Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Mutterboden

Einmal konnte ich beobachten, wie der Fotograf unter einem Baum stand und einen Vogel fotografierte, der hoch in den Ästen zu tun hatte. Er wirkte wie ein Ornithologe, von weit her angereist, um diesen seltenen Vogel vor die Linse zu bekommen. Doch es war nur ein kleiner Specht, tack tack tack machte er am Stamm.

Dann lief er mir am Sommerberg über den Weg, wo sich eine Laubenpieperkolonie übers Tal erhebet wie eine proppere Favela. Eine entleerte Favela, mit WC-und Kabelanschluss. Null Wäscheleine, null Kindergeschrei, null Drogenmafia. Kein Moped, kein Geknatter. Kühlboxen ausser Betrieb, bis zum Wochenende. Deutsche Favela, ordentliche Favela.

Da stand er nun und schaute verloren den Hang hinauf. Hitze lag auf dem Sommerberg, wie eine breite Hose. Irgendwann nahm er die Kamera zur Hand, die vor seiner Brust baumelte, und machte ein Foto. Eins nur. Ein Mann mit leicht nach innen gedrehtem Fuß, in heller Leinenhose, den Fotoapparat stets schussbereit.

Immer, wenn er mir über den Weg läuft, ist der Fotograf so mit sich beschäftigt, dass er niemanden wahrnimmt. Selbst wenn ich zwei Meter hinter ihm auf meinem Beobachtungsposten bin, lauernd, was er wohl als nächstes tut, bleibt er abgeschirmt in seiner Zeitlupenwelt und schenkt mir keinen Blick. Ein Autist mit spärlich-verhaltenen Bewegungen. Ein Arm verkümmert. Wenig Spannung im Körper.

Eine Taschenpfändung würde Behindertenausweis und Ersatzfilme ans Licht bringen, Kodak, 36er, Farbe.

Es drängt mich schon, ihn anzusprechen. Ob er digital fotografiere oder altmodisch auf Silberfilm. Zwar wäre mir die Antwort bekannt. Kann ich ja sehen. Eine analoge Spiegelreflex. Aber auf diese Art würde ich seine Stimme hören können. Einmal nur hörte ich ihn schwach und heiser husten, Bronchialasthma.

Gestern beobachte ich den milchgesichtigen kleinen Mann, Mitte 40, schütteres Haar, wie er in ungefähr zwanzig Metern Entfernung nahe dem Parkteich steht und ein Foto macht. Seine Handhabung der Kamera ist umständlich, es dauert, bis er die richtige Position findet und loslegt. In halb gebückter, konzentrierter Haltung fotografiert er etwas, das am Boden liegt. Was sich dort abspielt. Ich kann es nicht erkennen.

Er schoss ein Bild nach dem anderen, ohne die Position zu wechseln. Klack klack klack. Ich hielt Abstand, prägte mir aber die Stelle ein. Als er weiter gegangen war, zögerlich und zaghaft, aber nicht ziellos, schaute ich sofort nach, was es da sensationelles zu fotografieren gab.

Rekonstruktion:

Nur ein Loch, nebst einem Hügel aufgeworfener Erde. Als hätte dort ein Hund gebuddelt. Sonst war nichts zu sehen. Nur ein Loch im Erdboden, fünfzehn Zentimeter tief - die Art Ort, wo ein Wurm seine Werkbank hat und Aufträge bearbeitet - hat er geknipst. Enttäuscht bückte ich mich, untersuchte den Boden genauer. Doch da war zum Verrecken nichts zu sehen, bloß Erde.

Muttererde.

*

foto.andi4
17.5.13 18:28


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