Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Irgendwann geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber jetzt schon? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte und der das Weiterleben gewählt hatte. Ich mußte lachen. Es war natürlich kein Lachen. Es war eine Art Zerrung, um den Mund herum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, und es war mir egal. Junkies sterben, so ist das.

„Woher weisst du das?“

„Matiny hat eben angerufen“, sagte Karlos. „Vor fünf Minuten.. jetzt eben.“

Vor fünf Minuten.. Dann hatten Karlos und er höchstens fünf Minuten telefoniert. Es war diese Kälte, die sich von Telefon zu Telefon fortzusetzen schien und die mir zu schaffen machte, weil ich der kälteste von allen war, wenn es darauf ankam. Weil ich nichts fühlte. Du kannst doch jetzt kein Lachen im Gesicht haben, dachte ich.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, es war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiss das.. woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut morgen angerufen.“

Ich liess mich am Küchentisch nieder.

Matiny lebte wie Pepe in München, ging auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Die beiden wohnten nicht mal weit voneinander, doch sie waren unabhängig voneinander nach München gegangen und hatten bislang keinen großen Kontakt gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon. Pepe hatte sich rar gemacht, seit er aus der Kiste raus war und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store auf der Leopoldstrasse spendiert hatte, wie ein großes Eis mit doppelt Sahne.

Street Life hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, Street Life, Leopoldstrasse. Da, wo Münchens Geld shoppen ging. Weit weg von Solingen, weit weg von den alten Drogengesichtern. Start me up! Auch wenn das ganze nicht Pepes Idee gewesen war. Sein Vater gab ihm eine letzte Chance, zu beweisen, dass er doch dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium an Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Cafe in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Er tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas schlimmes passierte.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungsgrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, wie wir es immer getan hatten, jedenfalls Pepe und ich: Rüden, die sich gegenseitig mal eben die Zunge in den Hals graben. Mal gucken, was los ist beim anderen. Wie er riecht.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes stolzer unbrauchbarer Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen des Mumms wie in den alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas sagte, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, die wir je miteinander verbringen würden, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wieder sieht, nicht in diesem Leben. Höchstens um die Ecke, oben bei Gotts, eventuell. Wer weiss das schon. Drei Stunden.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequlia, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das liess Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen liess, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen Kram in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu sniefen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war In the southern part of France where the ladies wear no pants, eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal am Stadtrand, wo die Wupper fliesst und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zuviel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gern mal gegen einen freistehenden Balken, dass es nur so schepperte. Mit anderen Worten, es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt wurde, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fünf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Aufderhöher Busbahnhof.

Mit Heinz, Pepes Bruder, war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, er war einfach durch den Wind, er war verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“

Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe am Werwolf seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gut aussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete. Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.

Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn. Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke:  die Dinge sind ganz schön schief gelaufen.

28.2.17 06:37


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