Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Käptn Red, King of Lagos

Im Frühsommer 1982 reisten Karlos und ich per Bahn nach Portugal, Ziel war Lagos an der Algarve. Mit Anfang zwanzig hatten wir die Nase voll vom Trampen, wir fühlten uns zu alt, um weiterhin mit vollbepackten Rucksäcken an staubigen Landstraßen zu stehen und uns von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlen zu lassen, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man zu ihnen aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, mit durchdrehenden Reifen, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr, es war zu anstrengend geworden, damit lässig umzugehen. Nicht mit 21, Baby, da wollten wir es ein bisschen gemütlicher haben, ein bisschen mehr kommod, wenn wir schon in Ferien mussten.

Denn ehrlich gesagt, ein kleines bisschen war die Luft schon raus. In den Jahren zuvor waren wir meist zu dritt und stattlichen Backpacker-Rucksäcken unterwegs gewesen, Karlos, Schnaat und ich. Es gab auch Ausnahmen, so fuhr ich im Sommer 78 mit dem dicken Hansen in seiner blauen Ente nach Spanien. Doch Usus war die Trio-Variante mit Schnaat und Karlos, wir verbrachten aufregende Ferien in Frankreich, im Umfeld belgischer Autobahnen und in England.

Als Trio auflaufen ist bei Autostopp nicht gerade von Vorteil, wer hält schon an, wenn drei Siebzehnjährige auf dicken Rucksäcken am Straßenrand hocken und statt den Daumen rauszuhalten lieber selbst den Mittelfinger zeigen, aus Gründen der Coolness. Es war nicht einfach gewesen, zu dritt voranzukommen als Tramper. Intern passte es dafür umso besser, zu dritt unterwegs zu sein. In der internationalen Zahlensymbolik steht die 3 für START. Wo die Dinge ins Rollen kommen. Und wir drei waren gleichaltrig, waren Baujahr 1960. Nach dem chinesischen Horoskop sind 1960 geborene Ratten nicht kaputt zu kriegen.

Bis sie kaputt sind.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum Schnaat 1982 ausfiel, der dritte Mann. Warum Karlos und ich zu zweit unterwegs waren. Egal.

Nach vierzig Stunden fielen wir in Lissabon aus dem Intercity, die Klamotten verklebt, Schweißfüße und gerädert von den harten Bänken portugiesischer Eisenbahnen. Schlimmer noch: Das Gras war uns ausgegangen.

Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof Lissabon einen schlaksigen Bimbo an, er stand an der Ecke eines internationalen Presseladens. Nicht, dass er irgendwie einen aufrichtigen Eindruck gemacht hätte, das war es nicht, nein, aber sein Anblick erfüllte gleich mehrere Kriterien, auf die man sich weltweit verständigt hat, um in der Fremde einen Dealer auszumachen:

An der Ecke stehen. Bimbo sein. Cool.

Für umgerechnet fünfzig Mark erwarb ich ein Säckchen Marihuana. Es roch stark und würzig. Man bekam regelrecht Appetit, wenn man sich das Kraut unter die Nase hielt. In einem Hinterhof öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Was hast du dir da denn andrehen lassen.. Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.”

Karlos kannte sich aus in der Küche.

„Der hat dich schön abgekocht.“

So begann der Portugal-Urlaub 1982 also mit einem Abzug in der Lissaboner Drogenszene. Und es war noch nicht Abend. Weil wir erst am nächsten Tag weiterfahren konnten Richtung Lagos, bezogen wir im Nuttenviertel ein billiges Hotel, eine Art Stundenhotel. Die zwei Mädels, die wir in der Nacht sturzbetrunken anbaggerten, hatten nur unsere Brustbeutel im Sinn, während sie uns einen runterholten, aber nicht mal das klappte richtig, so voll wie wir waren, aber dafür blieben die Brustbeutel auch schön bei uns unterm Hemd.

Am nächsten Mittag ging es mit dem Bummelzug nach Lagos. Unser kleines Zwei-Mann-Mann-Zelt, gestählt von unzähligen Tramptouren zu dritt, schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit auch viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und Hauszelten.

Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden.

Noch am selben Abend lud uns unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eusebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Karlos war zu müde, ausgenockt von der langen Zugfahrt schlief er früh ein, während ich bei Eusebio Gras rauchte und John Mayall & The Bluesbreakers lauschte, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun im fernen Portugal und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim.

Was verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar Kronleuchter, am Zeltdach befestigt, und an den Wänden gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich.

“Gone..? Who’s gone?”

“Sissy. Dead in Paris. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am nächsten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns die heißen Tage auf dem Stadt-Camping zu verbringen. Der Rastamann drehte täglich seine Dealer-Runde über den Platz, mit seinen wippenden Dreadlocks, man durfte ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es halbwegs erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter den Sonnenschirm, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes.

Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörte man das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Ich habe niemals wieder so frisches Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos 1982. Das Fleisch flatterte einem sozusagen noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die auf dem Campingplatz lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und zu viert gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Sein Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das mittlerweile wusste, machte sie sich so rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war nur eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höherschlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und ließen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Käptn Reds war ein einsames, ein devotes Tier, doch wir hassten es von Tag zu Tag mehr, zumal auch die Stimmung unter uns rapide abwärts ging, je länger der Urlaub dauerte. Ich vermisste Lena, ich hatte richtig Liebeskummer, Karlos nicht, auf ihn wartete keine Lena zuhause. Er langweilte mich mit seiner Nicht-Sehnsucht, ich ihn mit meiner Sehnsucht, so gingen wir uns gegenseitig auf den Geist und übertrugen diesen Unmut auf den Hund, dem das Bein immerzu wegknickte, als hätte er mit jedem Schritt in eine Scherbe getreten.

Wir waren Schweine damals, was Hunde betraf. Karlos und ich führten einen privaten Kleinkrieg gegen südeuropäische Straßenköter, dem natürlichen Feind jedes anständigen Globetrotters. Wir wollten den Käptn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen, ich hingegen schon. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung allerdings schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“ Eusebio nickte freundlich, während ich hinterm Zelt hockte und kotzte.

In der dritten Urlaubswoche hatten wir die Nase voll von der endlosen Grasraucherei und gingen wieder ab und zu zum Strand runter.

Einmal wählten wir eine Abkürzung und landeten aus marihuanabedingter Unachtsamkeit auf einem Privatgelände, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Grosse Steppe, Mittagshitze.

Karlos war knallrot im Gesicht, wie immer. Direkt neben ihm stand ein schwarzes Rieseninsekt in der Luft, dann sah er es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne.

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, ehe ich den Zaun erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte. Gemächlich. Fast blasiert. Dabei konnte er einfach nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir wieder auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt die Papierchen für einen Joint aneinander, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.

Am Morgen unseres Aufbruchs, es wurde gerade hell, bauten wir unser Zweimann-Zelt ab und wunderten uns plötzlich über diesen Pisse-Gestank, scharf wie Ammoniak, der ganze Zeltstoff schien verseucht.

Mit Hundepisse.

"Guck mal", stieß Karlos mich an, "Käptn Red."

Er lief in einiger Entfernung auf und ab und schien sich zu amüsieren, irgendwie. Karlos lief zornig auf ihn zu, aber er humpelte davon, überraschend behende, schlüpfte durch ein Mauerloch und jaulte in die Morgendämmerung hinein.

Und das war überhaupt das einzige Mal in den drei Wochen, dass wir den Hund jaulen gehört haben, und es klang überglücklich irgendwie.
19.10.17 19:01


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung