Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ecke Kasino- und Goerdeler Straße

Ecke Kasino- und Goerdeler Straße erinnert ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran, dass hier lange Jahre ein Briefkasten gehangen hat, in den alten gelben Briefkasten- und Telefonzellenzeiten. Als Hardware noch groß und gelb und sperrig war und niemand auf die Idee kam, das würde sich jemals grundlegend ändern. Genau da, unter dem Ex-Briefkasten, finde ich einen Zettel auf dem Boden, mit einer Nachricht in Schreibschrift. In Schönschrift.

Kleine Buchstaben, lauter Text.

In dem Moment, wo ich das Stück Papier aufhebe und zu enträtseln beginne, bleibt eine alte Frau vor mir stehen, mit einem Pudel an der Leine. Sie baut sich so selbstverständlich vor mir auf, man könnte auf die Idee kommen, wir wären gut miteinander bekannt. Als würden wir täglich unsere Hunde miteinander raufen lassen und dabei nett plaudern.

„Ooh, was bin ich hier.. heut Morgen.. böse hin.. gefallen“, keucht sie. Sie hält sich die Backe, die leicht gerötet und geschwollen ist. "Ich hab gleich beim Arzt an.. gerufen und einen Termin gemacht. Das ist so nah am Auge, da kriegt man doch Angst. Nicht, dass das noch wandert.. ist nicht un.. gefährlich.“

Unsere Hunde stehen sich unbeteiligt, aber resolut auf dem Trottoir gegenüber - zwei Weibchen, die sich gegenseitig der Teilnahmslosigkeit bezichtigen. Man hechelt sich an. Es ist Sommeranfang, seit Tagen über dreißig Grad. Wenn zwischendurch Wind aufkommt, schmiegen sich kochend heiße Tücher an die Haut. Der Hund der alten Dame, ein Pudelweibchen, sieht aus wie eine kleine dicke Frisörin, die Feierabend hat und froh ist, gleich daheim zu sein. Sie hat ganz rote Bäckchen, könnte man die Haut erkennen, unter dem Pudelfell.

„Was äh ist denn passiert?“ frage ich höflich.

Auch wenn ich die beiden noch nie gesehen habe: Wenn einem eine alte Frau erzählt, dass sie auf die Fresse geflogen ist, heißt es zuhören, Hilfe anbieten. Da habe ich so gelernt. Das gehört zur Basisausstattung. Schließlich könnte es auch die eigene Mutter sein, der so etwas zustößt, und dann möchte ich dich mal sehen!

„Was passiert ist!?“ jammert sie eifrig und fasst sich an die Backe. „Dahinten, wo es so eng ist, bei dem Haus.. mit den Schindeln, da ist.. es passiert.“

Sie wackelt, wie unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln. Oder unter Schock.

„Da ist.. der Gehweg so eng, da passt man als.. Fußgänger kaum allein drauf. Und da kommen mir zwei Mädchen entgegen..“

Frau Moll blickt zu mir hoch, mit diesem strengen, fast schon tadelnden Gouvernanten-Blick: He Chef, nun mach mal hinne, ich hab wirklich keinen Nerv hier stundenlang mit ner fetten kleinen Frisöse rumzustehen! So was Arrogantes, denke ich. Wo hat sie das bloß her?

Frau Moll legt sich im Schatten ab, um der Mittagshitze zu trotzen. Wie sie so daliegt, muss ich zweimal hingucken. Ihre Vorderläufe, wie lange Hasenpfoten. Queen of Klopfer.

"Aber meinen Sie, die machen Platz, die jungen Dinger?! Ja Puste.. kuchen. Nichts da. Da muss ich arme alte Frau schon auf die vielbefahrene Straße ausweichen, und schon ist es passiert..! Bleib ich mit dem Absatz an der Bordsteinkante hängen, und bums - lieg ich auf der Nase. Sind ja überall.. so ähm Schlaglöcher hier.. auf der Straße. Die von der Stadt machen ja.. was sie wol-len.“

Zornig dreht sie ihr Gesicht zur Seite.

„.. aber glauben Sie, die Mädchen hätten.. mir hochgeholfen? Im Leben.. nicht! Die treten noch drauf heutzutage, die jungen Dinger!“

„Na ja, sind ja nicht alle so..“, verteidige ich die Jugend von heute, ein Impuls, der mich stets überkommt, wenn Teenager etwas anstellen.

Die alte Frau hört gar nicht hin.

„Ich bin auf dem Weg zum Doktor, nicht, dass die Beule noch wandert. Ist so nah am Auge.. Ach, wenn doch nur meine kleine Micky dabei gewesen wäre, die hätte keinen an mich rangelassen, die hätte mich verteidigt. Nicht wahr, kleine Mikki?! Tapferes kleines Mädchen. Jetzt ist sie auch noch scheinschwanger geworden, von all der Aufregung.“

So direkt angesprochen, macht die Pudeldame einen Schritt zur Seite. Ihre rosa Zitzen schleifen über den Boden, wie Schnürsenkel, die zu lang und schlaff geraten sind. Dann wackeln Frau und Hund jäh davon, ohne sich zu verabschieden. Aber warum auch, schließlich kennen wir uns ja gar nicht.

Ecke Kasino- und Goerdeler Straße, in Höhe des alten Briefkastens, beziehungsweise wo früher einmal ein Briefkasten montiert war und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand an die alten Briefkasten- und Telefonhäuschenzeiten erinnert, falte ich den Brief ganz auseinander, der auf dem Boden gelegen hat.


Liebster,

wir haben gleich 4 Std. Deutsch scheiß Blockunterricht, und ich könnte soo wegpennen. Hoffentlich klappt das morgen mit Nico. Der ist ja dann sowieso wieder total bekifft. Na, wer kennt ihn schon anders.. Hauptsache, morgen abend klappt alles und wir können schön einen ziehen.

Bitte lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind, Liebster! Lass uns lieber zu den Laubenpiepern gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich.

So, jetzt muss ich wieder rein, Deutsch wartet. 4 Stund. scheiß Blockunterricht! Vielleicht hast du recht, und wir beide sehn uns zu oft, kann schon sein aber ich mag dich eben ganz doll. Nein, nein, nein: ich liebe Dich!! Bis morgen um 6 bei Nico.

Deine Nina

P.S.: War gestern noch mit Mel in der Stadt. Als wir nach Hause wollen, kommt uns eine alte Frau entgegen und fällt hin. Ich glaub, die ist umgeknickt mit dem Fuß. Die liegt da und fängt direkt an zu schreien, wir wären asoziale Fotzen, warum wir nur dastehen und ihr nicht helfen, dabei haben wir gar nichts gemacht, wir wollten ihr sogar hochhelfen. Danach nicht mehr natürlich. Mel hat dann noch so getan, als wollte sie ihr fett in den Arsch treten. Voll malle.
23.6.17 11:46


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