Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Hier kommt das ganz große Okay des Universums

 

 

 Du bist nicht tot! Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache!

(Die Gräfin)

 

Juni 2012

Ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, als wir den Hund mit stinkenden Leckerchen auf den Rücksitz des Autos lockten und nach Zeeland aufbrachen.

Seit Kindheitstagen ist die Nordsee mein Allheilmittel gegen Erkrankungen jeglicher Art, aber diesmal war die Sache nicht so einfach. Ein 3facher Herzinfarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man nachts im Schlafsack liegt, die Brandung rauschen hört und salzige Luft einatmet.

"Du hattest immer so weiche schwere Augen", meinte die Gräfin bekümmert, "aber seit dem Infarkt.."

Sie zögerte.

"Was ist seit dem Infarkt?"

"Na ja.., seitdem ist dein Blick so hart und aufgerissen, als hättest du das Böse gesehen.. als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen."

"Na, die Hölle hatte ich auch vor dem Infarkt schon gesehen", relativierte ich. "Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann, der den Laden unter Kontrolle hat."

 

 

Leute, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind, erzählen oft, sie lebten danach intensiver, genössen jeden einzelnen Moment, regten sich nicht mehr über jede Kleinigkeit auf. Solche Leute waren mir schon immer suspekt, genauso wie die Supermänner, die alles daran setzen, sich ständig neu zu erfinden. Ich frage mich, wie soll das funktionieren!? Sind das alles clevere kleine Daniel Düsentriebs, die mit ihrem cleveren kleinen Helferlein bei flackernder Lichtgeschwindigkeit auf Sternenstaubbasis alle Verkleidungen durchgehen, die noch nicht auf der Tagesordnung waren? Die man noch versuchen kann. um ein Anderer zu werden? Ein Neuer?

Ja, vielleicht.

Ich jedenfalls erfand mich nicht neu, und ich lebte auch nicht intensiver als vor der Herzattacke, ich genoss meine Momente nicht mehr als zuvor. Im Gegenteil, ich fühlte mich eher meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an die Unversehrtheit des Andreas Glumm, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Das Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben, das Sterben den Anderen zu überlassen.

Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, so naiv kann man doch nicht sein. Doch, kann man, und dazu muss man noch nicht einmal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben, es reicht schon, danach zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

 

 

Vielleicht war die Idee nicht so gut, so kurz nach dem Infarkt und dem Einbringen von drei Blutgefäß-Stents ans Meer zu fahren und Ferien machen zu wollen.

Als wir am zweiten Tag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für blaue See-Disteln, Riesenlöwenzahn und brütende Vögel, stieß ich schnell an meine Grenzen und lief beinah auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strandpavillon erreichten und die Gräfin es bei über dreißig Grad im Schatten übernahm, heißen Pfefferminztee zu ordern.

Am nächsten Tag begann es zu regnen und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nicht mehr tun als dafür zu sorgen, dass wir nicht fortschwammen und vom Wind davongetragen wurden. Da noch Vorsaison war, hatten wir ein Areal für uns allein, das normalerweise Platz bot für ein Dutzend Caravans und Mobilheime. Was bei Sonnenschein ideal gewesen wäre, sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Sturmböen werden, die uns fast vom Platz fegten. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad.

Selbst der Hund verkroch sich im Schlafsack.

Eine unglückliche Woche. Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht mehr entgegenzusetzen hatten als einen großen Regenschirm, packten wir das nasse Zelt ein und  fuhren nach Hause. Was uns früher ausgezeichnet hatte, noch aus der gröbsten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normal humorloses Paar um die Fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete.

"Red keinen Scheiß", sagte die Gräfin, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selbst gesagt.

Als ich später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Wo war der junge Mann, der einst mit jedem Tag am Strand Bräune gewann und Leichtigkeit und Charme. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten, der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert, tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den 70er Jahren extra falsch fotografiert, das Gesicht grotesk überbelichtet, wie geweißter Schweinebauch.

"Ich glaub, ich sterbe langsam", stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

"Stirb langsam, Teil 52", murmelte die Gräfin.

 

 

Wie immer, wenn mich etwas in der Tiefe erwischt hatte, war ich von dem Verursacher besessen. Ich versuchte mir selbst auf die Spur zu kommen. Was da passiert war, am 10. Mai 2012, dem Tag meines Infarkts. Der verfluchte Herzinfarkt dominierte noch meine Träume. Ich wachte Nacht für Nacht auf der Intensivstation auf. Eine Krankenschwester kam ans Bett, Schwester Barbara. Freundliche Augen, forschender Blick.

"Sie hatten einen schweren Herzinfarkt."

"Weiß ich doch", antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen. Ich wollte ein Filmheld sein. Ich versuchte mich zu erheben, doch Schwester Barbara drückte mich behutsam zurück und fixierte dabei die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett patrouillierten und ihr kühles bläuliches Licht ins Zimmer warfen.

Geräte kontrollierten die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls, in meiner Nase steckte eine Sonde. Über eine Kanüle lief steriles Wasser in meinen Arm, ein Druckverband sicherte die Einstichstelle an meiner Leiste. Alls zwanzig Minuten pumpte sich die Blutdruckmanschette am Oberarm selbständig auf, fünf, sechs Mal am Tag wurde Blut abgenommen.

"Sie können von Glück reden, dass der Herzinfarkt Sie mitten in der Stadt überraschte und Sie flott im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald gewesen und spazieren gegangen.."

"Am Tag zuvor war ich tatsächlich mit dem Hund im Wald", erwiderte ich fast stolz. Als hätte ich die Gefahr geradezu gesucht. Dabei wusste ich doch von gar nichts und hatte nur Riesenmassel, wie es einem durchschnittlichen Dummkopf nur ein Mal im Leben widerfährt.

"Na, sehen Sie. Im Wald wäre es eng geworden. So schnell hätte der Notarzt Sie gar nicht finden können.."

Tief im Wald waren wir sogar gewesen, der Hund und ich, Richtung Papiermühle. Im Unterholz, wo man ständig darauf gefasst sein muss, auf Leichen zu stoßen in verbuddelten ollen Koffern, die der Erdboden mit der Zeit freisetzt.

"Da sehen Sie mal, was Sie für ein Glück hatten. Der Herrgott hat bestimmt noch was vor mit Ihnen.."

 

 

"Haben Sie Ihr Handy dabei?" fragte die Schwester.

"Nein."

"Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute anrufen."

Das war wirklich eine merkwürdige Sache. Nach Hause telefonieren und erzählen, dass man auf der Intensivstation liegt. In der Regel erreicht die Familie ein Anruf aus dem Klinikum, und die einfühlsame Stationsschwester oder ein Arzt teilt einem mit, dass ein Angehöriger einen Herzanfall erlitten habe. Doch wenn man selbst die Nummer wählt und daheim anruft..

"Hallo, ich bin's. Ja. Hör mal, Schatz, ich lieg im Städtischen auf der Intensivstation, ja richtig, Intensiv.. Nun warte doch mal. Nein, kein Scherz, ich hatte einen dreifachen Herzinfakt. Nein, dreifach. In der Stadt, mitten am Fronhof. Wann? Um halb elf oder so. Nein, kein Bypass, Stents. Ja, zwei, vorerst nur zwei Stents, der dritte folgt in ein paar Tagen. Na, gleich mach ich Mittag. Danke, dir auch, Schatz. Schüss!"

 

 

Einige Tage später feierte Vater 86. Geburtstag. Er besuchte mich in Begleitung meiner Schwester und ihrer Tochter. Ich war mittlerweile von der Intensivstation auf die Kardiologie verlegt worden. Wir gingen raus auf den Balkon. Es war immer noch ungewöhnlich heiß für Mai.

"Vielleicht hörst du besser mit dem Rauchen auf", meinte meine Schwester.

Vater nickte zustimmend, ansonsten sagte er nicht viel. Er blickte mich verständnislos an. Ich und ein Herzinfarkt, das passte schon für viele in meiner Umgebung nicht recht zusammen, aber für Vater schien es sich um eine groteske Fehldiagnose zu handeln. Die Ärzteschaft schien mich überhaupt nicht zu kennen. Herzinfarkte erlitten unruhige und flatterhafte Geister, die ihre Beine nicht still halten konnten, Leute wie mein alter Kamerad Benzini, der mit Tempo 200 über die Autobahn donnerte und eine 50 Stunden-Woche an einem einzigen Vormittag abriss - aber doch nicht ich. Ich war kein nervöser Heini, ich machte eher halblang, ich liess es ruhig angehen.

Noch ruhiger, und die Mediziner hätten Probleme, überhaupt irgendwelche Vitalfunktionen wahrzunehmen, orakelte mein Bruder, der später dazu kam und mit mir eine Zigarette rauchte auf dem Balkon.

 

 

Eine Woche später. Zurück aus dem Krankenhaus schnappte ich mir den Hund und spazierte zur Schillerstraße.

Vater stand in der Küche, die schon etwas muffig roch, weil lange niemand gespült hatte, und wärmte den Inhalt einer Büchse Hochzeitssuppe auf. Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war sein Leibgericht geworden, seit Mutters Tod. Ein Einkaufszettel ohne Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war undenkbar. Sobald der Vorrat an Hochzeitssuppe auf ein halbes Dutzend Dosen schrumpfte, wurde er nervös. "Hochzeitssuppe!" schrie er mich beinah schon an, wenn ich den neuen Einkaufszettel schrieb und ihn fragte, was ich obenan setzen sollte.

Keine Ahnung, was er an Hochzeitssuppe so lecker fand, und warum es unbedingt Sonnen Bassermann sein musste. Er war schon immer ein großer Anhänger von Hühnersuppe gewesen, die Art Hühnersuppe, wie Mutter sie gekocht hatte. Doch aus der Büchse? Sonnen Bassermann?

Ich fragte ihn, was er die letzten Tage so getrieben habe, und er antwortete lakonisch, "Oh, ich bin hübsch zu Hause geblieben", als hätte es eine Hundertschaft Alternativen gegeben.

Er rührte geduldig im Topf. Er trug seine alte speckige Lieblings-Trainingshose.

"Ich zähle genau zwei Stück Hühnerfleisch", sagte er. "Oder ist das nur eins, das sich im Kreise dreht? Guck du mal."

Wir drängelten uns um die Hochzeitssuppe herum, die allmählich Fahrt aufnahm und zu bubbeln begann.

"Na.. da sind zwei Stück", sagte ich. "Oder? Tu mal den Löffel da weg."

"Da ist nur eins!" rief Vater. "Siehst du! Nur eins! DA!"

"Nee, das andere schwimmt unter der Oberfläche. Das kommt gleich wieder hoch. Das sind zwei."

Wir warteten darauf, dass ein zweites Bröckchen Geflügelfleisch sein Haupt zeigte und vergaßen darüber, dass der Inhalt der Dose lediglich erwärmt werden sollte. Stattdessen brodelte die Suppe wie ein Geysir.

"RÜHREN!" rief Vater. "DU MUSST RÜHREN! DAS BRENNT DOCH AN!"

"WIESO ICH!? DU HAST DEN LÖFFEL!"

 

 

Als der Infarkt kam, war ich mit dem Hund gerade auf dem Weg zur Apotheke, um für Vater ein Rezept einzulösen. Donnerstagvormittag, 10. Mai 2012, 10 Uhr. Später schrieb ich über die Luft an diesem Tag, sie habe so schwül und so schwer geklungen wie Layla von Clapton.

Und so gefährlich.

Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Friedhofsmauer in wachsende Luftnot. Ich kannte das schon. Jedes Mal, wenn es irgendwo bergauf ging, war ich schnell außer Puste. Ich schob es auf meine Lunge, auf die vielen tausend selbstgedrehten Kippen, auf mein ganzes Drogenleben, das ich über die Jahre geführt hatte.

Ich verlangsamte den Schritt, die Sonne stach im Nacken, ich begann zu schwitzen. Innerhalb einer Minute lief die Suppe so an mir runter, und eine seltsame Kraftlosigkeit machte sich breit, eine Schwäche, als wäre der Brustkorb unter einen Sattelschlepper geraten, als saugte jemand unablässig alle Kraft aus mir heraus.

Hatte ich mir unter einem Herzinfarkt stets eine Explosion vorgestellt, in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt, so wurde ich nun brüsk belehrt: Ein Herzinfarkt ist eher ein alles vernichtendes Schwächeln, begleitet von einem Aufgebot an Engegefühl und Schweiß. Ganze Bataillone von Drüsen sind mit der Ausschüttung von Schweiß beschäftigt.

Dass ich lange meine Lunge in Verdacht hatte, Verursacher der Misere zu sein, machte Sinn. Schon als kleiner Junge hatte ich dauernd Probleme mit den Bronchien, und zu Beginn der Neunzigerjahre war Asthma diagnostiziert worden. Bis zum Jahr 2000 ging ich nicht ohne Asthmaspray aus dem Haus, auch wenn ich es kaum noch benötigte.

Es gab zwei Asthmaanfälle, die meine letzten hätten sein können. Sie verliefen beinah identisch, und ich war beide Male allein, als es passierte, 1994 und 1995.

Ein Hustenanfall direkt nach dem Aufwachen eskalierte und verengte meine Luftröhre derart, dass ich durch die Wohnung lief und mir in die Hosen pisste, aus Angst zu ersticken. Ich bekam keinen Fitzel Luft mehr. Es war, als habe jemand in Sekundenschnelle eine Mauer hochgezogen in meinem Hals. Selbst das Spray inhalieren ging nicht, weil man zum Inhalieren Luft holen muss. Und hätte ich nicht den dringenden Rat des Lungenarztes im Ohr gehabt, bei lebensbedrohlichen Anfällen das Aerosol einfach in den Mundraum zu sprühen, "der Wirkstoff sucht sich automatisch selbst den Weg in die Lunge", ich wäre drauf gegangen.

Ich wäre zweimal schon erstickt und doppelt tot gewesen, bevor 2012 der Herzinfarkt kam und als laufende Nummer 3 schweißüberströmt durch den Ring tänzelte.

 

 

Vater hatte zwei Herzinfarkte in den Jahren 2003 und 2009, die er auch dank der Einpflanzung eines Bypass überlebte. Mutter erlitt ebenfalls zwei Herzinfarkte, aber beide direkt hintereinander, was sie nicht überlebte. Cousin Michael hatte von Geburt an ein Loch im Herzen, er flog in den 70ern mehrfach rüber nach Texas, um vom renommierten Dr. deBakey operiert zu werden. Er starb kaum vierzigjährig.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es in unserer Familie eine Neigung zum Herztod gibt, sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite aus. Und doch war das Herz ganz selten ein Thema. Niemand kam auf die Idee, es könnte sich um verstopfte koronare Gefäße handeln, wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern den steilen Klauberg hoch marschiert war und schweißüberströmt und außer Puste ankam.

"Junge, bist du am schwitzen", schüttelte Mutter den Kopf. Und Vater wartete vier, fünf Minuten, bevor er mich ansprach.

"Hüor dat Ruoken up, Jung."

 

 

Der Rettungswagen stand in der Fußgängerzone. Ich lag auf der Bahre, hörte von draußen einen Sanitäter rufen, "unter der Telefonnummer ist aber niemand zu erreichen." "Ist aber die richtige.. Nummer", flüsterte ich und wiederholte die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fuhr an, ich nahm das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, sowie einen Luftzug, der meinen Körper streifte.

Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich im Krankenhaus bin, ging es mir durch den Kopf. Sie muss den Hund aus der Kirche holen. Der Hund kann nicht da bleiben. Der lässt sich nicht anfassen, wenn er die Leute nicht kennt. Womöglich beisst er noch. Ich war selbst überrascht von den alltäglichen Gedanken, die mir im Kopf schwirrten, obwohl mir der Herztod im Genick saß. Dass der Alltag immer noch wichtig war, obwohl ich schon wenige Minuten später vielleicht gar nicht mehr dazuzählte, zum Alltag, zur Menschheit.

Erinnerungsfetzen an die erregte Stimme des Fahrers, "Die Fußgängerzone ist blockiert!"

Dann das Rappeln und Rumpeln während der Blaulichtfahrt ins Städtische Krankenhaus - eine Infusion wurde gelegt.

"Einmal Diazepam läuft durch!"

Diazepam, scheiß Zeugs, macht nur kirre im Kopf, dachte ich und verlor das Bewusstsein.

Ich öffnete die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt wurde, wo mir eine Pflegerin auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Jeanshose und Pulli vom Körper zog.

"Ruhig, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt."

Und dann retteten sie mich.

 

 

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? -

- Hm. Ist verschieden. -

- Na, ungefähr. -

- Manchmal zehn, manchmal gar keinen. Warum? -

- Na, nur so. -

- Infarkte häufen sich bei anhaltend schwülem Wetter und bei Frostperioden im Winter, wenn die Leute frühmorgens zum Schnee schippen raus müssen. Dann ist hier aber Daueralarm auf der Intensiv. Überall sehen Sie Gummistiefel und Moonboots rumstehen.. -

- Hm. Ja. Und heute war ich der einzige Herzinfarkt? -

- Bis jetzt, ja. -

 

 

Mit jeder Minute, die ich in den Sozialräumen der Stadtkirche auf den Ambulanzwagen wartete, schnürte sich der Brustkorb mehr zu, steckte ich enger im Korsett. Es war, als versuchte ich durch eine zusammengefaltete Tasche zu atmen. Als hätte ich über Jahrzehnte mit jedem Atemzug Roth Händle gequalmt und jetzt flog mir der ganze Laden um die Ohren.

Selbst der Saalschutz ging stiften, als die Schläuche platzten.

Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa stand. Ein rotes Sofa. Ich musste daran denken, dass die Gräfin immer ein rotes Sofa für ihr Atelier haben wollte.

"Alle berühmten Maler haben ein rotes Sofa in ihrer Werkstatt. Nur ich nicht. Deswegen bin ich nicht berühmt. "

Und jetzt lag ich auf dem roten Sofa im Hinterzimmer der Evangelischen Stadtkirche, im Sterben. So einfach war Sterben.

So einfach, so ruhmlos.

"Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?" erkundigten sich die beiden Damen, die zufällig an diesem Vormittag einen Bibelkreis vorbereiteten, wie ich später erfuhr, und nur deswegen in der Kirche waren.

"Ein Glas Wasser", wisperte ich und versuchte zu entspannen, aber wie soll man entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Wenn einen der Hund ängstlich anhechelt. Wenn man auf den Notarzt wartet und das Gefühl hat, die sind woanders, die vergessen einen.

"Ein Glas Wasser", wiederholten die Damen und zogen los, froh, etwas tun zu können.

Da war ein Mann auf sie zugewackelt gekommen, mit einem Hund an der Leine, an diesem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann war aschfahl im Gesicht und der Schweiß plädderte an ihm runter, als käme er aus einem Platzregen. Er wankte. Er schleppte sich mühselig voran.

Ein Gespenst.

"Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..", taumelte seine Stimme, "können Sie den Not.. arzt rufen?"

 

 

"Der schwitzt auch ganz doll", stammelte die Dame vom Bibelkreis ins Telefon, "und er ist ganz käsig.."

 

 

Karlos wusste nichts von dem Infarkt und sprach in den folgenden Tagen, während ich auf der Inneren lag, zweimal auf unseren Anrufbeantworter.

"Glumm, ich hab Bock auf Kicken. Los, wir treffen uns im Käfig an der Schwertstrasse. Ich bin in zehn Minuten da. Hast du noch deine blaue Adidas-Hose?!"

Die Gräfin hatte beide Nachrichten abgehört und wollte ihn schon zurückrufen, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, doch das machte ich lieber selbst. Ich rief Karlos vom Krankenhaus an und erfuhr, dass am selben Tag, als mir die Pumpe durchgeknallt war, Karlos Lederball kaputt ging.

"Knickt das dünne Ding da oben ab, das.. das Ventil!"

"BEI MIR AUCH!"

 

 

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich nieder auf einer langen, im Dunkel liegenden, nach rustikaler Politur riechenden Holzbank, und wollte nur noch sterben, so schwach, so fertig war ich. Erst wenige Minuten waren vergangen seit Einsetzen der Schwäche und des Engegefühls, aber ich war schon auf dem Weg ins Licht, ins ewige Blei.

Niemand war zu sehen, ich hörte vorn fern leises Geschirrklappern. Kuchen- und Kaffeeduft.

Mit der Bitte, einen Notarzt zu rufen, hätte ich mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch das wollte ich nicht. Bei aller Geschwindigkeit, mit der es geschah, ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, ein Sterbender, der sich intuitiv in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, den ich aus alten Zeiten kannte, als Karlos' Vater in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte.

Als Karlos und ich oben im Gemeindesaal über eine PA-Anlage Gedichte geprobt hatten.

"Ich möcht sterben", wisperte es in mir.

The echoes of my mind.

Im Malstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich der Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich ruhig sterben lassen.

Du kannst dich ja auch sterben lassen.

Wer sagt, dass du kämpfen musst. Wer sagt, dass du gerettet werden willst. Winsel um dein Leben, wo steht das geschrieben? So jäh wie der Infarkt mich überrumpelt hatte, so jäh blitzte die Alternative auf. Mich einfach sterben.. lassen.

Es war kein typischer Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss, wo man sich die Smith and Wesson an die Schläfe setzen, wo man 90 gebunkerte Schlaftabletten futtern muss - ach was. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen und.. es wäre getan.

Ihren Lauf, wie die Dinge ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Telefon-Notruf gab, noch keine rund um die Uhr besetzten Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen. Als es nur das gute alte Herz gab, den guten alten Herzanfall, den guten alten Gevatter Tod, der sich seine verdiente Beute nahm, wann immer es ihn gelüstete, ohne abwarten zu müssen, ob dem Team Notfallmedizin vielleicht noch ein verdammtes Wunder gelingt.

 

 

Auch wenn ich zuvor nie an die Möglichkeit eines Herzinfarkts gedacht hatte, ich wusste sofort, was los war. Es war, als legten Arbeitselefanten einen Trampelpfad über die Brust, und sie wurden mit jeder Sekunde entschlossener - einerseits.

Andererseits kündigte sich eine leichte, fast milde Stimmung an, als machte der Heilige Geist schon alles bereit zum Empfang im Himmel, mit einem sanften Schulterklopfen.

Alles halb so schlimm, Meister, alles fügt sich, nur keine Angst.

Ich schlich um die Stadtkirche herum, betrat sie zögernd über den Hintereingang. Im Bauch der Katakomben duftete es nach Kaffee und Kuchen. Nach Gemeindearbeit. Ich kauerte vor der polierten Holzbank, neben mir der Hund, im Gebet. Du hast die Wahl, dachte ich, während das Herz drückte und stauchte, während Holme knackten.

Du hast die Wahl.

Musst bloß ein wenig warten. Lass dich doch einfach sterben, wenn du magst. Eine wärmende Hand schob sich wie eine Kuchengabel unter meinen Körper und schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen. Ich bewegte mich zwischen Erd- und Himmelreich, in der entmaterialisierten Zone. Erst kurz bevor ich das Leben aus der Hand gab, in letzter Sekunde, entschied jemand: Moment. Nein. Es fehlt noch was.

Es fehlte noch das ganz große Okay des Universums.

Der Hund zerrte an der Leine. Ich erhob mich und wankte den langen Flur entlang, stehend k.o., als wäre ich in eine Presse geraten. Zwei Menschen vom Bibelkreis empfingen mich, einer wählte die 112.

"Der schwitzt auch ganz doll, und er ist ganz käsig.."

 

 

Ich ruhte auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tode so nah, dass ich rüberspucken konnte. An der Demarkationslinie zwischen Leben und Tod rutschte ich mit jedem Augenblick, der verstrich, Stück für Stück mehr aus dem Bild.., nahm ich den Hund schon nicht mehr richtig wahr.

Viertel vor elf raste ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Seither höre ich anders hin, wenn sich von irgendwo die Sirene nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen jagt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet, wenn irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist.

Und auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin es.

 

 

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit BM-Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt geduldig. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport.

Ab hier: minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, diktierte der Doktor. Aufnahme via Notarzt.

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, wie gekonnt die OP-Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzte. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut.

O Herr, reiße alle Himmel auf! Es ist soweit.

 

 

Auf der Intensivstation war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfing. Einzig meine Zimmergenossin erinnerte an die Gefahr, in der ich mich befand. Die Frau, die maschinell beatmet wurde, aber ich konnte sie von meinem Bett aus nicht sehen, ihr Anblick war von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Sie sprach kein Wort. Vielleicht hatte sie das Locked In-Syndrom. Das übelste, was ich mir vorstellen kann: schreien, ohne gehört zu werden. Ein Niemand zu sein in einem großen Leib.

Ich lag flach auf dem Rücken, durfte mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpfte. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, "sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten", impfte sie mir ein.

Na, da bleibt man dann schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Dennoch gab es später am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr ertrug und kurz davor war, sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir hatte.

Was nicht funktioniert hätte.

Denn das Fenster des Zimmers auf der Intensivstation war zwar weit geöffnet an diesem Maiabend, doch den Weg ins Freie versperrte ein robustes Insektengitter.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo

 

 

Während ich im Klinikum lag, träumte sie von Abenteuern im Weltraum und in den Bergen, von langen einsamen Wanderungen in Gegenden, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss. Sie träumte von Planeten und Monden und glitzernden Sternen, die vom Himmel hinabstiegen. Sie nahmen sie in ihre Mitte und ließen sie hochleben, warfen die Gräfin in die Luft und fingen sie auf, wie Sieger das tun nach einem gewonnenen Endspiel. Da waren überall Hände, die zugriffen und Wärme ausstrahlten, die Sicherheit von Jahrbillionen.

Wir sind es! riefen die Gestirne im Traum. Wir sind für dich da!

Nach Mitternacht wachte sie auf. Sie stand mit dem alten Feldstecher meines Vaters am Fenster, in dieser bestimmten, genau austarierten Position, aus der sie den Vollmond perfekt ausspähen konnte, und erkundigte sich nach dem ganz großen Okay des Universums.

 

*

 

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Das (fast) ganz große Okay des Universums, Susanne Eggert

1.12.14 08:02


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