Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Nachtzug nach Budapest

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1. Juli 1993

"Budapest..?! Ihr wollt nach.. Budapest?!"

Der türkischstämmige Taxifahrer, der uns zum Bahnhof bringt und den die Gräfin noch aus ihrer Zeit kennt, als sie selber Taxi gefahren ist, kann es nicht fassen.

"Das sind doch alles Zigeuner da! Die stehlen alles, was nicht an Kette ist!"

Ich muss lachen. Am Bahnhofskiosk kaufe ich einen Vorrat an Tabak und die Gräfin etwas Reiselektüre, einen Roman von Rita Mae Brown und den aktuellen STERN. Titel-Story: DAS CHICAGO AN DER DONAU, eine finstere Ballade über die Unterwelt von Budapest.

"Auf nach Chicago", murmle ich.

Der Donau-Kurier startet Punkt 20 Uhr 37. Es ist schön leer, wir können uns ein Abteil aussuchen. Die Gräfin erzählt von ihrem ersten Tag als Taxifahrerin beim Kemperdick. Der hatte eine Flotte von zehn Wagen, das neueste Modell fuhr der Chef grundsätzlich selbst. Ein misstrauischer Mann. Weil die Fahrer seiner Meinung nach zu oft auf eigene Rechnung unterwegs waren, ließ er als erster Taxi-Unternehmer der Stadt Sitzkontakte einbauen, was ihn pro Fahrzeug Tausende von D-Mark kostete.

Sobald sich nun ein Fahrgast niederliess, egal, ob auf dem Beifahrer- oder dem Rücksitz, wurde ein Kontakt ausgelöst und das Taxameter sprang automatisch an. So war keine Schwarzfahrt mehr möglich. Dachte der Chef. Doch es gab einen Pferdefuß. Die Technik reagierte erst ab einer Belastung von vierzig Kilogramm. Ein Kind konnte durchaus Platz nehmen, ohne dass der Kontakt ausgelöst wurde, zwei Kinder eher nicht. 40 Liter Vollmilch auch nicht.

Als die Gräfin nun, noch neu im Job, am Taxi-Halteplatz am Grafen auf Kundschaft wartete, näherte sich ein gut gekleideter Herr. Er ging um den Wagen herum, studierte das Nummernschild, und stieg zu. Behutsam schlängelte er sich auf den Beifahrersitz, machte sich krumm wie eine Salatgurke, bis er endlich mit einer halben Arschbacke Platz nahm. Die Gräfin dachte zuerst, der Mann hätte vielleicht Hämorrhoiden oder es läge etwas auf dem Sitz, was ihn störte, doch da war nichts. Der Platz war frei.

„Warum setzen Sie sich nicht richtig hin?" sagte sie. "Ich beiße nicht.“

Der Mann schaute verdattert auf.

„Na, Moment.. Sie fahren doch für Kemperdick! Oder nicht!?“

Köln-Porz. Ein älterer Rheinländer betritt unser Abteil, just in dem Moment, als es der Gräfin hinten am Rücken juckt. Da, wo sie selbst nicht drankommt. Ich hebe vorsichtig ihr T-Shirt an bis die gerötete Stelle gefunden ist, "nun mach schon.. weiter rechts.. tiefer.. TIEFER!", und erledige meinen Job. "Fester..!" Der alte Rheinländer schaut aus dem Fenster und tut so, als wäre ihm alles furchtbar schinant, aber mir macht er nichts vor. Der alte Knabe hat hinten Augen.

Der guckt.

Hach! Was soll ich sagen: An einem Donnerstagabend Anfang Juli mit der Deutschen Eisenbahn Richtung Balkan aufbrechen, was könnte schöner, was unspektakulärer sein. Selbst unsere Gepäckstücke, der grüne Kinderpappkoffer und ein Bundeswehrrucksack mit ordentlich Fassungsvermögen, passen gut zum Nachtzug nach Budapest, dem staubstarrenden alten Donau-Kurier.

"Hoffentlich haben wir keinen Fehler gemacht", meint die Gräfin.

"Was? Dass wir über Budapest fahren..?"

"Nein. Dass wir den Hund nicht mitgenommen haben ."

Ich seufze. Hoffentlich schmiert sie mir das nicht die ganzen drei Wochen aufs Butterbrot. Es war tagelang hin und her gegangen zwischen uns, nehmen wir Niete mit, nehmen wir sie nicht mit, und schliesslich hatte ich mich durchgesetzt - die lange Zugfahrt, die Großstadt Budapest, die Hitze.. Eine Nachbarin erklärte sich einverstanden, Niete während unserer Reise zu betreuen, sie hat selbst zwei Hunde. Zwei große Hunde. Zwei Riesentiere.

"Hoffentlich fressen die beiden Monster der Niete nicht alles weg", sorgt sich die Gräfin.

Bonn, Hauptbahnhof.

"Wann kommt ihr denn in Budapest an?" erkundigt sich der alte Rheinländer, als er aussteigt.

"Zwölf Uhr", sage ich und füge hinzu, "also morgen Mittag."

Der Alte winkt heftig ab, "Morgen Mittag? Oje, das ist nix mehr für mich alten Knacker. Also, schö ihr beiden" und verlässt das Abteil mit einem höflichen Hutlupfen. Ich schiebe eilig die Tür hinter ihm zu.

"Jetzt sind wir schon eine Stunde unterwegs", rechne ich durch.

"Eine erst? Kommt mir viel länger vor."

Sie macht sich daran, aus sechs quietschenden Einzelsitzen eine große geräuscharme Liegewiese hinzubiegen, was nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Frauen haben ein wärmeres, ein praktischeres Verhältnis zu Zügen, zu Maschinen und Apparaten im Allgemeinen. Einerseits praktisch, andererseits pfleglich, damit auch ja nichts drankommt. Doch es funktioniert nicht, die Sitze machen sich immer wieder selbständig, schnacken hoch wie in einem nervösen Arthouse-Kino.

Ich blättere gemütlich im Roman von Rita Mae Brown.

"Lass doch.. das können wir später zusammen machen, bevor wir uns hinlegen."

"Später.. bei dir ist immer alles später."

Sie betrachtet den Ring an ihrer Hand, ein Erbstück von Oma Soest. Ein klassisches Teil aus echtem Sterlingsilber.

"Was meinst du, sollte ich den in Budapest lieber abziehen? Hinterher wird der mir noch gemopst."

Noch bevor wir Koblenz erreichen, verdrücke ich mich eine Runde aufs Bordklo. Am Nachmittag hab ich mir beim Bruder vom dicken Hansen auf den letzten Drücker einen Fuffie Schore besorgt, "Wohin wollt ihr? Nach Ungarn?! Was wollt ihr denn in Ungarn?", davon ist noch gut die Hälfte übrig. Ich muss pinkeln, sag ich. Die Gräfin muss ja nicht alles mitkriegen. Vorallem nicht meine Heroinexperimente. Experimente? Dass ich nicht lache. Wir wissen doch alle, wie der Heroinhase läuft. Für jeden Tag, den man breit ist, zahlt man mit einem Tag Entzug, so die gängige Junkiegleichung. Und da ich heute den dritten Tag hintereinander auf Schore bin..

"Was für ein super Ferienbeginn..", höre ich die Gräfin schon stöhnen, aber noch ist es nicht so weit.

Auf dem Bordklo schütte ich das braune Pulver auf einen Streifen Alu-Folie, erhitze es mit dem Feuerzeug, im Mund ein Papierröhrchen, um den Qualm zu inhalieren, übers Alu zu jagen. Genau in dem Moment, wo ich das Feuerzeug starte, ruckelt der Zug so heftig über die Schienen, als mache er einen Bocksprung, und die ganze verdammte Bagage in meiner Hand geht in einer so hohen Stichflamme auf, dass ich mir fast das Maul verbrenne. Vor Schreck lasse ich alles fallen.

"Verflucht!!"

Der angekohlte Streifen Aluminiumfolie liegt mitten im Pisswasser. Es stinkt wie im Chemieunterricht, wenn die Versuchseinheit schiefgegangen ist. Nur das Feuerzeug hat nichts abgekriegt. Seltsamerweise nehme ich das Debakel fast achselzuckend hin, so, als sei gar nichts geschehen. Als wäre nicht gerade der letzte Vorrat Heroin über die Wupper gegangen. Passiert ist passiert, denke ich und schlingere zurück in Richtung Abteil, mit rußverschmierten Fingern.

"Ach nee. Was hat der Herr denn so lange auf dem Klo gemacht..? Hat er sich schön einen geblowt?"

Mh.. vielleicht hätte ich mir die Hände doch lieber waschen sollen.

"Versucht hat es der Herr, stimmt. Aber mir ist alles in Flammen aufgegangen."

"Toll. Und? Ist noch was übrig? Geht das Spielchen jetzt in Ungarn weiter?"

"Nee. Das war's." Ich hebe zum Schwur die Hände. "Ich hab nichts mehr. Niente. Alles weg."

"Mir doch egal. Mach doch, was du willst."

Sie hat partout keine Lust, sich die Laune von mir verderben zu lassen, und summt bei offenem Fenster San Bernadino. Oder Yellow River.

"Ist nicht viel los in Koblenz, du. Guck mal, die Weinberge. Sehen aus wie gekämmt und gescheitelt."

Ich nicke, bin aber nicht bei der Sache. Ich werde nicht recht schlau daraus, warum das so eine heftige Stichflamme gegeben hat - ruckelnde Bahn hin, ruckelnde Bahn her. Das muss ein Zeichen vom Herrgott gewesen sein, eine Botschaft speziell für mich. Bloß welche, da komme ich nicht drauf.

Frankfurt am Main. Verspätet eingetroffen auf Gleis 5 der Intercity Johann Sebastian Bach .. und auf Gleis 12 der Donau-Kurier nach Budapest, über Wien-West.

Noch sind wir beide allein im Abteil. Und das soll auch so bleiben. Wenigstens für heut Nacht. Wir sind gern unter uns. Wir pflegen eine besondere Form von Autismus: Wir versuchen so viel wie möglich von der Menschheit mitzukriegen, ohne mehr als nötig von ihr behelligt zu werden. Kein leichtes Unterfangen. Sie umschrieb es einmal so, mit leuchtenden Augen: Am besten, wir schleichen uns in eine betreute Aussenwohngruppe ein, damit wir den Kopf frei haben für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.. Dann sind wir Königin!

"Dieser Zug endet hier", faucht die Gräfin in den Gang.

Wir ziehen die ochsenblutroten Vorhänge zu, stellen die Deckenbeleuchtung auf matt. Viertelstunde Aufenthalt in Frankfurt am Main, Viertelstunde Bangen und Hoffen, dass die Tür geschlossen bleibt, dass wir unter uns bleiben, unter uns zwei Autisten, Viertelstunde Gesprächsfetzen vom Gang lauschen, dem Poltern von Gepäckstücken.

Und dann passiert es doch. Die Schiebetüre öffnet sich und jemand schaut herein. Aus dem Halbdunkel unserer Kabine starren die Gräfin und ich zurück wie zwei schwachsinnige Hermelinchen, woraufhin die Tür rasch wieder zugeschoben wird.

"Schulligung.."

Ja, kein Problem! Macht doch nichts! Wir klatschen uns ab. Als im ganzen Zug einigermaßen Ruhe einkehrt, verlasse ich kurz das Abteil, nehme das Reserviert!-Schildchen von der Nachbarkabine und klemme es an unsere Tür.

"Mehr kann man nicht machen. Das muss reichen."

"Ich wüsste da schon noch was", meint sie. "Zieh die Schuhe aus."

Gute Idee. Es ist Sommer, ich habe Schweissfüße, ich trage Sneakers. Doch kaum hab ich die Dinger ausgezogen, schiebt sich die Kabinentür auf. Im Gang stehen ein Vater, sein Koffer, seine halbwüchsige Tochter. "Frei..?" Ich nicke mürrisch, ein Paar Strümpfe in der Hand. Vater und Tochter setzen sich zu uns, ohne groß eine Antwort abzuwarten.

"Sie fahren auch bis Ween?" fragt der Mann, hager wie ein Langstreckenläufer, mit amerikanischem Akzent.

"Wir fahren über Wien", antworte ich, "bis Budapest."

Zwei Minuten drauf.

"Und Sie? Nach Wien?" frage ich doof.

"Weeen. Yes. Vienna."

Die Gräfin macht sich am Fensterplatz lang und studiert unser Ticket.

"Kommt Passau vor Wien?" flüstert sie.

"Klar. Passau ist die Grenze."

"In Passau sind wir um vier. Und in Wien erst um acht." Sie seufzt. "Und bis dahin die ganze Zeit die Amis im Abteil.."

Das Töchterchen liest im Dämmerlicht ein Micky Maus-Taschenbuch und lutscht am Daumen. Einmal verlässt ihr Vater unser Abteil, mit einem Seitenblick auf meine Strümpfe, und als er wenig später zurückkehrt, sammelt er eilig Tochter und Gepäck ein.

"Free cabin! Next to the right! Come on, Josy!"

Jessas! Wir feiern alle ein Fest. Mann, Tochter, Koffer auf der einen Seite, Mann, Frau, zwei Gepäckstücke auf der anderen Seite. Ohne eine Sekunde zu verlieren, löscht die Gräfin das Deckenlicht, als wir wieder unter uns sind, und wir machen uns daran, die sechs Kabinen-Sitze zu einer großen ochsenblutroten Liegewiese umzubauen, die uns kommod durch die Nacht bringt. Diesmal aber richtig, mit allen Schikanen.

Krummes haltungsschädigendes Schlafen bis 4 Uhr, Passkontrolle Passau. 8 Uhr Wien West. Halbe Stunde Aufenthalt. Die Sonne kommt raus, es wird  sofort heiss.

"Fühl mal." Sie hält mir den Hinterkopf hin. Überall Beulen, meint sie, vom langen Liegen. "So Liegebeulen. Fühl mal."

"Quatsch. Da ist doch gar nichts."

"Wie, da ist nichts..? Spinnst du? Du merkst auch gar nichts mehr! Du mit deinem Taubenhirn."

Sie hat den STERN wieder in Arbeit und macht mit mir irgendeinen Psycho-Test, doch mir fallen dauernd die Augen zu.

"Mann, bist du bräsig", meint die Gräfin.

Irgendwie scheint beim fehlgeschlagenen Blowen auf dem Bordklo wohl doch ein Fitzel Opiat in mein Blut geraten zu sein. Der Test dreht sich um Stresstauglichkeit. Ich schneide gut ab.

 

2. Juli 1993

Hinter der österreichisch-ungarischen Grenze wird aus dem Schnellzug eine zuckelnde Regionalbahn, ohne dass die Zugmaschine gewechselt worden wäre. Die Bahn legt an jedem Kuhkaff einen Halt ein. Die Vormittagshitze wird von Stunde zu Stunde unerträglicher, da die Zugfenster eingerostet sind und sich nicht öffnen lassen. Es raubt einem den Atem.

Manche Streckenabschnitte sind so überfüllt, dass die Leute wie in der Strassenbahn mitten im Gang stehen, sich an Halteschlaufen festklammern. Gut, dass wir den Hund nicht mitgenommen haben, sag ich. Ja ja, ist ja gut, ist ja gut. Als wir um Mittag herum endlich den Budapester Ost-Bahnhof erreichen, sind wir so erledigt, wir können uns kaum noch auf den Beinen halten.

Mit dem Gepäck in der Hand identifiziert man uns in der imosanten Eingangshalle sofort als Touristen auf der Suche nach einer Unterkunft. Innerhalb kürzester Zeit sind wir von Einheimischen belagert, die wahlweise für little oder very little money ein Privatzimmer zu vermieten haben oder die jemand kennen, der ein Privatzimmer zu vermieten hat oder der problemlos jemanden anrufen kann, der irgendwelche Leute kennt, die scheenes Privatzimmer zu vermieten haben.

"Wir bringen direkt in Zimmer, Herr! Wir gutes Doppel-Zimmer! Privát!"

"Hier, billige großes Zimmer! Für scheene Frau!"

Von allen Seiten zerren Hände an uns, in dem hohen Renaissance-Bau geht es zu wie auf dem Basar. Dummerweise wissen wir nicht, wem man trauen kann. Hat ja keiner einer Schild um den Hals: BIN TOTAL IN ORDNUNG. Eine energisch plappernde, leicht dickliche Frau lotst uns schliesslich aus dem Gewimmel, wir folgen ihr wie betäubt von all dem Lärm, der drückenden Stadthitze und der schleppend-langen Zugfahrt. Zum Glück haben wir den Hund daheim gelassen, will ich der Gräfin ins Ohr flüstern, finde dann aber den Moment ungünstig und halte lieber die Klappe. Die Lotsin führt uns ohne Luft zu holen plappernd über den Bahnhofsvorplatz zu ihrem Wagen, einem winzigen Ostblockmodell, winziger als ein Fiat 500.

Die Gräfin ist skeptisch.

"Wie zum Henker sollen wir denn da alle reinpassen..? Wir drei und das Gepäck?"

"Vielleicht bringt sie uns einzeln und nacheinander ins Quartier", vermute ich, da hat sie uns schon samt Koffern ins Vehikel gestopft, in einer Geschwindigkeit, wir wissen kaum, wie uns geschieht. Es ist, als hätte sie die Karosserie des Wagens wie von Zauberhand mal eben um uns herum aufgebaut. Wir quetschen uns zu zweit auf den Beifahrersitz. Die Gräfin hockt auf meinem Schoß während die Ungarin auf der sechsspurigen Utca wendet, ohne groß auf den Verkehr zu achten. Ein halsbrecherisches Manöver, bei dem sie auch noch Zeit findet, Dinge in einer Sprache zu schreien, die wir nicht verstehen, aber vermuten, dass es irgendwie um uns geht.

Sie kutschiert uns in die Wohnung eines "Freundes", der im Moment nicht daheim sei, aber ein großes helles Zimmer zu vermieten habe. So verstehen wir sie jedenfalls, als wir an einem klassizistischen Altbau aussteigen und sie uns die Bleibe im dritten Stock zeigt, direkt an einer der entschlossen lärmenden Pester Hauptstrassen. Bevor wir uns entscheiden, trifft sie die Entscheidung für uns und lässt einfach die Schlüssel da und verschwindet ohne ein weiteres Wort zu verlieren durchs Treppenhaus - und wir sind allein.

"Wohnen wir jetzt hier?" fragt die Gräfin.

"Keine Ahnung. Sieht so aus."

Spät am Abend essen wir gleich gegenüber in einem überfüllten IMBISZ eine Gulaschsuppe und fallen todmüde und geschlaucht ins Bett. Es sind zwei kleine Betten, die Kopf an Kopf stehen. Niemand lässt sich in der Wohnung blicken. Wir lassen die ganze Nacht das Fenster sperrangelweit auf, so heiß ist es in der Wohnung. Ich mache kaum ein Auge zu und wandere die Matratze auf und ab. Hallo, der Affe ist da.

Dünne Träume. Beinschweiss.

 

3. Juli 1993

22. Todestag von Jim Morrison. Schon früh am Morgen ist es so stickig in der Stadtwohnung, dass wir die Schwimmklamotten packen und mit der Straßenbahn zur Margareten-Insel fahren, dem größten Freibad der Stadt, laut veraltetem Reiseführer.

Das Freibad ist grandios überfüllt, wie irgendwie alles hier. Im Schwimmerbecken, groß wie ein Fußballfeld, wimmelt es nur so vor lauter toten Insekten, die auf der Wasseroberfläche treiben und niemanden kümmern. Als die Gräfin schreiend die Flügel und weitere Kleinteile einer toten Libelle ausspuckt, hat sie die Nase voll und bleibt fortan auf der Liegewiese.

Anstatt zu schwimmen stehen die Einheimischen zu Hunderten im Wasser und trampeln sich gegenseitig auf den Füßen rum wie missmutige Stehgeiger. Gelegentlich wird stoisch nach einem Ball gegriffen, der von irgendwoher angeflogen kommt, und nicht zurückgeworfen. Unglücklich sieht niemand dabei aus. Glücklich auch nicht. Eher unbeteiligt. Es lassen sich keine großen Gefühlsregungen in den Gesichtern der Ungarn ausmachen. Aber das liegt vielleicht auch an mir, an meinem Heroinentzug. Tag 2 ist immer der schlimmste. Tag 2 ist der Selbstmordtag unter den Entzugstagen.

Über die Hälfte des monströs großen Beckens ist absoluter Nichtschwimmerbereich, wo Schwimmen tatsächlich untersagt scheint. Als ich es doch einmal wage und ein paar Stöße kraule, beziehungsweise so tue, als könnte ich kraulen, was ich bekanntlich nicht kann, da werde ich von einheimischen Wasserstehern sofort und unmissverständlich zur Räson gerempelt; "tabú" tönt es von allen Seiten. Als ich nach dem Bad unter die heisse Dusche will, um wenigstens hier etwas zu entspannen, sehe ich eine Art dickflüssiger Jauche aus dem Brausekopf sickern und überlege es mir anders.

Es gibt allerlei Bratfischbuden.

Schwimmen macht hungrig, selbst wenn man nur bewegungslos und mit dem Radius eines versteiften Ellenbogens im Wasser herumlungert. Die Gräfin hat die Ruhe weg. Seit zwei Stunden lutscht sie auf ein und demselben Drops herum, ich fasse es nicht. Wobei - lutschen kann man das nicht nennen. Sie platziert das Bonbon einfach unterm Gaumen und ernährt sich vom Speichel, der peu a peu in ihre Backentaschen läuft.

"Is lecker?" frag ich.

Sie geht gar nicht darauf ein, sie ist im STERN versunken.

"Wusstest du, dass dein Körper auch selbst Opiate produziert, zum Beispiel beim Marathonlauf?"

Ich glotze sie an.

"Aber nicht mein Körper. Das hat der nicht nötig. Ich nehm meine Drogen immer noch selbst!!"

Wenn ich nur was in der Tasche hätte. Wir verlassen die Margareteninsel und landen in einer Pester Nebenstrasse in einem kleinen Keller-Restaurant. Der Wirt legt zu Ehren von Jim Morrisons 22. Todestag "L.A. Woman" auf, das ganze Album, von vorn bis hinten, von Love her madly bis Riders on the storm, doch ich bin zu erledigt, ich habe an nichts Freude. Allmählich macht sich der Entzug bemerkbar. Nur bei Riders on the storm werde ich etwas rührselig. Die Gräfin auch. Sie weint sogar ein bisschen, und ich werde neidisch.

Als wir später in die Wohnung kommen, werden wir schon erwartet, von unserem Vermieter. Er trägt ein auf den ersten Blick piekfeines weisses Hemd, das bei näherer Betrachtung eher Fetthallencharakter hat. Unter uns taufen wir ihn sofort Zsa Zsa, da er mit Nachnamen Gabor heisst. Er ist schwer enttäuscht, dass wir auf der Margareten-Insel das Freibad besucht haben, statt uns auf eine der vielen wirklichen Sehenswürdigkeiten Budapests zu konzentrieren. Zum Beispiel "Gellert-Bad", wie er uns ein ums andere Mal anbellt, ein dicker verfressener Köter, "Gellert-Bad, wunderbaar!"

 

4.Juli 1993

Der dritte Tag in der Hauptstadt. Das Hochhaus liegt im Stadtteil Pest, im 8. Bezirk, direkt an einer quirligen Kreuzung. Ohne Unterlaß rollen Strassenbahnen heran, die Hitze staut sich in der Dachwohnung. Zudem arbeitet im Innenhof des Hochhauses eine stramme Zikaden-Manufaktur daran, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Sie hat gute Chancen.

Unser Vermieter Zsa Zsa, der mit den Augenlidern zuckt wie eine fischige Hollywood-Diva, beobachtet uns ohne Unterlass. Die wenigen Worte Deusch, die er aus dem deutsch-ungarischen Wörterbuch gelernt hat, nuscheln besonders galant aus ihm heraus, wenn ihm morgens die Gräfin über den Weg läuft.

"Scheene Frau.. ! Küss die Haand.."

Dazu buckelt er. Macht einen angedeuteten Diener. Für meinen Geschmack tut nicht nur Zsa Zsa, sondern die Ungarn allgemein ein bisschen arg vornehm, mit Bratenflecken auf dem gerippten Unterhemd und dem Mundgeruch eines langen luschigen Sommers. Seltsam auch: Zsa Zsas Kühlschrank ist zum Bersten vollgepackt mit Kefir und Molke. Sonst nichts. Nur Dutzende übereinander gestapelte Kefir- und Molke-Becher. Wir wissen nicht genau, was wir davon halten sollen. Abends ertappen wir Zsa Zsa in der Küche, mit einem Milchbart.

Da es auch in der Nacht kaum unter 25 Grad abkühlt, schlafen wir bei offenem Fenster, trotz der im Fünf-Minuten-Takt vorüberratternden Strassenbahnen und den Ambulanzwagen, deren nordamerikanisch klingende Sirenen durch die Nacht heulen wie Ballerspiele am Computer. Da zudem hohe Lichtmasten und Neonreklamen unser Zimmer ausleuchten, wird es niemals richtig dunkel.

Es ist so weit. Ich schiebe meinen kleinen Affen. Es ist eine einzige Strampelei, ich wandere das Bett auch in der zweiten Nacht auf und ab. Ich träume dünn wie Pergament. Tagsüber sind die Temperaturen kaum besser. Die Hitze staut sich so in den Strassen, dass man jedes Getränk auf der Stelle wieder ausschwitzt und nichts übrig bleibt zum Pinkeln.

"Ich rieche schon nach Ammoniak", stöhnt die Gräfin.

Es ist Sonntag und dermaßen stickig, es bleibt uns nichts anderes übrig, wir gehen wieder schwimmen, diesmal ins legendäre Gellert-Bad, um Zsa Zsa ruhig zu stellen. Der dicke Köter nervt. Ich bin so mies drauf, dass ich im Gellert-Bad eine geschlagene halbe Stunde wie ein trotziger kleiner Bub neben dem Thermalbecken stehe und bibbere, während die Gräfin fröhlich ein Bad nimmt. Ich will nur noch eins: so schnell wie möglich nach Hause und ein dickes fettes Pack kaufen, damit es mir endlich besser geht.

"Super Ferienbeginn", höhnt die Gräfin, bleibt aber alles in allem gelassen.

Es ist unmöglich für einen Süchtigen, Zugang zu seiner Umgebung zu finden, wenn man einen Affen schiebt. Gegen den kleinsten Heroinentzug ist ein Alkoholkater eine Tüte Süßigkeiten vom Büdchen. Heroin bedient das Ruhebedürfnis. Heroin schafft es, dass man sich für eine Weile so pudelwohl wie ein Säugling fühlt, solange man es intus hat. Hat man kein Heroin mehr intus, wird es verdammt ungemütlich in einem. Selbst beim Kauen eines lumpigen Salamibrötchens vom Kiosk finde ich es unerhört, was man beim Essen für einen scheiß Krach veranstaltet im eigenen Mund! Und die ganze tolle Jugendstilarchitektur des weltbekannten Gellert-Bads kann mich mal am Arsch lecken.

Die Gräfin spielt Kommodo-Waran und toter Mann im Wasser.

"Kann man sich mit Krokodilen anfreunden?" ruft sie gut aufgelegt. "Ich meine, kennst du jemanden, der ein Krokodil zum Freund hat? Ich finde, Krokodile haben etwas tröstliches an sich, was uraltes, was ich gerne zum Freund hätte."

Ich antworte nicht. Ich steh am Beckenrand und bibbere. Sie findet mich doof.

"Komm doch rein ins Wasser, ist lecker warm. Wie in der Badewanne."

"Nee! Keinen Bock! Echt nicht."

Ich bin total bescheuert.

 

5. Juli 1993

Ein paar Dinge im Leben gibt es, die gefallen mir ganz und gar nicht. Dass man zum Beispiel niemals das Leben eines anderen Menschen führen kann, nur so zwischendurch mal, für einen Tag vielleicht. Ist nicht vorgesehen. Wie eine dämliche DIN-Vorschrift, die einem diktiert, dass Menschen grundsätzlich im eigenen Körper auszuharren haben bis zu ihrem Ableben. Ich meine, selbst im Lastwagen wechseln sich Fernfahrer ab, auf langen Touren. Und wenn ein Menschenleben keine lange Tour ist, ja, was dann? Wie auch immer, auf die letzten beiden Tage hätte ich gut verzichten können in meinem Leben.

Wir scheissen auf die Großstadt und fahren mit dem Bummelzug zum Balaton, schreibe ich auf eine Postkarte an Karlos und Sandy. Zum Abschied hat Zsa Zsa, wie immer wie aus dem Ei gepellt, einen Bückling vor der Gräfin hingelegt, so tief, ich dachte schon, gleich schleckt er ihr die Schuhspitzen ab, doch da war ihm sein Wanst im Weg. Das schaffst du nicht, du dicker Budapester Köter.

Der Zug zum Plattensee ist so brechend voll, dass wir uns abwechselnd einen Sitzplatz teilen müssen. Der Gräfin steht der Schweiss fingerdick auf der Stirn, unter ihrem weissen Hemd tropft es vom Busen auf den Bauch.

"Hier, fühl mal.. He! Fühlen! Nicht dranpacken!"

Mir gehts langsam besser, nach drei beschissenen Entzugstagen kann der Urlaub losgehen. Und wir sind endlich aus Budapest raus. Ich hasse große Städte. Große Städte sehen nur im Spielfilm gut aus, wenn man nicht an der Hauptverkehrsstrasse wohnt, wo die Rush Hour vierundzwanzig Stunden dauert und Ambulanzwagen im Dauereinsatz sind.

Neben uns hockt ein gemütlicher dicker Ungar mit Schnauzbart und kleinem Transistorradio, das er zu seiner Unterstützung einsetzt, um die Landschaft zu präsentieren, die am Fenster vorüberzieht. Es ist ein bisschen wie in einer Live-Schalte in die gute alte Puszta. Der Dicke spricht ein bisschen Deutsch, seine Großmutter stamme aus Schwaben, sagt er, und ein Kamerad von ihm, der beste Kamerad, den er je hatte, arbeite in München als Foto-Laborant. Bei Quelle.

Alle paar Kilometer zeigt der Ungar nach draussen. Da, wo die langgestreckten verlassenen Kasernen stehen, waren früher SS-20-Raketen der Sowjets stationiert, erzählt er. Da vorn hat Beethoven eine Weile gelebt. Da hinten gibt es berühmte Knoblauchwurst. Als wir ein duftendes Lavendelfeld passieren, müssen viele Reisende niesen, auch uns kitzelt es lila in der Nase.

"Das Lavendel ist flügge", sag ich.

Wenn der Ungar ausnahmsweise nichts zu erzählen hat, sitzt er angestrengt nachdenkend da, als suche er bereits nach der deutschen Formulierung für die nächste Sensation, die gleich am Fenster vorübergezuckelt kommt. Da wäre Szekesferhar, die alte ungarische Hauptstadt, in der früher die Keenige gekreent wurden.

Es folgt eine endlose Batterie stinkender Schweinehallen.

"Scheene Schweinestall. Scheen!"

Ein paar Kilometer lang stinkt es so erbärmlich nach Kuhscheisse, dass sich die Gräfin auf eine verschwitzte Kippe ins Raucherabteil abseilt.

"Scheen! Scheen!!"

Da in Budapest keine Zeit mehr war, um sich mit Getränken einzudecken, sitzen wir die zwei Stunden im stickigen Bummelzug zum Plattensee auf dem Trockenen und stellen durstig das Reden ein, was den Ungar zunehmend enttäuscht. Seine detaillierten Reisebeschreibungen stoßen auf immer weniger Resonanz, aber was soll man sagen, wenn einem der Schmand fingerdick unterm Gaumen steht.

Endlich erreichen wir Siofok, den wichtigsten Badeort am Plattensee. Es herrscht Betrieb wie in Budapest. Wir können kaum die nächste Fähre abwarten, die uns auf die andere Seeseite übersetzt, ins beschauliche Tihany, dem Geheimtipp unseres Reiseführers.

Am Kiosk in Tihany erkundigen wir uns nach einem Privatquartier, und es dauert keine Minute, da hocken wir mit einer Adresse versehen in einem Geländetaxi, das uns ins höher gelegene Dorf bringt, zur Csokonai 80. Ein flacher Bungalow mit Garten, in dem Mirabellenbäume wachsen und Vögel zwitschern. Der Bungalow hat drei grosse Schlafräume, leider sind wir nicht die einzigen Gäste. Ein anderes deutsches Pärchen, zehn Jahre jünger als wir, wohnt bereits hier, wir benutzen gemeinsam die Küche. Wir finden zehn Dosen Ravioli im Küchenschrank, ordentlich übereinander gestapelt. Fortan fungieren die Nachbarn nur noch als Ravioli-Club.

Im Garten laufen uns kopulierende Riesenkäfer über den Weg, die machen es zu dritt. Ein weiterer nutzt den Schattenwurf einer Wäscheleine, um der Hitze zu entgehen.

"Von denen hätte ich als kleines Mädchen welche mit nach Hause genomme", meint die Gräfin.

"Wieso? Was hättest du mit denen gemacht?"

"Weiss nicht. Beobachtet. Meiner kleinen Schwester geschenkt. Am liebsten waren mir Vögelchen, die aus dem Nest gefallen waren und solche Sachen. Das arme Tier stirbt doch sowieso, schimpfte meine Mutter, da bekam ich einen Tobsuchtsanfall. Ich weiss sehr wohl, wie man das Vögelchen wieder aufpäppelt, rief ich. Ich versuchte es zu füttern, kitzelte es unterm Schnabel, damit sie ihn aufmacht, aber es war nichts zu machen, es öffnete einfach nicht den Schnabel."

Sie legte einen Schuhkarton mit weichem Gras aus, "paar Hundehaare von unserer Trixi darunter gemischt, damit die kleine Meise es schön warm hatte. Aber das Tier trank nicht, es aß nicht und wurde immer schwächer. Als ihr Vater sah, "das wird nichts mehr, Kind, das Tier quält sich nur", da ist die kleine Gräfin rausgelaufen in die Baumbude und hat nur geheult.

"Und Papa hat das Vögelchen draussen vor die Wand geworfen."

 

6. Juli 1993

Das erste Mal gut geschlafen. Kaum wach geworden, sitze ich am Tisch und mache ein paar Notizen, bevor ich alles vergesse, was ich geträumt habe, während die Gräfin, an diesem Tag als "schwarze Mumba" unterwegs, im Bett bleibt und einen Kriminalroman liest. Hin und wieder spielt sie sich am Bär, zwei Mal spiele ich mit. Auch der Ravioli-Club macht nebenan eine Büchse auf.

Leider hat sich das Wetter über Nacht geändert. Der Himmel ist bedeckt, es ist kühl und windig. Unbeeindruckt davon schleppen sich drei rote Riesenkäfer ineinander verkeilt durch den Garten, wie eine Insektenschleppe.

Wir stellen alle Fenster und Türen auf Durchzug, wie wir es in Budapest gelernt haben, und prompt holt der Wind eine Vase vom Schrank und lässt sie auf dem Parkettboden zerschmettern. Wir sind noch keinen Tag da und haben schon den ersten Versicherungsfall ausgelöst. Ich setze die Vase, die jetzt aus fünf großen Einzelteilen besteht, notdürftig zusammen und stelle sie zurück in den Küchenschrank, weit nach hinten, noch hinter den Ravioli-Dosen. Die Schweine, sag ich. Die kriegen auch alles kaputt! Woher kommen die überhaupt?

"Aus dem Allgäu", meint die Gräfin.

Kein Wunder.

Als es anfängt zu regnen, gehen wir spazieren, zum Plattensee runter. Mehrfach begegnet uns ein junges Paar, das schlampig im Kreis herumirrt, ohne jegliche Orientierung. Augenscheinlich sind es ebenfalls deutsche Touristen, sie grüssen uns freundlich: auf ungarisch!

"Die halten uns für Einheimische", flüstert die Gräfin.

"Ja, es geht los, ja", sag ich, "wir assimilieren."

Ein Freibad am Balaton, das uns gefällt, gehört zu einem großen Hotel und hat geschlossen, wir kommen nicht ans Seeufer heran. Es regnet sich ein. Die Gräfin kauft am Markstand einen Armreif aus Messing.

"Messing ist das Gold der Beladenen", sag ich und weiss selbst nicht, wo ich das aufgeschnappt habe und was das soll. Auf dem steilen Rückweg hoch ins Dorf sticht mir eine langbeinige Gulaschmücke in den Hals, und als ich sie verjagen will, verfehle ich das Insekt und scheure mir selbst eine. Die Gräfin kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen. Wir sind klatschnass vom Regen.

"Was ein nasser Urlaub", schimpft sie. "Entweder man schwitzt oder man ist gerade im Wasser oder man war im Wasser und schwitzt schon wieder oder man ist nass vom Regen. Egal, was man auch tut am Plattensee, immer ist man nass."

Die Einheimischen am Kiosk sind ein Bild für sich. Stehen da wie vornehme Bauarbeiter und saufen Wein aus Bierkrügen. Da fällt mir ein Spruch von Benzini ein: Du kannst von morgens bis abends ein Glas Champagner in der Hand halten, es bringt nichts, du bleibst immer Arbeiterklasse, worauf ich einwarf: Richtig, aber dafür können die Anderen soviel Jägermeister saufen, wie sie wollen, die werden NIE Arbeiterklasse.

Die Ungarn präsentieren sich als stilles Volk, genügsam irgendwie, es hat die höchste Selbstmordrate der Welt. Abends packe ich das winzige Stück Hasch aus, das ich mitgenommen hab. Wir stecken es auf den Kopf einer Sicherheitsnadel, zünden es an, inhalieren den Rauch. Die Sparmethode. Kratzt im Hals und knallt. Und nicht nur das. Es bleibt sogar noch was übrig.

 

7. Juli 1993

Ich schneide mir im Garten die Fußnägel, überm Gullydeckel. Die sind so happig geworden, die ziehen schon Blicke, besonders im Freibad. Nichts gegen Blicke, aber wenn sie beständig und ausschliesslich den Füßen gelten, das verunsichert schon sehr. Füße sind ein bißchen wie Zähne, aber untenrum: Jeder achtet darauf, wie sie beim anderen in Schuss sind.

Tihany mit seinen rietgedeckten Dächern erinnert an das kleine Dorf am Mississippi, wo Tom Saywer und Huck Finn lebten, jedenfalls in der deutschen Verfilmung von 1968. Telegraphenmasten, staubige Wege, Hühner, die in den Hof gescheucht werden. Es gibt sogar einen klapprigen Pferdewagen und der Postbote tuckert auf einem Mofa durchs Dorf. Irgendwo lässt Tante Polly ihren Tom den Zaun ums Haus streichen.

Huckleberry Finn, das Idol ihrer Kindheit. So wollte die kleine Gräfin leben. Frei, und in den Tag hinein. Pfeife rauchend. Mark Twain, seine kultivierte, zu Herzen gehende Sprache, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie neun oder zehn Jahre alt war. Sie las ihn ein ums andere Mal, sie konnte nicht genug davon kriegen. Das Buch stand einfach im Regal.

"Mark Twain hat meine Lust auf Sprache geweckt."

Zwar ist sie heute noch ihrem Vater dankbar, dass er ihr abends Gedichte vorlas. Den Erlkönig, wo sie stets weinen musste, wenn der Vater mit dem Kinde davonreitet, doch so schön das auch war, es war nichts gegen die Abenteuer von Tom Saywer und Huckleberry Finn, von Indiana Joe und Tante Polly, die gerne streng gewesen wäre, aber ein zu großes Herz hatte.

"Aber die Kindheit kommt nie wieder", seufzt die Gräfin.

"Es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder", sag ich.

Abends Spieleabend auf dem Zimmer. Die Gräfin gewinnt mit 40 Punkten Abstand beim Scrabble. Dann schlägt sie mich mit 2:1 beim Backgammon. Die Partie Dame geht an sie. Die Partie Schach eröffne ich französisch, dann löschen wir das Licht.

 

8. Juli 1993

Das Wetter wird besser, das Freibad hat wieder geöffnet. Napi belöpö, so steht es geschrieben auf den Eintrittskarten. Wir haben keine Ahnung, was es bedeutet, doch napi belöpö wird ab sofort unser Running Gag.

Auf der Liegewiese haben wir clevererweise einen Platz im Radius des Rasensprengers belegt. Der ist frech wie Dreck. Kaum hat er uns einige Runden lang verschont, schlägt er in Runde 7 umso erbarmungsloser zu. Nur unter Mühen gelingt es mir, auf die Schnelle eine Brücke über meinem kostbaren Notizbuch zu errichten, mit dem Rumpf, damit es trocken bleibt und die Schrift nicht unleserlich wird.

"Na, typisch!" kräht die schwarze Mumba. "Bei deinem scheiss Buch achtest du darauf, dass ja nichts drankommt, aber ich kann ja nass werden wie in der Regenzeit, das juckt den Missjöh ja nicht! Nee, das nicht."

"Es ist dreissig Grad", zurre ich meine Verteidigungslinie fest. "Das ist Wasser doch eine schöne Erfrischung für dich."

"Ach ja? Und Ihr gnädiges Notizbuch, das braucht wohl keine Erfrischung, wie!?"

Eigentlich nicht.

Das Freibad ist an ein Luxus-Schloßhotel angeschlossen und kostete 100 Forint Eintritt, zwei Mark. Es befindet sich am Ufer des Balaton und ähnelt einem herrschaftlichen Anwesen, mit seinem Bestand an dichten Nadelbäumen und großzügigen Rasenflächen. Niemand muss dem Nachbarn auf den Pelz rücken. Man muss nicht, aber man kann, wie wir noch lernen sollen.

Etwas abseits steht ein weiteres Hotel, leicht heruntergekommen, Marke DDR-Plattenbau. Es stammt noch aus der Zeit, als altgediente Stalinisten am Balaton ihre wohlverdiente Kampfruhe fanden und sich gegenseitig mit Wodka unter die Erde soffen.

Die Gräfin hat einen zweiten Krimi in Arbeit. Wenn sie einmal liest, ist sie nicht mehr zu halten. Sie liest und liest, sie liest sich um Kopf und Kragen. Nur wenn der Rasensprenger wieder mal seine Runden dreht und bei der 7. Umdrehung um sich spuckt, tschilpt sie kurz auf, wie in einer Zoo-Handlung, die ein fieser Kunde betritt, mit dem niemand zu tun haben möchte. "TSCHILP! TSCHILP!" Dann wird weitergelesen.

Was mich betrifft: Ich hab langsam die Nase voll, immer nur aufzupassen, dass mein scheiss Notizbuch nicht nass wird vom scheiss Rasensprenger, und so verlagern wir unseren Liegeplatz einige Meter näher zum Ufer hin, hin zu zwei befreundeten österreichischen Familien. Vielleicht sind es auch mehr als zwei Familien, vielleicht sind es drei oder vier, vielleicht ist ein Mafia-Clan aus dem Waldviertel zu Gast. Schwer zu sagen. In ihrer intimen Verkettung erinnern sie an die kopulierenden Käfer in unserem Garten. Jedenfalls, es handelt sich um eine ganze Menge Familienväter, Mütter, Kinder, Tanten und Onkel, allesamt aus Österreich.

Da ist der Pepperl, sein Vater ist der Toni. Vater Toni verharrt eine dreiviertel Stunde in der Kronen-Zeitung, um dann mit einem Mal wild um sich zu schlagen. Erst mit der Zeitung, dann mit Badeschlappen. Dann schmökert er ungerührt weiter. Er hat nicht eine einzige Wespe getroffen.

Pünktlich um sechs läuft ein Ausflugsdampfer in den nahen Hafen von Tihany ein und hupt wie ein Eisbrecher, daraufhin machen wir Schluß für heute und ziehen Leine. Baden macht hungrig. Unser liebstes Restaurant liegt am Rande von Tihany, wo wir die Kellner mit Trinkgeld zuscheissen, weil das Futter so billig ist. Die Küche macht uns den Ranzen rund, ohne dass wir auf dreißig Mark kommen. Ich nehme grundsätzlich Steak, während die Gräfin schon mal Huhn mit gefülltem Apfel probiert, das ich dann zur Hälfte als Nachtisch verputze.

"Ich glaub, heut Abend nehme ich mal ein schönes Steak", sage ich zur Gräfin, mit Lyoner Zwiebeln.

 

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7.12.16 09:08


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