Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Bel Air




Ferientagebuch

 

2. August 1994



Boulogne-sur-Mer, Normandie. Die erste Nacht ausnahmsweise im Hotel verbracht, in einer Art Wasserbett, aber ohne Wasser. Während ich im Dämmerzustand das Doppelbett abwandere, alle Ecken, alle Positionen, schnorchelt die Gräfin friedlich vor sich hin, so erledigt ist sie von der Fahrerei.

 

3. August 1994



Am Strand, irgendwo hinter Boulogne-sur-Mer. Vor dem Hintergrund eines abgrundtief blauen Himmels beiße ich in eine dicke rote Pferdewurst. „Ja, bleib so!“ ruft die am Boden kauernde Gräfin und knipst gleich am ersten Strandtag DAS Erinnerungsfoto. In jedem Urlaub gibt es dieses Bild, wo sie mich von unten gegen den blauen Himmel fotografiert, was mir eine gewisse royale Würde verleiht. Und dieses Jahr steckt eine alarmrote Pferdewurst in meinem Mund, die eine Entscheidung nicht leicht macht: Ist das Ding nun lecker gewürzt oder einfach nur fettig und pervers.

Der Himmel dahinter ist knallblau wie mein früherer Lieblingspulli, als ich dreizehn war, oder vierzehn. Ich kam kaum rein in den Pulli, so schön knallblau war der. Ich stand vor Begeisterung jeden Morgen kurz vorm Ertrinken, wenn ich in den Lieblingspulli eintauchte. Er war von dem schönsten Hellblau, das mir je an den Körper geraten ist. Er duftete sogar blau.

Blau blau wie ich bin.

„Puh, die Knoblauchwurst riecht man noch hinten am Meer“, stänkert die Gräfin, als sie aus dem Wasser kommt und sich neben mir auf der Luftmatratze niederlässt. "Als hätte ein Stalljunge die Tür aufgelassen.“

„Zum Pferdestall?“

„Zum Schweinestall.“

„Ist aber vom Pferd, die Wurst.“

„Das sagst du. Bist du sicher?“

Na, das nehme ich doch an. Wenn ich dem mobilen Wursthändler Glauben schenken darf, der, wie ein Aushang an seinem Wagen mitteilt, jeden Vormittag den Campingplatz anfährt, um seine Spezialitäten an den Touristen zu bringen, handelt es sich um eine nordfranzösische Pferdewurstspezialität. Und ich bin ein erklärter Fan von Pferdefleisch, ein Kenner geradezu. (Das Bergische Land ist die deutsche Pferdefleischhochburg.) Und dann noch in diesem verwegenen Rot, oh, là, là - das animiert zum Kauf. Im übrigen sind wir in Frankreich, da sollte man kulinarisch schon mal eine manipulierte Blutwurst in Kauf nehmen. Oder nicht?

„Wenn du meinst“, meint sie.

Der Strand ist aufgeräumt und menschenleer, wie ein Schreibtisch.

„Wir können ja Volleyball spielen“, sagt sie, die Augen geschlossen, während sie in der Sonne trocknet. „Aber bei dir wird ja sowieso Fußball draus.“

Sie plappert fröhlich drauflos. Ich bin mundfaul. Schon auf der Hinfahrt gestern hab ich kaum den Mund aufgekriegt. Außer zum Husten. Die Gräfin ist gefahren, ich hab daneben gesessen, ab und zu hustend. „Na, hat man dir wieder lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung aufgebrummt?“ seufzte sie.

Es ist immer das gleiche in den ersten Tagen, wenn wir von zuhause fort sind. Ich bin schlecht gelaunt, weil ich einen Affen schiebe, zugegebenermaßen ein Äffchen, verglichen mit dem Affen von Junkies, die richtig drauf sind. Ich brauche zwei, drei Tage, dann bin ich wieder auf dem Damm und der Urlaub kann losgehen – für mich. Da ist die Gräfin längst angekommen. Da ist sie schon im See- und Sonnenmodus.

Morgens, noch im Hotel in Boulogne-sur-Mer, haben wir uns genau deswegen nach dem Frühstück so heftig gestritten, dass jeder für sich alleine weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich mit dem Zug, bis mir auffiel, dass ich in diesem Fall der Gelackmeierte gewesen wäre, da habe ich die Luft aus dem Streit allmählich rausgenommen. Soweit das noch möglich war.

„Du versaust ja nicht nur dein Leben", rief sie stinksauer, "nee, das reicht dem Herrn ja nicht! Du versaust auch mir den Urlaub! Was heißt mir! Uns!“

Was sollte ich darauf antworten? Nichts, und das machte mich erst recht zornig. Dann sind wir ein paar Kilometer aus Boulogne rausgefahren, durch französisches Surburbia, bis wir die Küstenstraße erreichten. Und plötzlich ist da diese unscheinbare Hinweistafel, die ich beinah übersehen hätte, wäre da nicht dieses elektrisierende Chez Suzanne gewesen, Camping Chez Suzanne.

„LIIINKS!!“

Der Campingplatz liegt auf einem windstillen (!) Plateau, kaum hundert Meter vor den Dünen. Wir zahlen 35 Francs die Nacht für Zelt, Auto, zwei Menschen und eine normannische Sonne, die mit einer Kraft auf uns niederbrennt, als hätten wir ein Gebirge im Herzen Afrikas erklommen. Phantastisch. Und nirgends ein deutsches Wort zu hören, nicht mal im Waschhäuschen beim Zähneputzen.

Nachteil: der Boden auf dem Platz ist so sandig, es ist, als würde man Fingerhakeln spielen ohne Gegner, so leicht lassen sich die Heringe aus dem Boden ziehen. Man müsste die Strippen beinah stündlich nachziehen. Weil dazu aber niemand Lust hat, man ist schließlich in Urlaub, stehen die wenigen Zelte da wie versunkene kleine Epochen.

Vormittags zwischen neun und zehn fährt die Boucherie den Platz an, der Wagen des Pferdemetzgers. Ansonsten ist hier nicht viel los. Nicht mal ein Strandpavillon gibt es am Strand, auf dem Camping keinen Mini-Markt, das Hinterland ist Zones Industrielles.

„Guck mal, Japaner“, staunt die Gräfin, begleitet vom Knautschen der Luftmatratze, als sie sich umdreht.

„Japaner?“ frag ich. „Wo?“

Ich glaub, ich hab noch nie Japaner am Strand gesehen.

„Ach nee, doch nicht. Sah nur so aus.“

Wir haben einen kleinen Joint geraucht, das entspannt die Situation. Andererseits bringt es alles durcheinander. Sie sieht Japaner, wo keine sind, und ich halte einen bunten Sonnenschirm, der in zwanzig Metern Entfernung in der Mittagssonne flirrt, für ein Zirkuszelt am Horizont. Dass es das nicht ist, merke ich erst im letzten Moment, als ich schon verblüfft ausrufen will, „dahinten, guck mal! Die bauen ne Manege auf!“

Allez.

Abends, auf dem Camping. Der normannische Wursthändler, der mit seinem dünnen Oberlippenbärtchen aussieht wie Monsieur Oberfritte persönlich, steht schon wieder da, an der selben Stelle.

„Hm, ich denke, der kommt nur vormittags. Da hab ich wohl was falsch verstanden“, sag ich.

„Vielleicht hast du das auch mit der Pferdewurst falsch verstanden, und das ist gar keine Pferdewurst“, sagt sie.

„Sondern?“

„Naja, wenn man das Rot so isoliert betrachtet.. ich würde auf Pavian tippen. Pavianarsch.“

Als könnte ich kein Pferdefleisch von Affenfleisch unterscheiden, als gelernter Pferdefresser.  Wie schon erwähnt, das Bergische ist einer der wenigen Landstriche, wo es noch ganz natürlich ist, sein Pferd aufzuessen, wenn es tot im Stall liegt. Jeder Winkel hat seinen speziellen Pferdemetzger, der Pferdegulasch anbietet. Oder Fohlengulasch, was noch zarter ist, Pferdesauerbraten, Pferdewürstchen, Pferdegehacktes, eben alles, was es von anderen Speisetieren auch so gibt. Die Geschäfte laufen nicht schlecht.

Eine gewisse lokale Berühmtheit erlangte ein Triebtäter, der keinen Hehl daraus machte, was ihn am meisten erregt: Er träumt davon, nachts in ein frisch geschlachtetes Pferd zu steigen und sich darin zu wälzen, wie in einer blutwarm ausgekleideten Speisekammer.

Das war aber niemand aus unserer Gegend.

„Beim Metzger gibt’s morgen früh irgendwas mit Schokolade“, versteh ich spät am Abend die letzte Lautsprecherdurchsage, die über den Zeltplatz scheppert.

„Untersteh dich“, meint die Gräfin.


 

4. August 1994



Das war ja klar. Sonnenbrand an den Waden, als hätte ich die halbe Nacht am Lagerfeuer gesessen, ohne zu merken, dass ich mittendrin sitze. Mit Lagerfeuern bin ich fertig.

„In dreißig Jahren wird deine Haut ihr welkes Köpfchen heben und dich anklagen: Weißt du noch, damals in der Normandie, als du dir den bösen Sonnenbrand geholt hast?“ unkt die Gräfin. Dabei hat sie selber ein lobsterrotes Näschen.

Ich hocke schlechtgelaunt vorm Zelt und will den ersten Espresso dieses Urlaubs anblasen, und dann funktioniert es nicht. Kann gar nicht funktionieren. Wir haben zwar an den Zwei-Flammen-Kocher gedacht, nicht aber an die dazugehörige Gasflasche, die steht schön zuhause im Keller.

„Was ist los?“

„Wir haben das Propangas vergessen.“

Ohne Kaffee im Bauch, aber die Waden geröstet fahren wir nach Boulogne rein, suchen ein geöffnetes Cafe. Um diese frühe Uhrzeit hat keins auf. Also, erstmal Geld wechseln in der Bank. Den Brustbeutel meines Vaters, Running Gag jeder Ferienfahrt, frisch aufgefüllt mit 2600 Franc, klappern wir das Industriegebiet nach einem Cafe ab, finden nur einen Mamout, einen Supermárche mit Tiefkühltruhen, riesig wie Strafräume. Es gibt 38 Sorten Toilettenpapier und einen Sonderposten Briefumschläge in der Camping-Abteilung. Wir erstehen, die Nerven blank, besonders ich, Klopapier, Propangas, hundert Briefumschläge und eine Luftmatratze.

Nachmittags, am Strand.

Die Sonne lässt sich nicht blicken, eine solide Wolkendecke hat sich eingefunden und macht alles grau. Heiß ist es trotzdem. Die Strand-Franzosen spielen Boule. Wir liegen doof rum.

"Technicolor ist ein schönes Wort", sag ich.

"Ist ein männliches Wort", sagt sie.

"Echt? Findest du?"

"Ja. Na ja, ein feminines Männerwort. Ein echtes Männerwort ist Dampfmaschine. Oder Baustoffhandel. Startguthaben. Überhaupt alles, was mit Start und Ziel zu tun hat, ist männlich."

"Dann sag mir mal ein weibliches Wort. Karamell?"

"Ja. Aber eher ein Klischeewort. Aber Tannennadeln. Oder Kissen, das ist auch ein schönes Frauenwort."

"Küssen auch?"

"Küssen ist neutral. Luft ist feminin. Hase, Ferse. Gras ist auch weiblich, Wiese männlich."

Am Abend, in einem Landgasthof für Lastwagenfahrer, einem Routier, gibt es nur ein einziges Menu, Pulle Rosè dabei. Zum Nachtisch wird ein Karamel-Grießbrei gereicht. Ich traue dem Braten nicht, der sich als Brei tarnt.

„Da tummeln sich unter Garantie unsere kleinen Freunde drin“, sag ich.

Unsere kleinen Freunde - unser Code für Salmonellen. Seit ich von Kalli, einem Nachbarn daheim am Kannenhof, erfahren habe, dass die Lähmung seiner rechten Körperhälfte Folge einer lange zurückliegenden Lebensmittelvergiftung ist, bin ich vorsichtig geworden mit Eierspeisen in der Fremde, aber auch in der Heimat.

„Das hast du aber schon lange nicht mehr gesagt“, staunt die Gräfin.

„Was?“

„Na, unsere kleinen Freunde.“

„Aber gedacht.“

„Ach so.“

Wir sind die einzigen Gäste. Madame, sie trägt Blümchenkittel, ist Köchin, Zapfanlage und Bedienung in einer Person. „Voila, Monsieurs, Dames..!“ Eine freundliche französische Schlampe. Wir tragen den Karamelhügel samt und sonders ab, und dann ab durch die Mitte. Das Leben, eine Mixtur aus kleinen Geheimnissen und Leere.


 

5. August 1994



Scheiße, sind wir genervt. Der Kampf mit dem Einschlafen dauert und dauert. Erst bin ich es, der die harte neue Luftmatratze einliegen muss, und obwohl ich in unregelmäßigen Abständen Luft aus der mittleren Kammer entweichen lasse, um der Härte die Spitzen zu nehmen, kriege ich keine vernünftige Schlafposition hin. Die Gräfin fightet derweil auf ihrer (ebenfalls neuen, noch in Deutschland gekauften) Iso-Matte, bekommt aber kein befriedigend hohes Kopfkissen gebaut, tragisch: sie hat eh schon Kopfschmerzen. Und bei Kopfschmerzen das Gefühl zu haben, der Kopf liege bergab, das ist so, sagt sie, als sammle sich der ganze Schmerz im Hinterkopf, wo er eine klopfende Ursuppe bildet.

Ich war ja gleich skeptisch gewesen, beim Kauf der Iso-Matte.

„Ist doch viel zu hart.“

„Ach was, auf so Dingern hab ich früher prima geschlafen.“

„Früher, ja klar, da warst du achtzehn, da pennt man zur Not auch auf einer Musikbox ein, die knochenlaut Nirvana spielt.“

Dennoch, sie bestand auf den Kauf einer Iso-Matte statt einer Luftmatratze. Mitten in der Nacht Tauschaktion im engen Zelt. Ich nehme die Iso-Matte, sie die neue französische Luftmatratze, und tatsächlich finden wir beide noch etwas Schlaf.

Am Morgen gießt es in Strömen, es blitzt und es donnert. Wir sitzen im Wagen, der gleich neben dem Zelt parkt. Während sie im Buch schmökert und gelegentlich kichert, versinke ich auf dem Beifahrersitz in Agonie. Was hab ich hier überhaupt zu suchen? Tief in meinem Innern wünsche ich mir, nie wieder von zu Hause fort zu müssen. Ich hasse Ferien. Ich hasse Urlaub, ich hasse die Normandie, la douche, die Dusche, wie die Einheimischen ihre Region getauft haben. Der Regen prasselt aufs Autodach.

„Na, nun komm schon, ist der vierte Tag heute“, sagt sie und schaut mich freundlich an. „Ab morgen wird’s besser. Der vierte Tag ist immer dein schlimmster. Dann geht's aufwärts. Weißt du doch.“

„Mh“, brumme ich.

So ein kleines Näschen Schore würde die Sache schon regeln. Gibt aber nirgends Näschen hier. Nur scheiß Regen. Und Warten auf morgen. Immer nur Warten, immer auf morgen. Neben uns bricht eine belgische Jugendgruppe ihr großes militärgrünes Gemeinschaftszelt ab. Sie waren nur eine Nacht hier.


 

6. August 1994



Samedi. Zur Abwechslung, und da es sich mittags sowieso bewölkt, fahren wir ein paar Kilometer die Küste runter bis Hardelot, einem Tourikaff mit großen Appartementklötzen an der Strandpromenade. Vorteil: es reiht sich Nougatbude an Nougatbude. Immerhin sind wir schon den fünften Tag in Frankreich und haben noch nicht einen einzigen Crepes gegessen. Keinen Crepes avec Choco, keinen Crepes avec Chantilly. Oder mit Cognac. Auch mit Cognac nicht.

Als die Sonne rauskommt, gehen wir zum Strand runter. Der Strand von Hardelot ist ein Dorado für Winddrachen, Pilots genannt, die durch die Luft brausen wie Mopeds. Wir machen Brotzeit. Haben zuvor bei Monsieur Oberfritte, dem Caravan-Metzger, Würstchen (vom Schwein) und Schinken eingeholt, dazu saftige Tomaten.

Nach der Brotzeit verschwindet die Gräfin ins Wasser und überlässt mir ihren Walkman.

„Hm, ist das denn?“ bin ich irritiert, als ich reinhöre.

„Gustav Mahler."

Klingt wie ein Klassik-Tatort. Dramaturgie: Ein Ferienwochenende auf dem französischen Land, der Mord geschieht bei der Fasanenjagd, der lockige Postillon bläst Alarm. Ich winke der Gräfin zu, die sich in die Wellen stürzt wie ein kleines Mädchen, schau, was ich alles kann! 

„Das Wasser ist soo klasse, du musst auch mal rein!“

Ein Samstag am Meer. Jedem Hautarzt laufen die Geschäfte im Mund zusammen. Überall Krankenscheine. Meine Waden kann er gleich mit draufpacken.
Rückfahrt zum Zeltplatz. Unterwegs stoppen wir an einem alten Chateau mit dazugehörigem Reiterhof, weil die Gräfin Pferde so gern mag, den Geruch von Schweiß, Hufe und Stolz.

"Pferde haben so einen tröstlichen Körper, davon wissen die meisten Jungs gar nichts. Das Striegeln, der glänzende Leib. Der Traum jedes wilden Mädchens ist es, sich in der fliegenden Mähne eines Schimmels festzukrallen, während man die weiten Ebenen der Mongolei abreitet, am Horizont die nächste Jurte."

Um die Ecke ist ein Supermarché, wo wir eine große gegrillte Poularde erstehen, die wir, auf Chez Suzanne angekommen, im Windschatten unseres Zelts halbieren und heiß verputzen.

Am Abend ist Ramba Zamba, wie das so üblich ist, Samstagabend in Frankreich. Am Eingang des Campingplatzes wird eine Minikirmes aufgebaut, ab 20 Uhr spielt eine rollende Discotheque zum Technotanz auf für die ganze Familie, niemand bleibt im Abseits. Die Gräfin und ich machen daraus eine Nougatfete. Drei Crepes für jeden, eine Tüte türkischen Honig, zwei Bierchen und dann ab ins Bett. Ich komme zu früh, und schlafe zu spät ein.

In der Nacht weckt uns ein Fauchen an der hinteren Zeltwand, ein Prusten, direkt über unseren Köpfen. Da ist ein Dachs am Ackern, oder ein Igel, wir warten nur darauf, dass der Reißverschluss runtergerissen wird und ein gieriger Rüssel fährt in unsere Schlafsäcke und schleckt das Blut aus uns heraus.

 

10. August 1994




Als der Regen nachlässt, gehen wir endlich was essen. Gleich gegenüber vom neuen Zeltplatz liegt dieses exklusive Restaurant, in einem alten normannischen Herrensitz. Ich wähle das erstbeste Touristenmenü, ein Entrecôte, die Gräfin irgendetwas mit Huhn.

Dafür, dass es hier so gediegen aussieht, trampelt die Serviererin ganz schön mit dem Geschirr durch die Gänge.

"Madame!" weise ich sie zurecht, ihr Blick flackert wie ein defektes Lämpchen in all dem Glitzer.

"Ich guck mir mal das Klo an", sag ich zur Gräfin, "ob das besser ist als auf dem Campingplatz."

Das ist nämlich eine ziemliche Scheißbude. Hier dagegen: gediegen. Eine kleine Salonmusik streicht aus unsichtbaren Lautsprechern durch die gekachelte Stube, selbst die Pissbonbons duften so exotisch, man möchte die Zunge herausholen.

Nachdem ich die Kloschüssel vollgeschissen habe, gerate ich in Panik, weil die Wasserspülung nicht funktioniert. Ein ums andere Mal drücke ich die Taste am WC-Kasten, aber es kommt kein Wasser raus, der Haufen liegt da wie ein Monument der Unverschämtheit, unverrückbar, bis ich endlich dieses Ventil entdecke, das man erst öffnen muss, um das Schiffchen versenken zu können. Den Flottenverband. Von außen drückt jemand schüchtern die Türklinke.

"Non!!" rufe ich. Noch nicht! Moment noch!

"Ich hab ein Engelchen gekackt mit nem Rucksack hinten drauf", demonstriere ich der Gräfin hernach am Tisch meinen Stuhlgang, leicht untertrieben, doch sie will davon nichts hören. Sie ist mit den Gedanken woanders. Sie hat Hunger.

"Hoffentlich kommen die bald mal mit dem Huhn um die Ecke", scharrt sie ungeduldig mit den Füßen, und tatsächlich - wie aufs Stichwort fährt das Trampel die Vorspeise auf, einen großen Rohkost-Salatteller, den wir zügig abarbeiten. Selbst von den Salatblättern, die zur Garnitur beiliegen, bleibt kein einziges übrig.
 
Der Hauptgang wird aufgetragen. Der - bitte was?! Hauptgang? Die Portionen sind so mini, wir schubsen die Erbsen einzeln auf die Gabel, damit wir wenigstens das Gefühl haben, es läge was auf dem Teller. Ich bin permanent am Brotnachbestellen.

"Madame!"

Allmählich wird ihr Gang grantig. Am reichhaltigsten kommt bei diesem Menu noch der Rosé rüber. Dazu wird eine reizende Salonmusik von Band gespielt, die mir bekannt vorkommt.

"VOM PISSPOTT UNTEN!“ rufe ich beschwipst. "Pissbude hier!"

Na endlich. Der Sommerurlaub kommt in Schwung. Dazu das Licht aus den Kronleuchtern, das Sehnsucht nach eleganteren Zeiten weckt, nach älteren Zuständen. Das warme Lux setzt die Gräfin perfekt in Szene, ihr schlichtes weißes Minikleid, die Haut braungebrannt. Sie sieht großartig aus. Eine wunderschöne Frau. Zum Dessert gehe ich auf Nummer Sicher mit einer Mousse-au-Chocolat, während die Comtesse die Käseplatte wählt.

"Wie superb du aussiehst", sage ich beduselt vom Wein, "in dem weißen Mini."

"Du meinst das lange Unterhemd hier? Das ist von deinem Opa."

"Dann erst recht!"

Als die Käseplatte kommt, sind da so viele Spezialitäten drauf, dass sie richtig böse wird. Sie kann sich nicht entscheiden, was sie zuerst probieren soll. Das bringt sie in Rage.

"Sonst genierst du dich doch auch nicht so!" werfe ich ihr beiläufig vor. "Das ist doch nur verstorbene Milch, dein Käse da. Ist doch nichts besonderes. Nun nimm schon."
Von da an befinden wir uns in einem lautstarken Disput. Ein Wort gibt das andere, an den Nebentischen wird missbilligend gemurmelt. Als ich die Rechnung begleiche, kriegt das Trampel keinen Sou Trinkgeld. Blöde Kuh.

Noch auf dem Rückweg zum Zeltplatz, die Fresserei hat Unmengen Kohle gekostet, fetzen wir uns wie lange nicht mehr. Sie verschwindet beleidigt ins Waschhäuschen, ich auf den Beifahrersitz des Fiats, bis Gewitterblitze über dem Atlantik jagen und wir endlich, erschöpft von gegenseitigen Vorhaltungen, im Zelt "rien ne vas" murmeln.

Plus.


 

12. August 1994



"Du bist ein Springer", sagt sie morgens im Zelt. Ich hab Espresso gekocht, wir frühstücken gemütlich auf der großen Matratze. "Jahrelang machst du gar nichts, du liegst Amok im Bett, du verknöcherst, du kriegst Atemnot vor lauter Nichtstun, doch plötzlich - innerhalb von vierzehn Tagen - krempelst du dein ganzes Leben um. Sa-gen-haft."

"Ist wahr?"

"Nö. Aber du könntest so sein. Du könntest ein Springer sein."

Morgentoilette auf dem nächsten Mini-Camping. Wir sind die Küste wieder ein Stück hochgefahren. Ich steh im Waschraum, neben mir ein drahtiger Däne, um die fünfzig. Seit zwanzig Minuten putzt er seine Zähne. Immer im selben Rhythmus. Links, Mitte, rechts. Links, Mitte, rechts. Dann alles von hinten, links, Mitte, rechts. Und zurück das ganze.

Seine beiden Jungs stehen neben ihm, und glotzen zu mir hinauf. Meine Locken sind ein undurchdringlicher Urwald, ich brauche für meine Zähne 15 Sekunden. Werfe mir eine Ladung Wasser ins Gesicht und mache, dass ich rauskomme.

Zuydcote heisst das vergessene Kaff, 30 Kilometer vor Calais. Wir liegen im Sand-schuhfach. Mir quillt ein Stück Sack aus der Badehose.

"Mach mal weg da", meint die Gräfin.

Ich trinke Bier Pelican de Pelforth, das französische Prolobier in der 1-Liter-Flasche mit Porzellanverschluss. Einen Tag vor dem Nationalfeiertag fangen auch die Franzosen schon mittags an, Bier zu trinken und Pastis. Am Abend grölt es vereinzelt aus belgischen Wohnwagen. Hinter unserem Zelt beginnt eine breite begrünte Düne, in der sich die Jungs abends verstecken und auf deutsch "Ficken!" spielen, sie stöhnen und kichern, und wenn Camper vorbeigehen, legen sie noch einen kichernden Zahn zu.

Heute machen wir einen Ausflug.

Der kürzeste Fluss Frankreichs entspringt und endet in Veules-les-Rose, er ist genau 1100 Meter lang. Käseverkauf vor Ort. Das kleine Seebad liegt geschützt im kleinen Veule-Tal und ist besonders im höher gelegenen Teil sehr idyllisch. Malerisch. Es gibt Mühlen, Villen und Häuser aus Feuerstein. Und hunderttausend Rosen.

Der Campingplatz, den wir ausnahmsweise für einige Nächte im Voraus zahlen, heißt Les Mouettes. Die Motten, wie wir das übersetzten, wegen den unglaublichen Batzen an Nachtfaltern, die sich nach Anbruch der Dunkelheit an den platzeigenen Laternen knubbeln.

Kreidefelsen, Alabasterküste. Kleine Badeorte.


 

19. August 1994



Ich sitze seit einer Stunde im Fiat, Schiebedach und Türen weit aufgerissen, und gaffe über den Campingplatz.

"Sei nicht immer so muffig", meint die Gräfin.

Wir sind schon den sechsten Tag hier. Es ist windig und bewölkt, Kondenswasser sprenkelt das Land. Eben im Zelt hat die Gräfin verbittert festgestellt, welch infektiöses Material sie belutscht, wenn sie mich küsst. Ich bin fertig mit der Normandie.

Irgendwo blubbert Nudelwasser.

"Merde!" brüllt ein alter Franzose und humpelt auf Krücken über den Kiesweg, als habe er Schluckauf in den Beinen. "Merde, merde!!"

Er schreit weiter und humpelt davon und ich habe keine Ahnung, worum es bei der Schreierei geht. Die Franzosen, die vor ihren Zelten und Wohnwagen sitzen, kümmern sich nicht um den alten Schreihals. Auch die Gräfin zuckt ratlos mit der Schulter.

"Vielleicht hat er die Scheißerei. Deinem Bruder schmerzen doch auch immer die Oberschenkel, wenn er aufs Klo muss."

Gegenüber von uns zelten Jugendliche aus dem Großraum Lyon in einem geräumigen silbernen Raumschiff. Sie lassen sich so gut wie nie blicken, man hört sie nur. Man hört sie sogar sehr gut. Jedenfalls wir als unmittelbare Nachbarn sind gesegnet von Lyoner Frohsinn. Ein Jugendlicher stimmt seine akustische Klampfe und beginnt eine Art Ententanz auf Französisch. Alle singen mit.

"Sind die fertig", stöhnt die Gräfin.

Sie liegt neben unserem schief aufgebauten Zelt auf der Luftmatratze und schmökert in dem einzigen verdammten Buch, das wir nicht zu Hause vergessen haben.

"Spannend?" frag ich.

Sie reagiert nicht.

Ich blicke muffig durch die Windschutzscheibe.

Dummerweise haben wir heut Morgen in einem Anfall guter Laune unseren Stellplatz um eine weitere Nacht verlängert, und das nur, weil die Sonne mal zwanzig Minuten über die Küste geschielt hat. Seither ist sie wieder verschwunden. Die stecken alle unter einer Decke hier. Die Sonne, der Zeltplatzbetreiber und natürlich Bernadette, die Köchin und Inhaberin von Chez Bernadette.

(Kaum haben wir eine weitere Nacht bezahlt und die Quittung ausgehändigt bekommen, geht ein Platzregen runter, der frappierend an ein heftiges Gelächter erinnert.)

"Da kommt noch so eine schwarze Wolke angerauscht!" meint die Gräfin.

"Oh ja", sag ich und schau mir die Formation durch die Windschutzscheibe an.

Ich würde heut Nacht lieber im Hotelbett liegen, aber wir haben schon verlängert auf dem Zeltplatz. Camper schlendern über den Kiesweg in Richtung Waschhäuschen. Das Knirschen der Camper ist allgegenwärtig. Dänen und Holländer fallen auf, weil sie besser angezogen sind. Die Einheimischen sind erfrischend schmuddelig.

Gleich hinter den Dünen steht ein verlassenes Sanatorium aus rotem Backstein. Einheimische Kinder ziehen mit Netzen bewaffnet in die Wellen, weit und breit sind keine Eltern zu sehen.

"Mallorca war schöner", meint die Gräfin.

"Wie, schöner?"

"Na, schöner. So vom Wort her."

Schöner gibt einen anderen Sinn von Wirklichkeit.

"Was schwebt dir denn vor?" sag ich. "Bildungsurlaub und 'n Arsch voll Muscheln?"

"Zum Beispiel."

Gestern sind uns am Strand zwei Jungs nachgelaufen. Einheimische Jungs, zehn, elf Jahre alt, mit kirschlutscherverschmierten Mäulchen. Woher wir kommen, wollten sie wissen.

"America", habe ich gesagt.

Hey. American. Wie wir heißen.

"Bel Air", habe ich mich vorgestellt.

Und wie zum Beweis, dass wir waschechte Amerikaner sind, hab ich "YES, SIR, I CAN BOOGIE" nachgelegt, über den ganzen Strand hinweg. Aber da waren die Jungs längst schon weg.

Auf dem Zeltplatz sind jede Menge versehrte Hunde unterwegs. Mischlinge hauptsächlich, die nur ein Auge haben oder drei Beine und humpeln. Ein Kleinkind, allein gelassen, schreit wie am Spieß, bis die Mutter, auch sie humpelt, angehumpelt kommt und das Baby auf den Arm nimmt. Sie hat ein steifes Bein.

"Ganz Nordfrankreich humpelt. Von Crêpe-Bude zu Crêpe-Bude", sag ich.

Humple ich nicht auch ein bisschen? Hat sie nicht mal so was gesagt? So was in der Richtung? Das bedarf einer Klärung. Nein. Sie streitet alles ab. Ich würde auf eine Art durch die Gegend latschen, als hätte jemand Cowboystiefel in meinen Unterleib montiert, das hätte sie gesagt. Dabei hab ich in meinem ganzen Leben noch nie Cowboystiefel getragen.

An anderen Tagen, sagt sie, marschiere ich wie durch tiefen Morast, wobei ich die Schuhe schwungvoll nach hinten werfe, als wolle ich alle Brücken hinter mir abreißen: brennen sollt ihr, eiserne Bräute! Ich meine ja nur. So was gibt's eben auch, so Tage. So komische Gang-Tage. Da hat sie durchaus Recht. Als wäre ich meine eigene kleine, erregt plappernde Indochina-Straßengang.

Ich sitze im Fiat. Ich würde jetzt gern was Musik hören, irgendwas, Johnny Guitar Watson meinetwegen oder Al Green, oder Gil Scott-Heron (And now it's time to gather all the things we need to fly), aber die Autobatterie ist fast am Ende, und das alte Blaupunkt-Kassettendeck eiert sowieso. Das hat schon geeiert, als wir uns vor Jahren kennengelernt haben.

"Alter Muffkopp", hebt die Gräfin ihren Blick über den Buchrand, als lese sie meine Gedanken. "Das war doch ein ganz anderes Auto. Das war doch nicht der Fiat hier."

Na und. In jedem ihrer Autos eiert das Kassettendeck. Ist das meine Schuld. Sie schleppt sich neben mich, auf den Fahrersitz, und lässt sich fallen.

"Ist das langweilig."

"Was?"

"Na, alles. Das Buch."

"Kannst du es mir ja geben", mach ich einen vorsichtigen Versuch, an etwas Lektüre zu kommen.

An der Cote d'Azur, im Elsass, in Paris, in Marseille - überall gibt es deutsche Bücher zu kaufen, aber in diesem verhumpelten Kaff in Nordfrankreich? Vergiss es.

"Nichts da. Das lese ich zu Ende, und wenn es noch so langweilig ist."

Sie ist eine zwanghafte Leserin. Die Gräfin ohne Buch, das ist wie ich ohne Schwierigkeiten - nicht darstellbar. Was soll's. Ich roll mir eine Kippe, mit ein bisschen Marihuana drin. Die Gräfin will auch mal ziehen.

"Tu her, American."

"Aber nicht heißrauchen!" drohe ich.

Schräg gegenüber wohnen die Belgier. Eine Familie aus Gent. Die belgische Mutti kommt raus an die Sonne und stellt ihr Stühlchen vor den Wohnwagen.

"Jaah, Mutti, stell du schön dein Stühlchen raus!" feuert die Gräfin sie an. Gerade mal laut genug, damit ich es verstehe, die drollige Mutti aber nur ein Zischeln hört. Als würde eine Schlange durchs Gras kraxeln. Wir kommen langsam auf Touren. Amüsieren uns über die großen Lyoner Jungs, die erstmals ihr silbriges Raumschiff verlassen und mit Schäufelchen und Eimer zum Strand ziehen.

"Die sind doch bestimmt schon siebzehn", wundere ich mich.

"Na und. Lass sie doch."

"Natürlich lasse ich die siebzehn sein. Ich geh doch jetzt nicht da rüber, nehme denen Schäufelchen und Eimer aus der Hand und sag, ihr seid doch schon siebzehn! Geht gefälligst fummeln!"

"Nee, das verstehen die ja gar nicht. Das musst du schon auf Französisch sagen."

"Moment.." Ich hole Langenscheidts Universal-Wörterbuch aus dem Handschuhfach. "He, das ist ja Niederländisch-Deutsch. Ist ja gar nicht Französisch."

"Echt?"

"Ja. Wir haben das falsche mitgenommen."

Fällt uns ja früh auf, nach mehr als vierzehn Tagen Urlaub.

"Haben wir überhaupt irgendetwas mitgenommen?"

"Hm. Guck mal unter fummeln", sagt sie.

"Auf Holländisch?"

"Auf Holländisch."

Ich suche fummeln auf Holländisch: Friemelen. Frunniken. Und jetzt? Was sollen die Franzosen mit Friemelen, Frunniken. Die Gräfin hat längst vergessen, worum es geht. Vom Kiffen fühlt sie sich wie in den Autositz genagelt.

"Wenn ich hier gleich aufsteh, pappt mir der Sitz am Hintern. Da bleib ich besser sitzen."

Da passiert es. Die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken. Kaum zu fassen.

"Siehst du", fühlt die Gräfin sich bestätigt, "man muss nur wollen."

Es dauert keine zehn Minuten, und wir sind mit Sack und Pack zum Strand runter, der gleich hinterm Proletarier-Camping beginnt. Hier in Zuydcote, fünfzig Kilometer hinter Boulogne-sur-Mer, wurde ein berühmter Kriegsfilm gedreht. Nicht nur das. Die Aliierten sind hier tatsächlich angelandet. 1945.



"Soll ich?"

"Willst du?"

Die nächste kleine Marihuana-Zigarette. Wir liegen in den Dünen. Es knirscht. Sand ist der heimliche Herrscher über Ferien. Selbst unter der Vorhaut knirscht es.

"Und in den seitlichen Frauentaschen aber auch", meint die Gräfin.

Der Strand ist weit und menschenleer, so wie mein Notizbuch. Gleich hinter den Dünen steht ein großes verlassenes Sanatorium aus rotem Backstein. Man kommt sich vor wie in einem Film Noir aus den Fünfzigern: Immer Ebbe, das Meer weit weg, Menschen Fehlanzeige.

"Hoffentlich ist das Wasser bald hier", meint die Gräfin, "ich muss mal."

"Mach doch in die Dünen."

Sie ist zu faul aufzustehen. Auch in der Nacht hält sie das Pinkeln auf, so lang es geht, weil das Waschhäuschen auf dem Camping eine halbe Weltreise entfernt ist, während ich gleich hinterm Zelt, in den Büschen, ein Urinal aufstelle, mit einfachsten Mitteln: hinpissen.

"Es muss doch eine Möglichkeit geben, ein Getränk aufzunehmen ohne es gleich wieder über die Blase abgeben zu müssen. Wieso erfinden die da nichts?" sagt sie. "Aber funktioniert ja sowieso nicht. Hab ich spätestens am dritten Tag die Nieren-Kollaborateure im Haus. Alles Quatsch."

Es bewölkt sich wieder. Ein paar Tropfen fallen. Dicke Dinger. Das war klar. Die stecken alle unter einer Decke hier.

"Kann auch sein, dass auf unserem Planeten gerade wieder zu viele Menschen auf einmal reden", stellt die Gräfin eine ihrer in den Sommerferien entwickelten Theorien vor: Beim Reden sondern die Menschen jede Menge Kondenswasser ab, das, abhängig von der Menge der Worte, zum Himmel hinaufsteigt, wo es sich sammelt und abregnet.

"Wir ersaufen in unserem eigenen Gequatsche."

Das Marihuana haben wir noch auf dem Hinweg in Zeeland gekauft. Ein böses langanhaltendes Neonlichtgewächs, das die Gräfin zum Komponieren von Chansons anregt. Nur so viel sei verraten: Das Niveau singt. Als die Wirkung etwas nachlässt und die Sonne sich verabschiedet, laufen wir eine Runde am Strand entlang. Ich bin mundfaul wie ein gestresster Engländer. Ich fühle mich sogar zu alt, um anzuhalten.

"Platz da!"

In der Nacht lauschen wir den Luftmatratzen. Es krumpelt in tiefsten Tönen, wenn die Camper sich im Traume wälzen.

27.5.17 07:13


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