die Male zuvor, diesmal war es anders. Sie wollte weg von mir. Ich hinderte sie an ihrer Entwicklung. Sie war gerade mal zwanzig und hatte nur mich als Mann gehabt, soviel ich wusste, sie wollte andere Männer ausprobieren. Verständlich, wenn nicht ich der Gelackmeierte in der ganzen Geschichte gewesen wäre. Ist doch klar, hätte ich gesagt.

Sie versuchte mich in ihre Arme zu schliessen, ich stiess sie fort, und rannte aus der Wohnung. Wie oft war ich aus der Wohnung gerannt, wenn wir Streit gehabt hatten, jedes Mal war Lena mir nachgerannt, auf Strümpfen, auf Asphalt, mitten in der Nacht, bei Regen, bei Schneefall, großes Drama. Zum Schluss war es andersrum gewesen, da war sie ein paar Mal rausgerannt und ich ihr nach, immerzu war irgendwer gerannt und der andere hinterher, diesmal nicht.

Diesmal.. nicht..

Ich sah sie am Fenster, eine Erscheinung. Sie machte keinerlei Anstalten, etwas zu tun, sie stand bloß da. Ich drehte mich um und stampfte los, die Hände in den Manteltaschen, durch eine klirrend kalte Winternacht. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer. Die Schneehaufen türmten sich. Es war, als wäre ich unter einem riesigen Kuppelbau unterwegs gewesen in jener Nacht, in einer frostigen Kathedrale.

Als ich eine dreiviertel Stunde später vor der Haustür stand, sträubte ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit hatten wir bei mir verbracht. Wegen der großen Buntkiste, wegen der großen Badewanne, und überhaupt - die Schillerstrasse war unser Quartier gewesen.

Ich knallte mich aufs Bett. Wünschte mir, was alle Verlassenen sich wünschen, solange das Verlassenwerden noch akut ist: Dass alles nur ein böser Traum ist. Doch für einen bösen Traum hatten die Dinge zu viel Hand und Fuß - sie war zwanzig, sie hatte den Streifen satt. Sie war lange genug Sonntag für Sonntag mit mir zu meinen Eltern gelatscht, zum Gulasch essen. Es reicht, mein Freund. Mach dich vom Acker. Da kommt ein Soldat mit dem Schießprügel.

Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Immer wieder tauchte ihr schöner kleiner Busen auf, ihre Schenkel, in die jetzt irgendein gesichtsloses Schwein eindrang, ihre zärtlichen Worte. Es schnürte mich zu. Ich sprang aus dem Bett, zog mir den Parka über und lief durch den nassen Schnee zur Telefonzelle Margaretenstraße. Ich musste mit ihr reden! Ich brauchte einen Hoffnungsschimmer. Es konnte nicht so einfach vorbei sein, so Knall - und aus!

Ich warf ein Markstück in den Schlitz. Wegen unbezahlter Rechnungen war mein eigenes Telefon seit Wochen gesperrt. Sie hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Ich fragte, ob es denn keine Möglichkeit mehr gäbe.

"Es gibt immer eine Möglichkeit", sagte sie, halb lieb, halb genervt. Sie wusste selbst nicht genau, was sie tat. Sie folgte ihrem Instinkt. Ich jammerte wie ein kleiner Junge, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte, und der nicht verstand, warum. Nur weil er fünf Jahre lang immer das gleiche getan hatte..? Was konnte daran falsch sein, wenn es doch am Anfang richtig gewesen war??!

"Was soll ich denn machen ohne dich?!"

"Pack meine Sachen zusammen.. Stell ein paar Möbel um. Ich weiß es nicht."

Ein FUNKTAXI-Plakat starrte mich an.

"Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. so durcheinander.."

Ich schlich nach Hause und haute mich hin. Ich lag im Dunkeln, ich betete, die Nacht möge bald ein Ende haben, doch als es endlich hell wurde, als das Licht zurückkehrte, da baute sich etwas viel gräßlicheres vor mir auf: die Angst vor dem Sonntag.

*

Sonntag. Der magische Sonntag. Im Tierpark. Sie trug ihr braunes Indianerkleid und war gut gelaunt.

"Los, zu den Kamelen!"

Im Freigehege rekelten sich zwei Lamas in der Nachmittagssonne, sie  malmten Gras.

"Beiß mich", flüsterte Lena, die mal behauptet hatte, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben umgekrempelt. Ich lugte hinüber zu den Lamas, bückte mich, und biss zu. Das Kettchen knirschte.

Vorm Gehege der Stachelschweine wartete ein Tierpfleger mit Harke in der Hand und Pfeife im Mund. Er versuchte uns irgendwas zu erklären, nuschelte aber so unverständlich, wir kapierten kein Wort. Da erst erkannte ich ihn wieder.

"Der Knabe arbeitet schon lange hier", flüsterte ich, "als Arsch für alles."

"Hm?" fragte Lena.

"Na, als ich hier mit Pepe Arbeitsstunden machen musste, war er auch schon hier."

Ich zeigte Lena den Stall der schwarzen Zwergziegen, den Pepe und ich jeden Morgen ausmisten mussten. Einmal haute ein kleiner Bock ab, weil ich vergessen hatte, das Gatter zu schließen.

"Vergessen, genau" meinte Lena. "Du meinst, ihr ward mal wieder bekifft bis zum Kragen."

"Ist ja auch egal. Jedenfalls ist der Ziegenbock durchs Gehege der Truthähne geflüchtet, das gab ein Mordsaufruhr und es dauerte, bis wir ihn endlich wieder im Stall hatten."

"Tolle Sache."

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an nackten Stahlgerüsten. Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, galten sie als heilig. Unantastbar. 

Weit unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine schattige Bank. Wir waren allein auf weiter Flur. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und stieg auf meinen Schoß. Schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. "Los, du Vieh!" feuerte sie mich an, und wir mussten lachen. Küsse. Papageienschreie. Rote Flecken. Die Bank kippte genau im richtigen Moment.

*

Bis in den Nachmittag hinein blieb ich im Bett. Ich war wie gelähmt. Rauchte tausend Kippen. Dann badete ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir zu zweit Platznot hatten in dieser Wanne, jetzt war sie eine Arena und verschlang mich.

Immerzu musste ich an sie denken. An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir. Ihre Worte. Es schmerzte und machte wütend. Lena war natürlich fein aus dem Schneider. Hatte einen neuen Kerl und ihre beste Freundin plante demnächst bei ihr einziehen. Nahtloses Timing. Wozu brauchte sie mich noch?! Ich war wie das Sonntags-Gulasch meiner Mutter: gekaut, verdaut, abgezogen. Mein Selbstbewusstsein krümmte sich auf dem Klo und schielte zur Uhr. Wenn das Mumms wenigstens schon auf gehabt hätte..

Aus der Telefonzelle Margartenstrasse rief ich Karlos an. Er klang verpennt.

"Was ist los..?"

"Lena hat Schluss gemacht."

"Heh..? Echt? Scheiße."

"Ja, Scheiße. Ich komm vorbei. Okay?"

Weil Nebenstrassen und Fußwege kaum von Schnee und Eis geräumt wären, brauchte ich anderthalb Stunden bis zur Finkenstrasse. In einem ausgelaugten Körper war es die pure Beinautomatik, die mich vorantrieb. Ich funktionierte nur noch. Ich brach nur einfach noch nicht zusammen. 

Drei Stunden lang saßen wir uns im Sessel gegenüber. Karlos hörte zu, was ich auszukotzen hatte, er nickte, schüttelte den Kopf und warf hin und wieder etwas ein.

"Chaos im Kopf ist nie umsonst", sagte er etwa, und: "Vielleicht musste das mal passieren. Vielleicht musste etwas in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du endlich aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat."

Ich starrte ihn an. Wovon sprach er zum Teufel? Wer hatte was für mich vorgesehen..? Der liebe Gott....?

"Ja.. wahrscheinlich."

Wir tranken schwarzen Tee und Bier und ich war froh, dass Karlos da war. Dass er sich mein hilfloses Gejammer anhörte. Was Liebekummer betraf, konnte er mitreden. Es war keine zwei Jahre her, dass Biene ihn verlassen hatte, seine große Liebe, und so richtig war er darüber nicht hinweg.

"Die Sache ist längst noch nicht gegessen", sagte er mit dieser Märchenplattenstimme, die mich beruhigte. Es klang wie: Die Puppe hol ich mir noch zurück.

Es war keine vier Wochen her, da hatte Karlos mitten in der Nacht unter Bienes Fenster gestanden und nach ihr gepfiffen und gerufen, wie ein dummer Fünfzehnjähriger, erzählte er.

"Und?"

"Was, und?"

"Na ja, ich mein, hat Biene dir aufgemacht oder nicht?"

"Ach was. Die war überhaupt nicht hat da. Die war im Urlaub, wie ich hinterher gehört hab. Blöde Kuh."

Wir verabredeten uns für sieben Uhr im Mumms. Bis dahin verzog ich mich wieder nach Hause, kaputt und aufgekratzt zugleich. Ich haute mich hin, versuchte etwas zu lesen. Ein Buch. Uns verbrennt die Nacht. Ein Indianer, der angeblich mit Jim Morrison durchs L.A. der 60er Jahre gezogen war, ich konnte mich nicht konzentrieren. Jeder Satz endete mit Lena in meinem Kopf.

Punkt Sieben stand ich im Mumms am Tresen und wartete auf Karlos. Das Mumms war eine Legende. Ein verrauchter Karnickelbau mit einem Herz Buben an der Tür, durchstochen von einem Stilett. Der Laden war oft so brechend voll, dass wir dicht gedrängt in Dreier-Reihen am Tresen standen, als hätten alle Schiss gehabt, eines Tages aus diesem endlosen großspurigen Trinkgelage zu erwachen, an einem regnerischen Montagmorgen, und alles wäre vorbei gewesen.

Davor hatten wir Bammel.

Karlos und ich orderten Bier und Tequila. Und ich legte wieder los. Ich war nichts als eine große offene Wunde und hatte dieses aufputschende Gefühl, allen Schmerz, allen Zorn auf Lena rauszulassen. Ich war eine Riesenrutsche und Karlos der Pool, der mich auffing, wenn ich die Leiter zur Riesenrutsche hochkletterte und mich gehen liess, ein ums andere Mal.

Während Karlos mir geduldig das Ohr lieh, betrank er sich in aller Ruhe. Benzini gesellte sich zu uns. Benzini, die Kinnlade ein finsterer Balkon, Säbelbeine, 13-Monats-Bart.

"Du blutest aber gut", meinte er nur süffisant, und ein Anderer, der mich nur vom Sehen kannte, ein Typ mit dem Spitznamen Ludi, sagte, fast ein bisschen peinlich berührt: "Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass dich eine Frau so fertig macht."

Cool und abgewichst. Darauf vertranken wir die Nacht.

*

Als ich aufwachte, ging der Spuk weiter. Verkatert hockte ich auf der Heizung und rauchte. Vielleicht hatte sie ihren Entschluss schon bereut? Ich peitschte zur Telefonzelle gegenüber vom Gemeindeheim Margartenstrasse und rief in der Zahnarzt-Praxis an.

"Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?"

"Klar. Klar doch."

"Heut Abend im Mumms?"

Sie zögert einen Moment.

"Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?"

Traurig..? Was faselte sie da??! TRAURIG! Einmal unterwegs, ging ich gleich weiter in die Stadt. Suchte mir im Karstadt-Restaurant einen Fensterplatz, mit Blick auf den alten Busbahnhof, wo wir im Winter 1979 zum ersten Mal verabredet waren. Lena und ich saßen bei nassem Schnee und null Grad den ganzen Nachmittag unterm überdachten Wartehäuschen, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Gewissheit: das ist es.

Noch in derselben Nacht bekam ich hohes Fieber, alle Knochen taten mir weh. Drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach, und Lena, gerade mal fünfzehn und bildhübsch, kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschischtee.

Das erste Mal gesehen hatte ich Lena eine Woche zuvor im Mankes 13, einem Jugendklub in Ohligs. Ohligs zählte eigentlich nicht zu meinem Revier, es war reiner Zufall, dass ich an diesem Freitag im Mankes gelandet war. Freitags war Disco im Mankes. Es war früher Abend, rappelvoll. Ich hatte eine Tasse Kaffee in der Hand, was ich mir bis heute nicht erklären kann, weil ich damals so gut wie nie Kaffee trank. Höchstens Tee.

An diesem Tag aber war Kaffee in meiner Tasse, und ich stolperte über ein Paar Beine, das zu einem jungen Mädchen gehörte. Sie saß auf einem Sofa, ich strauchelte und schüttete ihr etwas von dem Kaffee über ihren Pullover. So hatte ich Lena kennengelernt.

Ich mache mich auf zur Jobvermittlung. Ich brauchte Ablenkung. Außerdem hatte es Lena zunehmend gewurmt, dass ich bis in die Puppen ratzen konnte, während sie früh raus musste und eine Ausbildung machte, die ihr gegen den Strich ging.

Frau Düstersiek war Leiterin der Aussenstelle des Arbeitsamtes.

"Na, Sie As! Was macht Ihr Kumpel, wie heißt er noch gleich..?"

"Karlos."

"Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie ohne ihn?"

"Na ja.. also, nur so."

Keine Ahnung, ob es wirklich daran lag, dass ich ohne ihren Spezi Karlos gekommen war, doch Frau Düstersiek, die einen merkwürdigen Gang hatte, so als wäre sie gar nicht daran beteiligt gewesen, rückte lediglich die Telefonnummer eines kleinen Betriebs raus, der in Türklinken machte, oben am Schaberg. Ich rief in der Firma an und sagte, dass ich auf der Stelle anfangen könne. Gut. Ja.

"Kommen Sie vorbei."

"Was denn..?! Jetzt sofort?"

"Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben, können Sie auch sofort anfangen."

"Äh.. ja, natürlich."

Ich hatte nicht damit gerechnet, beim Wort genommen zu werden. Ich kaufte einen Strauß Blumen, klemmte ihn an der Teufelsinsel an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel. Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Was besseres fiel mir nicht ein.

Die Firma am Schaberg entpuppte sich als schmierige Hinterhofklitsche. Ohne groß eingewiesen zu werden, setzte man mich in der Endmontage ein. Meine Aufgabe: Türbeschläge und Klinken polieren, Kartons falten, verpacken. Meine Hände flatterten vom vielen Saufen. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tat, ich hatte Lena im Sinn.

Lüttkenhorst, der Kollege, kam an und meinte, ich solle nicht dauernd so dämlich in der Gegend rumsitzen, lieber ein paar Kartons falten, wenn gerade Leerlauf war. Hm? Redete der mit mir? Am Abend wollte ich alles auf eine Karte setzen. Ich würde sie mir zurückholen.

Endlich halb Fünf. Feierabend. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt. Sie war schon im Mumms. Saß in der hintersten Ecke. Mit einem Tee. Sie sah umwerfend aus. Ich holte mir ein Bier, setzte mich zu ihr. Ich hatte keine Zeit für Tändeleien.

"Ist wirklich Schluss?"

Ängstlich blickte sie mich an. Sie nickte. Ich riss mich zusammen. Bestand darauf, dass ich eines schon kapiert hätte, in den letzten, nun, vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung! Ein Satz, für den ich mir noch eine Woche zuvor die Schuhe bekotzt hätte.

"Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben."

Sie war überrascht. Sie nahm es ernst. Es funktionierte.

"Ein Buch..? Na, ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er mal einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Hintern. Guck mal einer an." Sie nahm einen Schluck Tee. "Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun."

"Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein."

Ich spürte, dass sie nachgab. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dass ich so schnell was gelernt hatte.

"Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen.."

Wir blickten tief einander in die Augen. Dieses Bauchgefühl. Dann sagte sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.

"Ja."

Ich flog ihr um den Hals. Vergrub ihren Kopf an meiner Brust.

"Hast du wirklich ja gesagt?!"

"Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los."

Ich driftete zum Tresen. Glaubte es noch gar nicht richtig. Dass das so schnell ging. So ohne viel Widerstand. Ich bestellte Tequila. Wir lachten. Küssten uns. Wie die Kinder. Das Mumms glühte im Sonnenuntergang. 

"Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen", stellte Lena klar.

"Ja", sagte ich, immer wieder ja. Ich hätte ihr einen Welt-Bestseller versprochen, wenn sie es nur ernst meinte.

"Wann machst du mit dem Typ Schluss?`"

"Ich werd.. es ihm gleich sagen."

Wir verabredeten uns für den folgenden Nachmittag um Fünf, bei mir. Ich blieb im Mumms und betrank mich. Karlos tauchte auf. Er  warnte mich, ich solle mich nicht zu früh freuen, doch ich freute mich.

*

Die Maloche am nächsten Tag nervte. Ich konnte kaum meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzte mir zu. Aber ich liebte Lena und hatte sie wieder. Das war die Hauptsache.

"Die Kartons sind aus Pappe!" blökte Lüttkenhorst, der Vorarbeiter. Die Schatten unter seinen Augen waren groß und finster, seine Stimme tief und krächzend, fast punktuiert. "Die Kartons kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das mit dir! Da kannst du aber Gift drauf nehmen, Männeken!"

Seine Stimmbänder stellte ich mir wie Lochkarten vor, die man durch eine Drehorgel zieht und schwere russische Waisen ertönen lässt.

Punkt fünf Uhr war ich daheim. Vielleicht wartete sie schon vor der Haustür.
Tat sie nicht. Ich rauchte und hörte Radio. Machte ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Ich wurde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, dachte ich, müsste sie doch pünktlich sein. Ja, überpünktlich. Vielleicht ist was mit Britta dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.

Ich stand am Fenster und wartete. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fuhren vorüber, Autos hielten. Türen schlugen zu. Nur die Strasse zählte. Um sieben Uhr war Lena immer noch nicht da. Ich tigerte von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich geriet in Panik. Schrie "Lena, was machst du mit mir?!" Raufte mir die Haare und schleuderte mich gegen die Wand. Blieb liegen. Stand auf. Konnte es einfach nicht fassen, wie ich verarscht wurde. Dass sie nicht gekommen war. Trotz ihrer Worte. Ich knallte mich gegen den Türpfosten.

Es schellte. Nicht ihr Schellen. Es war der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber. Ich zerrte Poster von der Wand, trat eine Tasse durch die Küche. Sie zersplitterte unterm Spülstein. Eli begriff gar nichts.

"Du kommst wegen Lena so drauf? Gibs das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt."

Ich liess ihn stehen und lief auf Hollandblotschen zur Margaretenstraße, durch den Schnee, zur Telefonzelle. Britta hob ab.

"Ist Lena da?!"

"Die ist schon lange weg."

"Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?"

"Lena hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist."

Ich hetzte durch die Strassen. Blickte in jedes verdammte vorübersausende Auto. Auch im Mumms war sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms war mein Revier. Mein Wohnzimmer. Cobra hockte am Tresen.

"Hallo."

Sie hatte mich mal angemacht, nicht lange her, da hatte ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt war ich froh, dass sie da war. Fragte, wie es ihr geht und so. Spendierte Bier und Schnaps. Göring und seine neue Braut kamen rein, tranken einen mit.

Göring war Fernmeldetechniker bei der Bundespost. Einige Mal hatte ich ihn unterwegs getroffen, als er den Telegraphenmast hochkletterte und seine Arbeit verrichtete. Ein gutmütiger Kerl mit schweren Knochen und einem gewaltigen Alkoholproblem, der lauthals "Geht doch um nix!" posaunte, sobald er mich von dort oben erblickte. Den Spruch hatte er von einem Kumpel, der ihn seinerseits im Knast aufgeschnappt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir beschlossen, zu verduften. Wir riefen ein Taxi, kauften unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fuhren zu Göring nach Hause und versanken in den Ledersesseln.

Göring erzählte von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hatte, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.

"Das sind die Tanten, die wir brauchen!" wieherte Cobra.

Sie und Göring versanden sich prächtig. Das gefiel mir nicht. Musste ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsam trutschige Person. Ihre Nase war groß und schief und irgendwie spanisch, eine vergeigte Steinmetzarbeit. Ich wusste nicht, was ich mit ihr reden sollte. Wir versuchten es mit Musik. Im Radio liefen Bronski Beat. It ain't necessarily so. Muss doch alles nicht sein.

"GEHT DOCH UM NIX!" brüllte Göring.

Irgendwann in der Nacht lagen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen waren zuviel für mich. Ich war sturzbetrunken und hatte nur Lenas Körper im Sinn. Cobra und Göring verschwanden ins Wohnzimmer. Während sie auf dem Tisch vögelten, hantierte ich an dieser Braut herum, deren Namen ich nicht kannte. Im Radio schepperte irgendein amerikanischer Heckmeck. Cobra kam ins Schlafzimmer zurück.

"Na, gut abgespritzt?!"

Ich sagte gar nichts und pennte ein.

Als der Morgen dämmerte, wurde ich schlagartig wach. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich stand auf und suchte das Telefon. Cobra folgte mir mit den Augen.

"Vergiss es, das Telefon ist gesperrt."

Ich zog mich an und machte mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle. Lena, klopfte es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Es war bitter kalt. Hundepisse im Schnee, überall. Ich fror. Als ich eine Brücke überquerte, blieb ich kurz stehen und blickte hinunter.

Endlich eine Zelle. Ich wählte die Nummer. Es dauerte. Niemand ging dran. Ich wählte nochmal. Lena hob verschlafen ab.

"Ja..?"

Ihre Stimme, wie aus unerreichbarer Ferne.

"Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!"

Sie stöhnte.

"Es ging nicht."

"WIESO GING ES DENN NICHT?"

"Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!"

Meine Stimme schnappte über.

"IST DER TYP DA?"

"Ja", sagte sie. "Er ist hier."

"Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!"

Lena seufzte.

"Ich weiß.. Aber ich kann nicht."

"WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!"

"Weil du mich so gequält hast.."

Ich rastete aus. Beschimpfte sie. Sie legte auf. Es war vorbei. Ich stapfte durch den Schnee zur Wohnung zurück. Cobra öffnete die Tür.

"Ich muss mit dir reden", sagte ich.

Wir holten Bier am Kiosk und fuhren mit dem Bus zu mir. Es war okay. Wir verstanden uns. Gleiche Wellenlänge. Sie studierte Germanistik. Ich spielte ihr Jonathan Richman vor. Sie musste lachen.

"Was ist das denn für einer?"

"Der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen."

Er gefiel ihr. Ich interessierte sie. Schade, dass ihre Titten so groß waren. Am nächsten Mittag ging Cobra heim und ich ins Mumms. Karlos war auch da und legte den Leuten die Karten. Hatte er selbst erfunden. Mir prophezeite er, dass ich immer Checkerei haben würde mit der Herz Dame. Na so was. Abends war Cobra wieder da. Die Karo Dame.

"Flüchtige Liebschaft", flüsterte sie.

"Du hast mich verwirrt", sagte sie.

Der Russe war da. In seinem Armeemantel, dem langen grauen Vollbart und wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller. Er spielte in der Bundesliga Schach für 1868 Solingen und redete kaum ein Wort. Dafür hatte er ständig eine Zigarre und ein grosses Glas Altbier in Arbeit, er lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll. Sperrte er den Mund doch einmal auf, dann nur für einen einzigen Satz:

"Immer gut rauchen", prostete er uns zu, "und Mathematik!"

Da Solingen Schachstadt ist, 1868 ist deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier schräge Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch der Russe war ein Unikum, jeder mochte ihn. Selbst faulende Zähne und triefende Nikotinfinger fielen nicht ins Gewicht.

Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, war fort. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder Schachturnier im Irak. Auf einer Tafel wurden die Wetteinsätze notiert. Es stand Fifty-fifty.

"Immer gut rauchen und Mathematik!"

Karlos orderte Tequila und entwickelte das Kartenlegen weiter. "Kreuz As und Pik As gibt Mofaführerschein." Cobra erzählte, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt. Pik Sieben war die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.

"Liebe ist nicht alles", tröstete mich Cobra.

Ich war geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena. Cobra schleppte Tequila an. Tequila baute auf.

"Liebe ist nur Spinnerei im Kopf", sagte sie.

Zitronenscheiben rutschten unter den Tisch. Kreuz Zehn bedeutete Entziehungskur. Folgte darauf die Herz Zehn, wurde man rückfällig.

"Heut bin ich verknallt", summte Cobra in mein Ohr, "morgen ist alles vorbei. Lass uns noch was trinken."

Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days. Zwei dunkelhäutige Frauen setzten sich zu uns an den Tisch. Eine war Brasilianerin. Sie kam aus Recife. Sie erzählte von Insekten, die beim Abendessen aus den Bäumen in die Teller fielen, in ihrer Heimat.

"Du hast schöne Augen", sagte sie.

Karlos legte ihr die Zukunft. Verlegen stand ich daneben und überlegte, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelte sich ihre Freundin dazwischen und funkelte mich böse an.

"Mein Zug ist abgefahren", kritzelte Cobra in mein Notizbuch, das offen und für alle einsehbar auf dem Tisch lag. Ich holte das nächste Tablett Bier und wandte mich Karlos zu.

"Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist.."

Sturzbesoffen redete er auf mich ein.

"Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen."

Ich hing an seinen Lippen.

Samstagmorgen wurde ich früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrte sich in meinem Gehörgang fest. Ich holte mir einen runter. Zündete mir eine Kippe an. Die erste von den nächsten tausend. Draußen regnete es.

Tauwetter.

 *

Samstagmittag ging ich zu meinen Eltern rüber, zum Essen. Beim Nachtisch erzählte Mutter aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und dahinter tauchte der Kern von mir auf. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern geklettert war, auf die Seite meiner Mutter, und dort bis zum Morgengrauen blieb.

"Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich."

Dann, 1967, wurde mein Bruder geboren, im Jahr der Ziege. Es war ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab. Mein Vater rief aus dem Krankenhaus an. Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

"Was?! Ein Junge..?" rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung, ich rannte von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.

"Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!"

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt. Mein kleiner Bruder beanspruchte fortan den Thron an ihrem Busen.

"Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng im Bett. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen."

Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln zum Nachtisch, Bedauern, dass sie mich damals nicht darauf vorbereitet hatte.

"Es war ein Schock für dich. Du hast nächtelang gekrampft, ich weiß nicht, wie oft du schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund."

"Schaum vorm Mund?"

"Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.."

Wie sie so erzählte, spürte ich das Kitzeln einer tiefen, fast verlorenen Erinnerung. Nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, mich verliess mit ihrem Busen.

"Und warum du so viel Bier trinkst", meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm am Abend Bericht erstattete, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als:

Blume.

*

Vorankündigung:

LESUNG IN HAMBURG, 3. OKTOBER 2014,

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18.8.14 12:52


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