Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Lass hören


 

Mitte der Neunziger stellte ich das Schreiben praktisch ein. Ich war auf dem besten Wege Morphinist zu werden und traute mir nüchtern kaum noch was zu. Zudem hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich in der Lage war zu schreiben, ohnehin schon geschrieben worden war, und zwar von Anderen und besser, als ich es je zustande bringen würde. Wozu sich noch anstrengen. Wozu die ganze Plackerei.

Rauchen wir lieber noch ein Blech, Jungs.

Weil ich es aber doch nicht ganz lassen konnte, beteiligte ich mich ab und zu an öffentlich ausgeschriebenen Literatur-Wettbewerben. Es gab einen festen Einsendeschluß, und bis dahin musste man einen Text zustandebringen und anonymisiert einreichen - oder eben nicht. Jeder bekam seine Chance. Ja, ich hatte immer noch ein Sportlerherz. Ich wollte gewinnen, ich wollte den besten, den weitesten Satz machen - ab und zu jedenfalls. Eine wirkliche Strategie war das natürlich nicht. Aber war ich je weiter entfernt von einer wirklichen Strategie als Mitte der Neunzigerjahre?

Dem Wettbewerb der Füllerfirma Montblanc war ein Thema vorgegeben: Der Termin. Schon im Jahr zuvor hatte ich teilgenommen und es immerhin in die Anthologie geschafft, in der die besten 20 Geschichten zusammengefasst waren. Thema: Der Gipfel. Ich hatte einfach eine ältere Story umfrisiert bis sie halbwegs zum Thema passte. Diesmal aber war ich ratlos. Zum Thema Termin fiel mir nichts ein. Ich hatte keine Termine. Noch genau vier Tage, dann war Einsendeschluß. Aber wie sollte ich in vier Tagen eine Zehn-Seite-Geschichte auf die Beine stellen.

Gegen 21 Uhr, eine Stunde vor Dienstbeginn im Turm-Hotel, rief ich mir ein Taxi und liess mich zu Tonio nach Höhscheid bringen.

"Warten Sie hier, ich komme sofort wieder", sagte ich zum Fahrer.

Ich hatte zuvor bei Tonio angerufen. Er wusste, dass ich auf dem Weg zu ihm war, jetzt war er nicht zu Hause. Nur seine Frau Gina und die drei kleinen Blagen. Ein Teller mit aufgewärmten Erbsen und Möhren aus der Dose stand auf dem Küchentisch.

"Abendbrot?" sagte ich.

"Abendbrot, Abendbrot!" tanzte das älteste der Mädchen um mich herum.

"Wo ist Tonio?"

"Tonio nis da", meinte Gina.

"Ja, seh ich. Aber er wusste doch.."

"Du Fuffie?"

"Ja", sagte ich.

Keine halbe Minute später war ich wieder draussen und änderte meinen Plan. Ich bezahlte das Taxi und machte mich zu Fuß auf in die Innenstadt. Ich war so scharf auf die Schore, dass ich die nächstbeste Telefonzelle ansteuerte und mir eine Line zog, während ich so tat, als würde ich im Telefonbuch eine Nummer suchen. Eine lange Nummer. Das Häuschen war hellerleuchtet wie ein UFO, und das in dieser tristen Gegend. Aber mir war alles egal.

Auf dem Weg zum Turmhotel nahm ich dunkle Seitenstrassen, ich blieb alle paar hundert Meter stehen und kotzte. Zuletzt kam nur noch Galle raus. Ich ekelte mich vor mir selbst bis nach zwanzig Minuten endlich die Wirkung einsetzte. Ich erreichte die Hauptstrasse, und mir ging es besser.

Nahe dem Hauptbahnhof suchte ich die nächste Telefonzelle auf, diesmal eine mit Kartentelefon. Danach musste ich nicht mehr kotzen. Ich fühlte mich auch nicht mehr so schlapp wie die vergangenen drei Tage, die ich nur im Bett verbracht hatte, mit austrocknenden Sinnen.

Nachts um zwei kam der dicke Hansen vorbei. Ich saß im Büro an der elektrischen Schreibmaschine, schaute aber in den Fernseher. Ich war viel zu dicht um zu schreiben. Ich fragte mich immer, wie all die berühmten Beatnik-Autoren das hingekriegt hatten, im Drogenrausch zu schreiben. Ich bekam es nicht geregelt. Wenn ich breit war, war ich breit und hatte zu nichts anderem Lust, als mich dem Rausch hinzugeben. Wie soll man sich da motivieren und an die Schreibmaschine klemmen.

"Ausserdem hab ich kaum Termine", klagte ich dem dicken Hansen mein Leid.

"Dann schreib doch über KEINE Termine."

"Hab ich schon durchgekaut."

Hansen hatte ebenfalls Schore auf der Tasche und sah schlecht aus. Gute Schore und Gesichtszüge, eine tragische Partnerschaft. Ergebnis: zwei alte Hunde in der Nacht.

"Du musst doch nicht unbedingt über dich schreiben", meinte Hansen.

"Nee, natürlich nicht. Klar. Ist kein Muss."

"Immer schreibst du nur über dich, klar, dass du dich langweilst. Schreib doch über mich."  Hansen hing breit im Drehstuhl und rauchte eine Winston nach der anderen. Wenn er mal keine Winston in Arbeit hatte, fielen ihm prompt die Augen zu. "Im Gegensatz zu dir bin ich eine wichtige Person. Ich hab ständig Termine. Ich hab Proben-Termine, ich hab Unterrichts-Termine, ich hab Rendesvouz-Termine. Ich hab Arzt-Termine.."

"Noch was?"

"Hm.. nee. Sonst nichts. Reicht doch. Worüber möchtest du was hören? Rendesvouz-Termine?"

"Lass hören."

"Gut.. Moment. Terminsache also. Ein Termin hatte schönes dickes Haar. Blondes Haar. Sah jetzt nicht supergut aus, aber gut. Bisschen schiefe Nase vielleicht. Eine Klavier-Schülerin von mir. Sie meinte, sie will mal koksen. Mal ausprobieren, wie das ist. Okay, hab ich gesagt, ich guck mal, was sich machen lässt."

Den dicken Hansen kannte ich seit Jugendtagen. Er nagelte so ziemlich alles, was ihm vor die Flinte kam. Er war der Typ deutscher Tourist, der am Flughafen Bangkok landet und sofort von einheimischen Schleppern in Beschlag genommen wird: "Eh, du neckermanngeile Sau!" Andererseits musste Hansen nicht erst nach Bangkok fliegen, er bekam schon daheim schöne Frauen. Besonders seine Klavier-Schülerinnen hatten es ihm angetan. Ich fragte mich, wie er die Mädels rumkriegte. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und zwanzig Kilo zu viel auf den Rippen. Aber er hatte einen zupackenden Drive. Einen selbstverständlichen Charme, mit dem er seinen Schnitt machte.

"Und.. weiter?" fragte ich.

"Nur, wenn ich in den Chef-Sessel darf, auf dem scheiss Drehding hier krieg ich Rückenschmerzen. Also, was ist? Tausche Termin-Story gegen den Chef-Sessel."

Ein fairer Handel. Jedenfalls nicht auf Anhieb unfair, sagen wir so. Ich überließ ihm das braune Kunstleder-Exemplar, das beim Aufstehen dazu neigte, ein despektierliches Furzgeräusch von sich zu geben, wenn die Luft aus den Bezügen entwich.

Hansen steckte sich eine Kippe an.

"Gut, pass auf. Die wollte koksen, die junge Dame. Ein lustiges Wesen. So vielfältig irgendwie. Sie war jedes Mal anders, wenn ich sie sah. Dann hab ich sie angerufen. Sie war aber nicht da, also hab ich ihr auf die Mailbox gesprochen. Was denn jetzt mit der Nase Koks wäre. Ob wir die nicht endlich nehmen sollten."

"Und? Hat sie zurückgerufen?"

"Na, weiß nicht. Kann sein. Jedenfalls ruft seither dauernd einer an und legt wieder auf."

"Das ist sie!"

"Sicher. Mh."

Er fläzte sich so tief in den Chefsessel, ich wusste gar nicht, dass man sich so tief in den Sessel fläzen konnte. Er verschwand darin wie in den Geschichten aus tausendundeiner Sitzgelegenheit. Man sah kaum mehr als den dicken Kopf.

"Hast du schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" fragte er. Jetzt kamen wir der Sache näher. Der Terminsache. Ich spannte ein Bogen Papier ein in die Story-Maschine.

"Nee. Du?"

"Natürlich. Ich glaub, zwischen dreißig und vierzig hat man nur Sex im Kopf. Sex und Geld."

Aus der Hotelküche wehte leiser Hallo Nachtarbeiter-Jazz rüber, Chet Baker, der mit seinem Saxofon aus dem Fenster gefallen war, in Amsterdam, paar Jahre zuvor. Der dicke Hansen paffte Winston-Kringel in die Luft. Er schwieg, und schlief ein.

"He, deine Kippe!" Ich rüttelte ihn wach. "Pass auf, Hansen, du brennst ein Loch in den Teppich!"

Die Sex-Story. Hansen hatte einen Nebenjob gesucht, für vormittags. Er las ein Inserat im Wochenblatt. Fahrer für tgl. 5 Std. gesucht. Er rief die Nummer an. Eine Frau hob ab.

"Veroonika, halloo..?"

"Ja. Hallo. Ich hab Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen."

"Jaa? Schöön."

"Äh ja. Da wollt ich mal fragen, worum es sich dabei handelt."

"Ja, Herr.."

"Hansen.."

"Herr Hans? Darf ich Sie so nennen? Herr Hans?"

"Hans..? Wieso?"

"Na, nur so."

"Na meinetwegen.."

"Gut, Herr Hans. Mit dem Job verhält sich wie folgt. Sie würden mich morgens gegen 8 Uhr 30 abholen und dann fahren Sie mich.. wohin.."

"Wohin?"

"Ja, das.. ist abwechselnd. Aber innerhalb des Stadtgebiets, in der Regel. Die Fahrt würde ungefähr 10 Minuten dauern, dann haben Sie eine Stunde.. Freizeit. Anschließend holen Sie mich wieder ab und wir fahren zum nächsten ääh Job, wieder ungefähr zehn Minuten Wegstrecke, und wieder haben Sie frei, so eine oder anderthalb Stunden. Das geht so bis.. etwa 12 Uhr 30, maximal 13 Uhr. Dann ist Schluß. Sie verstehen?"

"Ah. Gut. Und mit welchem Wagen?"

"Ja, Herr Hans, das ist auch wieder so ein Problem. Ich hab nämlich einen schöönen neuen Wagen, der hat einen Neuwert von fast vierzigtausend D-Mark, und wenn Sie zwischen den Einsätzen im Wagen ääh rumsitzen würden, das wäre mir nicht recht, sag ich mal. Sie müssten schon Ihren eigenen Wagen nehmen."

"Na, okay, kein Problem. Was ist mit Bezahlung?"

"Ääh.. das ist einfach. Sie müssten täglich von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr für mich erreichbar sein, Ihre eigentliche Arbeitszeit ist aber maximal eine Stunde.. oder auch nur mal 30 Minuten.. Ich würde Ihnen daher wöchentlich ein Entgelt von hundert Mark zahlen."

"Hundert Mark..? Für eine Woche?? Ist das Ihr Ernst?"

"Ähhm, ja."

"Und wenn Sie mich in Naturalien auszahlen?"

"Wie das denn?"

"Nun ja. Mit einem Nümmerchen."

"Nümmerchen?"

"Ja. Nümmerchen, genau."

"Das wäre ja dann.. nun, nicht mal ein Nümmerchen pro Woche, Herr Hans.."

"Dann legen Sie halt noch was drauf."

"Was drauflegen.. das wäre mir aber nicht recht."

"Wir könnten aber sofort einen Probetermin ausmachen.. auf der Stelle. Einen Vorschuß, quasi. Hätte ich kein Problem mit."

"Ich suche aber erst für Anfang Januar, da zahle ich doch jetzt keinen Vorschuss."

Damit war das Gespräch beendet.

"Und?" sagte ich.

"Nix", sagte Hansen.

"Wie, nix?"

"Na, die Kuh wollte sich auf keinen Vorschuß einlassen."

"Schon klar, und darüber soll ich schreiben? Da war das ja mit deiner Schülerin noch spannender."

"Mit der gab's aber Ärger. Also mit ihr direkt nicht, aber mit den Eltern. Die haben nämlich den Anrufbeantworter abgehört. Mit meiner Nachricht."

"Oh. Das mit dem Koksen?"

"Genau. Wusst ich ja nicht, dass die Kleine noch zu Hause wohnt. Jetzt hat sie natürlich Stubenarrest."

"Stubenarrest..? Wie alt ist die Kleine denn??"

Hansen war plötzlich gereizt.

"17. Oder 15. Keine Ahnung. Mein Gott, die sehen doch heute alle aus wie Mitte vierzig. Wie die jungen Dinger heute so sind. Große Fresse, dicke Möpse."

In der Küche spielte das Radio Club-Jazz. Hansen hatte keine Lust mehr zu erzählen.

"Ich kann nicht mehr klar denken."

Er lag lang ausgestreckt im Chef-Sessel und schnupperte an seinem Zeigefinger. Endlich ging die Sonne auf.

26.7.16 10:58


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