Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Noord-Brabant

                                                     

 

Im Juni 2012, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, packten wir den Hund und unser neues großes Zelt in den Wagen und fuhren Richtung Zeeland.

Autobahnring Antwerpen. Überall Krater auf dem Asphalt, ein einzelner Kinderschuh, eine überfahrene Katze, die im Tod aussah wie gebügelt, und jede Menge Spurrillen, bösartige belgische Spurrillen. Alle paar Meter machte es RRAKKKKKKKKSCHH!!, ein Geräusch, als würde unser Wagen quer über die Betonquader in den Gegenverkehr geraten. RRRRRRRRRRRAKK-KATATSCHRRRRRRRRRRRRAKK!

"Stimmt doch gar nicht. Das mit der überfahrenen Katze war noch in Holland, nicht in Belgien", berichtigte sie mich, stimmte mir aber grundsätzlich zu. "Mit so ner ollen Karre sollte man keine belgische Autobahn fahren. Jeden Moment kann die Achse brechen, oder die Räder krachen einem zur Seite weg."

"Sag mal, wieso steht da Turnhout acht Kilometer?" wunderte ich mich. "Turnhout haben wir doch längst hinter uns."

"Belgien darfst du nicht so ernst nehmen, Belgien ist Comicland. Schau mal nach oben, sogar der Himmel ist hier wie im Zeichentrickfilm."

Ich blickte durch die Windschutzscheibe. Was ich sah, erinnerte eher an skandinavische Dunkelkrimis: finster, das Firmament. Wallander hatte schlechte Laune.

"Aber warum steht da Turnhout 8 KM, wenn Turnhout längst vorbei ist?"

"Weil Belgier alles tun, wonach ihnen der Sinn steht. Wenn ein Beamter in Brüssel meint, ich knall denen da unten in Brabant an Kilometerstein 67 ein Schild an die Autobahn, TURNHOUT 8 KM, auch wenn Turnhout längst vorbei ist, dann tut er das eben, einfach, weil er Bock darauf hat."

Ich war angetan, ich war durchaus angetan von Belgien, ich war begeistert. Wenn auch noch nicht ganz überzeugt.

"Liegt Turnhout denn wirklich acht Kilometer hinter uns?"

Sie seufzte. "Du musst es wieder ganz genau wissen, he? Keine Ahnung. Guck doch auf der Karte nach."

Auch wenn wir uns im Jahre 2012 befanden, wir reisten immer noch wie die Neanderthaler, ohne elektronische Sprachanweisungen und 3 D-Ansichten, nur mit Faltkarte auf dem Schoß. Mit dem Zeigefinger suchte ich die Karte ab. Ich suchte erst Antwerpen, dann Turnhout, dann schätzte ich die Entfernung ab zwischen beiden Punkten: acht Kilometer vielleicht. Ja, das könnte hinhauen. Ich pfiff kurz auf.

"Cool."

                                                  *

Dem Hund, einem erklärten Autohasser, hatten wir auf dem Rücksitz ein muckeliges Plätzchen gebaut, mit Lieblingsdecke und etwas Dörrfleisch vor der Nase, um ihm die Hinfahrt halbwegs schmackhaft zu machen, doch es brachte nicht viel. Anstatt sich hinzulegen und eine Runde zu schlafen, während Sanne uns sicher von Ort zu Ort kutschierte, ohne die Autobahn je zu verlassen, hockte er aufrecht wie eine Steinskulptur auf dem Rücksitz und hechelte nervös. Nur gelegentlich quetschte er die Schnauze aus dem Seitenfenster, das einen Spalt weit geöffnet war.

"Mach endlich Platz, Molli", sagte ich.

"Lass sie doch", sagte Sanne.

Ziel war das niederländische Cadzand, unweit von Knokke, auch bekannt als Nur Knokke-Heist heisst Knokke-Heist, wie wir 1991 schon witzelten, bei unserem ersten Besuch in der Gegend.

Es standen drei Campingplätze zur Auswahl, die Hunde akzeptierten und nicht weit entfernt vom Strand waren. Het Platte Putje in Groede, 2009 zum grünsten Dorf Hollands gekürt, ein Mini-Camping auf einem Bauernhof ohne Namen, und, unser Favorit, Camping De Hoogte, zwischen Nieuwsfliet und Cadzand.

Es ist früh am Nachmittag, als wir De Hoogte ansteuern, und es regnet leicht. Es fisselt, sagt der Solinger.

"Wir sind endlich mal nicht in Solingen", mault Sanne, "und was tut der Herr? Erzählt den Leuten, wie es in Solingen auf Platt heisst, wenn es Bindfäden regnet."

"Ich seh keine Leute."

"Siehst du, noch nicht mal das."

Ein paar Kilometer weiter bessert sich ihre Laune.

"Du bist ein unerschöpfliches Reservoir an Einfällen", sagt sie, auch wenn ich stark vermute, dass sie es ironisch meint. "Hoffentlich versiegt das Reservoir nicht ausgerechnet in diesem Urlaub."

"Dann bin ich weg", sag ich.

"Ich auch", sagt sie.

 *

Die Nordsee gilt seit meinen Kindheitstagen als Allheilmittel gegen körperliche Schwächezustände und Fehlentwicklungen jeglicher Art, aber diesmal liegt die Sache nicht so einfach. Ein Infarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man lange Strandspaziergänge unternimmt und salzige Meeresluft einatmet.

Vielleicht war die Idee nicht so gut, kurz nach dem Einbringen von drei Blutgefäßstents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren.

Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für seine blauen See-Disteln und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das eindringende Wasser hin-und her schwappte, manövrierte ich mit schweren Beinen über die sandigen Wege und lief bald auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strand-Pavillon erreichten und Sanne es bei fünfunddreißig Grad im Schatten übernahm, zwei große Gläser heißen Pfefferminztee zu ordern.

*

"Die ersten Fundstücke sind die besten."

Auf dem runden Campingtisch breitete sie die Schätze des Tages aus, Steine aus rotem Tuff und aus Kalksandstein, Feldspat, ein Schneckenhäuschen, Muscheln vom Strand. Mittendrin flackerten zwei Teelichter, die wir entzündet hatten - ein heiliger Bezirk in der Abenddämmerung.

Het brummtje en het summtje!

Da sind wir also tatsächlich für ein paar Tage an die Küste gefahren, nach Holland. Zeeland. Provinz Noord-Brabant. Zeeuws-Vlaanderen. Ein schönes Kind hat viele Namen. Wir haben ja schon nicht mehr dran geglaubt. Zu viele Dinge standen im Weg. Vorallem das schlechte Wetter. Und allein die Vorstellung, dreihundert Kilometer Autobahn zu bewältigen, zwischen Hochgeschwindigkeitslastwagen, weiterem Güterverkehr und Versicherungsheinis..

Das versteht natürlich nicht jeder. Berufspendler, die täglich drei Stunden auf der Autobahn verbringen, bei einer Stauwahrscheinlichkeit von 75 %, glotzen da nur verständnislos: Sag mal, in welcher Welt lebt ihr beiden Hübschen da eigentlich? In welcher Kuschelwelt? Seid ihr die Sahnekuchenkinder?! Eine gute Frage. Und niemand kennt die Antwort. Und da wäre noch der Hund, der Autofahren hasst. Der im Laufe der Jahre schon gegen das Einsteigen in den Wagen eine heftige körperliche Abneigung ausgebildet hat, mit Speichelfluss und jäher Muskelschwäche. Immerhin wusste der Hund nichts vom Stand der Urlaubsplanung, bis wir ihn unmittelbar vor der Abfahrt auf den Rücksitz verfrachteten, "nun mach schon, spring rein".

Erst da wird ihm schlagartig klar, warum wir in den letzten Stunden so viele seltsame Dinge ins Auto gestopft haben, Dinge aus der Küche zum Beispiel, die die Küche das letzte Mal vor zwei Jahren verlassen haben, als wir ebenfalls Richtung Holland aufbrachen und diese schreckliche Zeit im Zelt verbrachten. Diesem winzig-kleinen Haus mit wackligen Wänden.

OH NOOO!

                                                   *

"Wieviel Tausende von Jahren die Muschel wohl gebraucht hat, um ausgewaschen und geformt wie ein Ohr auf unserem Campingtisch zu liegen, neben einen Schneckenhäuschen aus ganz anderer Zeit..?"

"Vier?" werde ich eine Vermutung los.

"Vier.. was?"

"Viertausend Jahre?"

"Ach so. Ja. meinst du?"

                                                 *

Dann ist da die Sache mit dem Wetter. Der Sommer kommt einfach nicht in die Gänge, und das tut er, wie wir hören, auch in den Niederlanden und Belgien nicht.

"Vielleicht ist der Dauerregen ja ein Zeichen für uns", meinte Sanne. "Bleibt daheim und haltet die Füße still."

Zu spät. Am nächsten Tag begann es zu regnen, und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nichts anderes tun als Vorsorge zu treffen, dass wir nicht fortschwammen oder bei aufkommenden Winden davongetragen zu werden.

"Seit wann hat Holland Monsun?" stöhnte ich.

Da noch Vorsaison war, hatten wir auf dem Zeltplatz ein Areal für uns allein, das groß genug für ein Dutzend Caravans und Mobilheime gewesen wäre. Der viele Platz sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Regen- und Sturmböen werden. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad. Selbst der Hund verkroch sich tief im Schlafsack. Eine unglückliche Woche.

Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nichts mehr entgegenzusetzen hatten, bauten wir das Zelt ab und traten die Heimreise an. Was uns früher als Paar ausgezeichnet hatte, nämlich noch aus der gröbsten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normales, humorloses Paar um die fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete, obwohl man bei Sonnenschein gebucht hatte.

"Red keinen Scheiß", sagte Sanne, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selber gesagt.

Als ich zehn Tage später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen vom jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand mehr an Bräune und damit an Leichtigkeit und Charme gewann. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten - der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert - tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den Siebzigern mit Vorsatz falsch fotografiert: mein grotesk überbelichtetes Gesicht erinnerte an weißen Schweinebauch.

"Ich glaube, ich sterbe langsam", stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

"Stirb langsam, Teil 45", murmelte Sanne.

"Ist der mit Bruce Willis?"

                                                    *


*

Natürlich war es nicht so schlimm, ich neige zur Übertreibung, in die eine wie in die andere Richtung. Eines aber war in diesem Kurzurlaub genauso wie immer, wenn ich in Zeeland bin: ich schlafe gut. Niemals schlafe ich besser, niemals schlafe ich tiefer als in einem Zelt am Meer. Es sind die 24 Stunden salziger Dauersauerstoff, den man beim Camping einnimmt, und der mich so tiefenentspannt schlafen lässt. Es riecht nach See, man hört die Brandung, das Einrollen der Wellen, eine späte Möwe ist unterwegs.

 *

Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist, der mein Mitgefühl verdient.

Ach was, der hat kein steifes Bein, meinte die Gräfin dagegen von Anfang an, mit sicherem Blick. Der spielt nur. Der spielt Humpelbaron.

Nee, der spielt nicht. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Das tut dem doch weh, das Gehen. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.

Weisst du, was ich sehe? Ich sehe ein Kind, das für sich allein spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie für sich allein spielen. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe sind und ein Euro für ein Eis drin ist. Wenn Kinder allein sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron.

Davon wollte ich nichts hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für eine andere Perspektive. Es war speziell dieses eine Bild, das sich eingeprägt hat. Der Kleine kommt aus dem Vorzelt und hinkt im schnürenden Regen Richtung Familienauto, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Knirps zurück ins Vorzelt, um vom Vater den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen. Er hinkt wie Sau.

Ein Wolkenbruch hatte kurz zuvor alle Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unter seinem Regenschirm saß. Ich beobachtete den Burschen vom Zelt gegenüber. Den kleinen humpelnden Belgier. Ich war Luft für ihn, ja, die ganze Welt war Luft für ihn, er guckte nicht nach links und nicht nach rechts, er war vertieft in sein 10jähriges Sein – warum also sollte er so tun, als habe er ein lahmes Bein, wenn er sich niemals versicherte, ob ihm jemand dabei zuschaute?

Das macht doch keinen Sinn, sagte ich.

Der Junge, ungefähr zehn Jahre alt, trägt ein Fußballtrikot von Chelsea London. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 54 ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man gerade 84 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

Krampfadern heisst das, sagt sie.

Ich meine aber Kampfadern, entgegne ich.

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen auf dem Fahrrad über den nassen Campingplatz stürmen, immer Vollgas. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann.

Eene Minüt seven! verstehe ich ihn, während das Regenwasser nur so aufspritzt.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig auch als Kommentator des flämischen Sportkanals tätig. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder.

Er schmeisst das Rad auf die schlammige Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten Beinen.

Von wegen Humpelbaron.

“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur Hinkefuß gespielt”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

“Wer?”

“Na, der Bursche da drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein. Der hat mich verarscht.”

“Sag ich doch.”

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich mein, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgefahrene tote Kröte, das kann passieren. Logisch. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen wirklich bestellt ist, wenn sie allein für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut nicht wiedererkennen. Der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt geschlagen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

                                                       *

 

6. Juli 2012

Wir fahren mit dem Sommerbus von Nieuwsfliet bis Breskens-Hafen. Machen einen kleinen Ausflug. Eigentlich wollten wir zuvor in Groede aussteigen, das zum schönsten Dorf Hollands gekürt wurde, aber dann hätten wie in Groede Strand-Camping aussteigen und noch jede Menge zu Fuß gehen müssen. Ohne uns. Danach steht uns nicht der Sinn. Nicht mal der Hund macht Anstalten, den Sommerbus zu verlassen. Bleiben wir also sitzen und brummen durch bis Breskens.

Wir schlendern durch den kleinen Hafen, essen frischen Fisch, machen Fotos von kreischenden Vögeln. Das Ausflugsverhalten von 50jährigen. Man bewegt sich so langsam vorwärts, als habe man ein Stühlchen unterm Hinterrn, das sich jederzeit aufstellen lässt. Es wird eine Fahrt angeboten mit dem Schleppnetzfänger, aber die Wortwahl ist unglücklich.

Dafür tut sich etwas anderes. Nach anderthalb Tagen Dauerregen klart endlich der Himmel auf, die Sonne lässt sich blicken. Het brenntje en het knuspertje.

"Siehst du, die Hoffnung stirbt zuletzt", meint Sanne.

"Ja wie?" sag ich, "dann stirbt alles andere vorher?? Das gibt aber eine Riesen-Sterberei."

Eine Möwe scheisst im Flug.

Als wir am Nachmittag gegen halb vier vom Ausflug zurückkehren nach De Hoogte, beginnt es sofort zu regnen, nach zwei Stunden Sonnenschein im Hoheitsgebiet von Breskens-Haven. Das ist ja schon fast Vorsatz, schimpft Sanne. Unser Zelt, das heut morgen noch nass war vom Regen in der Nacht, war zwischenzeitlich getrocknet und beginnt nun wieder einzunässen. Was zudem nervt:

"Dieses ewige Gebabbel auf dem Zeltplatz, wie auf einem fremden belgischen Planeten!" (Sanne)

"Boh, auf dem Ding hier kann man bestimmt Salto machen!" rufe ich begeistert aus, als wir nach dem Regen dem Spielplatz einen Besuch abstatten. Es gibt ein volleyballfeldgroßes, wie neu aussehendes Air Trampolin, dem ständig Frischluft zugeführt wird. Ich klettere aufs Trampolin und lege mich sofort aufs Maul, rutsche seitlich runter und lande mit der Fresse im Gras.

Sanne lacht sich einen Ast.

Merkwürdig am Abend: Ein einbeiniger Regenbogen über Retranchment. Auch merkwürdig: nachdem wir an den ersten beiden Abenden soviele Karnickel auf dem Zeltplatz gesehen haben, dass Molli kaum wusste, wo sie zuerst hinschnappen sollte, so läuft uns heut Abend nicht ein einziges Tier über den Weg. Sanne hat die Erklärung: "Die Kaninchen haben überall Kalender hängen, auf denen der Ferienbeginn in NRW dick angestrichen ist."

 *

Als ich am Deich ein Foto schiesse, fallen mir im Hintergrund unbeteiligte Urlauber auf. Ein Urlaubsfoto. Eine Strandaufnahme aus Zeeland. Im Hintergrund sieht man einen Mann, der einen Drachen steigen lässt, Marke Windsbraut, die laut wie Motoren knattern, wenn sie den Himmel abkurven. Genau in dem Moment, wo ich den Auslöser drücke, (im Vordergrund: Frau Moll im Sand), erblickt der Mann meine Kamera. Und so sieht man bis heute den erstaunten Ausdruck in seinem Gesicht, in meinem Fotoalbum, auf diesem Urlaubsfoto, Noord-Brabant, Sommer 2012. Was der Knabe wohl heute treibt, denk ich ein paar Jahre später.

Und auf wieviel Bildern in irgendwelchen Fotoalben stehe ich eigentlich im Hintergrund und ahne nichts davon, dass ich geknipst wurde. In wievielen Wohnzimmerschränken ich wohl eingekerkert in Fotoalben existiere, irgendwo auf der Welt, unbeachtet und zugeklappt, jahrelang dem Gilb ausgesetzt, dem Stubenstaub – nur selten aus dem Regal gezogen und beim Durchblättern mit knappen Blick bedacht.

Was ein seltsamer Gedanke.

Wir alle existieren in fremden Wohnzimmern zwischen 64 Seiten starken Sammelmappen und Fotobüchern und haben doch keinerlei blassen Schimmer davon. Wir verstauben im Hintergrund von Fotografien, bei denen wir nicht mal mitbekommen haben, dass sie gemacht wurden – wir alle sind ahnungslos in Fotoalben verstaubende Personen, weltweit inkognito publiziert.

 

 

22.3.17 12:52


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