Glumm Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Du klaust? Warum klaust du??

 

Das Klauen von LP's war schon Routine geworden. Ich wurde mit der Zeit richtig frech, ich machte nicht mehr viel Federlesen. Kurz umgeguckt, die Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert.

Aber das Herzklopfen blieb. Das Herzklopfen und die Erleichterung, wenn man das Geschäft verlassen hatte und niemand folgte einem. Das war der Kick überhaupt. Es war wie Sex, obwohl ich noch nie Sex gehabt hatte. Das Nicht-erwischt-werden. Das Immer-mehr-wollen. Das Noch-mal-wollen.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich nach Schulschluss durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es geheimnisvoll, wenn Klassenkameraden fragten, was ich eigentlich nach der Schule in der Stadt so trieb.

Kleine Fachgeschäfte wie das Zakk am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war, zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es mir in kleinen Läden zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Ausserdem lernte man mit der Zeit die Mitarbeiter gut kennen, man entwickelte eine Beziehung zu ihnen. Das war nicht gut. Leute, die man kennt, beklaut man nicht so schnell. Man bekommt Skrupel. Das war die nächste Lektion: entweder man freundet sich mit jemand an, oder man beklaut ihn. Beides kann man nicht haben. Nicht zur selben Zeit.

Das Zakk gehörte einem lässigen Macker aus Remscheid, der im langen beigefarbenen Kaschmirmantel zur Arbeit erschien und einen klapprigen Maserati fuhr. Er war die coolste Sau, die ich kannte. Er hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte, wenn er mich kommen sah. Er hatte vermutlich total saubere, gut riechende Eier, wie sollte man so einen Typ bestehlen. Es war zum Mäusemelken. Gute menschliche Kontakte vermasselten einem das kriminelle Geschäft. 

Hatte ich im Zakk genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Allerdings mit Beute unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte, trotz wallender Mähne. Ich guckte woanders hin und zog die Blicke, die mich eben noch beobachtet hatten, einfach ab. Ich flog weit unterm Radar her, wenn die Situation es erforderte.

Meine Mutter drückte sich einmal so aus: "Mit deinem Bruder kann ich mich streiten, bis die Fetzen fliegen, mit dir geht das nicht. Du bist glitschig wie ein Fisch, man kann dich nicht packen. Jedes Mal, wenn man glaubt, man hat dich endlich zu packen gekriegt, macht es flutsch – und du bist wieder weg.“

Die Gräfin: "Man legt sich voller Vertrauen zu dir nieder und lässt sich massieren, du machst es gekonnt, mit viel Gefühl und warmer Hand, und kaum ist man so richtig schön weggesackt und lässt sich verwöhnen, macht es ratttschsch! und deine scharfen Fingernägel schneiden sich ins Fleisch. Und wenn man sich dann umblickt und losschimpfen will, guckt man in die treuherzigsten Augen der Welt, die keiner Fliege was zu leide tun.“

"Is wahr? So eine linke Kimme bin ich?"

"Ja. Bist du. Genau."

Am schönsten stehlen war im Kaufhof. Von der Plattenabteilung, die im Erdgeschoß untergebracht war, bis zum Ausgang waren es keine vierzig Schritte, schon war ich draussen auf dem Mühlenplatz. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich mein Diebesgut rasch und sicher ins Trockene bringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um einen in Sicherheit zu wiegen und irgendwann abzukochen, nämlich dann, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnete, beim Klauen erwischt zu werden - na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien noch nichts. Ich war ein kleiner Plattendieb. Ein Vinylgauner.

Eine meiner ersten Lieblings-Singles war Paranoid von Black Sabbath. Auf dem Cover standen ein paar Kerle mit unglaublich langen Haaren herum. Der Song war rasend schnell, ein Speedboot, das Haken schlug. Die B-Seite The Wizard war mindestens genauso gut. 

Zu jener Zeit saß ich Abend für Abend am Radio, bewaffnet mit Tapedeck und Stereokopfhörern und schnitt die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins deutsche UKW-Radio geschafft hatten. Doch bei aller Liebe zum Hitachi-Cassettenrecorder, der mir viele Jahre die Treue hielt, nichts ging über Vinyl, über Singles und Langspielplatten, da kam keine selbstbespielte Cassette mit.

Weil das Taschengeld aber nicht ausreichte und es in der Stadt nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe. Noch heute schlummert eine Unzahl LP's aus den 70er Jahren auf meinem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagt die Gräfin, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”

Damit liegt sie nicht ganz falsch. Wenn ich mir früher (schön) einen runterholte, passierte es immer wieder, dass die Schlacke achtlos auf einer am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte - ein pointiertes kleines weißes Unwetter. Hach, Popmusik, herrlich. All die achtlosen Angelegenheiten.

Eine Band, die ich in den Achtzigerjahren gerne hörte, waren die Pretenders. Der Sound war frisch und neu, sogar aufregend, sie retteten etwas vom aufmüpfigen Kinks- und The Who-England der Sechziger rüber ins Computerzeitalter. Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, eine verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe: ein wunderbar schlichter Reggae, eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille - und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb ein jähes Ende fand, gab es im Zakk am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich mir gerne einverleibt hätte, doch weder im Karstadt, noch im Kaufhof waren sie schon eingetroffen. Weil ich aber nicht ohne Neuheit nach Hause kommen wollte, entschied ich mich notgedrungen für das neue Solo-Album von Stephen Stills. Viel wusste ich nicht von ihm, ausser dass er Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen war, die Band sich aber getrennt hatte. Einen Song von seinem Solo-Album Stills hatten sie im Radio gespielt, es gefiel mir nicht besonders. Egal. Ich nahm die Platte in die Hand, bückte mich, las ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so. In Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der in der Musikabteilung um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich und verließ das Warenhaus.

Ich trug selten Tornister, Tornister waren out. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule, und wenn wir sechs Stunden hatten und ich einen Haufen Schulsachen einpacken musste, nahm ich zusätzlich einen Jutebeutel mit. Meist wusste ich schon früh am Morgen, dass heute eine LP fällig war, wenn ich den Jutetbeutel einsteckte. Aber ich war mit der Zeit nachlässig geworden. Es war zu oft gut gegangen. Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Die Gräfin hat es einmal so ausgedrückt: Wenn man dem Schicksal beweisen möchte, dass man der Härtere ist, wenn man vermessen wird, dann gehts schief. Dann fliegt man auf die Schnauze. Es war schon viel zu oft gut gegangen mit der Klauerei.

Ich hatte eine stattliche LP-Sammlung zuhause, für mein Alter.

"Wo hast du denn die Platte schon wieder her?" fragte Mutter oft, wenn ich mittags eine Scheibe heimbrachte und es kaum abwarten konnte, sie zu hören.

"Geliehen", antwortete ich knapp.

"Geliehen..? Schon wieder? Von wem?"

"Na, von Freunden."

"Du hast aber eine Menge Freunde."

Wie immer profitierte ich davon, dass selbst Menschen, die tagtäglich mit mir zu hatten, mich nicht wirklich kannten. Dass ich den lieben Jung nur spielte. Dass die Pubertät neue Seiten aufschlug, die ich unbedingt ausprobieren musste. Und wenn ich mich dafür ein wenig verstellen musste, na, mein Gott, es gab schwerere Dinge.

Entscheidend war der Moment, wenn man das Warenhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot diesen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft in die Höhe stieg, verbrauchte, tausend Mal gefressene Kaufhausluft. Eine Art Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er das Warenhaus nun betreten oder verlassen wollte. Für mich bedeutete der Schacht den Unterschied zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, wo alles möglich war; Schuld, Unschuld, Gefängnis, ein schönes Leben.

Ich ging hinaus auf den Mühlenplatz, im Ohr das Heißluftgebläse, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, dem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

Da passierte es. Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem City-Areal mit großzügigen Grünflächen, mit Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, seine tiefe männliche Stimme, "darf ich mal in deine Tasche gucken?" mit dem vorangestellten "Junger Mann," es reichte aus, dass ich mich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, ich hätte gar nicht klauen müssen. Ich klaute mehr und mehr aus Gewohnheit und wegen des Gefühls der Befreiung, wegen dem sexy Kribbeln, wenn es gut gegangen war.

Der Detektiv war alt und müde, aber in dem Moment, wo er mich packte, hellte sich sein Gesicht auf. Später, im Büro, fiel es wieder in sich zusammen. Als er mich vorm Kaufhof abführte, sah ich einen Bekannten in der Nähe, einen jungen Polen. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Sein entgeistertes Gesicht seh ich heut noch vor mir: Du klaust..? DU? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns ab und an über den Weg, nickten uns kurz zu, das letzte Mal Anfang 2000. Jedes Mal war da dieser überraschte Ausdruck in seinem knochigen Danziger Gesicht, für immer festgefroren, rübergerettet aus dem Jahre 1975, du klaust? Warum klaust du?

Na, weil ich noch keine zehntausend Scheiben für den Dachboden zusammen hab, du Depp!!

21.9.16 18:04


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