Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Porschehändler

 

Irgendwann 2008.

"Moment mal..! Dann musst du als Schreiber sterben für ein Jahr..!?“

Sie blickte mich scharf an. Ein Blick wie ein wuchtiger weiter Abstoß. Hoffentlich krieg ich die Pille, dachte ich! Einer meiner Lieblingsgedanken, seit vielen Jahren! Und da kam sie auch schon angeflogen.. Ich stoppte sie mit der Brust, ließ sie lässig abtropfen. Doch als ich das Leder weitergeben wollte, semmelte ich voll drüber.

"Verflucht!"

Sterben als Schreiber für ein Jahr. Das bedeutete: Achtunddreissigstunden-Woche im Design-Institut, Einjahres-Vertrag. Wann zum Henker sollte man da noch Zeit zum Schreiben finden?

"Du stirbst doch, wenn du nicht schreiben kannst!"

(Vielleicht half die alte Methode, die schon früher niemals gegriffen hatte: Einfach über Nacht ein paar weiße Blätter auf dem Schreibtisch auslegen und in Gottvertrauen abwarten, ob sich die ganze Sache vielleicht wie von selbst erledigt, während man dem nächsten Arbeitstag entgegenschläft, traumlos.)

Mein Job: Im frisch renovierten Kellergeschoß des Design-Instituts eine Bibliothek in Betrieb nehmen, mit 270 Festmetern Design-Literatur. Die Schenkung eines emeritierten Wuppertaler Design-Professors. Design, Design, Design. Was zum Teufel hatte ich plötzlich mit so viel Design am Hut?!

Ich seufzte.

"Na, solange du noch lachen kannst", meinte die Gräfin.

"Das war kein Lachen", sagte ich, "das war designtes Stöhnen."

Die ersten Tage musste ich nach Wuppertal, zum sammelwütigen Professor. Im Stadtteil Wichlinghausen hatte er all die Jahre in einem alten Loft drei Räume angemietet, nur um dort seine zehntausend Bücher plus Objekte zum Thema Design unterzubringen. Darüber hinaus sammelte er Pfeifenrauch.
Man erkannte kaum seine Umrisse.

"Herr Professor!?" rief ich.

"Ich steh vor Ihnen, junger Mann.."

So jung war ich gar nicht mehr, 2008, ich meine, da ging ich schon stracks auf die 30 zu, oder die 50, und ich bin mir im Nachhinein auch gar nicht so sicher, ob er das überhaupt so gesagt hat, man verstand ihn schlecht, in all dem Pfeifenqualm, der ihn umwölkte. Er führte stets ein großes Pfeifentäschchen mit, in dem sechs Pfeifen gerade abkühlten, während er die siebte in Arbeit hatte.

"Meine Frau hat mir was gehustet", sagte er.

"Wegen dem vielen Pfeiferauchen?"

"Was..? Nein. Wegen den vielen Büchern. Sie wollte kein einziges zu Hause haben, deshalb musste ich sie hierhin auslagern."

Das Ende vom Lied: Er war kaum noch zu Hause, seltener als zuvor jedenfalls. Nach der Uni kam er oft nach Wichlinghausen, um ein Pfeifchen zu rauchen und in einem oder zwei Büchern zu schmökern.

Ich mochte den alten Herren. Manchmal blickte er einen ganz verschmitzt an, wie ein Jazzsänger, der kurz davor stand ein neues Lied zu trällern, es dann aber unterliess. Was aber nicht schlimm war. Der verschmitzte Blick zählte.

Wir packten alle 10.000 Bücher und Design-Zeitschriften (form, Design) und Exponate in Umzugs-Kartons und Rollwagen, die die Spedition bereitgestellt hatte. Einmal griff ich nach einem Design-Exponat: Ein kleines Cola-Fläschchen, 0,33 Liter. Mit zwei griffigen Dellen an den Seiten.

"Afri-Cola!" rief ich voller Elan. "Das haben wir früher immer gesoffen! Als Kinder!"

Doch ich greife vor. Zunächst mal sollte ich schildern, wie ich es morgens nach Wichlinghausen schaffte, ohne Auto. Es gab mehrere Möglichkeiten. Ich entschied mich meist für die C64, eine Art Überlandbus, die bis Elberfeld fuhr, wo ich in die Schwebebahn umstieg.

Endstation war Oberbarmen, und Wichlinghausen um die Ecke. Eine arme vergessene Ecke. Schien mir fast das Nachtgeschirr vom lieben Gott zu sein. Wenn der alte Knabe nachts mal raus musste, in Wuppertal. Aber zu faul war, aufs Klo zu gehen. Dann pieselte er in Wichlinghausen (ins Töpfchen).

Pieseln, was ein Wort. Ich kotz gleich, Glumm.

Die C64 war rappelvoll. Ich ergatterte den letzten Sitzplatz.

"Wollen Sie meinen Platz haben?" sorgte sich neben mir eine nette Frau um ein klappriges Mütterchen, das zugestiegen war.

"Nee, lassen Sie mal. Ist ja genug Platz hier."

Hm..? Platz!? Wovon redete das Wuppertaler Mütterchen? War doch alles besetzt hier. Das meinte auch die nette Frau neben mir, doch die alte Dame ließ sich nicht umstimmen. Nein, sie wollte partout stehenbleiben. Halsstarriges klappriges Wuppertal, so kenne ich dich.

Es dauerte auch gar nicht lange, und ich musste pissen. Das war ja klar. Wenn ich am Vormittag Bus fuhr, lief meine Blase grundsätzlich über, von all den doppelten Espressos, die ich zum Frühstück nahm, um den Arsch hochzubekommen.

Es ist eine Tragödie.

Der Bus hat keine Toilette.

Und noch eine halbe Stunde bis Elberfeld.

Das schaff ich! Oder auch nicht.

Das Mütterchen, ein Ärmchen tapfer in der Halte-Schlaufe, lächelte mich an. Irgendwie tapfer, das ja, aber auch wie ausgestopft. Auch ich lächelte. Wie ausgestopft. Bloß kein Gesichtsmuskel zu viel bewegen. Was sollte ich auch sonst tun? Weinen? Wenn ich jetzt weinte, weinte es Harn.

Während der Busfahrer die Strecke durchs Bergische Land abkurvte, kritzelte ich ein paar schräge Beobachtungen in mein Notizbuch. Schräge Sätze, vom Kurvenfahren.

Es passiert wie automatisch. Ich kann nichts dafür. Meine Hand greift zum Notizbuch, in dem der Stift steckt, und dann notiere ich. Irgendwas. Eine Beobachtung, ein Gedanke, scheißegal. Paar Staben. Damit ich einen Grund zum Leben hab. Zum Sein. Zum da Sein.

Vom Hahner Berg aus führt die Strasse steil ins Tal runter, in den schummrigen Wupperkessel, in San Francisco typischen Serpentinen, was meine Blase endgültig aus der Fassung brachte. Vorbei an dickfelligeren Organen schwappte sie nach vorn durch und drückte unangenehm gegen den Unterbauch. Da, wo die Seele sitzt, nach Überzeugung meiner Mutter: im Unterbauch.

Ich muss mal.

Ich werd bekloppt.

Noch zehn Minuten.

Um mich abzulenken, liess ich noch mal die ersten Arbeitstage Revue passieren, bei geschlossenen Augen. Ich war zuvor schon in Wichlinghausen gewesen, beim Professor. Der war okay. Wir konnten gut miteinander. Solange ich solche Leute kennenlernte, konnte ich ruhigen Gewissens live aus meinem Leben berichten. Es tat ja keinem weh. Waren alles furchtbar nette Menschen. Doch was, wenn mir der erste richtige Drecksack über den Weg lief, über den ich wahrheitsgemäß berichten musste, dass er ein Drecksack war?

Dann tu ich am besten so, als spielte das Ganze gar nicht im Bergischen Land, nein, wir sind dann in Wiesbaden, wo ich als freischaffender Porschehändler mein Dasign bestreite, und schreibe hier einfach weiter.

Ist das clever.

Ich bin ganz ergriffen.

Ich muss pissen.

Kurz vor Elberfeld hielten wir an einer Verkehrsampel. Rechterhand war ein Kinderspielplatz, der mir bekannt vorkam, irgendwie. War ich hier nicht schon mal..? Silvester 86 oder 87 oder 88..? Hatte ich tagsüber hier rumgesessen und eine Flasche Bier geleert, mutterseelenallein. Nur ich und mein Unterbauch und ein Wicküler Bier. Ein historischer Ort. Ich winkte geschichtsvergessen. Glummtümelnd. Hallo.

Ich muss mal.

In Elberfeld angekommen, hetzte ich ins Daily Coffee.

"Den Schlüssel fürs Klo!"

"Ist besetzt."

"Scheiße..!! Dann einen Kaffee im Becher. Und den Schlüssel!"

"Ist kaputt Klo. Ein Euro."

"Ich denk, da ist besetzt.."

"Kaffee, ein Euro."

Aber er hatte mich nur veräppeln wollen. Nein, Klo war nicht kaputt. Die nächsten zehn Minuten kamen direkt aus der Pipsel-Hölle. Was das war, Pipseln? Soll ich es Euch erzählen? Wenn man als kleiner Junge ganz dringend Pipi muss und sein Geschlechtsteil drückt, damit nichts rausläuft, das ist Pipseln. Jedenfalls haben Karlos und ich das früher so genannt. Mädchen pipseln übrigens auch, wie man mir später glaubhaft versicherte.

"Ihr habt doch gar nichts zum Pipseln!" höhnte ich.

Hätte ich besser nicht gesagt. Nicht so. Es folgte ein wildes Knubbeln! durch die Gräfin.

Knubbeln: Wenn wir uns als pubertierende Knaben gegenseitig in die Eier gegriffen haben, auf dem Flur vom Haus der Jugend und auf dem Schulhof, das war Knubbeln. Der gefürchteste Knubbler weit und breit war Mofa-Bastler Volkhard H., wegen seinen öligen Ritzelfingern auch Ölauge gerufen. "Ölauge, du Pottsau! Deine Mutter bezahlt die Reinigung!"

Immerhin, der Kaffee im Daily Coffee, brühwarm, legte sich als eine Art Schlick auf meine Blase. Aber nur kurz. Bald ging nichts mehr. Ich stand kurz vor dem Einnässen und lief wie blöde durch den vollbesetzten Daily Coffee, pipselnd.

Zwei alte Damen standen vom Tisch auf und halfen sich gegenseitig in den Mantel.

"Immer noch besetzt?" fragte die eine voller Mitgefühl.

Ich nickte. Ich war kaum noch durchblutet. Ich war ein käseweisser Harnhund.

"Müssen Sie mal feste an die Klotür klopfen", sagte die Dame.

"Genau, junger Mann. Mal kräftig Bescheid sagen!" meinte die zweite.

Exakt in diesem Moment öffnete sich die Tür vom Herrenklo. Heraus trat ein 17jähriger Bursche, der sofort in Empfang genommen wurde von seinen beiden Kumpels, die ungeduldig auf ihn warteten.

"Mann, Alter, wie lange brauchst du denn?!“

"Wieso, wie lang? Ich war nur fünf Minuten weg..“

"Alter, ne halbe Stunde! Die Leute warten schon.“

"Sollen sie doch warten! Wenn ich mal kacken muss, muss ich mal kacken! Oder nich?!“

Ich riss ihm den Schlüssel aus der Hand, der an einem plüschigen Anhänger steckte, einem nassen kleinen rosa Elefanten.

Brrrrh!!

Als ich endlich, endlich vor dem Pissoir stand, kam erstmal: gar nichts. Ich konnte nicht pinkeln. Es hatte einfach zu lange gedauert. Nur nach hinten raus pfiff eine kleine Perlenkette, ein Geräusch, das die Grossmutter der Gräfin „Pricken“ genannt hatte.

Pricken!

Dann schlug ich schwer das Wasser ab. Wie ein leckes altes Kernkraftwerk. Ein stiller Brüter. Junge, Junge.

25.5.16 16:32


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